Fehlt es uns an Vorstellungskraft?
Klett-CottaOdd Arne Westad | Der kommende Sturm | Klett-Cotta | 272 Seiten | 26 EUR
Der norwegische Historiker Odd Arne Westad, Professor an der Yale Universität, hat DAS Buch zum aktuellen Krieg geschrieben. Die englische Ausgabe von „The Coming Storm / Power, Conflict and Warnings from History“ erschien am 3. März 2026, die deutsche am 11. April 2026. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran begann am 28. Februar 2026. Der Autor konnte diesen Krieg nicht nur nicht mehr für sein Buch berücksichtigen, sondern er konnte ihn sich auch nicht vorstellen, denn er ging noch von einem amerikanischen Präsidenten aus, der in seinen Wahlkämpfen immer versprochen hatte, sich aus Kriegen, und das vor allem im Mittleren Osten, herauszuhalten zu wollen.
Liest man das Buch, so wirkt der Krieg gegen den Iran wie das berühmte Menetekel an der Wand, das genau das ankündigt, was der Autor angesichts der Machtkämpfe der Großmächte verhindern will, was er aber auch als eine sehr reale Möglichkeit der Zukunft sieht, nämlich einen dritten Weltkrieg. Wir alle wissen, dass ein solcher gewissermaßen das Ende der Welt bedeuten würde.
Das Buch liest sich schnell, es umfasst gut 200 Seiten, gesetzt in großer Schrift. Im Grunde ist es ein langer Essay, unterteilt in die Kapitel „Aufstieg der Großmächte“, „Ängste und Ressentiments“ sowie „Gründe für Krieg“. Das Ganze wird eingefasst von einem Vorwort und einer Schlussfolgerung. Odd Arne Westadt legt die historische Folie von etwa 1880 – 1914/18 über unsere Gegenwart und findet erschreckend viele – und leider sehr überzeugende – Beispiele, die sich von damals auf heute übertragen lassen.
Im ersten Kapitel geht es um den Aufstieg der Vereinigten Staaten nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg und Deutschlands nach seiner Nationenbildung 1870. Vor allem Deutschland spielt eine entscheidende Rolle. Der Autor vergleicht den rasanten Aufstieg des Landes zu einer dominierenden Macht auf dem europäischen Kontinent mit dem noch wesentlich spektakuläreren Aufstieg Chinas seit seiner Adoption eines Staatskapitalismus mit westlichen ökonomischen Methoden. Großbritannien war nominell noch die bestimmende Macht bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, verlor diese Rolle aber nach und nach gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Genau wie der Abstieg der USA und des Westens allgemein in unserer Zeit, war der Verlust der Briten an Macht und globalen Gestaltungsmöglichkeiten ein erst einmal nur relativer.
Deutschland und die USA konnten hohe Wachstumsraten vorweisen, England nur sehr bescheidene und Frankreich stagnierte (nicht absolut, aber relativ zu den anderen).
Genau wie heute die USA und Europa waren Frankreich und Großbritannien von der Angst eines großen Macht- und Wohlstandsverlustes ergriffen. Ihre eigenen Defizite und politischen Versäumnisse führten sie nicht auf eigenes Versagen, sondern auf das Verhalten der Newcomer zurück. Man wollte sich den neuen Realitäten nicht wirklich stellen. Das galt sowohl für die Politiker als auch für die Völker und kommt uns nur allzu bekannt vor.
Westad legt großen Wert darauf, dass die dramatische Veränderung der Großmächtekonstellation in den drei Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht der Hauptgrund für den Ausbruch dieses Krieges gewesen waren. Am Ende sind es die Entscheidungen von Menschen, die einen Krieg herbeiführen. Ein Krieg ist keine Notwendigkeit. Aber, auch das muss gesagt werden und der Autor tut es gegen Ende seines Buches: Kriege können auch Probleme lösen, die die Regierenden und Herrschenden über eine längere Zeit nicht zu lösen vermochten. Allerdings zu einem unvorstellbar hohen Preis.
Angst vor dem eigenen Abstieg und Ressentiments gegenüber den Aufsteigern beeinflussten die Politiker und hatten großen Einfluss auf die Entscheidungen, die zum Ersten Weltkrieg führten. Um den Ausbruch eines Krieges zu verhindern, muss man sich den Ängsten und Ressentiments bewusst stellen und ihre Berechtigung hinterfragen. Das ist etwas, dass Menschen und Völkern nicht gerade leicht fällt.
Westad fragt, was die strategischen Ziele der Großmächte im jungen Jahrhundert sind. Seine Antwort: Wie vor rund hundert Jahren geht es um politische Ziele, Allianzen und militärische Planung. Die strategische Landschaft hat sich geändert. Es geht heute nicht mehr um Kolonien, sondern um den ganzen Globus, einschließlich der tiefen Ozeane und des erdnahen Weltraums. Das Zentrum der Weltmacht lag vor dem ersten Weltkrieg in Europa, heute in Ostasien. 1914 fand 40 Prozent der weltweiten Industrieproduktion in Europa statt, heute erzeugen Ost- und Südostasien gemeinsam mehr als 50 Prozent. Wie Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts liegt heute China im Zentrum der wichtigsten Wirtschaftsregion. Das sei, so der Autor, Segen und Fluch zugleich.
Deutschland glaubte 1914, dass es nicht mehr lange über seine großen Vorteile verfügen würde und dass deshalb ein großer Krieg, sollte er unvermeidbar sein, lieber heute als morgen stattfinden sollte. China geht es heute ähnlich, denn die rasante Alterung und Schrumpfung der chinesischen Bevölkerung gemeinsam mit einer Wirtschaft, die stark von der kommunistischen Partei gegängelt und deshalb in ihrer Entwicklung stark gehemmt wird, werden schneller als es viele erwarten, zu einem wiederum relativen Abstieg seiner Macht führen.
Der Autor zeigt im dritten Kapitel (Gründe für Krieg) die einzelnen Schritte, die in den Ersten Weltkrieg führten, obwohl im Grunde keiner den Weltkrieg wirklich wollte, sieht man von einigen übermotivierten und sich überschätzenden Militärs ab. Und genau hier liegt der Punkt, um den es Odd Arne Westad vor allem geht. Ein Krieg kann ausbrechen, weil die Politiker der Schwere ihrer Aufgabe in Krisenzeit nicht gewachsen sind. Er zählt die aktuellen Konfliktpunkte auf, durch die heute ein großer Krieg entstehen könnte. Es sind dann oft Einzelereignisse wie der Mord des österreichischen Thronfolgers 1914 in Sarajewo, die eine Entwicklung in Gang setzen, die niemand mehr gewillt oder in der Lage ist zu stoppen. Die eigene Gesichtswahrung der Verantwortlichen spielt dabei nicht die geringste Rolle.
Beim Lesen des letzten Drittels des Buches traf es mich wie ein plötzlicher Schlag: Der Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Iran könnte ein solches Einzelereignis sein. Die USA haben womöglich die Büchse der Pandora geöffnet. Aber selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, sind die globalen Machtverhältnisse so fragil geworden, dass die Gefahr für den Ausbruch eines Weltkrieges nicht gebannt ist. Das Buch „Der kommende Sturm“ sollte zur Pflichtlektüre für jeden werden, der im globalen Machtspiel Verantwortung trägt. Noch hat die Menschheit ihr Schicksal selbst in der Hand.
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