Das Leben als Echo
AtlanticOyinkan Braithwaite | Cursed Daughters | Atlantic Books | 379 Seiten | 18,99 GBP
Die nigerianische Literatur, die so wie die nigerianische Filmindustrie, das sogenannte Nollywood, einen fast schon unheimlich facettenreichen Output hat, ist immer wieder für Überraschungen gut. Nicht unbedingt von den modernen Klassikern Nigerias wie Wole Soyinka oder Chimamanda Ngozi Adichie, deren letzter Roman Dream Count bei aller formalen Eleganz und politischen Dringlichkeit mehr programmatischer Aktivismus als literarische Verdichtung war. Sondern vielmehr von einer jüngeren Generation, die erzählerische Wagnisse eingeht. Sei es die innovative Facebook-Lyrik oder ein Roman wie The Girl with the Louding Voice von Abi Daré, der nicht nur inhaltlich durch das Coming-of-Age eines jungen Dienstmädchens erschütterte, sondern vor allem auch sprachlich eine Wucht war: einem Englisch, das zwischen Standard und Pidgin changiert und die Selbstermächtigung zu einer hörbaren Bewegung macht.
Anders als in Abi Darés Roman, in dem ein marginalisiertes junges Mädchen vom Land in die Stadt „verkauft“ wird und als Dienstmädchen einen fast schon biblischen Leidensweg durchstehen muss, sehen wir uns in Der Fluch der Falodun Frauen mit der nigerianischen Mittelklasse und Oberschicht konfrontiert. Oyinkan Braithwaite, die in London lebt, setzt nach dem Erfolg ihres Thrillers My Sister, The Serial Killer einen neuen Schwerpunkt in ihrem Schaffen, abseits des Genres „Thriller“. Sie siedelt ihren Roman in Häusern mit vergitterten Fenstern an, an Stränden von Lekki, in Autos mit Fahrern und in Familien, die sich ihrer sozialen Stellung sehr bewusst sind und gerade deshalb umso stärker von inneren Gespenstern heimgesucht werden.
BlumenbarOyinkan Braithwaite | Der Fluch der Falodun Frauen | Blumenbar Verlag | 432 Seiten | 24 EUR
Auch Der Fluch der Falodun Frauen ist ein Coming-of-Age-Roman und einer, der das Erwachsenwerden gleich über mehrere Generationen hinweg verhandelt. Der Fluch, der über den Frauen der Falodun-Familie liegt – „No man will call your house his home. And if they try, they will not have peace …“ – wirkt wie ein archaisches Verdikt, das an moderne und antike Tragödien erinnert. Man denkt an die Gespenster von Henrik Ibsen: Auch dort sind es nicht übernatürliche Kräfte, sondern verschleppte Wahrheiten und vererbte Schuld, die die Gegenwart vergiften.
Als Ebun ihre Tochter Eniiyi am Tag der Beerdigung ihrer Cousine Monife zur Welt bringt, beginnt das Raunen. Die Ähnlichkeit sei zu frappierend. In einer beklemmenden Szene betrachtet Ebun die Brandnarbe des Kindes: „This burn, the shape of it …“. „Mo’s was bigger“, sagt sie – und doch kriecht „a sense of dread … like a cat, digging its claws into her skin“ über ihre Schultern. Braithwaite bildet diese Momente mit feiner Ironie und psychologischer Genauigkeit ab; der Aberglaube entsteht nicht aus Dummheit, sondern aus einem instinktiven Bedürfnis nach Sinn.
Formal springt der Roman zwischen Zeiten, Stimmen und Lebenslinien. „Kemi, daughter of Afoke, daughter of Kunle …“ – diese genealogische Kette ist kein bloßes Ornament, sondern ein erzählerisches Prinzip. Die Vergangenheit ist stets anwesend. Und immer wieder steht da das Haus der Faloduns. „She looked back at the house. It would be years before she returned home …“ – Jahre später würde sie wissen, dass „Sango the Immortal“ sterben, dass Oba um die Mutter werben, dass Ebun ausziehen würde. „All that would remain of the Falodun house were the ghosts.“ Dieses Haus ist mehr als Kulisse; es ist Speicher, Resonanzraum und Schicksalsmaschine in einem. Das erinnert an Heimsuchung von Jenny Erpenbeck, aber auch an neuere filmische Versuche, Zeit und Raum zu verschränken – etwa Here von Robert Zemecki oder In die Sonne schauen von Mascha Schilinski . Wie dort wird auch in Lagos ein Ort zur Matrix von Generationen.
Zugleich ist Der Fluch der Falodun Frauen ein sehr gegenwärtiger Roman. Tribalismus, soziale Codes, urbane Jugendkultur – all das fließt organisch in Braithwaites Text mit ein. Wenn Eniiyi trotzig sagt: „My mum isn’t tribalist“, und Zubby trocken erwidert: „All Nigerians are tribalist“, dann ist das mehr als ein Liebesstreit. Es ist ein Spiegel gesellschaftlicher Bruchlinien. Und wenn Eniiyi als Kind zwei Figuren malt – „Small me and big me“ –, dann verdichtet sich darin das zentrale Motiv: die Verdopplung, das Leben als Echo.
Bemerkenswert ist, wie Braithwaite moderne Diskurse integriert, ohne sie auszubreiten. Eniiyi liest über „epigenetics and generational trauma“ und fragt sich, ob es nicht neuronale Prägungen statt Flüche sind, die hier am Werk sind: Vielleicht sind es nicht Geister, sondern Marker im Erbgut, die die Falodun-Frauen immer wieder an die falschen Männer binden. Doch der Roman entscheidet sich nicht, er lässt die Ambivalenz stehen.
In den Dialogen zeigt sich eine von Braithwaites großen Stärken. „We did our best by both of you.“ – „And yet …“ Mehr braucht es nicht, um die Tragik einer Familie offenzulegen. Selbst die überraschende Begegnung mit dem Vater – „I don’t want you to feel pressure … I know you Gen Z people care a lot about boundaries“ – wird nicht pathetisch, sondern tastend erkundet.
Am Ende ist Der Fluch der Falodun Frauen ein Roman über zweite Chancen – und über die Frage, ob man das Skript der Vorfahren überschreiben kann. Wie bei Ibsen oder im antiken Drama, das afrikanische Autor:innen seit Langem produktiv inkorporieren, scheint das Schicksal unausweichlich, und doch liegt in jeder Entscheidung auch ein Riss, durch den Freiheit dringt. Braithwaite verbindet Humor und Härte, Moderne und Mythos zu einem vibrierenden Bild von Lagos und seinen Frauen und einem Roman, der zeigt, dass die Gespenster bleiben mögen, doch sie müssen nicht unbedingt das letzte Wort haben.
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