Wenn eine Mauer in eine Kindergeschichte tritt

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Wenn eine Mauer in eine Kindergeschichte tritt

Realität und Fantasie in der palästinensischen und israelischen Kinderbuchliteratur
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Loaay Wattad

Loaay Wattad ist Kultursoziologe und auf palästinensische und israelische Kinderliteratur spezialisiert, mit besonderem Augenmerk auf Politik, Grenzen und Kindheit. Er ist EUME-Stipendiat am Forum Transregionale Studien in Berlin und Minerva-Postdoktorand an der Freien Universität Berlin. Zudem berät er die Internationale Jugendbibliothek in München zu ihren arabischen und hebräischen Kinderliteraturbeständen. Seine Forschung beschäftigt sich mit den Schnittstellen von Literatur, Politik und Kindheit und richtet dabei einen besonderen Fokus auf die palästinensische Kinderliteratur.

Ich bin in Jatt aufgewachsen, einem kleinen palästinensischen Dorf in den Gebieten von 1948. Als Kind hörte ich meine Großmutter oft von einem anderen Dorf namens Zita erzählen. Sie sprach davon mit jener Vertrautheit, die Orten vorbehalten ist, die man sehr gut kennt. Sie habe es oft besucht, erzählte sie mir. Sie sei einfach zu Fuß dorthin gegangen.

Jahrelang existierte Zita für mich vor allem in ihren Erzählungen. Ich kannte den Namen, aber sonst kaum etwas. Ich war nie durch seine Straßen gelaufen, hatte nie seine Häuser besucht oder jemanden getroffen, der dort lebte. In der Geografie meiner Kindheit gehörte Zita weniger zur Landschaft um mich herum als zur Landschaft der Erinnerungen meiner Großmutter.

Ich brauchte Jahre, um etwas bemerkenswert Einfaches zu begreifen: Zita lag ganz in der Nähe.

Jatt und Zita sind Nachbardörfer, Jatt im Westen und Zita im Osten. Meine Großmutter hatte sie als Teil einer Landschaft gekannt, die man zu Fuß durchqueren konnte. Die politische Geografie, die ich geerbt hatte, erzählte eine andere Geschichte: Zita lag auf der anderen Seite.

Im Arabischen sprechen wir manchmal von einem abgelegenen und fast unerreichbaren Ort als „Akher al-Denia“ – dem Ende der Welt. So existierte Zita in meiner kindlichen Vorstellung: als einer der Orte, die meinem Dorf geografisch am nächsten lagen und doch unerreichbar fern waren.

Die Grenze veränderte sich, als ich älter wurde. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich vor allem an Draht, an einen Zaun, der die Trennung markierte, aber fast durchsichtig blieb. Später, nachdem ich Jatt verlassen hatte, um an der Universität Tel Aviv zu studieren, kehrte ich nach Hause zurück und fand eine veränderte Landschaft vor. Wo ich mich an Draht erinnerte, stand nun Beton. Die fast durchsichtige Grenze meiner Kindheit war zu einer hohen Mauer geworden. Der israelischen Trennmauer.

Der Bau der Trennmauer begann 2002, während der Zweiten Intifada.Israel stellte sie als Sicherheitsmaßnahme dar, die Angriffe verhindern sollte, doch ihr Verlauf folgte nicht einfach der Grünen Linie: Große Abschnitte wurden innerhalb des besetzten Westjordanlands errichtet und veränderten so die Bewegungsfreiheit der Palästinenser, den Zugang zu Land und die Geografie ihres Alltags. Für viele Palästinenser wurde die Mauer daher nicht als abstrakte politische Grenze erfahrbar, sondern bei ganz alltäglichen Wegen: auf dem Weg zu einem Feld, einer Schule, einer Nachbarstadt oder zu einem Familienmitglied.

Meine Großmutter hatte Zita als einen Ort gekannt, zu dem man zu Fuß ging. Ich kannte es als einen Ort, von dem man nur gehört hatte. Jetzt war es ein Ort, den ich nicht einmal mehr sehen konnte.

Erst später verstand ich, was an dieser Geografie so beunruhigend war. Die Mauer hatte mehr getan, als nur die Bewegungsfreiheit zwischen zwei benachbarten Orten einzuschränken. Sie hatte ein reales Dorf imaginär erscheinen lassen.

Vielleicht begann ich mich deshalb für Mauern in der Kinderliteratur zu interessieren. Kinderbücher sind voll davon: Mauern, die Königreiche, Häuser, Familien, Tiere und Völker trennen; Mauern, die schützen oder einsperren; Mauern, die erklommen, durchbrochen, bemalt oder überflogen werden. Sie scheinen eine einfache Frage zu stellen: Was ist auf der anderen Seite?

Doch als ich palästinensische und israelische Kinderbücher über die Trennmauer las, führte mich das zu einer anderen Frage: Was geschieht mit der Mauer selbst, wenn sie in eine Kindergeschichte tritt?

Mir wurde schnell klar, dass sich diese Frage nicht beantworten ließ, indem ich allein palästinensische und israelische Bücher betrachtete. Eine Mauer ist eines jener trügerisch einfachen Objekte, denen die Kinderliteratur nahezu jede Bedeutung verleihen kann. Sie kann eine politische Grenze oder ein imaginäres Königreich markieren, diejenigen im Inneren schützen oder diejenigen außerhalb ausschließen, Feinde voneinander trennen oder etwas verbergen, das wir nicht verstehen können. Um die Mauer zu verstehen, neben der ich aufgewachsen war, musste ich mir zunächst andere Mauern ansehen.

Buchcover The Wall

Mauern überall

Während meines Stipendiums an der Internationalen Jugendbibliothek in München begann ich, Kinderbücher zu sammeln, in denen Mauern, Zäune und andere Barrieren eine zentrale Rolle spielten. Was als Suche nach Büchern über politische Grenzen begann, entwickelte sich schnell zu etwas Umfassenderem. Mauern schienen überall zu sein, doch sie erfüllten nicht alle dieselbe narrative Funktion. Manche trennten Länder oder Gemeinschaften; andere Nachbarn, Fremde oder imaginäre Königreiche. Manche wurden errichtet, um auszuschließen, andere, um zu schützen. Und manche existierten fast ausschließlich in den Köpfen derer, die auf der einen oder anderen Seite standen.

In The Wall: A Timeless Tale (2019) von Giancarlo Macrì und Carolina Zanotti blickt ein König auf die Vielzahl der Menschen, die sein Königreich bewohnen, und beschließt, dass diejenigen, die ihm nicht ähnlich sehen, das Land verlassen müssen. Während die Menschen verschwinden, leert sich auch das Buch selbst: Die lebhaften Menschenmengen mit ihren verschiedenfarbigen Gesichtern weichen zunehmend leeren Seiten, bis sich aus der Mitte des Buches eine echte Pop-up-Mauer erhebt. Der Witz besteht darin, dass sich die Ausgrenzung schon bald selbst zunichtemacht. Der König braucht Gärtner, Künstler, Handwerker und andere Fachkräfte, muss jedoch feststellen, dass er sie alle verbannt hat. Schließlich fällt die Mauer, und das belebte, farbenfrohe Königreich kehrt zurück. Die Mauer ist hier eine bewusst universelle politische Fabel: eine durch Fremdenfeindlichkeit geschaffene Barriere, die jene Gesellschaft verarmen lässt, die sie angeblich schützen soll.

Buchcover Others

In anderen Büchern wird die Barriere weniger explizit politisch dargestellt. Kobi Yamada und Charles Santosos jüngstes Werk Others: A Story for All of Us (2026) ersetzt beispielsweise Beton durch eine Hecke. Zwei Kinder stehen daneben und spekulieren über die Menschen, die „dort drüben“ leben. Zunächst stellen sie sich deren Anderssein beinahe fantastisch vor: Vielleicht haben diese Anderen Flügel oder Tentakel; vielleicht sind sie Maschinen. Allmählich werden die Fragen alltäglicher und intimer: Denken sie, fühlen sie, haben sie Angst, lieben sie ihre Familien? Hier ist die Barriere in erster Linie epistemologischer Natur. Was „uns“ von „ihnen“ trennt, ist nicht nur die Hecke, sondern all das, was man sich vorstellt, solange es keinen Kontakt gibt. Die Geschichte muss folglich keine Mauer einreißen; sie muss eine Vorstellung vom Anderen demontieren.

Es gibt noch seltsamere Mauern. In Ellen Delanges und Connie Snoeks The Wall of Mr. Mo (2022) ist ein Nashorn davon besessen, eine außergewöhnliche Mauer um sein Haus zu errichten. Die Mauer wird immer höher und aufwendiger, je länger es daran arbeitet, und weckt die Neugier seiner Nachbarn. Doch das Bauprojekt erzeugt schließlich genau jene Geselligkeit, die eine Mauer eigentlich verhindern soll: Andere kommen zusammen, beteiligen sich und verändern das Bauwerk und den Raum um es herum. Visuell stellt das Buch die riesige gelbe Mauer immer wieder winzigen Häusern und Figuren gegenüber, sodass das Missverhältnis beinahe komisch wirkt; am Ende kehren Farbe und Bewegung in die umliegende Gemeinschaft zurück.

Buchcover The Wall of Mr. Mo

Und dann gibt es Bücher, in denen die Mauer selbst zur Geschichte wird. Bogusław Janiszewski und Max Skorwider machen in Mauern (2022) machen die Berliner Mauer zum Gegenstand eines visuell dichten Sachbilderbuchs: Die Mauer ist keine abstrakte Trennung zwischen zwei erfundenen Völkern, sondern ein reales politisches Bauwerk, dessen Errichtung, Überwachung, Überquerungen, Fluchtversuche und schließlicher Fall Kindern erklärt werden müssen. In Büchern dieser Art kann die Mauer nicht einfach für Trennung im Allgemeinen stehen. Ihre Bedeutung hängt davon ab, wer sie gebaut hat, wann, zu welchem Zweck, wem es verwehrt wurde, sie zu überqueren, und was mit den Menschen geschah, die es versuchten.

Zusammengenommen machten mir diese Bücher bewusst, dass „die Mauer“ kaum als ein einziges Motiv zu verstehen ist. Ihre Bedeutung hängt nicht nur davon ab, was sie trennt, sondern auch von der Geschichte, die ein Buch darüber erzählt, warum diese Trennung besteht – und was, wenn überhaupt, sie überwinden könnte.

An diesem Punkt führte mich meine Forschung in München zurück zu Jatt und Zita. Die Frage war nun nicht mehr nur, warum Mauern so häufig in Kinderbüchern vorkommen. Es ging darum, welche Art von Geschichte sich mit einer bestimmten Mauer erzählen lässt. Denn sobald eine Mauer von ihrer Geschichte losgelöst wird, wird es bemerkenswert einfach, beide Seiten gleichzusetzen: zwei Königreiche, zwei Nachbarn, zwei Kinder, die einander missverstehen. Eine historische Mauer wirft jedoch schwierigere Fragen auf. Wer hat sie errichtet? Wer darf sie überqueren? Wessen Bewegungsfreiheit regelt sie? Und was geschieht, wenn ein Kinderbuch sich dafür entscheidet, diese Fragen zu beantworten – oder ihnen auszuweichen?

Buchcover Mauern

Wenn die Mauer zur Metapher wird

Als ich mich vom internationalen Korpus der israelischen Kinderliteratur zuwandte, fand ich relativ wenige Bücher, die sich direkt mit der Trennmauer befassten. Häufiger erschien die Mauer in leichter Distanz zur politischen Realität, verwandelt in eine universellere Geschichte von Trennung, Angst und Versöhnung.

Eines der aufschlussreichsten Beispiele stammt sogar aus der Zeit vor der Trennmauer selbst. Ephraim Sidons„Uzu und Muzu aus Kakaruzu (1987), illustriert von Yossi Abolafia, erzählt von zwei Brüdern, die glücklich zusammenleben, bis ein lächerlicher Streit sie entzweit. Eine Mauer wird durch ihr gemeinsames Zuhause gezogen, und über Generationen hinweg gerät der ursprüngliche Grund für den Konflikt in Vergessenheit. Was bleibt, ist Angst. Jede Seite erfindet immer monströsere Geschichten über die Menschen jenseits der Mauer, bis sich schließlich zwei Nachkommen begegnen und entdecken, dass es dort überhaupt keine Monster gibt. Mit der Vorstellung vom Feind stürzt auch die Mauer ein.

Das Erscheinungsjahr ist von Bedeutung. Das Buch erschien 1987 – fünfzehn Jahre bevor mit dem Bau der israelischen Trennmauer begonnen wurde – und kann daher unmöglich eine Reaktion auf das konkrete Bauwerk gewesen sein, das später die Landschaft Israels und des Westjordanlands neu prägen sollte. Dennoch fällt es heute schwer, Sidons und Abolafias Mauer zu betrachten, ohne sie mit anderen Augen zu sehen. Abolafias Illustrationen spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie verorten die Geschichte bewusst in einer fernen, beinahe folkloristischen Welt und nicht in einer erkennbaren israelischen oder palästinensischen Landschaft.

Uzu and Muzu

Diese Distanz ermöglicht es der Mauer, als Fabel zu fungieren. Die Trennung beginnt mit einem absurden Streit, hält an, weil die beiden Seiten einander nicht mehr begegnen, und endet, als ihre Nachkommen schließlich aufeinandertreffen. Die Mauer ist daher nicht in erster Linie ein Bauwerk territorialer oder politischer Macht. Sie ist die Verkörperung gegenseitiger Angst, vererbten Hasses und der Geschichten, die die eine Seite über die andere erzählt.

Eine ähnliche narrative Logik zeigt sich noch deutlicher in Talia Ganel-Joyas Butterflies of Hope (2012). Im Mittelpunkt stehen zwei Jungen – ein Israeli und ein Palästinenser –, die beide Amir heißen. Der gemeinsame Name ist kaum zufällig. Die Geschichte konstruiert die Kinder als Spiegelbilder über eine politische Kluft hinweg: zwei Kindheiten, zwei Seiten, aber im Grunde ein und dasselbe Kind. Die Erzählung bewegt sich daher auf ein gegenseitiges Erkennen zu. Es gilt, über die Kategorien hinwegzusehen, die sie voneinander trennen, und die darunter liegenden Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Diese Struktur wird in Jonathan Geffens und Yoni Goodmans Yeshvanimadia (2015) mit dem Untertitel Die vollständige und ziemlich erstaunliche Geschichte von einem Land für zwei Völker beinahe bis zur Parodie getrieben. Die beiden Bevölkerungsgruppen unterscheiden sich auf absurde Weise: In Yeshvania sitzen alle, während in Amadia alle stehen. Ihre Grenze verläuft sogar durch den örtlichen Lebensmittelladen, zwischen dem Gemüse und den Milchprodukten. Der Konflikt eskaliert, eine gewaltige Barriere erhebt sich zwischen den Ländern, und schließlich trifft ein Prinz von der einen Seite auf eine Prinzessin von der anderen.

Buchcover Yashvani

Genau diese Absurdität ist der springende Punkt. Indem Geffen Israelis und Palästinenser durch Körper ersetzt, die über Sitzen und Stehen definiert sind, entzieht er der Verschiedenheit ihren historischen Inhalt. Um den Konflikt zu verstehen, bedarf es keiner konkurrierenden Geschichtsdarstellungen; auch Land, Vertreibung, Besatzung, Sicherheit oder Souveränität müssen nicht thematisiert werden. Die Verschiedenheit selbst ist lächerlich geworden. Entsprechend kann auch die Lösung zwischenmenschlicher Natur sein: Begegnung, Liebe und die Fähigkeit, miteinander zu leben.

Diese Bücher sind weder identisch, noch repräsentieren sie die israelische Kinderliteratur als Ganzes. Doch nebeneinandergestellt offenbaren sie einen wiederkehrenden imaginativen Vorgang. Die politische Mauer wird zu einer relationalen Mauer. Anstatt in erster Linie danach zu fragen, wer die Barriere errichtet hat, wessen Land sie durchquert oder wessen Bewegungsfreiheit sie einschränkt, fragen die Geschichten, warum zwei Seiten einander fürchten, hassen oder nicht verstehen. Politische Asymmetrie wird in narrative Symmetrie übersetzt: zwei Brüder, zwei Völker, zwei Amirs, zwei Königreiche.

Diese Transformation hat einen offensichtlichen Reiz, insbesondere in der Kinderliteratur: Sie macht Versöhnung vorstellbar. Wenn Mauern durch Vorurteile oder vererbte Angst aufrechterhalten werden, kann Begegnung sie überwinden. Doch dieser literarische Schritt hat auch seinen Preis. Symmetrie ist nicht bloß ein ethisches Ideal, sondern auch ein narratives Verfahren. Sobald beide Seiten auf der Buchseite gleichwertige Positionen einnehmen, lassen sich schwierige Fragen leichter außerhalb der Geschichte belassen: Wer hat die Mauer gebaut? Wer kontrolliert ihre Tore? Wer benötigt eine Erlaubnis, um sie zu überqueren?

Buchcover Dragon of Betlehem

An dieser Stelle begannen mir die israelischen Bücher anders zu erscheinen – nicht, weil allegorische Mauern etwas typisch Israelisches wären, sondern weil die Allegorie hier neben einer tatsächlichen Mauer existiert. Ihre Mauern ähneln oft der universellen Mauer der Fabel – der Mauer zwischen uns und ihnen, die durch Angst aufrechterhalten und durch gegenseitiges Erkennen überwunden wird. Doch die Mauer außerhalb des Buches ist keine Allegorie. Und wenn eine historisch konkrete Mauer in eine universelle Geschichte darüber verwandelt wird, wie zwei Seiten lernen, einander zu sehen, wird etwas gewonnen – die Möglichkeit der Empathie –, doch etwas anderes könnte verschwinden: die Geschichte.

Die palästinensischen Bücher gehen von einem beinahe gegenteiligen Problem aus. Ihre Kinder müssen im Allgemeinen nicht erst entdecken, dass sich auf der anderen Seite der Mauer Menschen befinden. Sie wissen bereits, wer – oder was – dort ist: ein Freund, eine Großmutter, ein Orangenhain, eine Quelle, ein anderes palästinensisches Dorf. Ihr Problem besteht nicht darin, die andere Seite zu erkennen.

Ihr Problem ist, wie sie dorthin gelangen.

Wenn die Mauer sich weigert, zur Metapher zu werden

In diesen Geschichten mag die Mauer symbolische Bedeutungen annehmen, doch sie hört selten auf, ein materielles Hindernis zu sein. Sie durchschneidet erkennbare Landschaften, unterbricht vertraute Wege und macht zuvor zugängliche Orte unerreichbar. Anstatt die Mauer in eine Geschichte über die Beziehungen zwischen zwei Seiten zu verwandeln, fragen diese Bücher immer wieder, was mit dem Alltag geschieht, wenn Bewegung selbst zum Problem wird.

In Mariam Hamed und Insaf Al-Hajj Yaseens In One Space (2008) trennt die Mauer beispielsweise zwei Kinder, die sich bereits kennen. Es gibt keine anfängliche Feindseligkeit, die es zu überwinden gilt, und keine Erkenntnis, dass das Kind jenseits der Barriere „genau wie ich“ ist. Die Freundschaft geht der Trennung voraus. Stattdessen finden die Kinder einen Weg, ihre Beziehung aufrechtzuerhalten, indem sie Drachen über die Mauer hinwegfliegen lassen. Der Drachen zerstört die Barriere nicht. Er erschließt einen Raum, in dem die Barriere vorübergehend an Macht verliert: den Himmel.

Diese Unterscheidung wird in Nuha Subeihs und Ismail Dweiks Behind the Wall (2018) noch deutlicher. Hier ist Trennung nicht in erster Linie ein psychologischer Zustand zwischen zwei Gemeinschaften. Die Mauer – oder der Zaun – behindert die alltägliche Bewegung durch die Landschaft. Mishmishah, ein Schaf, möchte die Quelle auf der anderen Seite erreichen und kann nicht verstehen, warum der Weg, der ihr eigentlich offen stehen sollte, versperrt wurde. Die scheinbare Einfachheit der Tiergeschichte lässt ihre zentrale Frage beinahe kindlich erscheinen: Warum sollte etwas, das in der Landschaft steht, bestimmen, wohin ein Lebewesen gehen darf? Die Erzählung beginnt daher nicht mit der Angst vor dem Anderen, sondern mit der Fremdartigkeit der Einschränkung selbst.

Dies ist einer der wichtigsten Unterschiede, die ich zwischen den beiden Korpora festgestellt habe. In vielen der israelischen Geschichten lässt sich das narrative Problem horizontal beschreiben: Es gibt zwei Seiten, die jeweils auf die andere blicken, und die Geschichte fragt, ob sie die Angst zwischen ihnen überwinden können. In den palästinensischen Büchern ist das Problem häufig räumlicher Natur: Es gibt einen Ort, an den das Kind gelangen möchte, und etwas verhindert den Weg dorthin. Die Mauer ist weniger eine Grenze zwischen Identitäten als eine Technologie, die die Geografie des Alltags neu ordnet und das, was geografisch nah ist, praktisch unerreichbar macht.

Und sobald die Fortbewegung am Boden schwierig wird, richtet die palästinensische Kinderliteratur immer wieder den Blick nach oben.

Dima Suhweils Iman und der Drachen (2008), illustriert von Dima Abu al-Haj, beginnt bei einem Drachenfest in Gaza. Ein magischer Flugdrachen lädt Iman ein, mit ihm in den Himmel aufzusteigen, und trägt sie über eine Welt hinweg, die am Boden von Militärflugzeugen, Waffen und Gewalt geprägt ist. Der Drachen ist daher mehr als ein herkömmliches Symbol der Hoffnung. Er schafft eine vorübergehende Geografie, in der sich ein palästinensisches Kind auf andere Weise bewegen kann.

Huda El Shuwas Der Drache von Bethlehem (2017), illustriert von Hanane Kai, macht diese vertikale Bewegung noch deutlicher. Der Protagonist Khadr ist ein sechzehnjähriger Junge, der im Flüchtlingslager Dheisheh in der Nähe von Bethlehem lebt und noch nie das Meer gesehen oder Jerusalem besucht hat. Dann erscheint ein Drache und trägt ihn hinauf in den Himmel, über Bethlehem, Jerusalem und die umliegende Landschaft.

Die Fantastik leistet hier etwas politisch und ästhetisch Wichtiges. Sie gibt nicht vor, dass die Mauer verschwunden sei. Auch entdeckt Khadr nicht, dass das Problem lediglich in seiner Unfähigkeit lag, die Menschen jenseits der Mauer zu verstehen. Stattdessen verändert der Drache den Maßstab, aus dem die Landschaft betrachtet werden kann. Vom Boden aus wird Palästina als eine Folge von Unterbrechungen erlebt: Lager, Kontrollpunkt, Mauer, Straße, unzugängliche Stadt. Aus der Luft lassen sich diese Fragmente für einen Moment als Teile einer zusammenhängenden Landschaft wahrnehmen.

Hier erzeugen die palästinensischen Bücher ein Paradoxon, das mich zunehmend interessiert: Je unerbittlicher die Einschränkung als Realität behauptet wird, desto fantastischer werden die Mittel der Fortbewegung. Die palästinensische Fantastik verleiht ihren jungen Protagonisten häufig genau jene Fähigkeiten, die ihnen die politische Geografie verwehrt: Unsichtbarkeit, Flug, magische Durchgänge oder alternative Wege.

Der Himmel ist jedoch nicht einfach ein freier Raum. Palästinensische Kinderbücher wissen, dass auch er besetzt ist. Imans Flugdrachen steigt in einen Himmel auf, der von Militärflugzeugen bedroht wird; Khadr hört Drohnen über Dheisheh. Daraus entsteht ein weiterer Gegensatz, der im einfachen Bild des „Überfliegens der Mauer“ fehlt. Der Himmel birgt zwei radikal unterschiedliche Formen des Fliegens: den technologischen Flug der Überwachung und der militärischen Macht und den fragilen, imaginativen Flug von Kindern, Flugdrachen, Schmetterlingen und Drachen.

Die palästinensische Mauer wird also durchaus symbolisch – allerdings durch einen anderen literarischen Vorgang. Sie kann Eingeschlossenheit, Fragmentierung oder unterbrochene Kontinuität symbolisieren, bleibt jedoch ein Hindernis, dem die Figuren physisch begegnen. Die Fantastik verwandelt die Mauer nicht in etwas anderes. Sie verwandelt die Fähigkeit des Kindes, sich in Bezug auf sie zu bewegen.

Die Geografie der Vorstellungskraft

Und das bringt mich zurück zu Zita. Meine Großmutter musste sich keinen Drachen und keinen Flugdrachen vorstellen, um das Nachbardorf zu erreichen. Sie ging zu Fuß dorthin. Zu meiner Kindheit war dieselbe Reise aus der alltäglichen Geografie in die Welt der Geschichten übergegangen. Zita lag noch immer gleich hinter Jatt, doch es gehörte zu einer Welt, die ich eher durch Erinnerung und Vorstellungskraft als aus eigener Erfahrung kannte.

Vielleicht ist es genau das, was Mauern in der Kinderliteratur letztlich bewirken: Sie teilen nicht einfach nur den Raum, sondern ordnen das Vorstellbare neu. Die hier besprochenen israelischen und palästinensischen Bücher reagieren auf diese Trennung auf deutlich unterschiedliche Weise. In mehreren israelischen Geschichten wird die Mauer von den politischen Bedingungen, die sie hervorgebracht haben, losgelöst und in eine Metapher für gegenseitige Angst, Missverständnisse und gescheitertes gegenseitiges Erkennen verwandelt. Dieser Schritt macht Versöhnung vorstellbar, jedoch oft um den Preis der Symmetrie: Beide Seiten erscheinen gleichermaßen durch eine Mauer getrennt, deren Erbauer, Tore und ungleiche Auswirkungen nach und nach aus der Geschichte verschwinden. Die politische Frage, wer sich bewegen kann und wer daran gehindert wird, wird zu der ethischen Frage, ob wir lernen können, einander anders zu sehen. Palästinensische Bücher neigen dazu, sich dieser Abstraktion zu widersetzen. Wenn Kinder die Mauer nicht überqueren können, können es Flugdrachen, Schmetterlinge und Drachen. Fantastik mildert in diesem Sinne die politische Realität nicht ab; sie legt offen, was diese Realität unmöglich gemacht hat.

Und das ist vielleicht das Wirkungsvollste, was Kinderliteratur mit einer Mauer tun kann: sie nicht unbedingt verschwinden zu lassen, sondern die Geografie, die sie schafft, befremdlich statt natürlich oder unvermeidlich erscheinen zu lassen. Die hier besprochenen palästinensischen Bücher tun dies, indem sie uns daran erinnern, dass das, was heute Fantastik erfordert, einst vielleicht ganz alltäglich war. Meine Großmutter ging zu Fuß nach Zita. Ich bin mit Geschichten darüber aufgewachsen. Irgendwo zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Geschichte einer Mauer – und vielleicht auch der Grund, warum die Kinderliteratur immer wieder Wege imaginiert, sie zu überwinden.


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