Radikale Netz-Identitäten

Radikale Netz-Identitäten

Zynisch bis über die Schmerzgrenze hinaus: In Tony Tulathimuttes vielfach ausgezeichneter Story-Sammlung „Fiasko“ erheben die Außenseiter unter den Millenials ihre (literarische) Stimme
Foto Tony Tulathimutte
Bildunterschrift
Toni Tulathimutte
Buchcover Tony Tulathimutte

Tony Tulathimutte | Fiasko | dtv | 384 Seiten | 26 EUR

Rejection heißt das zweite Buch von Tony Tulathimutte im Original. Zurückweisung. Damit ist der Nucleus benannt. Der deutsche Titel Fiasko bringt eine Bedeutungsverschiebung mit sich – und trifft genauso ins Schwarze. Denn nichts anderes als Blamagen, Enttäuschungen und Bruchlandungen er- und durchleben die Hauptfiguren der sechs „Fiktionen“, also Erzählungen, in zunehmend katastrophalen Varianten. 

Die Auftaktfiktion „Der Feminist“ wurde bereits 2019 in der US-amerikanischen Literaturzeitschrift „n +1“ veröffentlicht und war dort der meistaufgerufene Artikel ever. Sie handelt von einem namenlosen Erzähler, der sich selbst als Feminist versteht. Dass er bei keiner Frau sexuell punktet, sondern stets in der Friendzone sitzen bleibt, lastet er allein seinen schmalen Schultern an. Tulathimutte entwirft das messerscharfe Charakterporträt eines sich zum Incel radikalisierenden Mannes, eines Zurückgewiesenen – the rejectet man –, der Frauen für seine Einsamkeit verantwortlich macht: „Natürlich ist keine bestimmte Frau dazu verpflichtet, uns attraktiv zu finden … aber die Tatsache, dass von Milliarden Frauen nicht eine einzige uns attraktiv findet, beweist ein kategorisches Versagen, eine massenhafte Aufkündigung des Gesellschaftsvertrags …“ Dass solche Gedankengänge im Fiasko enden, liegt nahe. 

In den weiteren Fiktionen zieht Tulathimutte die literarische Daumenschraube immer weiter an – und verstärkt den Effekt, indem er seine Hauptfiguren mitunter als Sidekicks in anderen Storys auftreten lässt und sie dort aus anderer Perspektive betrachtet respektive be- und abwertet. So hat Alison in „Pics“ noch nie die Liebe erlebt, war aber in der Highschool ein bisschen in den Feministen verknallt. Jahre später trifft sie ihn zu einem „unterirdischen“ Date und hat trotz ihres Widerwillens gegen sein schleimiges Verhalten Sex mit ihm. „Wenigstens bin ich jetzt mal die, die einen aus Mitleid ranlässt.“ Über ihr unentwegtes Männerdebakel beklagt sich Alison bei ihren Freundinnen in einer Chatgruppe – und bringt diese zum Implodieren, als sie ihren ungefilterten Frust auf die teils schwangeren und in Beziehung lebenden Frauen projiziert. 

Internet und soziale Medien sind in allen Storys höchst präsent – bis hin zu „Main Character“, die sich auf mehreren Ebenen komplett im Virtuellen abspielt: Bee ist laut Eigenaussage die „allgegenwärtigste Person im Internet“, ob auch real existent, bleibt unklar. Bee hat für 22 Dollar das eigene Gender verkauft und wehrt sich vehement gegen jegliche Zuschreibung. Als Kind thailändischer Eltern aufgewachsen in Massachusetts, teilt diese Figur biografische Eckdaten mit dem 1983 in Kentucky geborenen Autor – und vielleicht auch die eine oder andere Erfahrung: „Aber irgendwann in der Siebten entdeckte ich das seltenere vierte Pokémon: trotzige Abgrenzung. Ich bin nicht aus Asien, ich bin ein Alien! Man macht den Minderheitenstatus zum Trumpf, verschafft sich Narrenfreiheit und drängt mit Absicht ins Abseits; dann hat man zwar immer noch keine Freunde, aber wer will schon die ganzen Arschlöcher als Freunde?“    

Ein wahrer Coup ist die zusätzliche siebte Fiktion mit dem Titel „AW: Fiasko“. Ein namenloser Verlag lehnt das Manuskript eines gewissen Tony ab. Man habe es „hier mit großen Interesse gelesen und angeregt darüber diskutiert“, sehe es aber leider als unpassend fürs eigene Programm. Warum, wird wortreich erklärt. Sämtliche im Buch vorkommende Figuren verfügten über eine gewisse Nähe zu ihrem Autor, „das Problem ist nicht Aneignung, sondern Offenherzigkeit“. Virtuoser als hier hat noch kein Schriftsteller potentielle Nörgeleien an der literarischen Vorgehensweise ausgehebelt respektive zurückgewiesen: „Unsere Spekulationen über deine Intention als Autor mögen dir unfair und übergriffig vorkommen, aber das hier ist keine Literaturkritik, sondern Feedback.“ 

Tatsächlich heimste der Autor mit Fiasko Preise und Nominierungen ein: Die „New York Times“ kürte es zum „Best Book of the Year“, das „Time Magazine“ wählte es zu den „100 Must-Read Book of the Year“, und es war unter anderem nominiert für den National Book Award.

Ins Deutsche übertragen wurde diese furiose Literatur von einem Dreierteam. Alleine habe sie sich nicht so recht an das Buch herangewagt, sagt die versierte Übersetzerin Stefanie Jacobs. Die Boshaftigkeit und intellektuelle Kälte habe sie abgeschreckt. Da jede Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt wird, lag eine Aufteilung nahe, und dass mit Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr sowohl die weibliche als auch die männliche Perspektive einfloss, kam der diffizilen Übersetzungsarbeit zugute. Um Tulathimuttes eigenwilligem Sound gerecht zu werden, haben die drei für bestimmte Passagen wie Chatverläufe und spezielle Foren-Posts eine Kunstsprache entwickelt und sich in einer eigens gegründeten WhatsApp-Gruppe eng abgestimmt. Auch hätten sie sich natürlich viel im Netz herumgetrieben, so Jacobs, und 20-Jährige gefragt, wie diese chatten und online kommunizieren.

Die Grundlage für jede zwischenmenschliche Kommunikation seien Großzügigkeit und Präzision, schreibt die deutsche Autorin Daniela Dröscher in ihrem Essay »Sprechen«: Je präziser und großzügiger wir in unserem Sprechen seien, desto besser könnten wir in die Verbindung gehen. An fehlender Präzision mangelt es Tulathimuttes klugen Figuren keineswegs, wohl aber an Großzügigkeit – und an Empathie. Ob in ihren raren realen oder den vielfältigen virtuellen Kontakten: Die Millennials in diesem Buch kreisen so beharrlich um sich selbst, dass sie jede Begegnung mit anderen allenfalls als Feuerprobe für die eigenen Annahmen nutzen. Für die Figuren ein Fiasko, für Lesende ein Vergnügen. Wenn auch ein bitterböses.


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