Wenn die Straßen von Paris Erinnerungen an Beirut wecken

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Wenn die Straßen von Paris Erinnerungen an Beirut wecken

Von den Schülerprotesten in Frankreich 2026 über die Demonstrationen im Beirut der 1970er-Jahre bis zum Aufstand von 2019: Gedanken einer libanesischen Schriftstellerin über Jugend, Protest und die Heimat, von der wir träumen
Iman Humaydan
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Iman Humaydan

Iman Humaydan, geboren in Ain Anub im Libanon, studierte Soziologie und Anthropologie an der American University of Beirut. Sie hat sechs Romane und verschiedene Kurzgeschichten veröffentlicht und Drehbücher geschrieben, die alle in internationale Sprachen übersetzt wurden. In ihren Romanen lässt sie Frauen zu Wort kommen und ihre eigenen Geschichten erzählen. Ihr vierter Roman 50 Gramm Paradies wurde 2016 mit dem Katara-Preis (Katar) ausgezeichnet. Sie unterrichtet Arabisch und kreatives Schreiben an europäischen und nordamerikanischen Universitäten, und ihr Kurs für kreatives Schreiben an der Universität Saint Denis in Frankreich ist der erste Kurs, der in arabischer Sprache über kreatives Schreiben gehalten wird. Humaidan war Jurymitglied beim Internationalen Preis für arabische Belletristik IPAF 2022. Sie ist Mitbegründerin des libanesischen P.E.N.-Zentrums, dessen Präsidentin sie von 2015 bis 2022 war, und Vorstandsmitglied von Pen International von 2017 bis 2023.
Sie ist Autorin und Redakteurin @literatur.review.

 Seit Beginn der Schülerproteste in Frankreich im September 2026 kehre ich immer wieder zu alten Fragen zurück, von denen ich glaubte, mich längst weit genug entfernt zu haben – oder zu denen mir die Zeit zumindest jene Distanz verschafft hätte, die es mir erlaubt, sie mit größerer Gelassenheit zu betrachten. Ich verfolge die Bilder der jungen Menschen auf den Straßen, lese die Parolen, die sie auf ihren Transparenten tragen, und versuche zu verstehen, was sie dazu bewegt, auf die Straße zu gehen, was sie verändern wollen und was sie zu verlieren fürchten. Dabei sehe ich nicht nur die Gegenwart, sondern auch Gesichter aus der Vergangenheit, andere Straßen und höre Stimmen, die einst an verschiedenen Orten der Welt laut wurden und deren Nachhall in uns fortlebt, selbst nachdem sie längst verstummt sind.

Es fällt schwer, das, was in Paris geschieht, lediglich als ein aktuelles französisches Ereignis zu betrachten. In mir ruft es Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach, an persönliche und kollektive Erfahrungen und an Fragen, die nichts von ihrer Bedeutung verloren haben. Was bedeutet es, in unruhigen Zeiten jung zu sein? Was bringt eine Generation zu der Überzeugung, dass die Welt, die sie geerbt hat, nicht mehr lebenswert ist? Und verändert sich die Bedeutung des Protests im Laufe der Zeit, oder wandelt sich lediglich die Sprache, in der wir unserer Wut, unserer Hoffnung und unserer Angst Ausdruck verleihen?

Ich denke zurück an den Mai 1968 in Frankreich, an jenen Moment, als die Studierenden der Universität Nanterre auf die Straße gingen, bevor sich die Bewegung ausweitete, Studierende aus ganz Frankreich sich ihr anschlossen und daraus eine soziale und politische Krise erwuchs, die weite Teile der Gesellschaft erfasste und schließlich in großen Arbeiterstreiks mündete. Der Aufstand richtete sich nicht nur gegen die Zustände an den Universitäten. Dahinter stand auch der Wunsch, die gesellschaftliche und politische Ordnung in Frankreich und darüber hinaus grundsätzlich infrage zu stellen und Machtverhältnisse ebenso wie die Beziehungen zwischen den Generationen neu zu überdenken.

Der Mai ’68 ist mehr als eine historische Erinnerung. Er ist zum Symbol einer Generation geworden, die verschlossene Türen öffnen, die Grenzen des Möglichen ausloten und verkünden wollte, dass die Welt, so wie sie ist, kein unabänderliches Schicksal darstellt. Doch wenn wir uns heute an jene Zeit erinnern, neigen wir dazu, sie zu einem in sich geschlossenen Bild zu verklären und dabei die Widersprüche zu vergessen, die sie begleiteten – ebenso wie die Hoffnungen, die sich nur teilweise erfüllten, und jene, die enttäuscht wurden.

Ich denke über den zeitlichen Abstand nach, der die heutigen Proteste von der Generation des Mai ’68 trennt. Denn jede Generation hat ihre eigenen Lebensumstände, ihre Krisen und ihre Sorgen. Wir können diese beiden Erfahrungen nicht einfach gleichsetzen oder davon ausgehen, dass sich die Geschichte im wörtlichen Sinne wiederholt. Doch es gibt Momente in der Geschichte, in denen junge Menschen spüren, dass die ihnen zur Verfügung stehende Sprache nicht mehr ausreicht, um ihre Wirklichkeit zu beschreiben, und dass sie mit den üblichen Formen des Protests niemanden mehr erreichen. Dann wird die Straße zu einem Ort, an dem sie sich Gehör verschaffen können – und vielleicht auch zu einem Ort, an dem sie erfahren, was es bedeutet, gemeinsam zu handeln.

Die 1970er-Jahre in Beirut

Ich verfolge die Schülerdemonstrationen in Frankreich in den sozialen Medien. Die jungen Menschen protestieren für bessere Lernbedingungen an ihren Schulen und in ihren Klassenzimmern. Sie sind nicht auf die Straße gegangen, um zu stehlen, zu zerstören oder Brände zu legen. Ich werde nicht zulassen, dass diejenigen, die nur auf Zerstörung aus sind, meinen Glauben an die Berechtigung der Forderungen der Schülerinnen und Schüler erschüttern. Und ich werde auch nicht übersehen, wie sich Lehrkräfte und Eltern zusammenschließen, Hand in Hand einen Kreis um die jungen Menschen bilden und sich schützend zwischen sie und die Sicherheitskräfte stellen, um sie vor Übergriffen zu bewahren.

Was ich sehe, weckt Erinnerungen, die in mir noch immer lebendig sind. Meine Gedanken wandern zurück in den Libanon, zu den Demonstrationen, die ich in den 1970er-Jahren auf den Straßen Beiruts erlebt habe. Ich erinnere mich an jenes Gefühl, das uns begleitete, wenn wir mit unseren Ideen und Fragen auf die Straße gingen, mehr oder weniger fest davon überzeugt, dass wir durch unser Engagement etwas an den Verhältnissen ändern könnten, in denen wir lebten.

Beirut war damals eine Stadt, in der kulturelle Lebendigkeit und politische wie soziale Spannungen dicht beieinanderlagen. An den Universitäten, in den Zeitungen, in Cafés und Wohnungen wurde leidenschaftlich diskutiert. Fragen nach Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und der Zukunft des Landes gehörten zu unserem Alltag. Die Politik war kein vom täglichen Leben getrennter Bereich. Sie prägte unsere Entscheidungen und Beziehungen und beeinflusste die Art und Weise, wie wir uns selbst und unseren Platz in der Gesellschaft verstanden.

Dass wir an Demonstrationen teilnahmen, bedeutete nicht, dass wir den Weg in die Zukunft kannten oder uns immer darüber einig waren, wie diese Zukunft aussehen sollte. Wie jede Generation hatten auch wir unsere Unterschiede und Widersprüche und versuchten, unsere Überzeugungen mit dem in Einklang zu bringen, was die Umstände zuließen. Doch auf die Straße zu gehen gab uns das Gefühl, nicht allein zu sein, dass unsere Sorgen nicht nur uns persönlich betrafen und dass die Worte, die wir in unseren Diskussionen austauschten, auch in der Öffentlichkeit Gehör finden konnten.

Heute blicke ich aus großer zeitlicher Distanz auf diese Momente zurück. Ich weiß, was danach geschah, wie der Krieg in unser Leben einbrach und unsere Städte, unsere Beziehungen und unsere Träume veränderte. Wie das, was einst möglich schien, plötzlich bedroht oder unerreichbar wurde. Doch ich möchte die Vergangenheit nicht allein von ihrem Ende her betrachten und die Erfahrungen einer ganzen Generation nicht auf das reduzieren, was später aus ihnen wurde. Das Leben, das wir damals führten, war nicht bloß ein Vorspiel zu dem, was danach geschah. Es war ein Leben mit allem, was dazugehört: dem Wunsch nach Veränderung, Freundschaft, Liebe, Arbeit und Schreiben und dem Glauben daran, dass Menschen die Welt, in der sie leben, mitgestalten können.

Trotz des Krieges in Beirut und allem, was danach kam, blieb das journalistische Schreiben über Kultur, Literatur und Kunst für mich mehr als nur eine berufliche Tätigkeit. Es war Teil eines größeren Projekts, der Vorstellung einer Heimat, die Raum für Freiheit und Vielfalt bot, und eines Lebens, das nicht von Angst beherrscht wurde. Durch das Schreiben, aber auch durch andere Aktivitäten, an denen ich mich beteiligte, versuchte ich, am Aufbau dieser möglichen Heimat mitzuwirken – oder zumindest ihr Bild in meinen Träumen und Erinnerungen lebendig zu halten.

Das Schreiben war untrennbar mit unseren Fragen an die Gesellschaft verbunden und mit unserem Wunsch, einen anderen Libanon zu erleben als den, den wir kannten. Kultur, Literatur und Kunst eröffneten uns Räume, in denen wir uns ein anderes Leben vorstellen, unsere Widersprüche zum Ausdruck bringen und Fenster zu Möglichkeiten öffnen konnten, die uns die Wirklichkeit verwehrte. Manchmal war das Schreiben unser Mittel, dem Gefühl der Ohnmacht zu widerstehen und an der Vorstellung festzuhalten, dass Heimat mehr ist als ein geografischer Ort mit festen Grenzen: etwas, das wir selbst gestalten können, damit es gerechter wird und allen Menschen mehr Raum bietet.

Während der Kriegsjahre erfuhr ich, was es bedeutet, sich durch eine geteilte Stadt zu bewegen, deren Straßen keine Sicherheit mehr boten, und wie es ist, wenn Angst zum Alltag gehört. Diese Angst entsprang nicht allein der unmittelbaren Gefahr, sondern auch der Ungewissheit darüber, was uns unterwegs erwartete, ob wir unser Ziel erreichen würden und ob das Leben, das wir zu bewahren versuchten, überhaupt noch möglich sein würde.

Ich hatte geglaubt, mit dem Verlassen Beiruts und dem zeitlichen Abstand zu jenen Jahren würde auch dieses Gefühl allmählich verblassen. Doch die Angst bleibt nicht an dem Ort zurück, an dem wir sie zum ersten Mal erfahren haben. Manchmal kehrt sie in einer anderen Stadt zurück, in einem flüchtigen Augenblick, ohne dass wir genau wissen, was sie wieder wachgerufen hat.

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 Heute, auf einer Straße in Paris, überkam mich plötzlich jene vertraute Angst, wenn auch weniger heftig als damals in Beirut. Es war nicht unbedingt die Angst vor einer konkreten Gefahr, sondern die Angst davor, dass die Stadt ihre Seele verlieren könnte. Paris ist für mich die Stadt des Mai 1968 und seines Geistes, und ich kann sie nicht anders sehen. Ich fürchtete, dass sich die Erfahrung des Verlusts wiederholen könnte und ich erneut Gefahr liefe, einen Ort zu verlieren, der mir zur Heimat geworden war.

Es fiel mir zunehmend schwer, die Proteste lediglich als politische Ereignisse zu betrachten. Vielmehr verfolgte ich sie mit der Sorge eines Menschen, der weiß, dass das Gefühl von Sicherheit niemals selbstverständlich ist und dass auch der Ort, den wir uns zum Leben und zur freien Entfaltung ausgesucht haben, ebenso zerbrechlich sein kann wie unser Leben selbst.

Als ich den jungen Elwan Benoît beobachtete, der in den sozialen Medien zu einer bekannten Persönlichkeit geworden war, und sah, wie er vor der Presse die berechtigte Wut seiner Generation und ihre Angst vor der Zukunft zum Ausdruck brachte, überkamen mich widersprüchliche Gefühle: Einerseits meine Solidarität mit den Schülerinnen und Schülern und meine Überzeugung, dass sie die Welt, in der sie leben, verändern müssen. Andererseits verspürte ich das starke, beinahe drängende Bedürfnis, mir einen fernen, sicheren Ort zu suchen, an dem ich den Rest meines Lebens verbringen könnte.

Tishreen – Beirut 2019

Während ich die Proteste in Paris verfolge, denke ich unwillkürlich an unseren Tishreen in Beirut zurück. Nicht, weil das, was hier geschieht, eine Fortsetzung der Ereignisse in Beirut wäre oder weil zwischen den beiden Bewegungen ein direkter Zusammenhang bestünde, sondern weil sich das persönliche Gedächtnis nicht an politische oder geografische Grenzen hält. Manchmal genügt es schon, junge Menschen unter zwanzig zu sehen, die einen Platz besetzen, ein Transparent hochhalten oder die Machthabenden mit Fragen konfrontieren, von denen sie nicht abrücken wollen, damit in mir Bilder aus einer anderen Zeit und von einem anderen Ort wach werden.

Im Oktober 2019 kehrten im Libanon Stimmen auf die Straßen zurück, von denen viele geglaubt hatten, sie seien längst verstummt oder würden angesichts der Erschöpfung und Enttäuschungen der Nachkriegszeit nie wieder laut werden. Der Aufstand begann inmitten einer tiefen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise. Zu den unmittelbaren Auslösern gehörte der Vorschlag, eine Steuer auf WhatsApp-Anrufe zu erheben. Doch die Menschen gingen nicht allein wegen einer solchen Steuer auf die Straße. Ihr Protest war Ausdruck einer über Jahre angestauten Wut über Korruption, den Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung, die Verschlechterung der Lebensbedingungen und ein politisches System, das unfähig oder unwillig schien, auf ihre Forderungen einzugehen. Hinzu kam ein schwacher, brüchiger Staat, an dessen Stelle bewaffnete Gruppen getreten waren, die ihren Willen durchsetzten und nahezu alles bestimmten – insbesondere die Beziehungen des Libanon zur übrigen Welt und sein Ansehen im Ausland.

Die Menschen strömten auf die Straßen und Plätze, mit Bildern und Transparenten, auf denen sie zum Ausdruck brachten, was sie wollten und was sie ablehnten. Es schien, als würde sich hier etwas jenseits der üblichen politischen Kalküle abspielen. Menschen aus unterschiedlichen Regionen und mit verschiedensten Hintergründen gingen gemeinsam auf die Straße. Sie forderten Würde, Rechenschaft und das Recht auf ein Leben, das nicht von einer Krise nach der anderen aufgezehrt wird. Bemerkenswert war, dass viele, die sich an der Revolution vom 17. Oktober 2019 beteiligten, keiner traditionellen politischen Organisation angehörten. Sie handelten vielmehr aus dem Gefühl heraus, dass die bestehenden Verhältnisse nicht länger hinnehmbar waren. Sie sagten: Es reicht!

Die Revolution war nicht frei von Widersprüchen, und ihr weiterer Weg war keineswegs vorgezeichnet. Revolutionen folgen nicht immer einem einheitlichen Programm, und nicht alle, die gemeinsam auf die Straße gehen, teilen dieselben Vorstellungen. Zudem bedeutet Protest nicht zwangsläufig, dass man auch in der Lage ist, tief verwurzelte Strukturen zu verändern. Dennoch hat der libanesische Oktober Spuren hinterlassen, die sich nicht übersehen lassen. Er offenbarte, wie tief die Kluft zwischen den Menschen und dem politischen System geworden war, das sie regierte, und zeigte, dass das Gefühl der Ohnmacht irgendwann in den Wunsch umschlagen kann, das eigene Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Der libanesische Oktober 2019 hatte seinen eigenen historischen und politischen Kontext, ebenso wie die Studentenproteste in Frankreich ihre eigenen Ursachen und Bedingungen haben. Doch ich frage mich, was uns diese Erfahrungen über das Verhältnis der Generationen zu der Welt verraten, in der sie leben. Wann beginnen junge Menschen zu spüren, dass die Institutionen ihnen nicht mehr zuhören? Wann werden aus individuellen Forderungen gemeinsame Überzeugungen, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss? Und was macht bestimmte historische Momente so besonders, dass sie Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen an einem Ort zusammenbringen können, selbst wenn sie längst nicht in allem übereinstimmen?

Ich denke zurück an meine eigene Jugend in den 1970er-Jahren, an die Demonstrationen und Proteste auf den Straßen Beiruts. Vielleicht liegt der Unterschied zwischen unseren damaligen Erfahrungen und denen der jungen Menschen heute vor allem in unserem Verhältnis zur Zeit. Damals, vor dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs 1975, schien die Zukunft noch weit und offen, selbst wenn die Lebensumstände schwierig waren. Wir konnten uns vorstellen, dass Veränderung möglich blieb, wie lang der Weg dorthin auch sein mochte. Heute hingegen sehen sich junge Menschen mit großen Ängsten und einer zunehmend ungewissen Zukunft konfrontiert. Sie müssen sich mit einer Vielzahl miteinander verflochtener Krisen auseinandersetzen, die Arbeit und Wohnen, das Klima, soziale Gerechtigkeit, Kriege, Vertreibung und Flucht betreffen. Hinzu kommen das schwindende Vertrauen in die Institutionen und die wachsenden Schwierigkeiten, sich überhaupt noch ein stabiles Leben aufzubauen.

Damit will ich nicht sagen, dass meine Generation hoffnungsvoller war oder dass die heutige Jugend weniger zu träumen vermag. Jede Generation hat ihre eigenen Ängste und steht vor Herausforderungen, die diejenigen, die vor ihr kamen, niemals vollständig verstehen können. Vielleicht irren wir uns sogar, wenn wir die jungen Menschen von heute mit denen vergleichen, die wir selbst einmal waren – als gäben uns unsere früheren Erfahrungen das Recht, über ihre Gefühle oder die Wege zu urteilen, die sie wählen, um sich auszudrücken.

Mit den Jahren und den Erfahrungen, die ich gemacht habe, hat sich zweifellos auch mein Verhältnis zum Protest verändert. Ich betrachte ihn nicht mehr mit den Augen jener jungen Frau, die auf die Straße ging und sich vorstellte, die Welt könne sich mit einem Mal verändern. Heute weiß ich, dass der Weg länger und komplizierter ist, dass Begeisterung allein nicht ausreicht und dass politische Systeme nicht immer vor der Macht der Massen zurückweichen. Ich weiß auch, dass manche Niederlagen tiefe Spuren hinterlassen und dass Enttäuschungen die Menschen vorsichtiger machen oder sie dazu bringen können, sich zurückzuziehen.

Doch diese Erkenntnis darf nicht zu einem Aufruf zum Schweigen werden oder dazu führen, die Träume der Jugend geringzuschätzen. Im Gegenteil: Vielleicht macht sie mich sogar aufmerksamer für den Wert solcher Momente des Protests, selbst wenn sie keine unmittelbaren Veränderungen bewirken. Die Straße ist nicht nur ein Ort, an dem Forderungen erhoben werden. Sie ist auch ein Raum, in dem Menschen entdecken, dass sie ihre Stimme erheben und ihre Vereinzelung überwinden können. Dass das, was sie bislang für ein ganz persönliches Problem hielten, Teil einer umfassenderen Erfahrung sein kann, die weit über die Grenzen ihres eigenen Landes hinausreicht.

Aufstände sind schließlich kein Versprechen auf den Sieg. Sie sind eine Erklärung, dass die Wirklichkeit, so wie sie ist, nicht hingenommen werden muss, und dass es Menschen gibt, die sich weigern, ihre Lebensumstände als unabänderliches Schicksal zu akzeptieren. Eine Bewegung mag einige ihrer Forderungen durchsetzen, sie mag an Kraft verlieren oder auseinanderbrechen. Doch ihre Wirkung lässt sich nicht allein an dem messen, was sie unmittelbar erreicht. Manchmal zeigt sie sich erst in der Sprache, in der Art, wie wir unsere Wirklichkeit beschreiben, und in den Fragen, die sie hinterlässt.

Heute, angesichts der Tausenden jungen Französinnen und Franzosen auf den Straßen, kann ich Hoffnung und Sorge nicht voneinander trennen. Ich wünsche mir, dass sie finden, was wir nicht gefunden haben, dass es ihnen gelingt, ihre Wut in die Kraft zur Veränderung zu verwandeln, und dass sie für ihr Recht, eine bessere Zukunft einzufordern, keinen allzu hohen Preis zahlen müssen. Doch die Geschichte verläuft nicht geradlinig, und der Wunsch nach Veränderung kann auf Kräfte und Interessen stoßen, die zu überwinden die Möglichkeiten einer einzelnen Generation übersteigt.

Heute habe ich das Gefühl, zwischen zwei Erfahrungen zu stehen. Ich bin nicht mehr mittendrin, aber auch nicht unbeteiligt. Eine Zeitzeugin, die die Erinnerung an die Straßen Beiruts in sich trägt, die Erfahrung des Krieges, Träume, die sich um das Schreiben und die Kunst rankten, und die Vorstellung einer Heimat, die ich mir freier und gerechter gewünscht hätte. Und dann ist da das Leben, das ich mir in Paris aufgebaut habe, in einer Stadt, die Teil meiner Identität und meiner Erinnerung geworden ist.

Aus dieser Position heraus fällt es mir schwer, über die Erfahrungen jener zu urteilen, die heute ihre eigenen Kämpfe austragen. Vielleicht lernen die Generationen nicht so sehr durch die Ratschläge derer voneinander, die vor ihnen kamen, sondern vielmehr durch Zuhören und die Einsicht, dass jede Zeit ihre eigene Sprache und ihre eigenen Bedingungen hat. Dass das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich oder unmöglich erschien, zu einem anderen Zeitpunkt ganz anders aussehen kann. Und dass das Beste, was wir der heutigen Generation mitgeben können, darin besteht, aufrichtig von unseren Erfahrungen zu erzählen – ohne die Vergangenheit zu beschönigen und ohne ihr allein die Verantwortung für das zuzuschreiben, was aus unserer Gegenwart geworden ist.

Vielleicht liegt die Heimat, von der ich träume, in der Sprache, die ich wähle, um mich auszudrücken, in den Geschichten, die ich erzähle, und in meiner Fähigkeit, die Vielfalt meiner Erfahrungen als Bereicherung meines Lebens zu begreifen. Diese Heimat ist ein Projekt, das niemals ein für alle Mal abgeschlossen ist und das keiner einzelnen Generation gehört. Jede Generation stellt neue Fragen an sie und prüft sie im Licht ihrer eigenen Veränderungen, Ängste und Hoffnungen.

So betrachtet ist die gedankliche Rückkehr von den Protesten in Frankreich nach Beirut und weiter zum Oktober 2019 vielleicht mehr als nur eine Reise zwischen verschiedenen Orten und Zeiten. Es ist die Rückkehr zu ein und derselben Frage, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder neu stellt: Wie kann der Mensch seine Fähigkeit zu träumen bewahren, ohne die Grenzen zu verleugnen, die ihm die Wirklichkeit setzt? Wie kann er sich einem Ort weiterhin zugehörig fühlen, ohne aufzuhören, ihn infrage zu stellen? Und wie kann er nach Veränderung streben und zugleich um die Zerbrechlichkeit des Lebens wissen und darum, was es bedeuten kann, den Ort zu verlieren, den man Heimat nennt?

Ich sehe in den jungen Menschen den Wunsch, ihre Stimme zu erheben und zu protestieren, aber auch die Suche nach einem Platz und einer Zukunft in einer Welt, die ihnen nicht zuhört. Und ich denke, dass dieser Wunsch, so unterschiedlich seine Ausdrucksformen und Ursachen auch sein mögen, einem zutiefst menschlichen Bedürfnis entspringt: dem Bedürfnis, gehört zu werden und darauf vertrauen zu können, dass die Zukunft nicht gänzlich verschlossen ist.

Der Frühling 1968 blieb nicht auf die Straßen und Universitäten beschränkt und auch nicht auf die politischen und gesellschaftlichen Forderungen der Demonstrierenden. Im Laufe der Zeit wurde er zu einem Wendepunkt für Kultur, Kunst, Literatur, Musik und Liedkunst. Er hinterließ Spuren in unseren Ausdrucksformen und in unserem Verhältnis zur Macht, zur Gesellschaft und zu uns selbst. Es war, als hätte sich der Wunsch, die Welt zu verändern, auch auf die Sprache ausgeweitet, mit der wir sie beschreiben, auf die Bilder, die wir von ihr entwerfen, und auf die Stimmen, mit denen wir unsere Träume und unseren Widerspruch zum Ausdruck bringen.

Erleben wir heute einen ähnlichen Wandel? Können die Proteste der jungen Menschen in Frankreich und anderswo Spuren hinterlassen, die über den gegenwärtigen Augenblick hinausreichen? Können sie neue Horizonte in Literatur, Kunst und Musik eröffnen und uns eine andere Sprache geben, um unsere Sorgen, unsere Wut und unsere Hoffnung auszudrücken?

Das ist eine berechtigte, vielleicht sogar notwendige Frage, doch ich kann sie nicht mit Gewissheit beantworten. Denn nicht jede Wut bringt neue Formen der Kreativität hervor, und nicht jeder Moment des Protests wird zu einem kulturellen Wendepunkt. Vielleicht werden die Antworten, wenn sie sich eines Tages abzeichnen, manche unserer Hoffnungen enttäuschen. Dennoch glaube ich nicht, dass wir vorschnell urteilen sollten. Manche Veränderungen zeigen sich nicht in dem Augenblick, in dem sie beginnen. Sie brauchen Zeit, um Gestalt anzunehmen, und einen gewissen Abstand, damit wir erkennen können, was sich tatsächlich verändert hat und was geblieben ist, wie es war.

Letztlich kommt es nicht darauf an, ob sich die Geschichte wiederholt. Wichtiger ist zu verstehen, was von unseren Erfahrungen bleibt, wenn sich Orte und Generationen verändern. Es bleiben die Spuren der Straßen, durch die wir gegangen sind, die Stimmen, die uns begleitet haben, die Heimat, von der wir geträumt haben, und das Schreiben, mit dem wir versucht haben, diesen Traum lebendig zu halten. Und es bleibt auch jene Angst, die sich mit Hoffnung mischt und die uns in einer anderen Stadt erneut begegnen kann, selbst wenn sie inzwischen ein anderes Gesicht angenommen hat.

Ich weiß nicht, wohin die Proteste in Frankreich in Frankreich führen werden und was die Erinnerung in einigen Jahren von ihnen bewahren wird. Aber ich weiß, dass ich, während ich sie verfolge, etwas von meinem früheren Ich wiederfinde. Und ich erkenne, dass ich, auch wenn ich heute nicht mehr nach denselben Antworten suche, doch niemals den Glauben daran verloren habe, dass die Vorstellung eines anderen Lebens der erste Schritt zu seiner Verwirklichung ist. Und dass das Schreiben, ebenso wie der Protest, einen Raum für das öffnen kann, was noch nicht Wirklichkeit geworden ist.

Was die jungen Menschen betrifft, die heute auf Frankreichs Straßen demonstrieren, so weiß ich nicht, was sie in dreißig oder vierzig Jahren über diesen Moment schreiben werden. Aber ich wünsche mir, dass sie, wenn sie eines Tages darauf zurückblicken, etwas finden, das es wert ist, erzählt zu werden. Dass ihre Erinnerung nicht nur aus Enttäuschungen besteht. Ich wünsche mir, dass in ihren Geschichten Raum für Hoffnung bleibt und dass sie sich die Freiheit zu träumen bewahren können, selbst wenn die Dinge nicht so kommen, wie sie es sich erhofft haben.

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