Wer nicht gesehen wird, darf bleiben
© Reprodukt VerlagJonas Seufert, Lisa Frühbeis | Schattenleben | Reprodukt Verlag | 160 Seiten | 24 EUR
Es gibt einen Satz, der in kaum einer Besprechung von „Schattenleben" fehlt, weil er die Grausamkeit der dargestellten Lage so lakonisch auf den Punkt bringt: Nur wer nicht gesehen wird, kann bleiben. Dieser Satz bohrt sich wie ein Widerhaken in das Bewusstsein des Lesers. Er dreht die übliche Logik der Sichtbarkeit um. Wie ein Verbrecher, ein Spion, ein Aussätziger: Um die eigenen Ziele zu erreichen, darf man gerade nicht auffallen, darf sich nicht zeigen, muss Präsenz vermeiden. Denn für Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus gilt: Jeder Amtsgang, jeder Arztbesuch, jede Verkehrskontrolle kann zur Falle werden. Unsichtbarkeit ist hier keine Randerscheinung, sondern Überlebensstrategie. Lisa Frühbeis und Jonas Seufert setzen genau hier mit ihrer Comic-Reportage an: Sie wollen sichtbar machen, was sich selbst unsichtbar halten muss, um zu überleben.
Es ist ein heikles Unterfangen, wenn man das Verborgene ans Licht bringt. Denn wer aus dem Schatten heraustritt, um erzählt zu werden, riskiert genau das, wovor er sich bislang geschützt hat: Aufmerksamkeit, die sich in behördliche Aufmerksamkeit verwandeln kann. Und jede journalistische Annäherung an ein fremdes Schicksal trägt zudem die Gefahr in sich, aus Mitgefühl Voyeurismus werden zu lassen oder die Geschichte der Betroffenen den eigenen Erzählabsichten zu unterwerfen. Dass es hier gelingt, liegt an der klugen Konstruktion des Bandes. Vier Menschen erzählen von ihrem Leben ohne Papiere in Deutschland, jede und jeder mit einer vollkommen anderen Vorgeschichte. Da ist Brienne, eine Transfrau aus Thailand, die sich aus der Zwangsprostitution befreien konnte und ihre frühere Chefin sogar vor Gericht brachte. Da ist die junge Vietnamesin Dâu, deren Eltern für ihr Studium in Europa den eigenen Hof verpfändet haben - Geld, das nie gereicht hat, sodass sie sich seither mit Schwarzarbeit durchschlägt, um die Familie zuhause nicht vollends verarmen zu lassen. Da ist Charlotte aus Kamerun, die von ihrem Onkel missbraucht und danach von der eigenen Familie verstoßen wurde. Nach der Ablehnung ihres Asylantrags lebt sie jahrelang ohne festen Wohnsitz und meidet aus Angst selbst den Gang zum Arzt. Und schließlich ist da Nasir aus Somalia, der fast sein gesamtes Leben in Deutschland verbracht hat und trotzdem immer wieder an der fehlenden Geburtsurkunde scheitert: Ohne dieses eine Papier erkennt keine Behörde seinen Aufenthalt formal an, sodass ihm zuletzt sogar die Wohnung gekündigt wurde und er auf der Straße landete.
Vier Schicksale, die nichts gemeinsam haben außer der einen Erfahrung: dass der eigene Körper zur Akte wird, die von Behörde zu Behörde geschoben werden mag, letztlich aber keine Existenzberechtigung erhalten soll. Frühbeis und Seufert verzichten dabei bewusst auf jede Larmoyanz. Zwischen die einzelnen Lebensgeschichten setzen sie immer wieder kurze, sachlich gehaltene Informationsseiten zu Arbeit, Gesundheitsversorgung, Abschiebepraxis und den Wegen zur Regularisierung. Diese Hintergrundseiten begnügen sich dabei nie mit bloßer Ergänzung: Sie erweitern den Blickwinkel und stellen mehrfach die eigenen Standpunkte zum jeweils angerissenen Schwerpunktthema selbst wieder infrage, statt einmal Gesagtes einfach stehen zu lassen. Frühbeis nimmt den Leser dabei mit den eingeschobenen Bildern jeweils mit auf einen Weg an Orte, die unmittelbar mit dem Schicksal der porträtierten Person verknüpft sind - die Reportage bleibt so selbst in ihren analytischsten Passagen an ein konkretes Leben gebunden. Diese Wechsel zwischen intimem Bericht und nüchterner Fakteninformation erinnert dabei nicht zufällig an das Prinzip der klassischen Graphic-Novel-Reportage, wie sie etwa Joe Sacco für den internationalen Comic-Journalismus salonfähig gemacht hat: Das Persönliche wird nie zur bloßen Illustration einer These, sondern die These entsteht aus der Wucht des Persönlichen. Auch der deutschsprachige Sachcomic kennt solche Annäherungen an Flucht, Exil und Ausbeutung bereits: Reinhard Kleist gab in „Der Traum von Olympia" (2015) dem Schicksal der ertrunkenen somalischen Läuferin Samia Yusuf Omar nachträglich ein Gesicht, und Birgit Weyhe verdichtete in ihrem mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten „Madgermanes" (2016) unzählige Interviews mit mosambikanischen DDR-Vertragsarbeitern zu drei fiktiven Verbundfiguren. Der Unterschied zu „Schattenleben" liegt daher weniger im Thema als im Zugriff: Wo Kleist eine bereits abgeschlossene, aus zweiter Hand rekonstruierte Biografie erzählt und Weyhe reale Stimmen zu Kompositfiguren einer historisch bereits beendeten Episode verschmilzt, begleiten Frühbeis und Seufert vier Menschen mit ihren eigenen Namen, die noch mitten in ihrer prekären Gegenwart stehen - erzählt aus direkten Gesprächen, nicht aus nachträglicher Rekonstruktion oder Verdichtung. Zugleich verweigern sich die beiden jeder plakativen Parteinahme. So haben Frühbeis und Seufert bei einer öffentlichen Vorstellung ihres Buches selbst betont, keine Migrationspolitik betreiben zu wollen - und tatsächlich liest sich der Band nie wie ein Pamphlet, sondern wie eine beharrliche Einladung zum genauen Hinsehen.
Diese Haltung prägt auch den Zeichenstil von Lisa Frühbeis, die sich in ihrer bisherigen Arbeit - etwa in der mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten Strip-Sammlung „Busengewunder" - vor allem aus feministischer Perspektive mit Machtverhältnissen auseinandergesetzt hat. In „Schattenleben" verzichtet sie auf jede karikaturistische Überzeichnung. Die Seite ist oft triadisch aufgebaut, die Panels vielfach rahmenlos gehalten, sodass die einzelnen Bilder nicht in ein starres Ordnungsraster gezwängt werden, sondern nebeneinander atmen können. Die Größe eines Bildes ist dabei nie Zufall, sondern spiegelt seine emotionale Bedeutung: Ein Moment der Verzweiflung darf die Seite dominieren, während daneben kleinere Panels die knappe, resignierte Gegenwart abbilden oder die Handlung merklich beschleunigen. Auch die Farbgebung folgt keinem starren Schema, sondern setzt gezielte, wiederkehrende Akzente - mal auf Haut und Kleidung der Protagonist:innen, mal auf verbrannter Erde einer Kriegserinnerung -, die einzelne Bildmotive assoziativ miteinander verknüpfen. Die Bildsprache bleibt dabei überwiegend konkret und figürlich; nur an wenigen, aber umso eindringlicheren Stellen löst sich Frühbeis davon: schwarze Flächen oder abstrakte Form aus wild bewegter Tusche weisen auf Erschöpfung oder Bedrohung hin, hier wird dann in Mustern statt mit Mimik erzählt. Der Zeichenstil selbst wird so, ganz ohne erklärendes Wort, zum stillen Taktgeber der erzählten Erfahrung.
Bemerkenswert ist zudem, wie sehr sich in diesem Zusammenspiel von Bild und journalistischer Recherche die unterschiedlichen Herkünfte der beiden Autor:innen ergänzen. Jonas Seufert (Bild rechts) hat als freier Reporter unter anderem für DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und CORRECTIV vor allem zu sozialer Ungleichheit und prekärer Arbeit gearbeitet; diese Genauigkeit im Faktischen merkt man den eingestreuten Hintergrundseiten an. Frühbeis wiederum bringt die erzählerische Empathie mit, die den vier Geschichten ihre emotionale Tiefe verleiht, ohne sie zu instrumentalisieren. Fünf Jahre intensiver Recherche und unzählige Gespräche stecken in diesem Band - und genau diese Langsamkeit, dieses Sich-Zeit-Nehmen für vier einzelne Biografien, unterscheidet „Schattenleben" von der schnellen Schlagzeile des tagesaktuellen Migrationsdiskurses.
Am Ende bleibt der Band unbequem, gerade weil er keine Lösung anbietet, die Protagonisten auch nicht heroisiert oder glorifiziert. Ihre eigenen Leerstellen und Unzulänglichkeiten bleiben offen, werden aber nicht ausgespart. Diese vier Menschen arbeiten, lieben, hoffen mitten unter uns - und existieren für den Staat trotzdem nicht. Und auch in unserem Alltag übersehen und überhören wir sie, gerade weil ihre Unsichtbarkeit erwünscht und strukturell angelegt ist.
„Schattenleben" führt so vor, dass Unsichtbarkeit hier nie eine Eigenschaft der Menschen ist, sondern eine Leistung der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Am Ende bleibt darum eine ebenso einfache wie unbequeme Erkenntnis, die den Satz, mit dem alles begann, still auf den Kopf stellt: Der Schatten, in dem Brienne, Dâu, Charlotte und Nasir leben müssen, wird nicht von ihnen geworfen. Er fällt auf sie - von uns.