Die Mutter des Hauses

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Die Mutter des Hauses

Eine Erzählung aus Tadschikistan
Foto Urun Kuhzod
Bildunterschrift
Urun Kuhzod

Es ist Sommer in der südlichen Hemisphäre und Winter in der nördlichen, und im Monat Februar bringt Literatur.Review sie zusammen und veröffentlicht bisher unübersetzte oder noch nicht publizierte Geschichten aus dem Norden und Süden unseres Erdballs.

Urun Kuhzod (Urunboj Dschumajew) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Prosaautoren Tadschikistans. Der Volksschriftsteller und Träger des Rudaki- und Aini-Preises wurde 1937 in Pandschakent geboren und begann seine literarische Laufbahn bei der Satirezeitschrift Chorpuschtak. Früh zeigte sich dort seine präzise Beobachtungsgabe und gesellschaftskritische Zuspitzung.
Kuhzods Werk verbindet psychologisch fein gezeichnete Figuren mit scharfer Sozialkritik. Im Zentrum stehen Fragen des nationalen Selbstverständnisses, moralische Konflikte und die historische Erfahrung des tadschikischen Volkes. Als Übersetzer von Anton Tschechow und Gabriel García Márquez leistete er zudem einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung der Weltliteratur. Sein Schaffen gilt als Höhepunkt der modernen tadschikischen Prosa.
Zu seinen bekanntesten Werken zählen Sarewu sawdoje (1971), Rohi aghba (1971), Kini Chumor (1976), Ein langer, sehr langer Tag (1977), der mit dem Rudaki-Preis ausgezeichnete Roman Der freie Gefangene (1994) sowie die späteren Werke Hajdscho (2014) und Schärfer als das Schwert (2019).

In diesem Haus wachen jeden Morgen sie und das Radio vor allen anderen auf. Jede Nacht gehen sie und das Radio nach allen anderen zur Ruhe. Auch heute stand sie wieder vor allen anderen auf. Sie erwachte und zog sich leise, um den Schlaf der Kinder nicht zu stören, den Chapan (1) über dasselbe Kleid, in dem sie zu Bett gegangen war. Sie alle – fünf Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis sechzehn Jahren – und ihre Mutter schlafen in einem Zimmer auf dem Boden. Von einem Ende des Zimmers zum anderen liegen ihre Betten in einer Reihe, und das Bett an der Tür gehört der Mutter.

Vorsichtig richtete sie die Decke, die dem Kleinsten verrutscht war, und ging ebenso geräuschlos in den Hof. Kaum war sie draußen, begann das Radio zu sprechen, das an einem Nagel in der Wand hing. Ab dieser Minute, von sechs Uhr morgens bis spät in die Nacht, spricht das Radio ununterbrochen. Und ebenso ununterbrochen ist die Mutter mit der Hausarbeit beschäftigt. Man weiß genau, wann und worüber das Radio sprechen wird und wann und womit die Mutter sich beschäftigen wird.

Auf der Veranda wusch sie sich mit kaltem Wasser und bemerkte, dass die Tage kürzer geworden waren. Mit einem Eimer ging sie zum Stall, warf einen Bund Heu in die Raufe, kniete nieder und begann, die Kuh zu melken. Einen halben Eimer Milch gab die Kuh. Die Mutter brachte die Milch ins Haus, nahm zwei weitere Eimer und ging zum Bewässerungsgraben, um Wasser zu holen. Das Wasser im Graben war weniger geworden; bald würde man den Kanal sperren, und er würde ganz austrocknen. Im Dorf gab es sonst nirgendwo Wasser. Und dann, bis zum Frühjahr, bis das Wasser wieder zur Bewässerung der Gärten und Felder gebraucht würde, müssten die Menschen importiertes Wasser verwenden. Es würde mit dem Auto vom Fluss herbeigeschafft werden, und jeder Tropfen würde zählen. Wegen jedes Eimers Wasser würden Streitigkeiten beginnen – ein Eimerstreit. Als sie sich an die wasserlosen Jahre erinnerte und sich vorstellte, welche Tage ihr bevorstanden, wurde ihr das Herz schwer. Beklommen dachte sie an die kommenden Sorgen und Ängste ums Wasser: ob es reichen würde oder nicht. Sie tauchte die Eimer abwechselnd bis zur Hälfte in den Graben, schwenkte sie hin und her, um Schlamm und Schmutz von der Oberfläche zu entfernen, und schöpfte so „sauberes Wasser“. Bis sie nach Hause kam, war durch das Überschwappen des Wassers der Saum ihrer Kleidung durchnässt.

Sie schlug die Säume ihres Chapans hoch, band sich den Gürtel um und fegte, nachdem sie die Ofentür geöffnet hatte, die Asche heraus. Sie brach feuchte Zweige, legte sie hinein, schob trockene Holzspäne darunter und zündete sie mit einem Streichholz an. Die Holzspäne flammten mit einem Knall auf, und die Zweige begannen zu rauchen. Der Rauch schlug ihr ins Gesicht und ließ ihre Augen brennen. Tränen hingen wie Diamanten an ihren Wimpern. Von Frauenschmuck besaß sie nur diesen. Geräuschlos schloss sie die Ofentür.

Sie weckte die Kinder, damit sie nicht zu spät zur Schule kamen. Das Feuer im Ofen loderte auf, und der Schornstein sog brummend den Rauch ab. Sie legte zwei Dungfladen in den Ofen, damit das Feuer länger brannte und die Wärme erhalten blieb. Sie stellte einen wassergefüllten Teekessel und einen Eimer Milch auf den Ofen. Die Kinder standen widerwillig auf, rieben sich die Augen und gingen auf die Veranda. Nachdem sie sich hastig wie Kätzchen mit Wasser aus dem Krug gewaschen hatten, kamen sie herein und setzten sich an den Dastarchan (2). Im Radio begann ein Konzert.

(1) Chapan – traditioneller, oft gesteppter Kaftan oder Mantel aus Zentralasien

„Esst, esst schneller“, drängte sie und stellte eine Schüssel mit Milch auf den Dastarchan. „Es ist schon Zeit für die Schule.“ Die Kinder bewegten sich kaum; ihre Langsamkeit reizte sie. Sie zerbrach selbst das Fladenbrot und bröselte es in die Schüssel. „Esst auf und ab in die Schule!“, befahl sie und ging hinaus, einen Besen aus dem Korridor nehmend.

(2) Dastarchan – Tuch oder Unterlage, auf der die Speisen dargeboten werden

Sie fegte zuerst die Veranda, dann den Hof. Der Hof war groß und ungepflegt. Tore und Türen standen schief, der Putz war abgefallen. In einer Ecke lag ein Haufen Müll und Mist, in der anderen ein Pferch für Ziegen und Schafe; hier ein Berg von Baumwollstängeln – dem wichtigsten und ewigen Brennstoff im Dorf –, auf dem Dach des Kuhstalls ein Heuhaufen. Dieser wenig ansprechende Anblick milderte sich, nachdem sie den Hof sauber gefegt hatte; die abgeblätterten Wände und schiefen Tore fielen nicht mehr so stark ins Auge.

Als sie vor dem Tor fegte, gingen die Kinder, einer nach dem anderen, zur Schule – einige mit einer Schultasche in der Hand, andere mit dem Ranzen auf dem Rücken. Zur Schule ihrer Kinder kamen Schüler aus drei Dörfern, der Weg dorthin war entsprechend lang. Auch dieser lange Weg betrübte sie, doch was konnte sie tun? Mit dem Fegen fertig, richtete sie sich auf, ohne den Besen aus der Hand zu legen, und warf ihre dünnen Zöpfe über den Rücken.

„Dein ganzer Teekessel ist ausgekocht, Mutter!“, sagte der Ehemann und stützte mit der Gabel eines fast vertrockneten Weidenastes die rissige Wand, damit sie nicht einstürzte. Sie kochte Tee und breitete den Dastarchan für ihn aus. Sie selbst setzte sich dazu, aß ein Stück Fladenbrot, das sie in die Teetasse tauchte.
„Nun gehe ich zur Feldarbeit“, sagte der Mann, stand auf und band sich ein Gürteltuch über den Chapan.

Die Mutter ging ins Schlafzimmer. Der kleine Sohn schlief so süß; es tat ihr leid, ihn zu wecken. Sie räumte die vier anderen Betten auf, faltete Matratzen und Decken zusammen und legte sie ordentlich in die Nische. Das Radio meldete die neuesten Nachrichten. Es war Zeit, das Vieh auf die Weide zu treiben. Sie führte zwei Ziegen, zwei Schafe, einen Widder und eine Kuh aus dem Pferch und dem Stall und trieb sie vom Hof.

In ihrer Jugend hatte es im Dorf einen Ziegenhirten, einen Schafhirten, einen Kuhhirten gegeben; Groß- und Kleinvieh wurden nicht zusammen geweidet. Jede Viehart hatte ihre eigene Weide, ihren eigenen Hirten, es herrschte Ordnung, feste Regeln galten. Jetzt gab es wenig Vieh und keine Hirten mehr. Kühe und Schafe weideten zusammen. Heute hütete diese Familie, morgen eine andere – wer Zeit hatte, war der Hirte. Deshalb war in den Fettschwänzen der Schafe kein Fett, bei den Ziegen traten die Rippen hervor, und im Kuheuter war kaum Milch. Es schien, als fehle es an allem. Als würde alles nur unter Zwang geschehen. Als lebten die Menschen hier nur vorübergehend. Nächsten Dienstag waren sie an der Reihe, das Vieh zu hüten. Wäre es am Wochenende gewesen, wären die Kinder gegangen. Ging man einmal hüten, geriet der ganze Haushalt für einen Tag in Verzug, als hätte sich einen Monat lang niemand um ihn gekümmert. Und was war das für ein Leben – kein einziger Ruhetag.

Kaum war sie wieder im Hof, hörte sie Weinen. Der kleine Sohn saß barfuß auf der Veranda und schluchzte, wischte sich die Tränen mit den Händen aus dem Gesicht.
„Mein Liebling, was ist passiert? Warum weinst du?“, fragte sie, hob ihn schmutzig vom Boden auf und umarmte ihn.
„Ich habe ins Bett gemacht“, weinte er weiter.
„Na und? Lohnt es sich, deswegen zu weinen? Wein nicht, mein Liebling, alles ist gut, ich sterbe für dich!“
In ihren warmen Umarmungen beruhigte sich der Junge. Sie zog ihn um, setzte ihn an den Ofen, wischte ihm die Tränen ab.
„Jetzt gebe ich dir Milch.“

Mutter und Sohn aßen, indem sie Fladenbrot in eine Schüssel Milch bröselten. Dann trug sie die Decke in den Hof, spülte die nasse Stelle aus und hängte sie auf die Leine. Sie sammelte die schmutzige Wäsche auf der Veranda ein; ein ganzer Haufen hatte sich angesammelt. Sie brachte zwei Eimer Wasser, goss sie in ein Becken und ging erneut Wasser holen. Sie spaltete Holz, entzündete das Herdfeuer und stellte Wasser zum Erwärmen auf.

Fast die Hälfte der schmutzigen Wäsche legte sie ins Becken, weichte sie ein und streute Waschpulver darüber. Das Radio auf der Veranda sprach ununterbrochen. Jemand schimpfte mit lauter, unangenehmer Stimme über die Kultur auf dem Land. Der Kulturstand entspreche bei Weitem nicht den Anforderungen der Zeit, sagte er. Die Menschen gingen nachlässig mit der Kultur ihres Alltags um; die Höfe seien verwahrlost, Dinge lägen überall herum. Besonders deutlich zeige sich die niedrige Kultur im Umgang mit Kindern: Eltern scheuten sich, ihren Kindern Tische und Stühle für die Hausaufgaben zu kaufen.

„Und was redet der so viel?!“, zuckte sie unzufrieden zusammen, während sie hockend die Wäsche knetete. „Er redet und redet. Er hat wohl keine Sorgen. Wie viele Kinder hat er selbst, das wäre interessant. Und wie viel bekommt er?“
Im Dorf schlafen die Kinder fast übereinander, und er redet von Tischen und Stühlen.

Sie wusch die Wäsche. Das Wasser im Becken wurde erst blau, dann schwarz. Sie schüttete es weg, füllte neues ein, legte weitere Wäsche hinein und streute erneut Pulver darüber. In drei Durchgängen wusch sie alles. Sie breitete die Wäsche auf der Matte aus, spülte das Becken, legte die Sachen wieder hinein, hob es auf den Kopf und ging zum Graben. Dort spülte sie alles aus, ihre Hände waren rot. Mit dem Becken auf dem Kopf kehrte sie zurück, spannte eine Leine und hängte die Wäsche auf.

„Mama, ich möchte essen“, sagte der kleine Sohn.
„Ich habe auch Hunger, mein Liebling.“
Sie breitete einen Teppich auf der Veranda aus und deckte den Dastarchan. Sie tranken süßen Tee und aßen Fladenbrot, das sie in den Tee tauchten. Diese Minuten waren kurze Atempausen. Dann musste sie wieder Wasser holen, etwas Warmes zubereiten; bald würden die Kinder aus der Schule zurückkommen. Sobald sie da wären, müsste sie ihnen sagen, dass sie den Stall reinigen und auf den kleinen Bruder aufpassen sollten, während sie selbst zum großen Fluss gehen würde, um Holz zu holen. Für das Feuer gab es Baumwollstängel, aber sie verbrannten schnell. Warf man jedoch ein Holzscheit hinein, brannte das Feuer länger.

Die Kinder kamen nacheinander aus der Schule zurück. Hastig griffen sie sich je ein Stück Fladenbrot, warfen alte Schürzen über die Schulter und sagten, sie gingen Baumwolle sammeln. Die Mutter wusste, dass überall solche Verhältnisse herrschten und dass Kinder nach der Schule auf dem Feld arbeiteten. Würden sie nicht gehen, würden sie auf der Klassenversammlung, bei der Komsomol-Versammlung und in der Wandzeitung kritisiert und beschämt. Doch im Haushalt brauchte man Brennholz; ohne Holz würde es im Haus keine Wärme geben.

„Geh heute nicht zur Baumwolle“, sagte sie zu ihrer Tochter aus der sechsten Klasse. „Lass sie gehen, aber du bleibst hier, passt auf den kleinen Bruder auf, ich gehe Holz holen.“
„Die Lehrerin wird schimpfen“, sagte das Mädchen unschlüssig.
„Nein, sie wird nicht schimpfen. Ich erkläre es ihr.“

Sie ließ Tochter und Sohn zu Hause und machte sich auf den Weg zum Fluss. Sie durchquerte das Nachbardorf und die dortigen Felder, erreichte das Baumwollfeld. Dort sammelte sie Reisig und suchte die dickeren Äste aus, um mehr Hitze zu gewinnen. Von Busch zu Busch, von Senke zu Senke, über Sand und Steine sammelte sie trockene Äste, brach Zweige, so viel Kraft sie hatte. Schließlich legte sie alles zusammen, band es und lud das Bündel auf ihren Rücken.

Das Fallholz und die Dornen ritzten ihre Hände. Vom ständigen Bücken und Aufrichten schmerzten ihr der untere Rücken und die Knie, der Rücken war wie taub. Auf dem Rückweg begann sie zu schwitzen, die Muskeln entspannten sich, und der Schmerz ließ etwas nach. Mit dem Bündel Reisig auf dem Rücken, mit einer Astgabel statt eines Stockes in der Hand, ging sie über den unebenen Weg – mal glatt, mal voller Schlaglöcher, über Sand und Steine, am Rand des Grabens oder durch die Ebene. Mal ging sie gebückt, mal richtete sie sich auf, um die Last zu erleichtern. Sie ging und ging, bis sie die asphaltierte Straße erreichte.

Es fuhren nur wenige Autos. Jedes, das erschien, raste mit solcher Geschwindigkeit vorbei, dass sie nicht erkennen konnte, wer darin saß. Sie bemerkten sie nicht – jeder war mit sich selbst beschäftigt, mit seinen eigenen Problemen.

Als sie sich dem Dorf näherte, hielt das Auto des Kolchosvorsitzenden neben ihr.
„Was gibt’s, Tante?“, fragte er, öffnete die Tür, stieg aber nicht aus. „Gibt es keinen Esel, dass du das Holz selbst trägst?“
„Holz mit einem Esel zu transportieren, ist Männersache“, antwortete sie.
„Dann soll dein Mann das Holz holen.“
„Wenn er Holz holt und Sie von Feier zu Feier schlendern, wer arbeitet dann im Kolchos?“

Der Vorsitzende lachte. „Nächstes Jahr übergebe ich dir den Vorsitz.“ Das Auto fuhr weiter. Sie ging ihres Weges.

Zu Hause trank sie, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, eine Kanne Tee. Der Schweiß trocknete, der Durst ließ nach, es wurde ihr etwas leichter. Sie holte drei Rubel aus der Tasche und schickte ihre Tochter in den Laden, um – falls vorhanden – Würfelzucker oder Kristallzucker zu kaufen.

Sie selbst nahm Mehl in eine Wanne und knetete Teig. Die Wanne wickelte sie in eine Matratze, damit der Teig in der Wärme schneller aufging und sie vor Einbruch der Dunkelheit Fladenbrot backen konnte. Sie entzündete das Feuer, stellte einen Kessel auf und goss Wasser hinein. Sie nahm Fleisch aus dem Topf, zerlegte es, hackte die Knochen und legte pro Esser ein Stück in den Kessel.

(3) Tandur – traditioneller, zylindrischer Lehmofen, der von unten mit Holz oder Holzkohle befeuert wird

Sie brachte Baumwollstängel herbei, setzte sich auf die Veranda und schälte Zwiebeln, Kartoffeln und Karotten. Die Schalen warf sie in einen alten Eimer und brachte sie in den Stall – abends würde sie sie der Kuh geben. Die Zwiebeln schnitt sie klein und warf sie in den Topf. Dann fegte sie die Asche aus dem Tandur (3), kehrte ringsum und hob im Haus die Matratze an, unter der der Teig stand.

(4) Sufra – Tuch zum Portionieren des Teiges

Der Teig war kaum aufgegangen. Würde sie warten, würde sie es nicht schaffen, alles rechtzeitig zu erledigen. Sie breitete die Sufra (4) aus, formte aus dem Teig Kugeln und glättete sie eine nach der anderen zu Fladen. Ihre Hände, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen, waren ununterbrochen in Bewegung – damit am Abend und am nächsten Morgen die Münder ihrer Kinder ebenfalls in Bewegung sein konnten.

Sie heizte den Tandur an. Flammen und beißender Rauch schlugen heraus, versengten ihre Augenbrauen und Wimpern. Im Radio sprach ein Vorarbeiter und erklärte, dass sich das Leben auf dem Land kaum von dem in der Stadt unterscheide. Man habe Wäschereien eröffnet, Gasleitungen gelegt.
„Na, da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich“, sagte sie leise und ging weiter ihrer Arbeit nach.

Sie backte die Fladenbrote, eines nach dem anderen, besprengte jedes mit Wasser. Am Ende füllte ein ganzer Korb die Veranda.

Am Abend kehrten alle zurück. Die Kinder vom Feld, der Vater von der Arbeit. Sie aßen gemeinsam Suppe mit frischen Fladenbroten. Die Töchter spülten das Geschirr, nahmen die Wäsche von der Leine. Die Tiere trennten sich wie von selbst von der Herde. Die Mutter melkte die Kuh und stellte die Milch kühl auf.

Später flickte sie Kleidung. Bei einem Kleid war eine Naht aufgegangen, bei einem anderen fehlte ein Knopf. Als sie den Kragen eines alten Sakkos nähte, überkam sie plötzlich ein Knoten aus Groll, Bitterkeit und Schmerz. Dieses Sakko hatte ihr ältester Sohn getragen, als er zum Militär ging. Vierzehn Monate hatte sie ihn nicht gesehen. Einer war im Norden, fror. Ein anderer im Süden, verbrannte vor Hitze. Die Tränen nahmen ihr die Sicht.

Sie wusch sich das Gesicht, legte die Arbeit beiseite. Die Kinder waren eingeschlafen, Bücher und Hefte lagen verstreut. Sie weckte sie, legte sie der Reihe nach schlafen.
Der Mann sagte an der Schwelle: „Weck mich morgen zusammen mit dem Radio. Ich muss vor Tagesanbruch los.“

Das Haus schlief. Nur sie schlief nicht. Sie flickte weiter, während das Radio ein Konzert übertrug. Und als das Radio den Zuhörern gute Nacht wünschte, legte sie sich, ohne sich umzuziehen, unter die Decke und schlief ein – ohne zu ahnen, dass sie in den offiziellen Listen als arbeitslos geführt wird.

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Übersetzung aus dem Tadschikischen ins Deutsche von Fazliddin Odinaev.

Anmerkung des Übersetzers: Der Text wurde Ende der 1980er Jahre geschrieben, kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion. Seitdem hat sich die Rolle der Frau jedoch verbessert, in ländlichen Regionen  kann man die hier beschriebenen Zustände allerdings weiterhin antreffen. 

Das tadschikische Original kann hier heruntergeladen werden: