Von der Nutzlosigkeit der Worte
PenguinTash Aw | Der Süden | Penguin | 288 Seiten | 24 EUR
Eine Obstfarm im Süden Malaysias, nur eine Autostunde von Singapur entfernt. Angebaut werden Drachenfrucht, Papaya und Sternfrucht, außerdem die leuchtend roten und außen ziemlich haarigen Rambutanfrüchte. Das ist der Schauplatz von Tash Aws neuem Roman Der Süden, der 2025 erschien. Der aus Malaysia stammende Autor schaffte es damit direkt auf die Longlist des Booker Prize; nun liegt der Roman auch in deutscher Übersetzung vor.
Die Farm gehörte einst dem Großvater der Familie Lim. Er kam als Jugendlicher aus der bitterarmen chinesischen Provinz Guangdong nach Malaysia und brachte es als Händler für Autoersatzteile zu Wohlstand, sodass seine Kinder studieren konnten und in die malaysische Mittelschicht aufstiegen.
Der Besitz einer kleinen Obstfarm im abgelegensten Teil des Landes passt deshalb nicht so recht zu dieser erfolgreichen Migrationsgeschichte. Die Familie Lim lebt viele Stunden entfernt in der Hauptstadt Kuala Lumpur und hat kaum Zeit, auf der Farm zu sein. Der Obstanbau ist zudem harte Arbeit und bringt wenig ein, meist ist er ein Zuschussgeschäft und mit Verlusten verbunden. Doch der alte Mann hatte als Kind erlebt, wie seine Familie in dem von Überschwemmungen und Not heimgesuchten China immer wieder vertrieben wurde und neu anfangen musste. Deshalb bedeutete ihm der Besitz dieser kleinen Farm so viel. „Alle halten mich für verrückt“, hatte er seiner zukünftigen Schwiegertochter Sui erklärt. Sie war die Einzige in der Familie, die sein Bedürfnis nach Sicherheit verstand. Möglicherweise deshalb erbte sie und nicht der Sohn nach dem Tod des Alten dieses Stück Land. Und deshalb verbringt die Familie nun auf Suis Wunsch die großen Ferien im heißen Süden auf der Familienfarm: Vater Jack und Mutter Sui, außerdem die beiden Töchter Lina und Yin sowie der sechzehnjährige Jay.
So beginnt Aws mittlerweile fünfter Roman, und er verlegt seine Geschichte zudem in die Jahre einer Multikrise, wie wir sie auch aus unserer Zeit nur zu gut kennen. Ab dem Frühjahr 1997 machte sich zum einen das Klimaphänomen El Niño in vielen Teilen der Welt bemerkbar. Es bescherte auch Malaysia eine schwere Dürre, deren Auswirkungen auf der Obstfarm nicht zu übersehen sind. Einen Namen für das Phänomen bringt jedoch erst die zeitungslesende Familie aus der Stadt mit. Zum anderen erschütterte in den späten 1990er-Jahren eine schwere Wirtschaftskrise viele asiatische Länder. Sie erreichte auch die kleine Stadt unweit der Farm, die bislang von der Nähe zum boomenden Singapur profitiert hatte. Nun stehen halbfertige Ferienanlagen herum, Investitionsruinen, für die große Schneisen in die Wälder geschlagen wurden. Beide Krisen geben der ohnehin schon wenig profitablen Farm den Rest: Die Ernte ist so mickrig, dass sie sich kaum noch verkaufen lässt, und die indonesischen Wanderarbeiter bleiben aus.
In dieser Atmosphäre von Krise, Stillstand und flirrender, staubiger Hitze setzt die Handlung ein, die zunächst viele Merkmale einer Coming-of-Age-Geschichte enthält: die großen Ferien, den Ortswechsel, die erste Liebe und sexuelle Erfahrungen sowie Jugendliche, die sich zunehmend von ihren Eltern lösen. Erzählt wird zumeist aus der Perspektive des sechzehnjährigen Jay. Sein strenger Vater hält ihn zur Farmarbeit an, da er sich erhofft, den in seinen Augen zu zarten Jungen dadurch abzuhärten. Doch Jay findet Gefallen an der Knochenarbeit, vor allem weil er dabei Zeit mit Chuan verbringen kann, dem drei Jahre älteren Sohn des Farmverwalters Fong. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, verlieben sich und sind schon bald ständig zusammen. Der Ich-Erzähler erlaubt sich dabei ein paar Mal, mit etwas Wehmut und auch Abgeklärtheit auf sein jüngeres Ich zurückzublicken, auf seine Unbeholfenheit, seine Wünsche und Hoffnungen. Vor allem aber gibt er den unmittelbaren Erfahrungen des Jungen viel Raum und lässt beinahe körperlich nachfühlen, wie intensiv die Eindrücke und Erlebnisse dieser Wochen im Süden für ihn waren. Bestimmen die Eltern zunächst noch den Tagesrhythmus, nehmen sich die Jugendlichen zunehmend Freiheiten, auch weil die Erwachsenen genug mit sich selbst beschäftigt sind. Chuan und Jay, manchmal begleitet von Lina und Yin, fahren mit Scootern durch die Nacht, kaufen sich auf dem Nachtmarkt des nahen Städtchens Murtabak mit Currysauce und Tiger-Bier, schwimmen in einem aus einer alten Zinngrube entstandenen See und singen Jacky-Cheung-Songs in einer Karaokebar. Krise und Niedergang sind in diesen Momenten vergessen, hier gibt es nur die Intensität und Leichtigkeit der ersten Liebe. Dass diese Liebe aber nicht im luftleeren Raum passiert, sondern in einer von Klassenunterschieden, ethnischen Spannungen und Homophobie geprägten Gesellschaft, lässt der Roman dabei an keiner Stelle vergessen. Wenige, pointiert gesetzte Szenen und Dialoge genügen ihm dafür. Und das ist mehr als stimmig, denn der junge Jay, dessen Stimme wir die meiste Zeit folgen, durchschaut die gesellschaftlichen Probleme kaum.
Auch wenn also die Perspektive des Sechzehnjährigen den Roman in weiten Teilen ausmacht, lässt der Autor noch zwei weitere Stimmen sprechen. So bekommt Jays Mutter Sui, die Erbin der Farm, Raum für ihre Geschichte und ihre Sicht der Dinge. Auch den Farmverwalter Fong, seine Vorgeschichte und seinen Blick auf die Familie aus der Hauptstadt lernen wir in einigen Passagen kennen. Beide erzählen aus der unmittelbaren Gegenwart des Geschehens und erweitern so den Adoleszenzroman zu einer vielschichtigen Familiengeschichte, in der sich zugleich die Umbrüche der malaysischen Gesellschaft widerspiegeln. Auffällig ist jedoch, dass von diesen beiden Erzählsträngen der sich erinnernde Jay auch im Rückblick ausgeschlossen bleibt, und hier zeigt sich, wie klug und präzise Aw seinen Roman gebaut hat. Was bei den Erwachsenen in diesen Wochen im Süden eigentlich los war, scheint er trotz aller Abgeklärtheit, die gegenüber dem eigenen sechzehnjährigen Ich immer mal wieder aufblitzt, noch immer nicht zu wissen.
Bewusst verweigert Tash Aw seiner Figur Jay, was Coming-of-Age-Geschichten sonst häufig erzählen: schmerzvolle Erkenntnisse und Einsichten, die dann aber auch eine Art Reifeprozess ermöglichen. Diese Entscheidung mag für manche Leser etwas unbefriedigend sein, sie ist aber konsequent, denn mit der Wahl dieser Erzählkonstruktion unterstreicht der Roman, wie die verschlossene Familie Lim eigentlich funktioniert. Denn selbst der junge Jay scheint schon die Haltung seiner Eltern übernommen zu haben, dass Worte eigentlich nutzlos sind. Offen lässt Aw jedoch, ob die Jugendlichen deshalb die Fehler der Eltern, ihre Unfähigkeit, sich einander zu öffnen, wirklich wiederholen müssen oder schließlich doch ganz eigene Wege gehen. Am Ende des Romans wünscht man es ihnen.
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