Indigene Schicksale in Montreal
Wieser VerlagMichel Jean | Tiohtiá:ke – Montreal | Wieser Verlag | 200 Seiten | 21 EUR
Jede größere Stadt kennt Obdachlosigkeit. Die offiziellen Zahlen schwanken, weil viele Personen auf der Straße in keiner Statistik auftauchen. In München sind derzeit ca. 11000 Menschen ohne Wohnung gemeldet, in Montreal, Québec, gibt es laut Schätzungen aus dem Jahr 2025 ca. 5000 sichtbar obdachlose Menschen, von denen besonders stark die Gruppe der indigenen Inuit betroffen ist. Michel Jean, der kanadische Autor, Journalist und Nachrichtensprecher, hat es sich seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht, indigene Lebensläufe und Schicksale für eine interessierte Leserschaft (zum Beispiel im Literaturhaus München) in Romanform zugänglich zu machen. Für seinen Bestseller Kukum wurde er 2020 mit dem Prix littéraire France-Québec ausgezeichnet. Darin erzählt er das Leben seiner Urgroßmutter, die sich als Weiße für ein Leben an einem See in Québec bei den Innu, die sich als „Première Nation des Pekuakamiulnuatsh“ bezeichnen, entschied.
Sein Roman Ninan: Tiohtiá:ke, Montreal („Ninan“ und „Tiohtiá:ke“ sind indigene Bezeichnungen für das Gebiet des heutigen Montreal) spielt in der größten Stadt der kanadischen Provinz Québec, wo der Innu Élie sich nach zehn Jahren im Gefängnis ein neues Leben in der ihm fremden Großstadt aufbauen muss, da er nach dem angeblichen Totschlag an seinem Vater aus seinem Reservat verbannt wurde. Völlig mittellos kommt er mit dem Bus in der Stadt an. Wo soll er schlafen? Wo essen? Wie an Geld kommen?
Jean erzählt diese Geschichte schnörkellos in sehr kurzen, lesefreundlichen Kapiteln, was teilweise eher wie ein Bericht als eine Erzählung wirkt. Der allwissende Erzähler bleibt zumeist nah an Élies Erleben dran, ab und an gibt es dabei kürzere Rückblenden in seine Kindheit und Jugend in seinem Heimatdorf Nutashkuan. Der Autor fächert aber auch weitere Lebensgeschichten auf; man lernt die Freunde und Schicksalsgenossen Élies und ihre verschiedenen Umstände kennen, die sich den Cabot Square als Treffpunkt ausgesucht haben. So die älteren Zwillingsschwestern Mary und Tracy, den weißhaarigen Nakota Jimmy (schon als Figur im Roman Maikan: Der Wind spricht noch davon, 2022, in Erscheinung getreten), welcher an Bedürftige warme Mahlzeiten austeilt oder den schweigsamen Cree Geronimo, der bald sein bester Freund wird. Kurze Dialoge veranschaulichen szenisch die zumeist eher karge Kommunikation der indigenen Exilanten.
Élie braucht wichtige Ermutigungen und Anstöße durch andere Menschen, um schließlich einen Weg aus der Obdachlosigkeit und Armut zu finden, einem erbarmungslosen und gefährlichen Leben auf der Straße. Zentrale Aspekte seines Weges sind das Wiederentdecken seiner Verbindung zur Natur und die Versuche der Aufarbeitung seiner Gewalterfahrungen. Hier berührt der Roman ein Thema, das auf den europäischen Leser, die europäische Leserin vielleicht klischeehaft (oder romanhaft?) wirken mag: Dass ein Mensch mit indigenen Wurzeln, auch wenn er in der Stadt lebt, wieder Zugang zu seiner ursprünglichen Heimat, und hier sind vor allem die Natur und Landschaft der Kindheit und das Fischen und Jagen gemeint, finden muss, um inneren Frieden zu erlangen. In diesem Fall wird es jedenfalls so erzählt. Der Autor bezieht in einem Interview zu diesem Thema persönlich Stellung: „Ich gehöre zu den Innu, die in den Städten leben, die aber dennoch eine Sehnsucht nach dem haben, was man uns genommen hat. Ich hätte unsere Kulturtraditionen gerne selbst gelebt, hätte unsere Sprache gelernt. Aber das wurde mir genommen. Schreiben bedeutet für mich, mich dem wieder anzunähern.“
Aber natürlich sind es in erster Linie die Erfahrungen von vertrauensvoller Freundschaft und vorbehaltloser Liebe, die Élies neuem Leben Stabilität verleihen und es ihm ermöglichen, seine prekäre Situation zu verlassen und schließlich Akademiker zu werden.
Teilweise wirkt der Roman in der Figurenzeichnung etwas einfach gestrickt, als ob Michel Jean befürchtet habe, dass sein didaktisches Anliegen Schaden nimmt, wenn er den Protagonisten und seine Liebesbeziehung etwas differenzierter, auch mit charakterlichen Schwächen oder größeren Krisen, dargestellt hätte. Aber selbstverständlich ist es absolut nachvollziehbar, dass der kanadische Autor bei all der negativen und im besten Fall mitleidigen Berichterstattung über indigene Obdachlose, hier ein positives Beispiel (inclusive Happy End) für seinen Roman wählt, um Hoffnung und Licht aufzuzeigen, Mut zu machen.
Auf jeden Fall bietet der Roman anschauliche und berührende Einblicke in Welten und Lebensweisen, die in der medialen Aufmerksamkeit normalerweise wenig Platz haben und die einen neuen, empathischen Blick auf das Leben auf der Straße ermöglichen.
Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen!
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!