Der Westen ist tot. Es lebe der Westen?
2024 veröffentlichte die irische Historikerin Josephine Quinn, Professorin für Alte Geschichte an der Cambridge Universität in England, das Buch How the World made the West. A 4,000-Year History im Verlag Bloomsbury Publishing, London. 2025 folgte die deutsche Ausgabe im Verlag Klett-Cotta unter dem Titel Der Westen / Eine Erfindung der globalen Welt / 4000 Jahre Geschichte. 2025 erschien in der Princeton University Press das Buch The West: The History of an Idea von Georgios Varouxakis. Er ist Professor für die Geschichte des politischen Denkens und unterrichtet an der Queen Mary Universität in London.
Josephine Quinn hat ihr Buch vor allem deshalb geschrieben, um den, wie sie meint, weit verbreiteten Glauben zu bekämpfen, dass das antike Griechenland und das antike Rom, die beide gemeinhin als die Wurzel des Westens aufgefasst werden, völlig losgelöst allein aus sich heraus entstanden seien. Sie verwirft eine Einteilung der Welt in Kulturen und Zivilisationen und verdammt kulturalistisches Denken, das letztlich eine Verengung des eigenen Horizonts, eine Ausblendung und/oder Verfälschung von Tatsachen bedeutet und in der Regel andere Kulturen und Zivilisationen abwertet. (Zivilisation bedeutet hier eine komplexe Gesellschaft mit Städtebau und Schrift, Kultur kann „einfacher“ sein). Sie hat mit Einlassungen wie „Vergessen Sie alles, was Sie über den Westen gelernt haben“ oder „Den Westen gibt es nicht“ Furore gemacht.
Georgios Varouxakis Buch The West: The History of an Idea ist ausdrücklich keine Geschichte des Westens, sondern die Geschichte darüber, was verschiedene Leute zu verschiedenen Zeiten dachten, was denn der Westen eigentlich sei. Auch er schreibt, dass sein Buch mehr oder weniger alles in Frage stellen wird, was der Leser bisher über das, was der Westen sei, geglaubt habe. So gesehen geben sich beide Bücher die Hand. Sie sind komplementär. Beide Autoren denken, dass der Spruch „von Plato zu NATO“ durch nichts gerechtfertigt ist. Beide Bücher helfen denjenigen, die das Werden und Sein des Westens besser verstehen wollen.
Klett-CottaJosephine Quinn | Der Westen | Klett-Cotta | 688 Seiten | 38 EUR
I. Der Westen / Eine Erfindung der globalen Welt / 4000 Jahre Geschichte
Josephine Quinn zeigt, dass die „Straße“, die von der klassischen Antike in unsere westliche Gegenwart führt, ihren Ursprung viel früher in der Zeit hat sowie über unzählige Seitenarme, Abzweigungen und Kreuzungen verfügt.
Sie beschreibt in allergrößter Detailfülle, wie alle Kulturen des Mittelmeerraumes in der Antike voneinander gelernt haben. Immer wieder betont sie, dass jede abgeschaute Kunstfertigkeit von den Newcomern auf ihre eigene Art interpretiert, angewandt und oft verfeinert wurde. Bei allen ist das gut. Aber die Griechen und Römer will sie von ihrem Podest reißen. Es ist bekannt, dass diese als letzte die Bühne des Mittelmeeres betreten haben, bevor die germanischen Barbaren der Antike ein Ende bereiteten. Und es war auch schon im 19. Jahrhundert bekannt, von wem sie alles gelernt hatten. In ihrer Einleitung zitiert die Autorin als abschreckendes Beispiel den englischen Philosophen, Politiker und Ökonom John Stuart Mill, der sich Gedanken darüber gemacht hat, was eine Zivilisation ausmacht, um dann zu sagen, dass deren Merkmale in Europa und besonders in Großbritannien weiter entwickelt seien und sich schneller verbessern würden als irgendwo sonst auf der Welt. Denkt man an die für diese Zeit großen politischen Freiheiten in England und die sich beschleunigende Industrialisierung, mag er damit sogar recht gehabt haben. John Stuart Mill sagte aber auch 1850 (laut Georgios Varouxakis) über das frühe Ägypten, dass es die erste uns bekannte Zivilisation sei, und dass wir die stärksten Gründe dafür hätten, zu glauben, dass es eine Zivilisation von schwarzen Menschen gewesen sei. Und dass deshalb die Griechen ihre ersten Lektionen in Sachen Zivilisation von Schwarzen bekommen hätten.
Liest man sich in das Buch von Josephine Quinn ein, wird einem allmählich klar, worauf sie hinaus will. Ihr geht es mit ihrer Kritik am Kulturalismus darum, den Hochmut des Westens anzuprangern und eine Lanze für den Universalismus zu brechen. Das ist zutiefst sympathisch. Ihr geht es um die eine Menschheit, die von Beginn an voneinander gelernt hat und in der niemand das Recht hat, sich über andere zu erheben. Diese Botschaft ist heute und in Zukunft wichtiger denn je.
Sie beginnt ihre Reise durch die Geschichte um das Jahr 2000 vor unserer Zeitrechnung und entwirft dabei sehr anschauliche, fast literarisch geschriebene Szenen, durch die sich der Leser die so weit entfernten Zeiten sehr gut vorstellen kann. Wer dieses Buch liest, erfährt eine Fülle spannender Details über die kulturelle Durchdringung des Mittelmeerraums (im weitesten Sinne). Ab Kapitel 19 geht ihr aber ein wenig die Luft aus. Von hier an entwickelt sich das Buch zu einem Parforceritt durch die Geschichte bis hin zu den ersten Afrikafahrten der Portugiesen und der Entdeckung Amerikas. Sie erzählt überwiegend, was passiert ist und nur noch wenig darüber, wer wen mit was beeinflusst hat.
Die wichtigste gegenseitige kulturelle Durchdringung von der sie nach Kapitel 19 noch berichtet, behandelt die Übersetzungen griechischer Texte durch die ersten Abbasidenkalifen in Bagdad ab etwa 760. Diese ließen gezielt nach griechischen Texten suchen, die damals, so die Autorin, in byzantinischen Archiven und Klöstern vermoderten. Diese Texte wurden nicht nur für die Nachwelt gerettet, sondern sie bildeten auch die Basis für weitere Forschungen und Entwicklungen zahlreicher islamischer Gelehrter. Die Europäer lernten die meisten von ihnen durch arabische Rückübersetzungen ins Lateinische oder zeitgenössische Sprachen kennen. Der Umstand ist allgemein bekannt, die Details sind trotzdem lesenswert.
Josephine Quinns Anliegen lässt sich am besten mit einem Zitat aus dem letzten Kapitel über eine zuerst in Sanskrit und dann auf Persisch aufgeschriebene Sammlung moralischer Geschichten, Fabeln und Tiergeschichten erfassen: „Die erste englische Übersetzung von Kalila wa-Dimna wurde 1570 von Sir Thomas Norton veröffentlicht, […]. Wie ein Herausgeber sich im Jahr 1888 ausdrückte, handelte es sich um die englische Version einer italienischen Adaptation einer spanischen Übersetzung einer arabischen Adaptation der Pahlevi-Version des indischen Originals.“
Schöner kann man die Verflechtung aller Kulturen und Zivilisationen nicht auf den Punkt bringen.
PrincetonGeorgios Varouxakis | The West | Princeton University Press | 512 | 39,95 USD
II. Der Westen: Geschichte einer Idee
Wie schon angedeutet, will auch Georgios Varouxakis alte Glaubensgewissheiten über den Westen erschüttern. Schon im Vorwort betont er, dass diejenigen überrascht sein werden, die für selbstverständlich halten, dass es zum Wesen der Idee des Westens gehöre, dass er liberal, demokratisch, rechtsstaatlich, individualistisch usw. sei. Ganz wichtig: Der Autor schildert uns den Innenblick, das heißt, er berichtet, was Menschen, die in Europa und den Vereinigten Staaten lebten oder leben über die westliche Zivilisation dachten und denken und wie sich dieses Denken ständig verändert hat.
War das 18. Jahrhundert noch eindeutig das Jahrhundert Europas, soweit es um supranationale Selbstidentifizierung geht, so verändert sich etwas zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Es gibt zwei Einschnitte: erstens die Niederlage Napoleons 1814/15 und die Neuordnung des europäischen Kontinents durch den Wiener Kongress sowie zweitens der Kampf Griechenlands ab 1821 für seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Die Reformen Peters des Großen hatten Russland fest im Kreis der europäischen Staaten verankert, aber der Aufstieg Russlands als Folge der napoleonischen Kriege führte dazu, dass es danach als eine Gefahr für die anderen europäischen Länder betrachtet wurde. Vor 1815 wurde Russland als ein Land des Nordens bezeichnet, danach als ein Land des Ostens. Das implizierte natürlich, dass es plötzlich auch einen Westen gab und der Begriff Europa nicht mehr für alle verwandt werden konnte, sobald es um mehr ging als Geografie. Der griechische Freiheitskampf verstärkte die neue Ostsicht, denn auch das Osmanische Reich gehörte nun eindeutig zum Osten, während Griechenland als zum Westen gehörend aufgefasst wurde.
Auguste Comte, Begründer des wissenschaftlichen Positivismus und der Soziologie (er prägte beide Begriffe selbst), spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle. Er war der Erste, der ganz bewusst und lautstark eine scharfe Trennung zwischen Europa und westlicher Zivilisation proklamierte. Comte hat auch den Begriff Westlichkeit geprägt. Seine „Westliche Republik“ setzte sich scharf von den europäischen Imperien und ihren Kolonien ab. Comte lehnte beides entschieden ab. Georgios Varouxakis argumentiert deshalb, dass „der Westen“ als ein bewusst gewählter und explizit politischer Vorschlag seinen Ursprung in einem vehement anti-imperialistischen Projekt habe, das die europäischen Imperien durch eine altruistische (auch dieses Wort hat Comte geprägt) „Westliche Republik“ ersetzen wollte. Frankreich sollte ihr Zentrum und Paris ihre Hauptstadt sein. Auguste Comte zählte Großbritannien und den „germanischen Block“ sowie Italien, Polen und Griechenland zu dieser Republik.
Georgios Varouxakis unterstreicht, dass sich zu Beginn die Verwendung des Begriffs „Westen“ in Großbritannien und den USA deutlich von seinem Gebrauch im Französischen oder Deutschen unterschied. Frankreich sieht sich als Erbe Karls des Großen und als Anführer Europas (de Gaulle war zutiefst davon durchdrungen), in England liegen die Wurzeln sehr viel stärker im alten Rom und im klassischen Griechenland. In den USA hatte „der Westen“ seine ganz eigene Bedeutung. Es war das Gebiet, das die „weißen“ Amerikaner noch für sich erobern und besiedeln wollten. Als auserwähltes Volk (God’s own country) hatten sie es in den ersten Jahrzehnten ihrer Unabhängigkeit doppelt schwer, sich auf eine westliche Zivilisation im sozio-politischen Sinne und eine supranationale Einheit zu beziehen. Georgios Varouxakis kann deshalb mit Recht darlegen, dass es die Europäer waren, die den Begriff der westlichen Zivilisation geprägt haben.
Der US-Amerikaner W.E.B. Du Bois, im Jahr 1909 einer der Mitbegründer der „National Association for the Advancement of Coloured People“, studierte von 1892 – 94 in Berlin. Er erkannte damals für sich, dass die USA nicht das Zentrum der modernen Zivilisation seien und fragte: Was ist der Geist Europas? Seine Antwort: 1. Kontinuität der Organisation. 2. Autorität der Regierung. 3. Gerechtigkeit zwischen den Menschen. 4. Individuelle Freiheit. 5. Systematisches Wissen.
Wie viele „schwarze“ Vorkämpfer zu dieser Zeit bejahte er grundsätzlich die westliche Zivilisation, kritisierte aber aufs Schärfste, dass sie ihre Grundsätze nicht auf alle Menschen gleichermaßen anwandte. Europäer und US-Amerikaner waren und sind sehr gut darin, ihre Ideale und Werte zu proklamieren und zur Schau zu stellen, ohne ihnen aber selbst gerecht zu werden.
Der Erste Weltkrieg muss als ein tiefer Einschnitt betrachtet werden. Europa zweifelte plötzlich an sich und seiner Zivilisation. Das mechanische Abschlachten von Millionen Menschen in einem nie dagewesenen und vorher nicht vorstellbaren Maße erschütterte – nicht nur in Europa, sondern weltweit – den Glauben an eine auch moralische Überlegenheit der westlichen Zivilisation angesichts ihrer übergroßen technischen und wissenschaftlichen Überlegenheit. Die seit 1917 in Europa kämpfenden amerikanischen Soldaten – und viele andere US-Amerikaner – stellten nach dem Krieg den eigenen Isolationismus in Frage und forderten, dass sich die USA zum Westen bekennen und in der westlichen Zivilisation eine Führungsrolle einnehmen müsse. In den USA wurde daraufhin in den 1920er Jahren ein Curriculum für Schulen und Universitäten entwickelt, das sich „Western Civ“ nannte. Für US-amerikanische Schüler und Studenten spielte dieser Unterrichtsblock über die westliche Zivilisation bis zum Ende der 60er Jahre eine große Rolle und beeinflusste stark das Denken zweier Generationen.
Deutschland wurde nach 1914 nicht mehr zum Westen gerechnet, die Deutschen galten als die Hunnen der Moderne. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der Zweite Weltkrieg mit seiner industriellen Tötung von sechs Millionen jüdischen Mitbürgern – bei der praktisch alle von den Deutschen besetzten Ländern allzu bereitwillig mitmachten, was ich erst sehr spät begriffen habe – bestärkten diese Sichtweise. Weil die Nationalsozialisten auch ein neues Europa hatten schaffen wollen, sprach man nach dem Kriegsende lieber von der atlantischen Gemeinschaft.
Für Westdeutschland war die lange, schmerzvolle Teilung Deutschlands nach 1945 in einem Punkt auch ein Glücksfall. Denn nur weil es eine Mitte Europas plötzlich nicht mehr gab, die die deutschen Länder – und ab 1871 das vereinigte Deutschland – über mehr als tausend Jahre verkörpert hatten, entschied sich der weitaus größere Teil Deutschlands westlich des Eisernen Vorhangs unter der entschlossenen Führung seines ersten Bundeskanzlers dazu, dass es von nun an zum Westen gehören wollte.
Dieser Westen organisierte sich im Kalten Krieg unter der Führung der USA gegen die kommunistische Sowjetunion. Der französische Philosoph Raymond Aron definierte 1955 einen Kommunisten als einen Menschen, der das gesamte sowjetische System akzeptiert, so wie es von der kommunistischen Partei diktiert wird. Ein Mensch des Westens hingegen würde nichts aus seiner eigenen Zivilisation ohne weiteres akzeptieren mit Ausnahme der Freiheit, diese zu kritisieren und der Chance, die sie bietet, sie zu verbessern. Dass die westliche Zivilisation als Verteidiger des Christentums auftreten sollte, lehnte er entschieden ab. Für ihn repräsentierten liberale Demokratien keine christliche Zivilisation. Nach dem Ende des Kalten Krieges schreibt Georgios Varouxakis unter anderem über die Debatten zu Francis Fukuyama und Samuel Huntington, aber auch über die neuesten Entwicklungen bis hin zu Donald Trump und seinen stellvertretenden Stabschef und Homeland Security Advisor Stephen Miller. Er betont, dass der heutige Westen nicht identisch sei mit dem Westen des Kalten Krieges.
In seinen Schlussfolgerungen betont Georgios Varouxakis, dass es nicht die eine Idee des Westens gebe und dass die Vorstellungen, was der Westen denn nun sei, sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ständig gewandelt hätten. Es widerstrebt ihm, sich auf eine Definition festzulegen, dennoch kommt er am Ende doch nicht darum herum, die Werte des Westens als universell einzustufen. Er tut dies im letzten Satz seines Buches mit Bezug auf den „schwarzen“ US-amerikanischen Schriftsteller Richard Wright. Dieser warnte vor 70 Jahren, dass, wenn wir nicht vorsichtig seien, das kostbare Erbe – die Freiheit der Rede, der säkulare Staat, die unabhängige Persönlichkeit, die Autonomie der Wissenschaft – , welches weder westlich noch östlich sondern universell sei, aus dem Geist der Menschen gelöscht würde.
An diesem Punkt bleibt mir noch eine letzte Anmerkung. Keine, und sicher nicht meine, Rezension von The West: The History of an Idea kann der intellektuellen Breite und Tiefe dieses Buches gerecht werden. Jeder, der sich mit der europäischen Ideengeschichte auseinandersetzen will, muss dieses Buch lesen.
III. Der Westen ist tot. Es lebe der Westen?
Die alte Weltordnung liegt in Trümmern. Heute pfeifen es die Spatzen jeden neuen Tag lauter von den Dächern. Die Macht auf unserem Planeten wird neu verteilt. So etwas geschieht nie von heute auf morgen und auch niemals ohne Kämpfe und Kriege. Ich habe es lange erwartet. 2012 veröffentlichte ich in der Zeitschrift The European – Security and Defence Union einen Artikel mit dem Titel The lack of will to be a greater power. Darin bemängelte ich unter anderem, dass wir Europäer keine Vision für die Zukunft hätten, sondern nur eine von der Vergangenheit. Meine Schlussbemerkung lautete, dass Europa der Wille fehlt, über sein Schicksal selbst zu entscheiden. Georgios Varouxakis ist der Überzeugung, dass das letzte Kapitel der westlichen Zivilisation noch nicht geschrieben worden ist. Ich gebe ihm in diesem Punkt recht, aber heute weiß noch niemand, welche Geschichte einst in diesem Kapitel erzählt werden wird. Europa und die Vereinigten Staaten driften auseinander wie die beiden Kontinentalplatten, auf denen sie liegen. Mal millimeter- und zentimeterweise, mal durch Vulkanausbrüche und Erdbeben.
Historische Vergleiche hinken immer. Und trotzdem können sie uns helfen. Die Staaten der Europäischen Union vergleiche ich gerne mit der zersplitterten griechischen Welt, bevor diese von den Römern erobert wurde. Gemeinsam hätten die Griechen der römischen Militärmacht womöglich standhalten können, einzeln waren sie verloren. Deshalb ist meine persönliche Zukunftsvision seit langem ein föderaler europäischer Bundesstaat. Doch seit dem Scheitern des „Vertrages über eine Verfassung für Europa“ in Referenden in Frankreich und den Niederlanden im Jahr 2005, weigern sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union hartnäckig, weitere grundlegende Staatsrechte an die EU abzutreten. In vielen Kernbereichen besteht noch ein Vetorecht, das jedem einzelnen Mitgliedstaat erlaubt, seine Eigeninteressen über die aller anderen zu stellen und damit durchzukommen.
Doch das kann sich jetzt ändern. Die europäische Integration ist nur in Gang gekommen, weil Frankreich unbedingt verhindern wollte, dass Westdeutschland zu Beginn der 1950er Jahre wieder die volle Kontrolle über seine eigene Stahlproduktion erlangen würde, so wie es die USA befürworteten. Nach ersten Erfolgen stagnierte die europäische Einigung bis in die 1980er Jahre. Damals wuchs der wirtschaftliche Druck so stark an, dass nach jahrelangen Vorarbeiten 1993 der gemeinsame Binnenmarkt aus der Taufe gehoben wurde, der 1999 zur gemeinsamen Währung führte.
Die Aufnahme von weiteren zehn Ländern im Jahr 2004 (Osterweiterung) erforderte innere Reformen. Diese politische Weiterentwicklung endete 2009 mit dem Lissabon-Vertrag. Was schon damals nur noch so gerade eben funktionierte, ist heute nicht nur nicht mehr auf der Höhe der Zeit, sondern Demokratiedefizite, Einstimmigkeit sowie eine unsaubere Machtverteilung behindern die Handlungsfähigkeit der Europäer so stark, dass sie mehr gelähmt als handlungsfähig sind. In einer Welt, die tägliche Entscheidungen verlangt, ist die Europäische Union in ihrem heutigen Zustand nicht überlebensfähig. Wenn die Europäer den Sprung in eine noch supranationalere gemeinsame Union nicht schaffen, werden sie keine Chance haben, sich im Kampf um die neue Weltordnung als eigene Kraft zu behaupten.
Europa braucht eine neue Erzählung. Der Ursprungsimpuls nach dem Zweiten Weltkrieg, dass man innereuropäische Kriege verhindern muss, trägt nicht mehr. Die Europäer müssen nach vorne schauen. Sie brauchen eine neue Vision und gemeinsame Ziele, die sie vereinen können. Ein Rückgriff auf die eigenen kulturellen und zivilisatorischen Wurzeln kann helfen, aber man darf dabei nicht stehenbleiben. Diese Wurzeln sind heute nicht mehr das klassische Griechenland und das alte Rom, sondern die Renaissance, in der die Europäer gelernt haben, in den Spiegel zu schauen und auszuhalten, was sie sehen, sowie das Jahrhundert der Aufklärung, welches das Zeitalter der Wissenschaft eingeleitet hat. Hierauf gründet sich die westliche Zivilisation, hier liegt ihr Ursprung. Hierauf darf Europa mit Recht stolz sein. Aber auf keinen Fall darf es sich auf ethnisch, religiös oder national definierte Kategorien einlassen. Wer in der Europäischen Union lebt und die Werte der europäischen Kultur anerkennt, ist Europäer!
Es gab eine Zeit, da hat Europa Licht und Schrecken über die Welt gebracht. Dieses Mal muss es darum kämpfen, dem Schrecken Einhalt zu gebieten, damit das Licht nicht ausgeblasen wird.
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Weiterführende Literatur:
China (und uns) besser verstehen
Das Glas ist halb voll
Von der Einzigartigkeit der Europäischen Union
Schrecken, Trost und Hoffnung
Hat die Europäische Union eine Zukunft?
Der erste Intellektuelle der Neuzeit
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