Erinnerung als Widerstand
House of AnansiSu Chang | The Immortal Woman | House of Anansi | 384 Seiten | 15.95 EUR
Es gehört zu den perfidesten Strategien autoritärer Systeme, Geschichte nicht nur zu kontrollieren, sondern sie aktiv umzuschreiben. Nicht durch ein offenes Verbot allein, sondern durch das schleichende Gift ideologischen Vergessens. Wer davon betroffen ist, verliert den Boden unter den Füßen: Erinnerung wird zur Verhandlungssache, Wahrheit zur Option. Literatur ist in solchen Konstellationen kein Luxus, sondern ein Gegengift. Denn sie insistiert. Sie stört. Sie erinnert.
Die britische Journalistin Tania Branigan etwas hat in ihrem Memoir Red Memory: The Afterlives of China’s Cultural Revolution eindrücklich beschrieben, wie sehr die chinesische Gegenwart ohne das Verständnis der Kulturrevolution unlesbar bleibt. Ihr Befund ist ebenso klar wie verstörend: Die Partei habe eine Erzählung etabliert, in der nicht die Macht selbst, sondern das „Außer-Kontrolle-Geraten“ der Bevölkerung das Problem gewesen sei – ein Narrativ, das Autoritarismus als notwendiges Korrektiv erscheinen lässt. Noch erschütternder ist Branigans Hinweis auf die intime Dimension dieser Gewalt: eine Revolution, „carried by the people themselves“, die Familien zerriss und Mitschuld zur kollektiven Erfahrung machte. Und die heute – und das ist vielleicht das Beunruhigendste daran – von vielen schlichtweg nicht mehr erzählt werden will.
Ich selbst erinnere mich nicht an die Kulturrevolution, dafür aber umso intensiver an das Jahr 1989. Ich war damals in Wuhan und Peking vor und während Unruhen unterwegs, habe mit Studenten gesprochen und die Spannungen gespürt, die sich schließlich im Massaker auf dem Tiananmen-Platz entluden. Es war kein abstraktes Ereignis, kein Kapitel im Geschichtsbuch, sondern gelebte Gegenwart. Als ich 25 Jahre später zurückkehrte, wurde ich mit einer anderen, ebenso intensiven Realität konfrontiert: Die Älteren wollten sich nicht erinnern, wichen aus und die Jüngeren konnten sich nicht mehr erinnern. Diese Leerstelle, das kollektive Verstummen, das perfekte Umschreiben von Geschichte erschüttert mich bis heute.
Genau hier setzt Su Chang mit ihrem Debütroman The Immortal Woman an. Und man muss es vielleicht gleich zu Anfang so deutlich sagen: Es ist kein vorsichtig austariertes Erstlingswerk, das ganz im Sinne des weltweit die Literatur dominierenden populären Realismus „gefallen“ will, sondern es ist ein so subtil wie wuchtiger, manchmal überbordender, oft schmerzhafter Versuch, das Unsagbare dann doch zur Sprache zu bringen. Und das gilt nicht nur für das Jahr 1989 und die Kulturrevolution.
Es sind dann aber gerade die Szenen der Kulturrevolution, die sich auch beim Leser einbrennen wie ein Trauma. Nicht nur weil Changs junge Heldin Lemei über ihren Vater, ein in Ungnade gefallener Kader, betroffen ist. Sondern auch, weil Chang so mit ihrem sprachlichen Skalpell-Sortiment einen prägnanten Querschnitt durch die ganze Gesellschaft wagt und damit die Ausführungen im eingangs erwähnten Red Memory mehr als bestätigt. Wenn Lemei während der Progrome der Kulturrevolution durch die Straßen Shanghais flieht und in eine Menge gerät, die eine Frau öffentlich demütigt, dann ist das keine historische Illustration, sondern unmittelbare Erfahrung von kollektiver Enthemmung und Gewalt: “an agitated mob were screaming obscenities … a rosy-cheeked girl … slashed open the woman’s frumpy grey pants and used her bare, cotton-white thigh as a spittoon.” Das ist vielleicht brutal, aber es ist vor allem präzise beobachtet und gerade dadurch unerträglich.
Chang schreibt diese Szenen nicht aus sicherer Distanz. Ihr eigener biografischer Hintergrund durchzieht den Text: Während der Kulturrevolution war Changs Vater ein eher widerwilliger Anführer der Roten Garden an seiner Schule, nutzte seine Position aber auch dazu, um seine Lehrer zu schützen. Diese Ambivalenz – Täter und Schützender zugleich – ist der moralische Kern des Romans. Es gibt hier keine einfachen Schuldzuweisungen, nur Verstrickungen.
Doch The Immortal Woman bleibt nicht in der Vergangenheit stehen, auch wenn die titelgebende „Immortal Woman“ weit mehr als ein poetisches Bild und ebenfalls historisch konnotiert ist; sie greift auf Motive der daoistischen Unsterblichen zurück, jener Xian-Figuren aus der klassischen chinesischen Literatur und Mythologie, die zwischen Diesseits und Jenseits vermitteln. In ihnen bündeln sich Reinheit, spirituelle Autonomie, aber auch Entrückung aus der Welt; ein Ideal, das stets ambivalent bleibt. Wenn Lemei als Kind die Figur heimlich bewundert – “a statue of the Immortal Woman cradling a lotus blossom and riding on cotton-white clouds” –, dann ist das zunächst ein Moment der Intimität, des verborgenen Widerstands gegen eine Realität, die keine Transzendenz mehr kennt. Doch Chang unterläuft diese Symbolik zugleich: Die Unsterblichkeit ist hier keine Erlösung, sondern eher die Unfähigkeit zu vergessen. Die Traumata überdauern Generationen, sie sedimentieren sich in Körpern, in Gesten, in Sprachlosigkeit. Die „Immortal Woman“ wird so zur paradoxen Figur; nicht als Heilsversprechen, sondern als Chiffre einer Geschichte, die sich nicht abschließen lässt und gerade deshalb immer wieder neu erzählt werden muss.
Der Roman verschränkt dann auch dementsprechend die Geschichte mit so unterschiedlichen Perspektiven mehrerer Frauengenerationen: die Großmutter und Mutter von Lemei und dann Lemeis Tochter Lin, die als Studentin nach Nordamerika migriert – und dort an ganz anderen, aber nicht minder zerstörerischen Spannungen zu zerbrechen droht, ganz genauso wie die tragische Lebenslinie von Lemeis alter Jugendfreundin, die wegen zunehmender politischer Ausgrenzung schon viel früher das Land verlassen hat. Migration entwickelt sich hier fast konsequent nicht als Befreiung, sondern als Verschiebung des Traumas.
Migration ist in diesem Roman dementsprechend auch nie nur Ortswechsel, sondern Identitätsverlust unter verschärften Bedingungen. Lin kommt in die USA mit dem Versprechen, dort endlich frei werden zu können, muss aber schon bald erkennen, dass auch die Diaspora kein neutraler Raum ist. Dort setzt sich ein anderer, innerchinesischer Bürgerkrieg fort: zwischen jenen, die den Westen als dekadent, schwach und moralisch erledigt betrachten, und jenen, die den offiziellen Erzählungen aus Peking nicht mehr folgen können oder wollen. Chang zeigt das besonders schmerzhaft an Figuren wie Dali, der seine Demütigungen im Westen nicht in Selbstbefragung, sondern in nationalistische Gewissheit verwandelt. Aus enttäuschter Anpassung wird Trotz, aus Kränkung Propaganda. Wenn Lin schließlich in der eigenen Familie als „defector“, als Verräterin, als „citizen of an enemy state“ wahrgenommen wird, dann ist der politische Riss endgültig privat geworden. Migration rettet hier nicht einfach; sie verschärft die Frage, wohin man gehört und ob Zugehörigkeit überhaupt noch möglich ist, wenn Sprache, Herkunft, Körper, Erinnerung und Loyalität gegeneinander ausgespielt werden.
Lin erlebt eine Form der Entfremdung, die sich tief in den Körper einschreibt: “she could no longer look at her flat features in the mirror … without panic shooting up her throat.” Das ist kein plakativer Rassismusdiskurs, sondern die leise, innere Zersetzung eines Selbstbildes, die sich bis zu einem internalisierten Rassismus und der Sehnsucht nach Anpassung auswächst. Die Idee, das eigene Gesicht „Caucasian-style“ zu verändern, ist dabei mehr als ein Detail: Sie ist Symptom einer globalen Hierarchie, die sich in Körper einschreibt.
Was diesen Roman so besonders macht, ist seine Weigerung, sich zu disziplinieren, sein Wissen, seine Klugheit in Zaum zu halten. Aber eben darin liegt seine Stärke. Als Debüt erlaubt sich Chang eine Radikalität, die erfahrenere Autor:innen oft längst abgelegt haben. Hier wird nichts „zurechtgestutzt“, nichts elegant geglättet. Alles scheint wichtig – und vielleicht ist es das auch. Auch der Schreibprozess selbst.
In dieser Hinsicht steht Chang in einer Linie mit Autorinnen wie Iryn Tushabe, deren Roman Everything Is Fine Here ebenfalls Schreiben als Akt der Selbstermächtigung begreift. Literatur wird hier zur Katharsis, zum Widerstand, zur Form des Überlebens.
Am Ende formuliert Lin den vielleicht zentralen Satz des Buches: “I wrote the story to make sense of you, of us. This is our history.” Und genau darin liegt die Dringlichkeit dieses Romans. Geschichte ist hier nichts Abgeschlossenes, nichts Objektives. Sie ist ein Kampfplatz zwischen Erinnerung und Verdrängung, zwischen individueller Erfahrung und politischer Instrumentalisierung. Wer verstehen will, wie tief die Brüche reichen, die das heutige China – und seine Diaspora – prägen, sollte dieses Buch lesen.
Dongchun FilmsWang Xiaoshuai | So Long, My Son | 185 Minuten | Dongchun Films
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Hoffnung für eine ganzheitlich erinnert Zukunft: dass wir Geschichte nicht nur in Archiven suchen, sondern in Geschichten, sei es in Büchern oder in Bildern. Denn bei einem Vergleich mit einem Film wie So Long, My Son von Wang Xiaoshuai wird deutlich, wie unterschiedlich – und doch verwandt – Formen des Erinnerns operieren können. Während Chang die Gewalt der Geschichte oft frontal, in eruptiven Bildern und intensiven Dialogsequenzen freilegt, arbeitet Wang Xiaoshuai mit einer fast entgegengesetzten Bewegung: dem Leisen, dem Zeitgedehnten, dem scheinbar Nebensächlichen. Und doch zielen beide auf denselben Kern. Auch in „Bis dann, mein Sohn“ ist Geschichte kein Hintergrundrauschen, sondern eine Kraft, die sich unaufhaltsam in die intimsten Strukturen des Lebens einschreibt – in Familien, in Körper, in Schuldverhältnisse, die sich nicht mehr eindeutig auflösen lassen.
Gerade diese Verschiebung vom Spektakulären ins Alltägliche lässt sich produktiv gegen Changs Roman lesen. Wo The Immortal Woman die Gewalt der Geschichte eruptiv freilegt, zeigt Wang die stille Form: ihr Weiterleben im Unspektakulären – in Blicken, Gesten, in einem Schweigen, das sich über Jahrzehnte spannt. Es ist, als ob Chang das Trauma zwingt zu sprechen, während Wang zeigt, dass es längst gesprochen hat.
Hier gewinnt Changs Titel dann auch seine eigentliche, bittere Präzision zurück. Die „Immortal Woman“ ist keine Figur der Transzendenz, keine Verheißung von Erlösung, sondern die Chiffre eines Zustands: sie ist Geschichte, die nicht vergeht. Unsterblich ist hier nicht das Leben, sondern die Wunde. Was bleibt, ist keine Katharsis, kein versöhnendes Ende, sondern die Einsicht, dass Erinnerung kein Akt ist, den man vollzieht, sondern ein Zustand, dem man nicht entkommt.
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Weiterführende Literatur zu China auf Literatur.Review:
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Romain Graziani erklärt in „Les Lois et les Nombres – Essai sur les ressorts de la culture politique chinoise“, wo die Wurzeln chinesischen Staatsdenkens liegen, was sie bedeuten und wie sie noch heute unsere Gegenwart prägen.
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