USA/Iran: Machtkampf bis zum bitteren Ende

USA/Iran: Machtkampf bis zum bitteren Ende

Wie Alexander der Große wollte der US-Präsident den Gordischen Knoten der Machtverhältnisse im Mittleren Osten zerschlagen. Sein Schwert war nicht scharf genug. Vali Nasrs „Iran’s Grand Strategy“ erklärt die Hintergründe.
Foto Vali Nasr
Bildunterschrift
Vali Nasr
Buchcover Iran's Grand Strategy

Vali Nasr | Iran's Grand Strategy | Princeton University Press | 408 pages | 35 USD

Vali Nasr, US-iranischer Politologe und in den USA die führende Autorität für den Mittleren Osten, veröffentlichte Iran’s Grand Strategy: A Political History 2025 bei Princeton University Press. Dieses Jahr erschien die Taschenbuchausgabe mit einem Nachwort, in dem der Autor kurz auf den Krieg der USA (und Israels) gegen den Iran eingeht.

Vali Nasr legt mit seinem Werk vor allem eine politische Geschichte des Iran seit der Revolution von 1979 vor. Diese ordnet er darüber hinaus noch in größere historische Zusammenhänge ein. Für mich überraschend: Auch die Iraner fühlen sich als ein einzigartiges Volk, das zu Höherem berufen ist. Der Iran möchte eine Weltmacht im Taschenformat sein und den Mittleren Osten dominieren, wie er es schon in der Antike getan hat. Zweite Überraschung: Als die Safawiden den Schiismus zur Staatsreligion erhoben, bestand die Bevölkerung zu zwei Dritteln aus Sunniten. Der Schiismus konnte nur mit Massenmorden durchgesetzt werden. Die Selbstversicherung als Schiiten sollte den Persern helfen, sich gegen die Osmanen im Nordwesten und die Mogulen im Südosten zu behaupten.

Lehrreich an Iran’s Grand Strategy ist die Aufarbeitung der iranischen Geschichte seit 1979 vor allem, weil sie hier nicht aus einem genuin westlichen Verständnis dargestellt wird. Vali Nasr kann und will seinen mittel-östlichen Blick nicht verleugnen. Er widmet sein Buch allen Iranern, lobt ihre große Vaterlandsliebe und ihren unerschütterlichen Glauben an das Schicksal ihres Landes und wünscht ihnen dauerhaften Frieden, Wohlstand und dass der Iran den Platz in der Welt findet, der ihm zusteht. Dieser Ausgangspunkt des Autors bringt mitunter überraschende Erkenntnisse mit sich. Sichtbar wird das zuallererst an der Kolonialgeschichte. Der Iran ist eingeklemmt zwischen dem imperialen Russland und den Machtvorstellungen Großbritanniens. Weil das Land mitunter beide Großmächte gegeneinander ausspielen kann und auch fähig war, zeitweise große Reformpolitik im Innern durchzusetzen, konnte es seine Unabhängigkeit über drei Jahrhunderte verteidigen.

Als Großbritanniens Macht nach 1945 wie Schnee in der Sonne dahinschmolz, verhinderten englische Geldgier und Arroganz, dass Iran nach dem Zweiten Weltkrieg eine faire Chance bekam. England hatte sich das iranische Öl vollständig unter den Nagel gerissen und wollte davon nicht ablassen. Selbst der US-amerikanische Außenminister Dean Acheson wunderte sich über die englische Haltung gegenüber iranischen Forderungen nach Teilhabe an den Ölgewinnen, die er in seinem Tagebuch als ausgesprochen kurzsichtig und dumm bezeichnete. (siehe: Present at the Creation: My Years in the State Department; W W Norton & Company, 1969)

Äußerst interessant und beachtenswert: Vali Nasr zeigt auf, dass der CIA 1953 den iranischen Premierminister Mohammad Mossadegh nicht gestürzt hat. Sie hätte es zwar gemeinsam mit den Briten versucht, sei aber dilettantisch gescheitert. Der CIA-Putsch ist heute noch eine weit verbreitete Lehrmeinung und soll eine tiefe historische Schuld der USA gegenüber dem Iran belegen. Gescheitert ist Mossadegh vor allem an seiner Starrsinnigkeit. Er lehnte jeden Vermittlungsversuch der USA ab, die eine Verhandlungslösung und keine einseitige Enteignung der Anglo-Iranian Oil Company anstrebten. Gestürzt wurde er am Ende durch einen iranischen General.

Überraschend sind auch die Parallelen in der Politik des Schahs und der siegreichen Revolutionäre. Auch der Schah strebte eine persische Vormachtstellung gegenüber seinen arabischen Nachbarn an. Auch der Schah befürwortete langfristig eine eigene iranische Atombombe, für die er kleine Vorleistungen im zivilen Bereich auf den Weg brachte. Der Kern der Arbeit von Vali Nasr ist aber vor allem dies: Es ist nicht das religiöse Denken, das für die iranischen Führer im Vordergrund steht, sondern nationales Denken. Entgegen allem Anschein steht der Staat an erster Stelle, erst danach kommt die Religion. Das hindert niemanden daran, die Religion als Vehikel für die nationale Politik zu benutzen. Dies zeigte vor allem der lange Krieg des Irak gegen den Iran. Saddam Hussein hatte 1980 den Iran angegriffen, um Irans wichtigste Ölfördergebiete zu erobern. Auf sich allein gestellt, wehrte sich das Land mit allem, was es hatte (und das war nicht viel). Die Religion war dabei der Kitt für die Opferbereitschaft der Iraner, die allein das Überleben der Islamischen Republik sicherstellte. Symbol dafür: Kinder wurden zu Tausenden als lebende Minenräumer in den Tod geschickt.

Nach dem Ende des Krieges 1988 gab es immer wieder Versuche, den Iran nach rationalen Gesichtspunkten aufzubauen und wirtschaftlich stark zu machen. Das ging nur mit dem Westen (sprich USA) und genau das war und ist das größte Tabu der iranischen Führung. Das Denken Ali Khameneis, bis zu seiner Ermordung durch Donald Trump jahrzehntelang als Oberster Führer der mächtigste Politiker des Landes, war laut Vali Nasr stark durch antikolonialistisches Denken der 60er Jahre geprägt. Sein Ziel blieb immer, die USA völlig aus dem Mittleren Osten zu vertreiben.

Vietnam war in der Lage mit den USA Frieden zu schließen, um sich wirtschaftlich entwickeln zu können. Der Iran hat diesen Weg nicht beschritten. Khamenei sorgte dafür, dass jede Initiative zur Öffnung gegenüber dem Westen von den Revolutionsgarden konterkariert wurde. Die Politik des Irans hatte immer zwei Gesichter, eines mit und eines gegen den Westen. Starke Kräfte um Khamenei und die Revolutionsgarden blieben ihrem Ziel treu, die USA vollständig aus dem Mittleren Osten zu vertreiben. Da am Ende aber die Revolutionsgarden immer die Oberhand behielten und der Widerstand von Millionen aufs Brutalste unterdrückt wurde, hat es der Iran nie geschafft, an die globale wirtschaftliche Entwicklung anzudocken.

Die Erfahrungen des Irakkrieges prägt die iranische Politik bis heute. Auf diesen Krieg ist zurückzuführen, dass der Iran, der sich eine starke konventionelle Armee nicht leisten konnte, eine Vorwärtsverteidigung aufbaute. Sie ist heute als die Achse des Widerstands bekannt. Vali Nasr legt klar dar, dass die iranische Politik auf Dauer nicht weniger Konflikte, sondern mehr produzierte und am Ende die Gefahr immer größer wurde, dass aus den Aktivitäten der Achse des Widerstandes ein großer Krieg erwachsen würde. So gesehen war der Angriff auf den Iran eine fast zwangsläufige Folge iranischer Politik. Wer sich immer als rücksichtsloser Paria benimmt, darf sich am Ende nicht wundern, dass er genauso behandelt wird. Khamenei hatte nur das Pech, dass der amerikanische Präsident noch dümmere Entscheidungen traf als er selbst.

Wie geht es weiter? Die Welt hat sich durch den Krieg schon jetzt stark verändert. Die Türkei (zweitgrößte NATO-Armee), Pakistan (Atommacht) und Saudi-Arabien (Finanzmacht) haben sich in einem Beistandspakt gegen den Iran verbündet. Die Straße von Hormus wird für den globalen Ölhandel nie wieder die große Bedeutung erlangen, die sie einmal hatte. Die arabischen Nachbarn haben jede Illusion eines friedlichen Zusammenlebens mit der iranischen Regierung verloren. Die Macht der USA hat durch den Krieg noch mehr von ihrem alten Glanz eingebüßt. Der Mittlere Osten wird sich neu ordnen –  einfach weil er es muss. Was nicht bedeutet, dass die USA in Zukunft dort keine Rolle mehr spielen werden. China kann und will die amerikanische Rolle (noch?) nicht einnehmen.

Für Vali Nasr ist klar, dass die aktuelle Führung immer ihre eigene Macht über das Wohlergehen des Volkes stellt. Sie hat Tausende getötet und sie betont immer wieder, dass sie dazu auch in Zukunft bereit ist. Für die Iraner sind das fürchterliche Aussichten. Für sie gibt es kein Licht am Ende des Tunnels. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die USA noch die Macht haben, das Regime wirtschaftlich zu strangulieren. Es ist wie immer die Bevölkerung, die den Preis für rücksichtslose Machtpolitik bezahlen muss. Die Iraner kennen diesen Preis nur allzu genau.

In den Tagen, in denen dieser Text für die Übersetzungen vorbereitet wurde, weitet sich der Krieg erneut aus. Ein Ende ist nicht in Sicht und niemand weiß im Moment, wie ein solches Ende aussehen könnte. Wenn man bedenkt, dass Russland und China den Iran und damit die Achse des Widerstands unterstützt, zum Beispiel mit Satellitenbildern für Angriffe auf US-amerikanische Militärstützpunkte und arabische Ziele wie Pipelines, dann ist immer noch gültig, was ich in meiner Rezension des Buches Der kommende Sturm geschrieben habe.


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