Hier stehe ich und kann nicht anders

Hier stehe ich und kann nicht anders

Hamza Abu Howidy setzt sich als Palästinenser für Frieden zwischen Israel und Palästina ein. Sein Buch „Muscheln am Strand von Gaza“ schildert sein Leben unter der Terrorherrschaft der Hamas
Foto Hamza Abu Howidy
Bildunterschrift
Hamza Abu Howidy
Buchcover Muscheln am Strand von Gaza

Hamza Abu Howidy | Muscheln am Strand von Gaza | Fischer Verlage | 240 Seiten | 24 EUR

Der Krieg der Hamas gegen Israel und der Krieg Israels gegen die Hamas im Besonderen sowie die Palästinenser im Allgemeinen rückte Ende September wegen der UN-Vollversammlung für einen kurzen Moment wieder ins Bewusstsein. Der französische Präsident Emmanuel Macron hielt eine Philippika vor allem gegen die Politik Israels im Westjordanland, wo es mörderische Siedler nicht nur duldet, sondern sogar noch zu ermuntern scheint. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu verteidigte sich in seiner bekannten vehementen Art gegen alle Vorwürfe, was sich einige Delegationen nicht mehr anhören wollten.

In einer solchen Zeit, in der die Lage der Palästinenser so hoffnungslos ist wie noch nie seit der Gründung des Staates Israel, ist das Buch von Hamza Abu Howidy ein Geschenk. Angesichts des religiös aufgeladenen Konflikts möchte man beinahe sagen: ein Geschenk Gottes. Der Autor fühlt sich selbst manchmal als der einsamste Palästinenser, denn er tritt für den Frieden zwischen beiden Völkern ein. Die deutsche Journalistin und Autorin Judith Poppe hat ihm beim Nachdenken über die eigene Vergangenheit und beim Schreiben hilfreich zur Seite gestanden.

Das Buch von Hamza Abu Howidy, erschienen am 29. April dieses Jahres bei S. Fischer, erlebte im Juli schon seine dritte Auflage. Es verdient, hier mit seinem vollen Titel und seiner Widmung genannt zu werden: Muscheln am Strand von Gaza / Erinnerungen an ein zerstörtes Land / Für die Opfer des 7. Oktober und des Krieges in Gaza.

Das erste Kapitel beginnt nicht in Gaza, wo Hamza Abu Howidy aufgewachsen ist. Der Autor sitzt in einem Flüchtlingslager in Griechenland und schaut live wie „Hamas-Kämpfer israelische Kibbuzim stürmten, Zivilisten erschossen und sich in blutverschmierten Wohnzimmern filmten. Ich sah fassungslos, völlig ungläubig zu – aber nicht, weil es unvorstellbar war. Ich hatte ähnliche Bilder schon einmal gesehen. Nicht in Israel. Sondern in Gaza. In meinem Gaza. In meinem Viertel, Al Rimal. Damals, im Jahr 2007, war ich gerade zehn Jahre alt.“ 

Die Hamas kämpfte 2007 mit derselben Rücksichtslosigkeit wie beim Massaker gegen Israelis am 7. Oktober gegen Fatah-Angehörige im Gazastreifen. Als Zehnjähriger sieht Hamza viele grausame Tötungen durch die Hamas.

„Innerhalb weniger Stunden erließen sie [die Prediger] Fatwas, die jede Kugel, jede Verstümmelung, jede Hinrichtung auf offener Straße rechtfertigten. Sie sagten den Kämpfern, sie sollten nicht zögern und keine Fragen stellen. Es sei erlaubt und sogar ihre Pflicht, palästinensische Mitbürger zu töten, die der Fatah angehörten und als ‚Verräter‘ oder ‚Ungläubige‘ galten. Das alles erklärten sie für heilig. Die Hamas verwandelte Gaza in einen Ort der Angst und benutzte die Religion, um ihre Taten zu rechtfertigen.“

Hamza Abu Howidy ist kein Kind armer Eltern. Sein Vater, ein Ingenieur, hatte in Birmingham studiert und arbeitete für die palästinensische Verwaltung. Zuerst unter der Fatah, dann unter der Hamas. Obwohl er seinen Sohn oft schlug, hat er ihm doch immer wieder gesagt, dass selbständiges Denken wichtig, ja unverzichtbar ist. Er bringt ihm Englisch bei und fördert, dass der Junge Bücher liest. Diese Leidenschaft wird Hamza, als er erwachsen wird, das Tor zu einer Welt außerhalb des Gazastreifens öffnen.

Der Vater, ein gläubiger Moslem, war davon überzeugt, dass ein Gottesstaat nichts Gutes hervorbringen könne. Seinem jugendlichen Sohn sagte er, dass Europa erst groß geworden sei, nachdem die Allmacht der Kirche gebrochen worden war. Er erzählte ihm vom Ablasshandel der katholischen Kirche und davon, dass sich die Priester im Mittelalter mit Gott gleichgesetzt hatten. Aber weil ihm eine religiöse Erziehung wichtig war, schickte er seinen Sohn auf eine Koranschule, wo das Kind ein gläubiger Anhänger der Lehren der Hamas wird. „Muscheln am Strand von Gaza“ versucht auf diese Frage eine Antwort zu geben:

„Wie konnte aus dem Jungen, der in Gaza aufwuchs, jemand werden, der gemeinsam mit Israelis für den Frieden einsteht?“

Schläge gibt es auch oft in der Schule. Zum Beispiel als der Lehrer erzählt, dass man im Paradies alles bekäme, was man wolle, und Hamza spontan einwirft, wie langweilig das doch sei. Die Lieder, die die Kinder täglich singen, verherrlichen den Märtyrertod. Hamza erlebt 2008 einen israelischen Panzerangriff und beginnt Israel zu hassen. Er glaubt fest an das, was ihm von den Lehrern, die mit der Hamas verbunden sind, eingetrichtert wird. Nach dem Panzerangriff wird Hamza aus der Koranschule genommen, weil diese zu nahe an der Grenze und an Hamas-Ausbildungslagern liegt. Er wird Schüler einer UNRWH-Schule, getragen vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten. Auf den Landkarten im Unterricht gibt es kein Israel. „From the River to the Sea“ ist sakrosankt. „Die Idee einer Zweistaatenlösung oder die Anerkennung eines jüdischen Staates waren außerhalb jeder Diskussion.“ Hamza wird immer nationalistischer. „Mein Hass auf Israel wuchs weiter.“

In der 10. Klasse wechselt er noch einmal, dieses Mal auf eine öffentliche Schule. Militärisches Training gehört zum Unterrichtsplan. Der Vater erneuert seine Kritik an der Hamas. Er gibt seine Arbeit auf, weil er auf seine Vorschläge, elektrische Leitungen unter die Erde zu verlegen, keine Antwort bekommt und begreift, dass die Hamas nicht will, dass ihr ausuferndes Tunnelsystem entdeckt wird. Nach der Schule versucht sich Hamza an einem Ingenieurstudium, gibt dieses aber auf, weil es beim Unterricht beinahe ausschließlich um Tunnelbau und die Konstruktion von Raketen geht. Er wendet sich der Betriebswirtschaft und Buchhaltung zu. Von der Hamas, die sich aus der Moslembruderschaft entwickelt hat, hat er sich schon lange losgesagt (siehe auch: Florence Bergeaud-Backler – Le Frérisme et ses réseaux).

Als junger Erwachsener verliert er seinen Glauben und entwickelt sich zum Agnostiker, der Gott weder bestätigt noch verneint. 2019 nimmt er an einer Demonstration im Flüchtlingslager Jabalia teil. Motto: „Wir wollen leben. – Für ein Leben in Würde.“ Hamza wird verhaftet und täglich gefoltert. Er soll gestehen, dass er für Israel arbeitet, was nicht der Fall ist. Durch Beziehungen seines Vaters kommt er nach zwei Wochen frei. Hamza fragt sich:

„Wenn sie uns Palästinensern so etwas antun konnten, hatte Israel dann vielleicht tatsächlich Grund, sich vor ihnen zu fürchten, sie nicht als Nachbarn zu wollen? Die Erfahrung der Folter erschütterte mein Vertrauen in die Geschichten, die wir uns immer wieder über uns selbst erzählten, darüber wer wir seien und wofür wir stünden.“

Hamza liest und liest und liest. Er findet seine Bücher im Internet und lädt sie heimlich als PDF auf seinen Computer. 2021 bekommt er durch seine Präsenz in den sozialen Medien in Kontakt zu einem jungen Israeli, durch den er erstmals jemanden von der anderen Seite und mit einem anderen Blick auf die Geschichte Palästinas und Israels kennenlernt. Im Frühjahr desselben Jahres kommt es wieder zum offenen Krieg zwischen der Hamas und Israel. Beinahe wird das Haus von Hamzas Familie zerstört, weil es nahe an einem Kommandoposten in einem Tunnel liegt, von dem niemand etwas wusste.

Im Frühjahr 2023 finden erneut Proteste gegen die Hamas statt. Hamza wird wieder verhaftet und gefoltert. Erneut kann ihn sein Vater nach zwei Wochen durch seine Beziehungen und eine große Geldsumme freibekommen. Danach drängt ihn seine Familie zur Flucht nach Europa, weil sein Leben nicht mehr sicher ist. Er schafft es mit viel Glück über die Türkei bis nach Griechenland. Dort sieht er am 7. Oktober 2023 in einem Lager live das Massaker der Hamas und erlebt wie die männlichen Migranten aus dem Nahen Osten über den vermeintlichen Sieg der Hamas über Israel vor Freude tanzen, während die Frauen mit bedrückten Mienen daneben sitzen. Auch der Sender Al Jazeera und ägyptische Medien freuen sich offen darüber, wie mehr als 1200 Menschen abgeschlachtet werden. Hamza kann noch am gleichen Tag mit seinem Vater telefonieren, der ihm sagt, dass das Massaker das Ende des Gazastreifens bedeute.

Hamza beginnt seine Gedanken und Meinungen auf X zu posten, zuerst auf Arabisch, dann auch auf Englisch. Im Lager wird er mit dem Tod bedroht. Die internationale Presse wird auf ihn aufmerksam, er wird eingeladen Artikel zu schreiben. Von Griechenland kommt er nach Deutschland. Dort setzt er sich für einen Frieden zwischen Israel und Palästina ein. Er kritisiert sowohl die Hamas als auch die brutale Reaktion Israels auf den Angriff. Seine Familie kann er durch GoFundMe retten, weil er so die hohen Bestechungsgelder bezahlen kann, die die ägyptischen Grenzbeamten den Palästinensern abpressen. Seine Mutter und seine Geschwister überqueren die Grenze zu Ägypten wenige Tage, bevor der Übergang Rafah von Isarael geschlossen wird. Sein Vater konnte schon etwas früher den Gazastreifen verlassen.

Das Buch ist sehr eindrücklich, sehr bewegend geschrieben. Oft in einer poetischen Sprache, die niemanden gleichgültig lässt. Das langsame Erwachsenwerden, das Beginnen eigenständigen Nachdenkens, das Rebellieren gegen eine menschenfeindliche Ordnung berühren. Die unbedingte Entschlossenheit, das „Ich stehe hier und kann nicht anders“ des Autors trotz aller Gefahren für Leib und Leben beeindruckt. Sein Status in Deutschland ist ungesichert. Möge sein weiterer Lebensweg unter einem guten Stern stehen. Inshallah.

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Weiterführende Literatur auf Literatur.Review:
Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor
Gilles Kepel, vielleicht der ausgewiesenste französische Kenner des Nahen und Mittleren Ostens, hat Mitte April eine aktualisierte Ausgabe seines Buches über das Massaker der Hamas an über 1200 Israelis vom 7. Oktober 2023 und seine Folgen veröffentlicht
Wenn eine Mauer in eine Kindergeschichte tritt
Realität und Fantasie in der palästinensischen und israelischen Kinderbuchliteratur
Das Exil des Blicks
Nyla Matuk erzählt in "Leila & Khaled" nicht nur von einer Rückkehr nach Palästina, sondern auch von der Unmöglichkeit, sich den Bildern der eigenen westlichen Sozialisation zu entziehen


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