Der größte Raubzug aller Zeiten?
C.H. BeckWilliam Dalrymple | Anarchie | C.H. Beck | 597 Seiten | 38 EUR
Die Holländer machten es vor. Im Juli 1599 bringen holländische Schiffe zum ersten Mal 800 t Pfeffer, 200 t Nelken, große Mengen Zimt und Muskatnuss nach Amsterdam. Der Gewinn: 400 Prozent! Das wollten die Engländer nicht auf sich sitzen lassen. Als die Holländer eine Delegation nach London schickte, um dort Schiffe für weitere Indienfahrten anzukaufen, reichte es einigen Londoner Kaufleuten. Sie gründeten selbst eine Handelsgesellschaft und erhielten zum 31. Dezember 1600 einen königlichen Freibrief für sechs zollfreie Reisen, ein 15-jähriges Handelsmonopol sowie semisouveräne Privilegien wie die Herrschaft über einzelne Territorien oder die Aufstellung von Armeen. 250 Jahre später dominierte die East India Company (EIC) zwei Drittel des Welthandels.
Eines der ersten indischen Wörter, das die englische Sprache übernahm, war „loot“, ein Hindu-Slang-Wort für Kriegsbeute. Dieses Wort kann uns ruhig als Flagge, als Leitwort, als Überschrift über die ganze Geschichte der EIC dienen, denn nach Indien zu fahren, für die EIC zu arbeiten und in kürzester Zeit soviel Reichtum wie möglich zusammenzuraffen, war das Ziel der meisten Engländer, die in den Osten aufbrachen. Sie setzten sich in Bengalen fest, damals wohl die wohlhabendste Region der Welt mit einem Boden und einem Wetter, die glänzende Ernten lieferten sowie mit zehntausenden Webern, die Stoffe von Weltklasse produzierten und einer Überfülle an Gold und Edelsteinen, mit der sich nicht nur die Herrscher schmückten.
Das Vorwort von William Dalrymple bringt dies alles glänzend auf den Punkt. Es hat allerdings einen kleinen Makel, denn während es breit über die Grausamkeiten der Briten berichtet, unterschlägt es, dass sich praktisch alle auf dem indischen Subkontinent gegenseitig abschlachteten. Im 17. Jahrhundert stand das Mogulreich in seiner Blüte. Die Engländer mussten politisch kleine Brötchen backen, konnten aber glänzende Geschäfte abwickeln. Im 18. Jahrhundert begann der Abstieg des großen Reiches. Innerer indischer Widerstand durch die Marathen zermürbte die Herrschaft der Moguln in jahrzehntelangen Kämpfen. Am Ende sammelten die Engländer die Reste ein. Aber das konnte ihnen nur gelingen, weil es ihnen ihre überlegene Militärtechnik erlaubte, indische Armeen von 150.000 Mann mit 3000 modernst bewaffneten Soldaten zu besiegen. Am 12. August 1765 bringt Robert Clive den letzten Mogul-Herrscher Shah Alam dazu, einen Vertrag zu unterschreiben, dass sein Reich de facto der EIC unterstellt.
Die Briten schaffen es in relativ kurzer Zeit aus einer blühenden Landschaft ein Armenhaus zu machen. Der Autor leitet sein Buch mit der Besichtigung eines Schlosses in Wales ein. Dort hat Robert Clive einen großen Teil seiner Beute untergebracht, die man heute noch dort besichtigen kann. Schon bei der Beschreibung bleibt einem, so sagt man es im Deutschen, die Spucke weg. Man ist sprachlos. Auch deshalb, weil klar wird, wie weit abgeschlagen Europa gegenüber der indischen Wirtschaft dastand. Die Europäer gewinnen denn auch ihre herausragende Rolle nicht deshalb, weil sie bessere Händler oder Handwerker sind, sondern weil sie sich auf einen Sonderweg begeben haben, der im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichen sollte. Die technische, wissenschaftliche und später industrielle Revolution, die in Europa stattfindet und immer schneller voranschreitet, gibt am Ende in allem den Ausschlag.
William Dalrymples Anarchie: Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874, dessen englische Originalausgabe bereits 2019 bei Bloomsbury erschien und das in diesem Frühjahr auf Deutsch bei C. H. Beck herauskam, fokussiert konsequent auf die East India Company. So weit, so gut. Trotzdem hätte mancher Leser gerne mehr über das damalige Indien erfahren. Wie genau das Mogulreich im Innern funktioniert hat, wie sich der Gegensatz von beherrschten Hindus und herrschenden Moslems im Alltag ausgewirkt hat und vieles mehr. Man muss nicht bei beinahe jeder Schlacht alle Details kennen, aber mehr über die indische Gesellschaft der damaligen Zeit zu erfahren, wäre sicher sehr interessant gewesen.
Am Ende scheitert die EIC an ihrem eigenen Erfolg. Großbritannien konnte es im 19. Jahrhundert nicht mehr zulassen, dass es neben der offiziellen Regierung in London ein Unternehmen gab, das in Indien wie ein Staat funktionierte und regierte. Als der Schaden für die britische Reputation zu groß zu werden drohte, wurde die Handelsgesellschaft verstaatlicht, 1874 löste sie sich auf. Schon vorher hatte sie Regulierungen unterlegen, die sich die britische Regierung ausbedungen hatte, als sie die EIC einmal vor dem Bankrott rettete, weil diese schon „too big to fail“ geworden war und zahlreiche Parlamentsabgeordnete Aktienpakete hielten.
Im Nachwort ist William Dalrymple der Meinung, dass das Wissen über die Geschichte der EIC für unsere Zeit wichtig sei, drohe doch eine Übernahme von staatlichen Aufgaben durch moderne Technologiekonzerne. Diese Gefahren sind real. Aber dass Elon Musk & Co. sich die Welt so vollständig unterwerfen, wie es einst die East India Company mit Indien getan hat, ist dennoch schwer vorstellbar.
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