Deutsche Kolonialverbrechen in Namibia
C.H. BeckMatthias Häussler | Die Last der Sonne | C.H. Beck | 316 Seiten | 32 EUR
Das konnte nicht gut gehen. Auf der einen Seite stand ein Newcomer, denn das junge Deutsche Reich besaß vor 1884 keinerlei eigene Kolonien. Auf der sogenannten Kongo- oder Westafrikakonferenz 1884/85 in Berlin teilten die europäischen Staaten Afrika unter sich auf. Das Deutsche Reich hatte noch vor Beginn der Konferenz seinen Anspruch auf Südwestafrika erhoben und das Land des Kaufmanns Lüderitz offiziell zu einem deutschen Schutzgebiet erklärt. Das war der Startschutz für die deutsche Kolonialpolitik, die mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg endete.
Deutschland war nie wieder so stark und selbstbewusst wie in der Zeit zwischen der Gründung des Nationalstaates 1870/71 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Die alte Kulturnation hatte schon vor der Reichsgründung in rasantem Tempo zu den bereits früher industrialisierten Ländern aufgeschlossen, jetzt setzte sie sich in vielen Feldern an die Weltspitze. Auch in der Kolonialpolitik wollten die Deutschen aufholen, was sie bisher versäumt hatten. Das Land strotzte vor Kraft. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, war ein verbreiteter Spruch. Er war eine zugespitzte Version einer Gedichtzeile, die die nationale Einheit als Heilmittel gegen die Zersplitterung in teils winzige Einzelstaaten propagierte. Sie wurde gegen die Intention des Dichters, Emanuel Geibel, verwandt, um eine allgemeine Überlegenheit Deutschlands zu postulieren. Im blühenden Rassismus der Europäer im 19. Jahrhundert war auch die Selbsteinschätzung als „Herrenmensch“ für viele Deutsche eine nicht weiter hinterfragte Normalität.
In Namibia trafen diese Deutschen auf sehr selbstbewusste Afrikaner. Den Norden beherrschten die Ovaherero, die das Land im 16. und 17. Jahrhundert erobert und beherrscht hatten und entsprechend stolz auf sich selbst waren. Matthias Häussler spricht davon, dass sie auf ein goldenes Zeitalter zurückblickten. Den Süden dominierten Gruppen, die aus Südafrika vor der weißen Unterdrückung geflohen waren. Oft waren es Mischlinge, die Afrikaans sprachen, lesen und schreiben konnten. Sie nutzten Feuerwaffen, Ochsenwagen und internationale Handelsbeziehungen. Diese Oorlan genannten Gruppen kamen als Warlords, Raubritter und Marodeure vor der Kolonisierung ins Land und verschmolzen mit der Zeit mit den ansässigen Nama. Ovaherero und Nama kämpften um die guten Weidegebiete Zentralnamibias und raubten sich gegenseitig ihre Rinder.
Matthias Häussler schreibt über beide Volksgruppen:
„Sie brauchten Waffen, Pulver und Blei, um Gewalt auszuüben, und mussten Gewalt ausüben, um Waffen Pulver und Blei erwerben zu können.“
Auf dieses Gemisch trafen die Deutschen, die den Afrikanern das Land wegnahmen, sie nicht als eigenständige Subjekte betrachteten und den Unterworfenen jede Kultur und Zivilisation absprachen. Von den Siedlern wurden sie als Freiwild betrachtet. Jeder Weiße konnte einen Afrikaner erschießen, ohne dafür belangt zu werden. Irgendwann war das Maß voll. Lieber sterben als so weiterleben, war die Parole, mit der sich zuerst die Ovaherero gegen die Gewalt der Deutschen wehrten. Die Nama nahmen den Krieg ein paar Monate später auf. Man schrieb das Jahr 1904.
Matthias Häussler, der Autor des Buches Die Last der Sonne: Die Kriege der Ovaherero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft, erschienen 2026 im Verlag C. H. Beck, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr-Universität Bochum und gilt als einer der führenden Experten zur deutschen Kolonialvergangenheit in Namibia. Er hat einen Doktortitel in Philosophie und Geschichte erworben. Und er versteht es in jedem Kapitel seines Buches, den Ovaherero und Nama ihre Menschenwürde zurückzugeben, die ihnen von den Deutschen so radikal abgesprochen und verwehrt wurde. Er geht den Kriegen, die von 1904 bis 1909 andauerten, im Detail nach. Er beschreibt die einzelnen deutschen Figuren genauso wie ihre Widersacher und resümiert, dass man „nach heutigen Maßstäben“ die Taten des deutschen Militärs und der Verwaltung nach der Beendigung der Kriege in den Konzentrationslagern, in die man die meisten Überlebenden verfrachtete und sterben ließ, als Genozid bezeichnen kann. „Nach heutigen Maßstäben“ ist auch die offizielle Position jeder deutschen Bundesregierung. Liest man das Buch, wird man das „kann“ durch ein „muss“ ersetzen. Matthias Häussler schreibt am Ende seines Buches:
„Es waren die Beamten, die ihr Heil in der Zerstörung oder, wie es salbungsvoller hieß, in der ‚Auflösung‘ der Gruppen suchten, die sie zwar jenseits der Schlachtfelder, aber nichtsdestotrotz mit unerbittlicher Konsequenz betrieben. […] Deswegen muss Genozid in Deutsch-Südwestafrika auch unabhängig vom Krieg gedacht werden. Die genozidale Politik überdauerte den Krieg – und wohl auch die deutsche Herrschaft.“
Ovaherero und Nama erwiesen sich für die deutsche Armee als taktisch und strategisch ebenbürtige Gegner und wurden nie vollständig besiegt. Sie scheiterten am Ende an fehlenden technischen Ressourcen, militärisch gedrillten Armeen und an der Kargheit des Landes, in dem der Besitz von Wasserstellen schlachtentscheidend sein konnte und über Leben und Tod entschied. Letzteres nutzte die deutsche Armee unter der Führung des Generals Lothar von Trotha gezielt, um die Ovaherero nicht nur zu besiegen, sondern zu vernichten.
(1) „Autochthon“ bedeutet, dass etwas ursprünglich zu einem bestimmten Ort gehört oder dort heimisch ist. Der Begriff beschreibt Menschen, deren Vorfahren schon seit sehr langer Zeit in einer Region leben.
Das, was Matthias Häussler beschreibt, liest sich wie die auf wenige Jahrzehnte zusammengepresste Vernichtung autochthoner (1) Menschen, wie sie an den nordamerikanischen Indianern in drei Jahrhunderten durchgeführt wurde. Darüber als Deutscher zu schreiben, ist mir nicht leicht gefallen. Beim Lesen hatte ich auch immer die von „uns“ durchgeführte Judenvernichtung im Hinterkopf. Und eine Einschätzung des deutschen Schriftstellers Ernst Wiechert, der nach seiner Erfahrung im nationalsozialistischen Konzentrationslager schrieb: „Der Firnis der Zivilisation ist bei allen Völkern wohl recht dünn, aber bei den Deutschen scheint er noch etwas dünner zu sein.“ Auch Asal Dardans Traumaland: Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart beschäftigt sich mit diesem Thema und verweist darauf, dass in Deutschland mehr Menschen mit Migrationsgeschichte getötet wurden als in jedem anderen europäischen Land – ein Umstand, der sich kaum allein mit der vergleichsweise hohen Bevölkerungszahl Deutschlands erklären lässt.
Anmerkung:
Es gibt noch ein zweites, sehr zu empfehlendes Buch zur Geschichte der Kriege der Ovaherero und Nama gegen die deutschen Kolonialisten. Es ist der Roman Morenga von Uwe Timm. Er swurde 1978 veröffentlicht und ins Englische, Französische und Türkische übersetzt. Zum 80. Geburtstag des Schriftstellers 2020 erschien eine Neuauflage bei dtv, die seitdem mehrmals nachgedruckt worden ist.
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