„Solange ich auf Arabisch träume, werde ich auch auf Arabisch schreiben“

„Solange ich auf Arabisch träume, werde ich auch auf Arabisch schreiben“

Ein Gespräch mit der libanesischen Schriftstellerin Iman Humaydan über ihren neuesten Roman, den Libanon, Erinnerung, Patriarchat, Migration – und darüber, warum Literatur stärker ist als ein Manifest
Iman Humaydan
Bildunterschrift
Iman Humaydan
Zur Person

Iman Humaydan, geboren in Ain Anub im Libanongebirge, studierte Soziologie und Anthropologie an der American University of Beirut. Sie hat fünf Romane und verschiedene Kurzgeschichten veröffentlicht sowie Drehbücher verfasst, die alle in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. In ihren Romanen gibt sie Frauen eine Stimme, damit diese ihre eigenen Geschichten erzählen können. Ihr vierter Roman „50 Gramm Paradies“ wurde 2016 mit dem Katara-Preis (Katar) ausgezeichnet. Sie unterrichtet Arabisch und Kreatives Schreiben an europäischen und nordamerikanischen Universitäten; ihr Kurs für Kreatives Schreiben an der Universität Saint-Denis in Frankreich ist der erste Kurs zum Thema Kreatives Schreiben, der auf Arabisch abgehalten wird. Humydan war Jurymitglied des Internationalen Preises für arabische Belletristik (IPAF) 2022.  Sie ist Mitbegründerin des libanesischen P.E.N.-Zentrums, dessen Präsidentin sie von 2015 bis 2022 war, und war von 2017 bis 2023 Vorstandsmitglied von Pen International. Derzeit schreibt sie an ihrem sechsten Roman und lebt in Beirut und Paris.

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Für Leser, die das Gespräch in voller Länge erleben möchten, bieten wir neben dem hier bearbeiteten Transkript auch die ungekürzte Videoversion des Interviews an – so etwas wie einen Director’s Cut mit all den Pausen, Abschweifungen und Nuancen, die einen mündlichen Austausch ausmachen.

Axel Timo Purr ist Redakteur des Online-Filmmagazins artechock sowie Gründer und Herausgeber von Literatur.Review. Er studierte zunächst Literaturwissenschaft in Hannover und anschließend Ethnologie, Sozialpsychologie sowie Sprach- und Sprechwissenschaft an der LMU München. Nach Feldforschungen in Ostafrika zu modernen (Anti-)Hexenbewegungen, dem informellen Sektor und globalen wirtschaftlichen Einflüssen auf individuelle Lebensläufe koordiniert er seit 1999 ein Netzwerk für Übersetzung und Design und arbeitet seit 2001 als Journalist zu afrikanischen, literarischen und filmischen Themen, unter anderem für artechock, die Süddeutsche Zeitung und die NZZ.

Axel Timo Purr: Wir sind hier in Paris, und ich spreche mit Iman Humaydan über ihren neuesten Roman, der Ende 2023 auf Arabisch erschienen ist – vielleicht stellst du ihn am besten selbst kurz vor.

Iman Humaydan: Es ist mein fünfter Roman. Er erschien Ende 2023 auf Arabisch und wurde inzwischen ins Französische und Englische übersetzt. Die französische Ausgabe kam Anfang Oktober 2025 unter dem Titel Chanson pour les ténèbres heraus, die englische Fassung Songs for Darkness erschien in diesem Jahr. Es ist die Geschichte einer Familie – genauer gesagt von vier Generationen von Frauen.

Der Roman spannt einen Bogen vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis ins Jahr 1982. Er erzählt vom Leben dieser vier Frauen und zugleich von der Geschichte des Libanon.

Das stimmt.

Für mich ist das einer dieser seltenen Romane, die Geschichte erzählen, ohne sich unmittelbar mit der großen politischen Geschichte zu beschäftigen. Die historischen Ereignisse werden aus dem Alltag heraus sichtbar. Besonders beeindruckt hat mich, dass du all dies ohne die großen emotionalen Gesten erzählst, die man vielleicht erwarten würde. Über weite Strecken wirkt der Roman beinahe wie eine Chronik. Du dramatisierst nichts. Stattdessen entfaltet sich alles in einer ruhigen, literarischen Sprache, die die Tragödien einer Familie – oder vielmehr mehrerer Generationen von Frauen – mit der Geschichte des Landes verknüpft. Und doch sprichst du kaum über den Libanon selbst. Ich glaube sogar, das Wort »Libanon« fällt fast nie.

Nein. Der Roman handelt von den Auswirkungen historischer Ereignisse im Libanon auf das Leben dieser Menschen, auf ihr persönliches Schicksal. Die Geschichte des Landes bildet den Hintergrund, ohne selbst zum eigentlichen Gegenstand des Romans zu werden. Ich setze mich mit ihr nicht unmittelbar auseinander.

Buchcover Songs fot the Darkness Arabic

Iman Humaydan | Songs for the Darkness | Dar Al Saqi

Gleich zu Beginn steht ein sehr eindringlicher Satz: »Dein Leben endet, aber der Krieg endet nie.« Ich finde das wunderschön formuliert. In gewisser Weise treffen hier zwei Ordnungen aufeinander: auf der einen Seite das politische System, auf der anderen der Alltag. Da sind die Träume der Menschen und ihr tägliches Bemühen, in Frieden zu leben – und zugleich die Gewalt und der Krieg. Es gibt die Dynamik dieser »kleinen Leben«, um es einmal in Anführungszeichen zu setzen, und daneben die »große Geschichte« des Landes oder der ganzen Region.
Besonders bewegt hat mich, wie du von Träumen erzählst – und davon, wie sie allmählich verschwinden. Ich würde dazu gern eine Passage zitieren: »Sie war nicht mehr traurig darüber, dass sie keine Lehrerin geworden war wie Yazids Mutter, die jeden Sommer in Ajmat verbrachte. Mit der Zeit verblassten ihre alten Interessen, ihre Träume und Sehnsüchte. Jeden Abend legte sie ihren Kopf auf das Kissen und dachte über den nächsten Tag nach und darüber, was sie tun könnte, um das Leben ihrer Familie so gut wie möglich zu verbessern.«
Für mich ist das ein sehr schlichtes und zugleich schmerzhaftes Beispiel dafür, was mit den Träumen junger Mädchen geschieht. Sie heiraten sehr früh, zu früh, und ihre eigenen Wünsche verwandeln sich in den Wunsch, wenigstens das Leben ihrer Kinder zu verbessern. Sie verwirklicht ihren Traum nie, sondern überträgt ihn auf ein anderes Ziel. Und selbst die Beziehung zu ihrem Mann folgt einem ähnlichen Muster: Am Anfang scheint in ihr noch ein Versprechen zu liegen, doch auch dieses verblasst mit der Zeit.

Ich glaube nicht, dass sie jemals wirklich darauf gehofft hat, mit ihrem Mann ein anderes Leben zu führen. Wenn du dich erinnerst: Zum Zeitpunkt ihrer Heirat war sie in einen anderen Mann verliebt. Sie musste heiraten, weil die beiden Familien darin die beste Lösung für die Kinder sahen, die ihre verstorbene Schwester hinterlassen hatte.
Sie fühlt sich also verpflichtet, etwas zum Wohl anderer zu tun – nie aber für sich selbst.

Bemerkenswert finde ich auch, dass du nicht nur die Innenwelt der Frauen schilderst, sondern ebenso die der Männer. Über einen der Ehemänner schreibst du einen sehr schönen, aber auch klugen Satz: »Tief in seinem Herzen bewunderte er sie, aber es war eine Bewunderung, die mit Angst vermischt war.« In gewisser Weise ist damit bereits alles über diese Beziehung gesagt.

Buchcover Songs for Darkness

Iman Humaydan | Songs for Darkness | Simon & Schuster

Ja. Das sagt viel über die Angst der Männer aus – oder genauer: über die Angst des Männlichen vor dem Weiblichen, vor dessen Fähigkeiten und dessen Kraft. Diese Kraft tritt nicht immer offen zutage. Sie bleibt oft verborgen, unsichtbar, und ist dennoch vorhanden. Das Männliche spürt sie. Und diese Angst äußert sich schließlich in dem Versuch, die Kraft des Weiblichen zu unterdrücken.

Genau. In diesem Moment dachte ich, dass sich dieselbe Angst auch in der Politik wiederfindet. Was im Privaten, innerhalb der Familie, wirksam ist, überträgt sich auf die staatlichen Strukturen.

Exakt. Es ist ein kleines Beispiel dafür.

Und von diesem Beispiel aus lässt sich der Blick auf die größeren Zusammenhänge richten. Genau das finde ich so faszinierend: Der Mikrokosmos der Familie spiegelt in vielem wider, was sich auf der Ebene des Staates abspielt.

Ja. Wenn wir vom Patriarchat sprechen, meinen wir genau das. Es wirkt innerhalb der Familie, und auf den höheren Ebenen begegnet uns derselbe Herrschaftsmechanismus wieder: im Präsidenten des Landes ebenso wie im Oberhaupt eines Stammes. Die Struktur der Beziehung bleibt dieselbe – besonders natürlich in Gesellschaften, in denen demokratische Strukturen fehlen.

Was mir außerdem aufgefallen ist, ist der ruhige Ton des Romans. Deine Sprache ist nicht aktivistisch – jedenfalls nicht in dem Sinn, wie manche Texte einen politischen Impuls so stark in den Vordergrund stellen, dass dabei ihre literarische Komplexität verloren geht. In deinem Roman steckt viel Frustration, aber sie wird nie aggressiv artikuliert. Wie gelingt dir diese Balance?

Ich glaube nicht, dass gute Literatur und Aktivismus einfach eine harmonische Einheit bilden können. Literatur muss zunächst einmal für sich selbst stehen. Natürlich können wir als Autorinnen und Autoren unsere Haltung ausdrücken und das, woran wir glauben, in unsere Texte einfließen lassen. Aber Aktivismus ist für mich etwas Politisches.
Ich bin Feministin. Doch wenn eine Autorin nur noch sagt: »Ich bin Feministin, und der Feminismus sagt dieses oder jenes«, dann ist das für mich keine Literatur mehr. Alles, woran wir glauben, lässt sich literarisch ausdrücken – und ich bin überzeugt, dass das letztlich viel wirkungsvoller ist als jedes Manifest.

Buchcover Chansons pour le Ténebrès

Iman Humaydan | Chansons pour les ténèbres | Gallimard

Das sehe ich ähnlich. Wenn Aktivismus in der Literatur zu unmittelbar wird, besteht die Gefahr, dass die Vielschichtigkeit des Lebens verloren geht.

In der Literatur zu direkt zu sein, bedeutet, der Kreativität ihre Seele zu nehmen. Die Literatur, die ich liebe, kann alles erzählen, ohne mit dem Finger auf etwas zu zeigen und zu sagen: »Seht her, genau das meine ich.« Die Leserinnen und Leser müssen durch den Text selbst verstehen, worum es mir geht – auf literarische Weise.

Und genau das zeigt der Roman. Über vier Generationen hinweg wird eine persönliche Identität, die sich gerade erst herauszubilden beginnt, immer wieder zerstört. Keine dieser Frauen erhält wirklich die Möglichkeit, sich zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist sehr traurig. Und ohne dass der Roman es ausdrücklich sagt, gilt letztlich dasselbe auch für das Land.

Genau. Das gilt besonders für den Libanon. Er ist zwar ein Staat, hat sich aber nie wirklich zu einer Nation entwickelt. Er verfügt über eine Verfassung, eine Regierung und ein Parlament. Was uns jedoch fehlt, ist das, was man auf Französisch 'citoyenneté' nennt: ein staatsbürgerliches Bewusstsein, eine wirkliche Zugehörigkeit zum Staat.
Die Loyalität der Libanesinnen und Libanesen gilt nicht in erster Linie dem Staat, sondern der jeweiligen Gemeinschaft oder Religion. Eine echte Bindung an den Staat hat sich nie herausgebildet. Das ist entscheidend, wenn man verstehen will, was seit den 1970er-Jahren im Libanon geschehen ist.

Aber warum ist das so? Im Westen wurde der Libanon lange als großes Versprechen wahrgenommen, beinahe als Hoffnungsträger für die arabische Welt. Doch dieses Versprechen scheint sich nie wirklich erfüllt zu haben. Dabei ist die Idee des Libanon vielleicht nicht nur für die arabische Welt von Bedeutung, sondern weit darüber hinaus.

Der Libanon als Idee ist ein Ort, an dem achtzehn Gemeinschaften friedlich miteinander leben. Doch nicht diese Vielfalt hat verhindert, dass der Libanon zu einer Nation wurde. Nicht die achtzehn Gemeinschaften sind das Problem, sondern die Politiker, die diese Vielfalt für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert haben. Statt jenes Gefühl von 'citoyenneté' zu entwickeln, von dem ich gesprochen habe, errichteten sie ein System des Klientelismus.
Wenn ich Drusin bin, wende ich mich an den Führer meiner Gemeinschaft, damit er mir eine Arbeitsstelle vermittelt. Wenn ich Christin bin, ob katholisch oder orthodox, erwarte ich vom jeweiligen Führer, dass er die Interessen meiner Gemeinschaft vertritt. Diese Führer wurden zu Vermittlern zwischen dem Staat und der Bevölkerung. Der Staat selbst wurde nie zu jenem Ort, dem sich alle Libanesinnen und Libanesen gleichermaßen zugehörig fühlen. Dazwischen steht immer eine vermittelnde Instanz.
Mit Beginn des Krieges wurde der Staat zunehmend schwächer. Zugleich lösten sich auch die Zukunftspläne der Menschen im Libanon immer mehr auf. Seit den 1970er-Jahren hat die Auswanderung enorm zugenommen. Wenn ich heute in den Libanon reise, muss ich mich als Einzelne selbst um alles kümmern: um Strom, Wasser, Internet – um Dienstleistungen also, die in westlichen Ländern gewöhnlich vom Staat bereitgestellt werden. Im Libanon muss sich jeder sein eigenes kleines Reich schaffen, um überhaupt Zugang zu diesen grundlegenden Leistungen zu erhalten.

Und genau davon handelt auch dein Roman. Er erzählt über mehrere Generationen hinweg, wie Traumata weitergegeben werden und wie begrenzt die Freiheit des Einzelnen bleibt, selbst darüber zu entscheiden, wohin er geht und wie er leben möchte.

Ja, das wird an der ersten, zweiten und dritten Generation sehr deutlich. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch das Land selbst noch jung ist: Der Libanon wurde erst 1943 unabhängig.
Im Roman besteht deshalb eine ständige Parallele zwischen der Jugend der Figuren – einer Jugend, in der sich ihre Träume nie erfüllen – und der Jugend des Landes, dem es ebenfalls nicht gelingt, den Traum zu verwirklichen, ein Ort für alle zu sein. Diese Parallele wird im Roman jedoch nie ausdrücklich benannt. Sie bleibt unsichtbar und ist dennoch immer präsent.

Vielleicht ist sie gerade deshalb so schwer zu fassen. Man kann nicht unmittelbar auf sie zeigen.

Ja, genau. Man kann sie nicht greifen und sagen: »Da ist sie.« Aber sie durchzieht den ganzen Roman – bis zur letzten Seite.

Und die letzte Generation, die Tochter, die über all das nachdenkt, ist die erste, die versucht, die einzelnen Teile wieder zusammenzufügen. Sie ist die Schriftstellerin. Darin liegt für mich auch die Hoffnung des Romans: in der Kunst, in der Literatur, in dem Versuch, wieder miteinander zu verbinden, was die Geschichte des Landes und die Geschichte der Familie auseinandergerissen haben.

Ja, genau. Denn sie ist die Schriftstellerin.n.

Richtig. Und durch das Schreiben beginnt eine Art therapeutischer Prozess – nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch im Verhältnis zum Land. Das hat mich an Der Fluch der Falodun Frauen erinnert, den Roman einer nigerianischen Autorin, über den wir in unserem Magazin geschrieben haben. Natürlich erzählt er eine ganz andere Geschichte, doch auch dort spannt sich die Handlung über mehrere Generationen und zeigt, wie schwer es ist, generationenübergreifenden Traumata, familiären Mustern und dem Schweigen zu entkommen. Auch in diesem Roman sind es das Schreiben und die narrative Rekonstruktion, die begreifbar machen, was von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.

Genau. Schreiben bedeutet nicht nur, das Leben anderer oder die Geschichte eines Landes festzuhalten. Es bedeutet auch, an sich selbst zu arbeiten. Wenn ich ein solches Buch schreibe, dann zunächst für mich selbst: um zu verstehen, mich zu erinnern, Zusammenhänge zu erkennen und etwas an meine Töchter und an die Menschen in meinem Umfeld weiterzugeben.
Durch diesen Prozess verändert sich etwas Grundlegendes – nicht nur in mir, sondern auch in anderen. Das gilt überall auf der Welt, besonders aber für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ihr Land verlassen haben und im Ausland leben. Für sie wird das Schreiben zu einer Möglichkeit, Erinnerungen zu bewahren.

So ist es. Wir haben auf unseren Seiten zum Beispiel auch die großartige chinesische Schriftstellerin Su Chang, die heute in Kanada lebt und von Dingen erzählt, die auf dem chinesischen Festland beinahe in Vergessenheit geraten sind. Du hast recht: Literatur ist eine Form der Archivierung, zugleich aber auch eine Neugestaltung von Erinnerung – fast so, als würde man ein beschädigtes Haus wieder aufbauen. Das gilt besonders für Länder, die einen Krieg erlebt haben und in denen die Gewalt einen tiefen Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart hinterlassen hat.

Literatur kann eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen und die Erinnerung an das Vergangene bewahren. Gerade im Libanon kommt dem Roman dabei eine wichtige Rolle zu. Vielleicht werden mir Soziologinnen und Soziologen widersprechen, aber ich glaube, dass insbesondere der libanesische Roman entscheidend dazu beiträgt, das Gedächtnis des Landes zu bewahren.

Das ist ein interessanter Punkt. Dein Roman ist inzwischen in drei Sprachen erschienen: auf Arabisch, Französisch und Englisch. Außerdem warst du damit auf Lesereise in den Vereinigten Staaten. Wie haben die Studierenden, mit denen du dort gesprochen hast, auf das Buch reagiert? Es waren doch vor allem Studierende, oder?

Die meisten Stationen meiner Reise waren Universitäten, vor allem in Massachusetts: in Boston und Amherst sowie am Williams College und am Vassar College. Daneben gab es Veranstaltungen in öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen.
Besonders schön war, dass viele Studierende den Roman bereits vor meiner Ankunft gelesen hatten. Dadurch konnten wir unmittelbar ins Gespräch einsteigen, und das Buch warf eine Vielzahl von Fragen auf.
Natürlich interessierte sie besonders der historische Hintergrund, also die Geschichte des Libanon. Viele Fragen bezogen sich deshalb auf das Land selbst. Da der Roman seine Geschichten aus der Perspektive von Frauen erzählt, rückte zugleich seine feministische Dimension in den Mittelpunkt. Die Studierenden – nicht nur die jungen Frauen, sondern auch die jungen Männer – fragten viel nach dem Leben von Frauen im Libanon und in der arabischen Welt. So entstand eine sehr vielschichtige Diskussion aus unterschiedlichen Perspektiven.

Und kam das Buch gut an?

Ja, die Studierenden reagierten sehr begeistert auf das Buch, und auch die Verkäufe während der Lesereise liefen sehr gut.
An dieser Stelle möchte ich auch meinem Verleger, Michel Moushabeck danken, dem Gründer von Interlink Publishing. Michel ist weit mehr als nur ein Verleger. Er unterstützt arabische Autorinnen und Autoren ganz konkret dabei, ihre Werke bekannt zu machen und ins Englische übersetzen zu lassen. Wenn er zugleich als Agent eines Autors oder einer Autorin tätig ist, setzt er sich außerdem intensiv dafür ein, dass die Bücher nicht nur auf Englisch, sondern auch in weiteren Sprachen erscheinen. Meine ersten beiden Romane wurden vor allem dank seines Engagements in mehrere Sprachen übersetzt. Ebenso möchte ich Dr. Michelle Hartman erwähnen und ihr danken. Sie ist Professorin an der McGill University in Montreal und hat, mit Ausnahme meines ersten Romans, fast alle meine Bücher ins Englische übersetzt. Sie kennt meinen Stil, meine Gedankenwelt und die Themen meiner Romane bis ins kleinste Detail.

Wir haben vorhin schon darüber gesprochen, dass derzeit offenbar immer weniger arabischsprachige Bücher übersetzt werden – und darüber, wie sich auch Islamophobie auf den Literaturbetrieb auswirken kann. Hat Michel Moushabeck diese Entwicklung ebenfalls beobachtet?

Ja, aber ich würde den Begriff etwas weiter fassen. Ich glaube nicht, dass es dabei inzwischen nur noch um Islamophobie geht. Vielleicht schwingt sie unbewusst mit, sobald von einem »arabischen Buch« die Rede ist. Vor allem aber habe ich den Eindruck, dass westliche und nordamerikanische Leserinnen und Leser heute weniger Interesse daran haben, sich intensiver mit arabischer Kultur auseinanderzusetzen.

Vielleicht auch deshalb, weil diese Kultur als zu komplex wahrgenommen wird. Den Begriff Islamophobie finde ich in diesem Zusammenhang ohnehin problematisch, weil er eine ganze Sprachgemeinschaft und einen gesamten Kulturraum auf Religion reduziert.

Sehr richtig. Das ist eine vollkommen verengte Sichtweise. Wer arabische Literatur so betrachtet, weiß offenbar wenig über den Libanon, in dem achtzehn Religionsgemeinschaften zusammenleben. Und ebenso wenig über Ägypten mit seiner vielfältigen literarischen Landschaft, zu der selbstverständlich auch zahlreiche koptische und nicht-koptische Autoren gehören. Ich habe großartige Bücher gelesen, die von der Geschichte Ägyptens erzählen, von der Dynamik der Gesellschaft, von der Revolution und von der jungen Generation.
Das Interesse an bestimmten Literaturen verläuft oft in Wellen. Zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt wurde beispielsweise sehr viel chinesische Literatur gelesen, später ließ dieses Interesse wieder nach. Häufig hängt das mit den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen in einem Land zusammen. Der libanesische Roman spielte zu Beginn des Bürgerkriegs eine ähnliche Rolle.
Als mein erster Roman ins Französische übersetzt wurde und ich 2004 zu einer Lesereise nach Frankreich kam, stellte ich fest, dass in jenem Jahr zahlreiche libanesische Romane erschienen waren. Damals gab es eine große Neugier, zu erfahren, was in diesem Land geschah. Heute ist diese Neugier in Europa und den Vereinigten Staaten deutlich geringer.
Was wir brauchen, sind gute Verlage und eine wirklich unabhängige Presse, die nicht übermäßig politisiert ist und Bücher zunächst aus einer literarischen Perspektive betrachtet. Das Problem besteht darin, dass viele Menschen bereits mit einer vorgefassten Meinung an einen Text herangehen, anstatt ihn tatsächlich zu lesen.
Ich erinnere mich an eine Zusammenkunft, bei der jemand einen syrischen Roman erwähnte. Zwei oder drei Personen reagierten sofort: »Nicht schon wieder. Wir haben bereits so viele syrische Romane gelesen.« Aber da ist zunächst einmal ein Text, ein Buch. Und wir sollten fragen: Ist es ein gelungenes literarisches Werk oder nicht?
Ein Roman kann durchaus auch die Funktion eines soziologischen Dokuments erfüllen. Doch wir dürfen darüber niemals seine literarische Dimension vergessen. Gute Literatur erzählt nicht nur von einer bestimmten Kultur. Sie erzählt immer auch eine menschliche Geschichte.

Es ist eine Geschichte, die weit über den Libanon hinausweist. Wie du gesagt hast, ist der Libanon in gewisser Weise ein Raum, in dem die Welt selbst sichtbar wird. All diese unterschiedlichen Gemeinschaften und Zugehörigkeiten bilden im Kleinen etwas ab, das auch für die Welt als Ganze gilt. In diesem Sinn ist eine solche Geschichte immer auch eine Geschichte über die Welt.

So sehe ich das auch. Wenn der Roman übersetzt wird und ihn amerikanische, britische oder französische Leserinnen und Leser lesen, werden sie die Träume dieser Menschen wiedererkennen: den Wunsch nach einem friedlichen Leben, danach, die Welt zu entdecken, den eigenen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, zu lieben, zu genießen, zu singen und zu tanzen. Diese Träume sind universell.

Natürlich erzählt der Roman auch vom Wandel der Zeiten. Es gibt diese wunderbaren Passagen über Beirut vor dem Krieg, über eine Stadt, die heute kaum noch wiederzuerkennen ist. Wer Literatur über das damalige Beirut gelesen hat, denkt unweigerlich: Wie schön muss diese Stadt gewesen sein – und wie viel ist davon zerstört worden. Aber vielleicht ist auch das eine universelle Geschichte: Orte werden zerstört, verändern sich und nehmen eine neue Gestalt an.

Der Roman vermittelt auch ein Bild der Stadt, das in der gängigen Vorstellung von Beirut kaum vorkommt. Oft heißt es: »Beirut war die Schweiz des Orients.« Das ist zwar positiv gemeint, aber der Libanon war immer mehr als das. Er war nicht nur die Schweiz des Orients, sondern ein Ort, an dem Kulturen, Zivilisationen und Religionen zusammenkommen und etwas Eigenes, vielleicht sogar etwas Bedeutenderes hervorbringen sollten. Dass dies nicht gelungen ist, hat politische Gründe.
Wenn ich diesen Satz höre, möchte ich deshalb immer entgegnen: Der Libanon ist mehr als das. Man muss nur die Literatur libanesischer Autorinnen und Autoren lesen. In ihr werden die Widersprüche dieser Gesellschaft sichtbar. Und trotz all dieser Widersprüche hat dieses Land über Jahrhunderte hinweg Bestand gehabt.

Dein Roman endet im Jahr 1982. Doch die Geschichte selbst ist damit noch lange nicht zu Ende. Ist eine Fortsetzung denkbar?

Nein, die Geschichte endet nicht 1982. Ich arbeite bereits an einer Fortsetzung, auch wenn mir meine beruflichen Verpflichtungen dafür nur begrenzt Zeit lassen. Ich hoffe, das Buch noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.
Es wird allerdings nicht einfach ein zweiter Teil von Songs for Darkness. Im Mittelpunkt stehen Asmahan, die Frau der letzten Generation, und ihre Tochter, die nach New York ausgewandert ist.
Während meiner Reise durch die Vereinigten Staaten bin ich deshalb auch nach New York gefahren. In der New York Public Library habe ich zur libanesischen Einwanderung der 1980er-Jahre recherchiert: Wo lebten die Menschen, wie sah ihr Alltag aus? Dabei habe ich erfahren, dass viele von ihnen in Brooklyn wohnten.
Ich hoffe, noch in diesem Jahr nach New York zurückkehren und dort zwei oder drei Wochen verbringen zu können, während ich am Ende der Geschichte arbeite. Ich möchte etwas Greifbares schreiben, etwas, das sich wirklichkeitsnah anfühlt. Ich kenne New York und war schon oft dort. Aber ich möchte für eine Weile dort leben, um genauer über die Straßen, die Geschäfte, die Familien und die Schulen schreiben zu können.

Und wenn du in den Vereinigten Staaten Menschen aus der libanesischen Diaspora triffst, die deinen Roman gelesen haben – wie reagieren sie darauf? Das Buch ist ungewöhnlich, weil es Geschichte nicht über die großen politischen Ereignisse erzählt, sondern aus der Perspektive von Frauen, einer Familie und des Alltags. Wie wird das aufgenommen?

Ich kann dir zwei Beispiele nennen. Eine Frau, die in den Vereinigten Staaten geboren wurde und deren Eltern aus dem Libanon stammen, erzählte mir nach der Lektüre, wie vieles ihr bis dahin unbekannt gewesen war, weil ihre Eltern nie darüber gesprochen hatten – etwa die Ereignisse von 1958 im Libanon, als es im Libanon zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, aber auch über viele andere historische Erfahrungen.
Das zweite Beispiel betrifft Menschen, die vor dreißig oder vierzig Jahren während des Krieges in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind. Einige von ihnen diskutierten mit mir über meine Darstellung, weil sie einen anderen politischen Hintergrund hatten und die Ereignisse anders bewerteten. Natürlich sind nicht alle derselben Meinung. Aber ich schreibe keinen Roman, damit alle mit mir übereinstimmen. Ich schreibe schließlich kein Geschichtsbuch, sondern Literatur – und darin kommt auch meine eigene Sicht auf die Dinge zum Ausdruck.
Gerade deshalb waren diese Gespräche sehr fruchtbar und positiv. Sie machten deutlich, dass es unterschiedliche Perspektiven auf dieses Land gibt und dass wir lernen müssen, diese Unterschiede anzuerkennen und zu respektieren.

Ist das nicht letztlich die Grundlage jeder Demokratie?

So ist es. Ich schätze diese Gespräche mit Libanesinnen und Libanesen, die in den Vereinigten Staaten leben und manche Dinge anders sehen als ich. Viele von ihnen mochten die literarische und kreative Seite des Romans, besonders die Art, wie er erzählt ist. Sobald es jedoch um bestimmte historische Ereignisse und ihre Darstellung ging, fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus.

Es geht also nicht darum, historische Fakten zu überprüfen?

Nein, die historischen Ereignisse sind real. Doch wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass es im Libanon als jungem Staat von Anfang an unterschiedliche politische Parteien und entsprechend verschiedene Deutungen der Geschichte gab. Der Roman erzählt aus einem bestimmten politischen und gesellschaftlichen Umfeld heraus. Seine Figuren gehören diesem Umfeld an – und natürlich prägt das auch die Art, wie die Ereignisse dargestellt werden.

Ich verstehe. Das ist interessant, denn als Leser von außen konnte ich diese Ebene der Auseinandersetzung gar nicht erkennen. Für mich war es eine ganz andere Lektüre. Wer den Libanon von innen kennt, liest den Roman offenbar mit einem ganz anderen Erfahrungshorizont.

Ja. Aber im Roman mache ich mir keine dieser Sichtweisen vollständig zu eigen. Ich bin Schriftstellerin, und ich schreibe, um zu verstehen. Zunächst einmal schreibe ich für mich selbst: um zu begreifen, was in diesem Land geschehen ist und warum wir an diesem Punkt angelangt sind.
Ich behaupte nicht: »So ist die Wirklichkeit.« Literatur bildet Wirklichkeit nicht einfach ab. Sie erschafft ihre eigenen Wirklichkeiten.

Oder vielleicht reflektiert Literatur unterschiedliche Wirklichkeiten und nimmt sie in sich auf – denn die eine Realität gibt es nicht.

Ja. Literatur ist für mich ein wenig wie ein Gespräch zwischen einem Patienten und einem Therapeuten. Man beginnt zu sprechen, und während man spricht, überwindet man etwas oder erkennt etwas über sich selbst. Man löst sich von dem Trauma, das einen überhaupt erst zum Schreiben gebracht hat.
Bei meinem ersten Roman war es das Trauma des Krieges, das mich zum Schreiben drängte. Als ich das Buch beendet hatte und es erschienen war, sah ich die Dinge anders. Daraus entstand Wild Mulberries. Nachdem ich einen Roman über den Krieg im Libanon geschrieben hatte, blieb für mich eine große Frage zurück: Woher kam diese Gewalt? Warum konnte sie gerade in unserem Land entstehen?

Und vielleicht geht die Frage sogar noch weiter: Warum im Libanon – und warum überhaupt in der Welt?

Genau. Warum gibt es diese Gewalt überall auf der Welt?

Ganz praktisch gefragt: Haben die Menschen in den Vereinigten Staaten den Roman auf Englisch oder auf Arabisch gelesen?

In den Vereinigten Staaten haben sie die englische Ausgabe gelesen. Viele leben dort bereits seit vierzig Jahren, und außerdem ist es nicht einfach, an die arabische Ausgabe zu gelangen. In gewisser Weise sind sie natürlich auch amerikanisiert.
Einige lasen jedoch zunächst die englische Übersetzung und fragten mich anschließend nach dem arabischen Original. Sie sagten: »Wir möchten den Roman gern in der Originalsprache lesen.« Daraufhin habe ich ihnen einige Exemplare geschickt.

Das unterscheidet sich also von Frankreich, wo – wie du mir erzählt hast – viele Leserinnen und Leser sehnsüchtig auf die französische Übersetzung gewartet haben.

Ja, das gilt vor allem für libanesische Leserinnen und Leser. Ich habe viele libanesische Freunde, die kein Arabisch lesen. Das hängt auch mit den historischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Libanon zusammen. Viele Libanesinnen und Libanesen sind frankophon – besonders jene, die vor vierzig oder fünfundvierzig Jahren ausgewandert sind und seitdem hier leben. Häufig lesen sie inzwischen kaum noch Arabisch.
Ich kenne einige, die deshalb auf die französische Übersetzung gewartet und den Roman unmittelbar nach ihrem Erscheinen gelesen haben.

Und trotzdem wirst du auch den nächsten Roman zunächst auf Arabisch schreiben?

Selbstverständlich.

Man weiß nie. Vielleicht verlangt der Markt ja irgendwann, dass du zuerst auf Englisch oder Französisch schreibst.

Zum Glück schreibe ich nicht für den Markt. Ich schreibe für mich selbst. Und solange ich auf Arabisch träume, werde ich auch auf Arabisch schreiben.

Das ist ein wunderbarer Schlusssatz. Vielen Dank für dieses Gespräch.


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