Der Fisch stinkt vom Kopf her
C.H. BeckEvan Osnos | Yacht oder nicht Yacht | C.H. Beck | 315 Seiten | 20 EUR
Nein, ich bin nicht neidisch. Als ich 20 oder 21 Jahre alt war, habe ich quasi ein Gelübde abgelegt, dass ich nicht reich werden wollte. Auf keinen Fall! Bitte nicht. Aber ich bat darum, dass mir doch immer die grundlegenden Dinge des Lebens zur Verfügung stehen würden und ich meine Miete immer würde bezahlen können. Bisher ist mir dieser Lebensweg im Großen und Ganzen gelungen.
Der außergewöhnlich starke Reichtum einer kleinen Schicht in den meisten Ländern dieser Welt rückt immer stärker ins Bewusstsein. Es reicht nicht mehr, die neuen Ultrareichen einfach neidlos ihr Leben leben zu lassen. Ihre Macht und ihr Einfluss sind so groß geworden, dass sie ganze Gesellschaften destabilisieren können. Evan Osnos zitiert in seinem Buch Yacht oder Nicht Yacht / Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen eine entsprechende Studie. Hier muss ich zugeben, dass ich diesen Punkt in meiner Rezension des Buches Der kommende Sturm vergessen hatte, das von der Gefahr eines Dritten Weltkriegs handelt, obwohl der Autor explizit darauf hinwies.
Evan Osnos ist ein US-amerikanischer Journalist und Autor, der für das Magazin „The New Yorker“ arbeitet. Sein Buch, ein Bestseller, erschien 2025. Im Februar dieses Jahres brachte C.H. Beck eine deutsche Taschenbuchausgabe heraus. Im Juni folgte der Verlag Schuster & Simon mit einer englischen. Das Buch ist eine Zusammenstellung von Essays bzw. Reportagen, die der Autor zuvor im „The New Yorker“ veröffentlichte. Der älteste Text stammt aus dem Jahr 2017. Der Autor teilt sein Buch in drei Großkapitel: 1. Die Belohnungen: Wie man sein Geld ausgibt. 2. Die Methoden: Wie man sein Geld behält. 3. Die Gefahren: Wie man sein Geld verliert. Jedes Großkapitel besteht aus drei Essays.
Der Einstieg ist titelgebend für das Buch. Es geht um Yachten, die Jahr um Jahr größer werden. Man kauft sie, wie ein Milliardär Osnos erklärt, weil es eine gute Art ist, überschüssiges Geld auszugeben. Aber vor allem, um den anderen Ultrareichen zu zeigen, welchen Status man besitzt. Als Leser kommt man nicht darum, die Frage, wer die größte Yacht besitzt, unter phallischen Gesichtspunkten zu betrachten. Wer ist der Größte? Wer hat den Längsten? Wer hat die meiste Macht?
Yachten sind auch deshalb so begehrt, weil man sich auf dem Meer auf exterritorialem Gebiet befindet und somit de facto außerhalb des Gesetzes. Evan Osnos lässt einen Segler zu Wort kommen, der sagt: „Wenn der Rest der Welt erfährt, wie es sich auf einer solchen Yacht lebt, wird er die Guillotine wieder einführen.“ Später lernte ich im Buch die mir unbekannte Buchstabenkombination GOAT kennen. Nein, es ist keine Ziege. Es bedeutet „Greatest of All Times“.
Ultrareiche sind oft Menschen, die nicht nur viel riskieren, sondern auch viel analysieren. Das tun sie auch im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung der Menschheit. Viele machen sich Gedanken darüber, wie sie einem als möglich betrachteten gesellschaftlichen Zusammenbruch entfliehen können, an dem sie selbst, dessen sind sie sich erstaunlich oft bewusst, maßgeblich mitgewirkt haben. Hier ein Tipp für uns alle: Bei einer Flucht ist es wichtig, nicht nur über ein bereitstehendes Flugzeug und einen Piloten zu verfügen, sondern unbedingt auch die Familie des Piloten mitzunehmen. Es dauerte eine Weile für die Einsicht, dass ein Pilot nur ungern seine Familie einem schrecklichen Schicksal überlassen würde, um seinen Arbeitgeber zu retten, aber letztendlich haben sich die Ultrareichen, die sich mit diesem Thema befassen, von dieser bedauernswerten Notwendigkeit überzeugen lassen.
Evan Osnos thematisiert immer wieder, wie sich die Grundeinstellungen der Eliten in den USA seit etwa 1980 grundlegend gewandelt haben. Noch vom Puritanismus beeinflusst, zeigten die US-amerikanischen Super-aber-noch-nicht-Ultrareichen ihren Reichtum eher ungern. Man protzte nicht. Man bekannte sich zu Werten und fühlte sich der Allgemeinheit gegenüber verpflichtet. Ausnahmen bestätigten die Regel. Mit dem großen Geld, das die Globalisierung und die rasanten technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ermöglichten, verschwanden diese Einstellungen mehr und mehr. Schon länger gilt: So viel wie möglich, so schnell wie möglich. Egal wie. Am Beispiel privater Konzerte von berühmten Musikern auch bei Diktatoren, die mit Millionen Dollar bezahlt werden, zeigt der Autor diesen Bewusstseinswandel auch in einer Branche auf, die in den 60er bis 80er Jahren des letzten Jahrhunderts davon gelebt hat, Rebellen gegen das Establishment darzustellen.
Wer mehr über Mark Zuckerberg erfahren will und wie er seinen Reichtum erhält und weiter ausbaut, wird in diesem Buch gut bedient. Evan Osnos zeichnet sein Porträt behutsam. Er beobachtet, stellt Fragen, bringt Ergebnisse von Recherchen ein und tut dies alles auf eine erfrischend unideologische Art, ohne seinen Focus zu verlieren.
In seinem Text „Die Regeln der herrschenden Klasse“ beginnt er mit Tucker Carlson, der einen Tag, bevor dieser Text geschrieben wurde, seine Unterstützung für den amerikanischen Präsidenten zurückgezogen hat. Es geht unter anderem darum, dass Menschen, die Teil der Elite sind, das Beschimpfen derselben zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Sein Vater soll ihm den Journalismus mit den Worten „Die nehmen jeden“ empfohlen haben, nachdem sein Sohn bei mehreren Wegen, die er in seinem Leben einschlagen wollte, die Zugangsprüfungen nicht bestanden hatte.
Eliten wird es immer geben, sie werden aber auch immer wieder erneuert. Die Geschichte ist ein Friedhof der Eliten, sagte Vilfredo Pareto, der um 1900 das Wort geprägt hat. Will man dazu gehören, spielt nicht nur das Geld eine Rolle, man braucht auch ein feines Gespür für die Regeln. Der Kampf um die Spitze ist unerbittlich, denn der Gipfel einer Pyramide kann nicht allen Platz bieten. Im Silicon Valley soll die Prognose verbreitet sein, dass die Künstliche Intelligenz die Welt in zwei große Klassen spalten wird. Die einen sind diejenigen, die der KI sagen, was sie tun soll, die anderen diejenigen, denen die KI sagt, was sie tun sollen.
Manche graben sich selbst ihr Grab, weil ihre Machenschaften zu offensichtlich illegal sind und sie auffliegen. Es gilt die Regel, dass die Dinge, die sie so erfolgreich gemacht haben, auch die Dinge sind, die zu ihrem Untergang beigetragen haben. Das sagt jemand, der selbst recht lange im Gefängnis gesessen und danach zuerst Selbsthilfegruppen straffällig gewordener Menschen aus dem Big Business organisierte und später eine neue berufliche Karriere als Berater für solche Fälle aufgebaut hat.
Es gibt darunter Menschen, die wohl so dachten wie Leona Hemsley, die ihrer Haushälterin sagte, wir zahlen keine Steuern, nur die kleinen Leute zahlten Steuern, bevor sie dann eines Tages in Gefängnis gehen musste. Aber die Gefahr, dass es so weit kommt, wird unter Donald Trump immer geringer. Die Anzahl der Mitarbeiter der Steuerprüfungsbehörden wird konsequent reduziert. Die USA sind im internationalen Vergleich aber wohl eher die Regel als die Ausnahme.
*Buffett-Zitat im Original: "There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning."
Wer dieses Buch liest, muss einigen Widerstand aufbauen, um nicht zum Verschwörungstheoretiker zu mutieren. Warren Buffett sagte 2005, als Kritiker dessen, was er konstatierte: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“* Aber eines weiß ich sicher: Auch die Reichsten und Mächtigsten haben letztendlich ihr Schicksal genauso wenig selbst in der Hand wie alle anderen. Putins Krieg gegen die Ukraine und Trumps Krieg gegen den Iran sind dafür die aktuellsten Beispiele.
Evan Osnos hat mit seinem Buch gezeigt, wie die Welt der Ultrareichen von innen aussieht, wie sie leben und was sie denken. Davon eine realistische Vorstellung zu besitzen, könnte sich für unsere Zukunft noch als wichtig erweisen.
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