Ein Diktator ist auch nur ein Mensch...

DelcourtEric Meyer & Gianluca Costantini | L’Empereur du Silence | Delcourt | 232 Seiten | 27,95 EUR
Der Kaiser des Schweigens. Es gibt eine Szene in dieser Graphic Novel, die ich schon aus einem anderen Buch kenne. Desmond Shum hat sie in Red Roulette beschrieben, erschienen 2021 bei Simon & Schuster. Im Jahr 2008 trifft sich die Ehefrau von Zhang Zemin, ehemals Generalsekretär die Kommunistischen Partei Chinas (KPC) sowie Präsident der Chinesischen Volksrepublik, mit Xi. „Tante“ Zhang ist tief in die korrupten Geschäftspraktiken der chinesischen Elite verwickelt. Sie will Xi, dem kommenden Star der KPC, mit ihrer Vertrauten und Geschäftspartnerin, Desmond Shums Ehefrau, auf den Zahn fühlen, ob die Geschäfte weiterlaufen können wie bisher. Der Versuch schlägt fehl. Xi Jinping sagt den ganzen Abend praktisch nichts. Er sitzt da, hört zu und schweigt. Als er die volle Macht in China erlangt hat, verschwindet Shums Ehefrau von einem Tag auf den anderen und ward nicht mehr gesehen.
Zu schweigen hat Xi Jinping gelernt, als sein Vater, einer der Großen der kommunistischen Revolution, in der Kulturrevolution in Ungnade fällt. Er muss auf dem Land viele Jahre schwere Arbeit verrichten. Aber am Ende helfen ihm seine Familienverbindungen zu einem bescheidenen Neuanfang. Denn er stellt sich in jeder Situation ohne Wenn und Aber hinter die Partei. Weil er seine Talente unter Beweis stellen kann, steigt er auf. Weil er nicht gierig nach Wohlstand ist, bleibt seine Weste sauber. Weil er aufsteigen will – koste es, was es wolle – geht es voran. Je höher er steigt, desto größer wird die Stille um ihn herum. Es ist eine Stille, die aus der Furcht kommt. Xi Jinping ist getrieben davon, alles kontrollieren zu wollen. Sein Spitzname im Volk lautet Vorsitzender von allem. Folgt man der Graphic Novel, leitet sich dieses Kontrollbedürfnis aus der jahrelangen Ohnmacht ab und dem totalen Ausgeliefert-Sein an andere, die die Macht repräsentieren. So etwas will Xi Jinping in seinem Leben sicherlich nie wieder erleben. Das geht nur an der Spitze des Staates. Lebenslänglich. Nicht nur in diesem Punkt ähnelt er Wladimir Putin. Eine Graphic Novel über Putin erschien bereits 2022 bei Delcourt.
Trotz eines erzwungenen Schulabbruchs, trotz Rückschlags durch die Kulturrevolution mit ihrem jahrelangen, oft tödlichen Chaos, zieht sich ein anderer roter Faden durch das Leben von Xi Jinping. Die rote Elite der ersten Stunde hilft sich gegenseitig dabei, ihre Kinder in hohe Posten zu bringen. Stellst du meinen Sohn ein, stelle ich deine Tochter ein. Familienwerte werden in China hochgehalten und sind um vieles stärker als alles, was die KPC zu bieten hat. Maos Generation erneuert sich aus den eigenen Kindern. China wird von einem roten Geburtsadel regiert, das Land leistet sich ein Ancien Régime.
Nur da, wo es eng wird, wo die Plätze an der Sonne an einer Hand abzuzählen sind, bekämpft man sich. Bo Xilai ist ein roter Prinz, der genau wie Xi Jinping ganz nach oben kommen will. 2011 lässt er ein Militärkommando einen Überfall auf Xi Jinpings Wohnsitz ausführen, denn es kann nur einer von beiden an die Spitze des Staates treten. Xi Jinping ist vorbereitet, der Anschlag wird zurückgeschlagen. Monate später stirbt der Sohn eines wichtigen Unterstützers Bo Xilais in seinem Ferrari. Das Auto ist manipuliert. Der Vater, Ling Jihua, ist die rechte Hand des planmäßig aus dem Amt scheidenden Präsidenten. Der Ferrari ist ein Symbol für Korruption. Ling Jihuas Aufstieg in den kleinsten Zirkel der Macht wird verhindert, er wird auf einen nicht unwichtigen Posten abgeschoben. Er sowie Bo Xilai werden 2021 von Xi Jinping, dem neuen Generalsekretär der KPC, der Korruption angeklagt und verschwinden auf Dauer in den Gefängnissen.
Mit seinem Aufstieg ist Xi Jinping der Schande der Degradation in der Kulturrevolution entkommen, hat sich aber dadurch auch wieder verwundbar gemacht. Nicht zuletzt durch seine permanent durchgeführten Anti-Korruptionskampagnen, mit denen er oft genug zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte: die KPC vor dem inneren Zerfall bewahren und seine politischen Gegner der Reihe nach ausschalten. 2022, als es um eine Machtposition auf Lebenszeit ging, sprach sich das Komitee der Ratgeber, das sich aus den alten Führungskräften rekrutiert, für die Absetzung Xis und damit die Beibehaltung einer auf zehn Jahre begrenzten Führung Chinas aus. Ein System, das Deng Xiaoping nach Maos Tod installierte und dass China zu einer bemerkenswerten Stabilität verhalf, zu rasantem wirtschaftlichen Aufstieg und Großmachtstatus. Xi Jinping war mit diesem Votum nicht einverstanden. Er ließ eine Anzahl von mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten vor das Komitee treten und das Votum wiederholen. Es fiel dieses Mal einstimmig für ihn aus.
Damit war Xi Jinpings Weg frei, China bis an das Ende seines Lebens zu führen. Fürchten muss er jetzt nur noch den Meuchelmörder. Wieder ein Punkt, den er mit Wladimir Putin gemeinsam hat.
Eric Meyer ist einer der bekanntesten Sinologen Frankreichs und er erzählt das Leben Xi Jinpings lakonisch, Szene für Szene, Jahr für Jahr. Er betont die Authentizität aller Ereignisse und Zitate. Es ist ein Menschenleben in einer harten Diktatur. Eric Meyer dramatisiert das nicht, er berichtet es einfach. Er urteilt auch nicht, sondern bleibt als Erzähler neutral, nicht involviert. Also ist der Leser gefordert. Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen kann die Graphic Novel als Lehrbuch gesehen werden für diejenigen, die vor Machtambitionen kaum schlafen können. Diktaturen sollen ja im Kommen sein. Zum anderen zeigt das Buch, dass ein Mensch ein Mensch ist. Nicht mehr und nicht weniger. Götter und Halbgötter gehören nicht mehr in die Welt des Regierens. Und wenn einer alles alleine verantworten will und muss, so kann das nicht gut gehen. Eric Meyer zieht auf der letzten Seite Bilanz, indem er Xi Jinping zu Wort kommen lässt:
„Allein. Man nennt mich Schweinekopf und Xitler. Es ist mir egal, solange ich gewinne. Um mich herum nur Opportunisten. Selbst meine Familie verabscheut mich. Wo versteckt sich das Messer, das für mich bestimmt ist? Ich werde meine Haut teuer verkaufen. Solange ich lebe.“
Die Arbeit des Zeichners nimmt auf eine sehr subtile Art den Stil der Plakate der maoistischen Propaganda auf. Dabei entsteht der Eindruck, als handele es sich um eine Biographie von Xi Jinping im Auftrag der Kommunistischen Partei Chinas. Diese Verwendung der revolutionären Bildsprache ist sehr effektiv und verleiht dieser leidenschaftlichen Graphic Novel eine erstaunlich realistische Dimension.
Olivier Neuray hat an diesem Artikel mitgearbeitet.