Der Flaschenmann
Im globalen Norden ist Sommer, im globalen Süden Winter. Grund genug, im August auf Literatur.Review Sommer und Winter zusammenzubringen und bisher unübersetzte oder unveröffentlichte Geschichten aus dem Norden und Süden unserer Welt zu veröffentlichen.
Su Chang ist eine in Shanghai geborene chinesisch-kanadische Schriftstellerin. Sie ist Autorin des Debütromans „The Immortal Woman“ (House of Anansi, 2025), der unter anderem zu den CBC Best Fiction of 2025 zählt, Finalist beim Toronto Book Award und beim Foreword INDIES war, auf der Shortlist für den William Saroyan International Prize for Writing stand und den Independent Publisher Book Award 2025 gewann. CBC ernannte sie 2025 zur „Writer to Watch“. Ihre Kurzgeschichten wurden unter anderem mit dem Montreal Fiction Prize, dem SASFest Fiction Contest, dem Prairie Fire Fiction Contest, dem Canadian Authors’ Association National Contest und dem Disquiet Literary Prize ausgezeichnet oder standen auf deren Shortlists.
Seit meiner Rückkehr aus Toronto in diesem Sommer muss ich oft an Winston denken. Er ist Jiajias Nachbar. Von ihrem Balkon im zweiten Stock aus sah ich ihn oft in der Gasse, die wir uns teilten, arbeiten: Er zerlegte ein verwittertes Fahrrad, spülte Schnapsflaschen in einer Plastikschüssel aus oder drehte ein kaputtes Radio in den Händen hin und her, als ließe es sich vielleicht doch wieder zum Leben erwecken.
Bei meinem ersten Besuch in Toronto vor zwei Jahren hatte er sich große Mühe gegeben, mich kennenzulernen, und mir in der Gasse praktisch den Weg versperrt. „Aus welchem Teil Chinas kommen Sie?“, fragte er auf Mandarin mit Shanghaier Akzent. Als ich ihm sagte, dass ich ebenfalls aus Shanghai stamme, lächelte er schüchtern, fast als schäme er sich für seine Freude. „Dein Schwiegersohn ist ein guter Mensch“, sagte er nun im Shanghaier Dialekt – eine Bemerkung, die wie aus dem Nichts kam. „Weiße Leute kümmern sich normalerweise nicht um uns. Aber dein Schwiegersohn sagt immer Hallo. Manchmal gibt er mir auch Flaschen.“ Seine Sprache hatte etwas Angespanntes, Abgehacktes, als liefe ein nervöser Strom durch seinen drahtigen Körper. Dann brach er, ganz unvermittelt, den Smalltalk ab und begann, mir seine Leidensgeschichte zu erzählen. Ich war verblüfft. In Shanghai sprechen Fremde kaum miteinander, geschweige denn, dass sie einem die Trümmer ihres Privatlebens ausschütten.
„Asiatische Gesichter öffnen hier keine Türen. Es ist mir egal, was sie über diese Stadt erzählen – Multikulturalismus, Multikulturalismus –, alles heiße Luft. Die Diskriminierung wird noch tausend Jahre nicht verschwinden“, sagte er ganz sachlich, nachdem er mir von seinem Sohn erzählt hatte, der nach dem Abschluss an einer der besten medizinischen Fakultäten Großbritanniens in Kanada keine einzige Stelle gefunden hatte. „Mein Junge wird zu Vorstellungsgesprächen eingeladen – sein Lebenslauf muss also gut sein. Dann sehen sie sein chinesisches Gesicht und – vorbei. Natürlich sagen sie nicht: ‚Wir wollen keine Asiaten.‘ Sie reden von Eignung, Kommunikationsstil, kanadischer Berufserfahrung – der übliche Unsinn.“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Ich habe ein Vermögen für seine Ausbildung ausgegeben. Ich habe ihn gedrängt, ins Ausland zu gehen. Jetzt sitzt er den ganzen Tag auf meinem Sofa. Ein Arzt, der nirgendwo gebraucht wird.“
Als ich Jiajia an diesem Abend von Winstons Klagen erzählte, zuckte sie nur mit den Schultern. „Er lässt wahrscheinlich die Hälfte der Geschichte weg. Vielleicht hat sein Sohn eine schwierige Persönlichkeit. Vielleicht blockiert er in Vorstellungsgesprächen. Das würde mich bei einem so ängstlichen Vater nicht überraschen …“ Sie brach ab und sah zur Seite, wohl bemüht, nicht grausam zu klingen. Jiajia hatte oft betont, wie sehr sie an Kanadas Multikulturalismus glaube. Ich fand nie den Mut, ihr zu sagen, dass dieses Vertrauen vielleicht daher rührte, dass sie im eigentlichen Sinne keine Einwanderin mehr war. Sie war mit einem Stipendium zum Studium nach Kanada gekommen, hatte einen weißen Kanadier geheiratet und besaß, soweit ich sehen konnte, keinen einzigen chinesischen Freund aus der Einwanderergemeinschaft, den sie im Notfall hätte anrufen können. Außer mit mir sprach sie fast nie Chinesisch. Sie hatte alles getan, um sich der weißen Mehrheitsgesellschaft anzupassen, um die Spuren ihrer Herkunft zu verwischen. Ich wollte ihr sagen, dass ihr Blick auf das Einwandererdasein eine Illusion war.
Doch ich schwieg. Ich wusste, wie sehr sie solche Gespräche aufregten. Sie hatte sich allein in einer fremden Kultur zurechtfinden müssen, ohne jemanden, der ihr den Rücken stärkte. Sie musste es gehasst haben, als Fremde abgestempelt zu werden. Ich konnte es ihr nicht verdenken, dass sie alles ablegte, was sie ablegen musste, oder sogar auf die ältere Generation der Einwanderer herabblickte. Sie erinnerte mich an die vielen jungen Menschen, die ich während der Kulturrevolution kennengelernt hatte – Kinder aus den „falschen“ Familien, von Großgrundbesitzern, Industriellen oder reichen Bauern –, die um Anerkennung kämpften, indem sie ihre eigenen Angehörigen denunzierten.
Einmal, als wir durch den Trinity Bellwoods Park spazierten, zupfte Jiajia mich am Ärmel. „Baba, schau.“ Einige ältere chinesische Männer und Frauen streiften mit Plastiktüten über den Rasen, warteten neben den Picknickdecken, fragten nach leeren Dosen und rückten den Händen, die sie hielten, manchmal unangenehm nahe. „Wie demütigend“, sagte sie. „Siehst du den Unterschied? Sie stehen am Rand, und alle anderen trinken, lachen und fühlen sich ganz zu Hause.“ Was sie nicht aussprach, ich aber deutlich hörte, war: Wie könnte ich jemals eine von ihnen werden?
Winston gehörte genau zu jener Gruppe, vor der meine Tochter sich fürchtete. Seinen Hinterhof hatte er in einen kleinen Recyclinghof verwandelt: Dutzende gebrauchte Fahrräder waren an den verwitterten Zaun gekettet, Milchkisten unter einer blauen Plane gestapelt, Säcke voller Flaschen lehnten an der Wand, trüb vom eingetrockneten Bier. An den Wochenenden setzte er große schwarze Kopfhörer auf und sang alte chinesische Lieder, während er geduldig ein Fahrrad nach dem anderen bis auf den Rahmen zerlegte. Seine Stimme überraschte mich. Sie war geschmeidig und tief, und in ihrer Sanftheit lag ein kaum hörbarer Schmerz. Unter der Woche widmete er sich seinem Flaschengeschäft. Noch vor Tagesanbruch erfüllten Klirren und Schaben von Glas die Gasse. Gegen acht Uhr fuhr er los, auf dem Lenker ein halbes Dutzend Säcke unsicher ausbalanciert. War die Ausbeute zu groß, holte er einen Einkaufswagen hervor, den er höchstwahrscheinlich auf dem Parkplatz eines Supermarkts mitgenommen hatte. An manchen Abenden drehte er noch eine zweite Runde.
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Eines Tages, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, traf ich ihn auf dem Weg zum Recyclinghof. Er sprang von seinem Fahrrad und lächelte verlegen. „Das mache ich nur nebenbei. Ich habe einen Vollzeitjob im Hilton.“ Ein anderes Mal hielt er mich an, um klarzustellen, dass er nicht wie „diese Leute“ durch die Parks zog und Flaschen sammelte; seine bekam er in großen Mengen vom Hilton, wo er arbeitete. Anfangs erstaunten mich diese unerbetenen Rechtfertigungen. Ich wollte ihm sagen, dass mich das nichts anging. Doch ich sah, wie er nach jedem Geständnis die Schultern straffte und ein wenig aufrechter dastand – wie der stolze Besitzer eines alteingesessenen Recyclingbetriebs. Also nickte ich nur und spürte, wie sich ein dumpfer Schmerz in mein Herz schlich.
Er sei in Shanghai Maschinenbauingenieur gewesen, hatte er mir erzählt. Nach dem 4. Juni überzeugte er seine Frau, nach Hongkong auszuwandern, und zwei Jahre später weiter nach Toronto, als sich durch eine günstige familiäre Verbindung eine Möglichkeit ergab. Ich stellte mir gern vor, dass er einmal ein junger Demokratieaktivist gewesen war, beseelt von romantischen Vorstellungen eines Landes der Freiheit. Vielleicht galt er in seiner Fabrik als großes Talent und beeindruckte seine Kollegen mit seinem technischen Können und seiner weichen Singstimme. Ich suchte in seinem Gesicht nach einer Spur dieses jungen Mannes. Doch hinter der dicken Brille blickten mich nur seine stumpfen, gelblichen Augen an; die langen, eintönigen Jahre des Überlebens hatten ihnen jeden Glanz genommen. Er war bereits Anfang dreißig gewesen, als er nach Kanada kam. Mit kaum einem Dutzend Wörtern Tarzan-Englisch hatte er keine Chance, jemals wieder als Ingenieur zu arbeiten. Also tat er, was die meisten FOBs tun mussten: Er nahm jede Arbeit an, die er bekommen konnte. „Ein Koch im Hilton genießt hohes Ansehen! Ich habe zehn Jahre lang in Chinatown geschuftet, bis ich mir einen Job im Hotel erarbeitet hatte. Die Laowai sind verrückt nach unseren Gerichten! Zum Glück für uns, da wir aus einem Land mit leckerem Essen kommen.“ Er lachte leise.
„Es muss gut bezahlt gewesen sein“, sagte ich. „Du hast ein Haus gekauft. Du hast deinem Sohn eine gute Ausbildung ermöglicht.“ Dann erinnerte ich mich an das, was Jiajia mir erzählt hatte: Jahrelang hatte Winstons dreiköpfige Familie in einem einzigen Zimmer im Obergeschoss gelebt, damit er das Zimmer im Erdgeschoss vermieten konnte. So ging es, bis die Nachbarn davon erfuhren – über die Polizei.
„Einmal hat er an einen psychisch kranken Mann vermietet“, hatte Jiajia ungläubig erzählt. „Als der Mann die Miete nicht mehr bezahlen konnte, kam es zu einem furchtbaren Streit. Winston setzte ihn vor die Tür, mitsamt all dem Gerümpel, das er angesammelt hatte. Der Mann weigerte sich zu gehen und baute sich in der Gasse einen Unterschlupf. Er lebte dort wochenlang, bis schließlich die Polizei kam. Sie sagten uns, wir sollten Winston im Auge behalten und sie verständigen, falls er noch einmal fragwürdige Leute bei sich aufnehmen würde.“
„Warum sollte er die Sicherheit seiner eigenen Familie so aufs Spiel setzen?“, hatte ich gefragt.
„Wer weiß.“ Jiajia zuckte mit den Schultern. „Vielleicht war sein Haus zu heruntergekommen, um normale Mieter zu finden. Vielleicht versperrten ihm seine schlechten Englischkenntnisse den Weg zu besseren Möglichkeiten. Bettler können nicht wählerisch sein.“ Sie trat auf den Balkon hinaus und legte beide Hände auf das Geländer. Unter uns lagen der schmale Streifen aus rissigem Asphalt, die grünen Mülltonnen und der säuerliche Geruch abgestandenen Biers. Sie senkte die Stimme, obwohl niemand in Hörweite war. „Oder vielleicht ist es seine Unsicherheit. Menschen, die Mangel erlebt haben, werden ihn nie ganz los. Sie halten immer Ausschau nach der nächsten Gelegenheit, noch einen kleinen Vorteil mitzunehmen. Sie nennen es Vorsorge. Aber darunter steckt Panik – das Gefühl, dass ein ordentliches Leben verschwinden kann, während man sich gerade die Schuhe bindet.“ Sie blickte geradeaus, und ein Schatten von Traurigkeit glitt über ihr Gesicht. Ich wusste, dass meine Tochter nicht nur von Winston sprach. Ich fragte mich, wie ihre eigene Einwanderung verlaufen war, wie sie ihre alte Haut abgestreift hatte und zu jener entspannten Fassade einer Einheimischen geworden war, die sie heute trug. Über ihre ersten Jahre in Kanada wollte sie nie sprechen. Das war das Nächste, was je einem Eingeständnis ihrer eigenen Verletzlichkeit gekommen war.
Bei meinem letzten Besuch in Kanada sah ich Winston an einem frischen Frühsommermorgen, als ich die Queen Street West entlangging. Jiajia hatte mir erzählt, wie sich das einst heruntergekommene Viertel zu einem der angesagtesten des Landes gewandelt hatte und es sogar auf die Liste der „World’s Coolest Neighborhoods“ der Vogue geschafft hatte. Aus den alten Backsteinreihenhäusern waren Boutiquen, Friseursalons, Tattoostudios, Papierläden, Bars und Cafés mit Kreidetafeln als Speisekarten geworden. Wandgemälde bedeckten die Wände der Gassen: blaue Gesichter mit riesigen Augen, Vögel, die aus dem Haar einer Frau hervorbrachen, Buchstaben, die sich zu unmöglichen Formen aufblähten. Die Straße hatte die Helligkeit einer Kulisse. Modisch gekleidete junge Frauen in schwarzen Stiefeln und dunklem Lidschatten schwebten mit einem Latte in der Hand vorbei, vielleicht gerade auf dem Heimweg von einer langen Partynacht. Aus diesem Dschungel der schönen Oberflächen tauchte Winston auf und schob einen Einkaufswagen voller Flaschen vor sich her.
Aus der Ferne wirkte er fast komisch: den Kopf gesenkt, den schmalen Körper hinter einem Wagen, der den ganzen Gehweg einzunehmen schien. Sobald er mich entdeckte, beschleunigte er seine Schritte. Als er näher kam, sah ich, wie sehr er in den vergangenen zwei Jahren gealtert war. Graue Strähnen hatten sich in seinem Haar ausgebreitet, unter den Augen hingen dunkle Schatten. Unter seiner Nase glänzte ein Schleimfaden, die Bartstoppeln an seinem Kinn waren silbern geworden, und sein Hemdkragen war zu einer schlaffen grauen Falte zusammengesunken. Für einen Moment war er in dieser schicken Straße nicht mehr von den Männern zu unterscheiden, die in Hauseingängen schliefen.
„Bemitleide mich nicht“, sagte er schüchtern, als hätte er meine Gedanken erraten. „Ich weiß, wie ich aussehe. Ihr Festlandchinesen kommt zu Besuch bei euren Söhnen und Töchtern und zieht euch schick an, damit alle sehen, dass ihr es geschafft habt. Leute wie ich machen genau das Gegenteil.“
Als er meine Verwirrung bemerkte, trat er näher und senkte die Stimme. „Pass auf. Hier gibt es Mafia-Banden. Wenn sie merken, dass du reich bist, lassen sie dich nicht in Ruhe.“ Er trat einen Schritt zurück und beobachtete mit unverhohlener Genugtuung, wie sich Ratlosigkeit auf meinem Gesicht ausbreitete. Dann beugte er sich wieder vor. „Das bleibt unter uns: Mir gehört ein ganzes Mietshaus im West End. Achtzehn renovierte Wohnungen. Alle möglichen Leute suchen bei mir eine Bleibe, meistens Weiße. Du würdest staunen. Manche kleiden sich wie Könige und Königinnen und haben trotzdem nur ein paar hundert Dollar auf dem Konto. Wir Chinesen sehen arm aus, aber wir halten das Geld in der Hand. Bleib nur lange genug hier, dann wirst du es verstehen.“
Damit schob er seinen Wagen an mir vorbei. Nach ein paar Metern drehte er sich noch einmal um, als wolle er mir den endgültigen Beweis liefern. „Jedes Mal, wenn ich die Miete kassieren komme, sehe ich so viel Mitleid in ihren Augen, dass sie sofort bezahlen!“ Er stieß ein nervöses Lachen aus, winkte kurz und ging mit federndem Schritt weiter.
Ich war verblüfft über seine Worte und erzählte Jiajia davon, sobald ich nach Hause kam. Wie immer gab sie die Geschichte sofort an meinen Schwiegersohn Alex weiter. Sie erzählte Alex alles – so wie sie früher mir alles erzählt hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war. „Ich kann das einfach nicht glauben“, sagte sie beinahe gereizt. War sie eifersüchtig auf Winston, den heruntergekommenen Einwanderer, den sie und Alex stillschweigend unter sich eingeordnet hatten? Oder auf mich, weil ich dem Mann, der fünf Jahre lang neben ihnen gewohnt hatte, ganz mühelos eine so erstaunliche Geschichte entlockt hatte?
Alex riss seine blauen Augen auf und rief etwas. Ich verstand kaum Englisch, aber es muss etwas gewesen sein wie: „Wer hätte das denn gedacht?“ Jiajia fragte ihn eindringlich weiter, und ich hörte mehrmals das Wort „Mafia“. Alex schüttelte nur den Kopf und wirkte ratlos.
„Glaubst du, er ist paranoid? Bildet er sich das alles nur ein?“ Jiajia wandte sich vorwurfsvoll an mich, als wäre ich plötzlich zur Hüterin der Geheimnisse ihres Nachbarn geworden.
Am nächsten Tag brachte sie das Thema beim Mittagessen erneut zur Sprache. „Ich glaube, es war ihm einfach peinlich, dass du ihn so gesehen hast. Schließlich ist er der Überseechinese, der eigentlich ein Leben im Wohlstand führen sollte, und du bist die Festlandchinesin, die eigentlich den niedrigeren Status haben müsste. Jetzt ist alles auf den Kopf gestellt. Er denkt sich das aus. Schau ihn dir doch an. Warum sollte jemand Flaschen sammeln, wenn er ein so reicher Vermieter wäre? Mit Flaschen verdient man doch kaum etwas.“ Ich erinnerte sie an ihre eigene scharfsinnige Analyse der Einwandererpsyche bei meinem letzten Besuch. Sie blickte stirnrunzelnd in ihre Schüssel. „Ich glaube es einfach nicht. Er erfindet das.“
In unseren späteren Gesprächen kam Winston immer wieder auf die Mafia zurück. Warum machte er das? Wollte er mich warnen? Suchte er mein Mitgefühl? Oder gefiel ihm einfach der Schauder, den seine Geschichten in meinem Gesicht hinterließen? Was auch immer der Grund war, er hatte eine ganze Sammlung schäbiger Geschichten zusammengetragen: von einem bewaffneten Überfall in einer ruhigen Wohnstraße, einem korrupten chinesischen Beamten, dem ein Freund wegen seines versteckten Vermögens die Kehle durchschnitt, oder den Revierkämpfen, die sich mitten in Old Chinatown vor aller Augen abspielten. Ich hörte ihm immer aufmerksam zu und freute mich insgeheim auf unsere zufälligen Begegnungen. Zu Hause hatten Jiajia und Alex sich auf Englisch so viel zu erzählen – einer Sprache, der ich nicht folgen konnte. Jiajia machte sich nur selten die Mühe zu übersetzen. Meistens saß ich einfach am Tisch und sah zu, wie die beiden einander Witze und Neuigkeiten zuwarfen, während meine Gedanken wie ein einsames, vom Ufer losgerissenes Boot davondrifteten.
Vielleicht sollten Winston und ich tatsächlich Freunde werden. In wenigen Wochen erfuhr ich von seiner Großfamilie und ihrer bis ins späte neunzehnte Jahrhundert zurückreichenden Geschichte, von den vielen Berufen, die er in Kanada ausgeübt hatte, und von der Sackgasse, in der sein Sohn steckte. Der Achtundzwanzigjährige war zugleich Winstons Anker und der Stein an seinem Bein. Seit jenem ersten Gespräch zwei Jahre zuvor, als Winston mir von der aus seiner Sicht rassistischen Behandlung seines Sohnes erzählt hatte, war nichts besser geworden. Unter einem Dach lebend, rieben Vater und Sohn sich aneinander wie zwei Metallschüsseln in einer Spüle.
„Er hasst mich. Er gibt mir die Schuld an seinem Elend.“ Eines Abends sagte Winston das zu mir, als wir vor unseren Hinterhöfen standen. Unablässig rieb er den Daumen über den anderen, als wollte er einen Fleck abreiben. „Es war meine Idee, ihn zum Medizinstudium ins Ausland zu schicken. Ich habe alles bezahlt, alles organisiert. Und jetzt? Nichts.“ Er stieß einen langen Seufzer aus. „Ich wollte ihm wenigstens eine Aufgabe geben. Er sollte meine Mietshäuser verwalten. Ich hätte ihn dafür bezahlt. Einmal im Monat müsste er die Mieten kassieren und nachsehen, ob irgendwo etwas kaputt ist. Sag mir, gibt es einen einfacheren Job? Aber nein. Ihm ist das peinlich. Unter seiner Würde.“ Sein Mund verzog sich. „Dieser Nichtsnutz bringt mich noch um – noch bevor es irgendein Gangster schafft.“
Da hörte ich hinter mir ein Zischen. Als ich mich umdrehte, stand hinter der Fliegengittertür eine schemenhafte Gestalt. Das starre Gesicht eines jungen Mannes schimmerte hinter dem Gitter, der Mund verzogen, als hätte er etwas Bitteres geschluckt. Er fauchte uns an. Winston warf mir einen entschuldigenden Blick zu und eilte ins Haus. Kurz darauf war hinter der geschlossenen Tür das Geräusch zerbrechenden Glases zu hören.
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Wochen vergingen. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, und ich hatte Winston nicht mehr gesehen, nicht einmal in seinem Hinterhof. Kein Fahrradzerlegen, keine Flaschenrunden, keine alten Lieder, die über den Zaun klangen. Ich machte mir Sorgen. Oft stand ich in unserem Garten und reckte den Hals, um einen Blick hinter sein Tor zu erhaschen. Am Abend vor meiner Rückkehr nach Shanghai konnte ich den Gedanken nicht ertragen, abzureisen, ohne mich von ihm zu verabschieden. Ich ging zu seiner Haustür und klopfte vorsichtig an.
Nach einer Weile knarrte der Boden, und Schritte näherten sich von der anderen Seite. Zu meiner Überraschung öffnete Winston selbst die Tür. Zuerst blickte er mich verwirrt an, dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Mein lieber Freund!“, rief er. „Wie schön, dich zu sehen!“ Seine alte nervöse Energie knisterte wieder, auch wenn sie nun von etwas Zerbrechlichem genährt zu werden schien.
„Ist dir etwas zugestoßen?“, fragte ich.
Er zögerte. „Ich war im CAMH“, und winkte dann rasch ab. „Keine große Sache. Tiao yang, tiao yang.“ Er benutzte den chinesischen Ausdruck für eine Zeit der Erholung und vermied stattdessen zhi liao, das eine medizinische Behandlung bezeichnet. „Ich bin wieder ganz gesund, siehst du“, fuhr er fort. „Meine Frau hat mich nach meiner Entlassung eine Woche lang ausruhen lassen. Heute ist der letzte Tag. Morgen gehe ich wieder zur Arbeit!“ Er verlagerte unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen wie ein Boxer, der es kaum erwarten kann, wieder in den Ring zu steigen. Ich erzählte ihm, dass ich am nächsten Morgen abreisen würde, und fragte, ob er noch einen letzten Spaziergang mit mir durch den Park machen wolle.
Wir gingen der untergehenden Sonne entgegen. Junge Leute saßen in Gruppen auf dem Rasen und nahmen fast den ganzen Park ein. Auf ihren Decken lagen Dosen, Papiertüten, kleine Hunde und blasse nackte Füße. Einige ältere chinesische Männer und Frauen in schäbigen Jacken hielten sich in der Nähe der Feiernden auf und warteten auf den richtigen Moment, um zuzuschlagen.
„Hast du jemals daran gedacht, nach China zurückzukehren?“, fragte ich und bereute es im selben Augenblick.
Es war zu spät.
Winston warf mir einen verletzten Blick zu – einen Blick, der sagte: Ich bin nicht der Versager, für den du mich hältst. Dann senkte er den Blick auf den Weg.
„Mein Sohn ist hier aufgewachsen. China wäre ihm fremd. Ich kann ihn hier nicht allein lassen.“
Die Sonne war inzwischen untergegangen. Im Licht der Straßenlaternen blitzten seine Brillengläser kurz weiß auf, und ich konnte nicht erkennen, ob seine Augen feucht waren.
Jiajia habe ich nie von Winstons Aufenthalt im CAMH erzählt. Sie nannte das CAMH eine Irrenanstalt und hätte nur gesagt: „Ich hab's dir doch gesagt – Winston ist verrückt.“ Winston war für mich zu etwas geworden, das ich selbst kaum benennen konnte, und eine solche Bemerkung hätte sich zu persönlich angefühlt, um sie ertragen zu können.
Am nächsten Morgen, als ich meinen Koffer schloss, drang Winstons Stimme durch das offene Fenster. Er sang eine jener alten Balladen, die jeder aus unserer Generation kannte – ein Lied über den Mond über dem Mutterland, die Grenze und die Menschen, die in den fernsten Winkeln der Welt dasselbe Licht betrachteten. Ich dachte an seinen Sohn, der irgendwo hinter der Fliegengittertür schlief, an Winston, der zu seiner Arbeit zurückkehrte, zu Flaschen und Fahrrädern, zu all den kleinen Kriegen, mit denen ein Mensch sich selbst davon überzeugt, dass er noch gebraucht wird.
Unten rief meine Tochter nach mir. Das Taxi war da.
Ich schloss meinen Koffer und blieb noch einen Augenblick in dem Zimmer stehen, das für diese Wochen mein Zuhause gewesen war, während Winston für mich in einer Sprache sang, für die in diesem Haus kaum noch jemand Verwendung hatte.
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Weitere Literatur von Su Chang:
Erinnerung als Widerstand
Zwischen politischer Amnesie und Diaspora-Erfahrung zeigt Su Chang in ihrem überzeugenden Roman-Debüt „The Immortal Woman“, wie sich Gewalt in Körpern und Biografien fortsetzt. Auch dort, wo Freiheit versprochen wird
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