Russische Gedichte zum Krieg gegen die Ukraine

Russische Gedichte zum Krieg gegen die Ukraine

Mehr als vier Jahre dauert schon der Krieg Russlands gegen die Ukraine, länger als der Große Vaterländische Krieg gegen Nazi-Deutschland. Ein Ende ist nicht in Sicht. 16 Russische Dichter befragen ihr Gewissen.
Titelbild Russische Gedichte
Bildunterschrift
Examen de conscience – Poésie russe en temps de guerre

 

Buch Russische Gedichte

Elena Balzamo (Hrsg.) | Examen de conscience – Poésie russe en temps de guerre | Editions Points | 208 Seiten | 11,95 EUR

Reisen bildet. Auf einem Tagesausflug nach Paris um die Retrospektive eines großen, noch lebenden deutschen Malers zu besuchen, musste ich lange auf meinen billigeren, und deshalb späten Zug zurück nach Brüssel warten. Um mir die Zeit zu vertreiben, kaufte ich mir die aktuelle Ausgabe der Tageszeitung „Le Monde“. Und siehe da, in der Beilage „Buch“ wurde ein soeben in der Editions Points (Point Poésie) veröffentlichter Gedichtband von 16 russischen Dichterinnen und Dichtern besprochen. Wieder zu Hause bestellte ich mir das kleine Taschenbuch sofort. Es ist eine zweisprachige russisch-französische Anthologie, herausgegeben von Elena Balzamo. Der Titel: Examen de conscience – Poésie russe en temps de guerre (Untersuchung des Gewissens – Russische Poesie in Zeiten des Krieges). Fünf Übersetzerinnen besorgten die französischen Übertragungen.

Elena Balzamo schreibt eine kurze, aber prägnante Einleitung. In sowjetischen Zeiten hatten heimlich verbreitete Gedichte einen großen Stellenwert in der Gesellschaft. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verloren sie ihre einst dominante Stellung, weil plötzlich alle Türen für künstlerischen Ausdruck offen standen. Seitdem Putin-Russland 2022 einen vollen Eroberungskrieg gegen die Ukraine gestartet hat, hat sich die Qualität der Gedichte, so die Herausgeberin, wieder enorm verbessert. Viele der ausgewählten Gedichte würden an ältere Traditionen anknüpfen oder auf sie verweisen.

Die Dichterinnen und Dichter kommen oft aus den großen Städten Russlands. Die meisten leben im Exil, manche schon vor 2022, die meisten emigrierten nach dem 24. Februar 2022. Evguenia Berkovitch wurde im Dezember 2024 zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt, drei Dichter leben in Moskau. Die großen Städte, bzw. ihre Bewohner, versucht der russische Präsident soweit es geht von den Kriegsauswirkungen zu verschonen, nachdem die Ankündigung einer Teilmobilisierung am 21. September 2022 zur Flucht von Hundertausenden geführt hat. Viele von ihnen waren junge, gut ausgebildete Menschen. Seitdem fürchtet Putin gesellschaftlichen Protest noch stärker als der Teufel das Weihwasser.

Man merkt den Gedichten diesen „Schutzraum“ an. Der Titel des Buches „Untersuchung des Gewissens“ sagt es schon. Es geht selten um selbst erlebte Schrecken eines grausamen Krieges, sondern mehr um die Frage, warum alles so gekommen ist und man – mit vielen in der Ukraine und im Westen – den Krieg bis zuletzt nicht hatte kommen sehen. Schuldgefühle, aber auch ein intensives, aber eben nicht direktes Mitleben dessen, was den Ukrainern jeden Tag von Russen angetan wird, finden sich in vielen Strophen.

Die Dichterinnen und Dichter sind chronologisch nach ihrem Geburtsdatum geordnet. Viktor Essipor eröffnet den Reigen mit vier Gedichten, die sich langsam steigern. Im ersten geht es um die schöne Natur, durch die ein Kampfjet braust. Im zweiten beginnt der Frühling, Liebende fassen sich an die Hände, der kleine Supermarkt nebenan hat geöffnet, alles scheint normal. Im dritten riecht das Blut wie 1930. In diesem Jahr begannen die Zwangskollektivierungen durch Stalin bei den Bauern, die in der Ukraine Millionen von Toten zur Folge hatten. Im vierten wird berichtet wie einige historische Herrscher gestorben sind. Ein klarer Hinweis auf das unvermeidliche Ende Putins.

Bei Vadim Jouk (gestorben 2025) heißt es, dass Schwerter nicht mehr zu Pflugscharen (ein alter Slogan der deutschen Friedensbewegung der 1980er Jahre), sondern Kreuze zu Schwertern geschmiedet werden, ein klarer Hinweis auf die kriegstreibende Rolle der russisch-orthodoxen Kirche.

Von Igor Irteniev stammt dieses Gedicht:

Ein anderer Weg für uns?
Es gibt ihn tatsächlich nicht mehr.
Wir haben es ganz und gar geschafft
Den absoluten Horror zu erreichen.

Bis zum Punkt, dass kalter Schweiß
In Strömen unsere Stirn hinabschießt;
Pol Pot scheint ein Messdiener
Im Vergleich.

Das hätte ich mir nie vorstellen können,
Nicht einmal ansatzweise,
Ich, der ich so viele schlechte Verse
Über das russische Regime geschrieben habe.

(eigene Übersetzung aus dem Französischen)

Alexeï Gloukhovski schreibt darüber, wie die russischen Eliten mit den eigenen Soldaten umgehen:

Auszeichnung nach dem Tod
Mathematik ist simpel, im Krieg.
Der eine geht, der andere kommt: eine einfache Rechnung.
Dass man tötet – nicht bemerkenswert. Die Frauen-Mütter
werden andere gebären, ganz neu.
Morgen wird es wieder kleine, frische Soldaten geben
um die Wölfe und Raben zu füttern.
Die „Mathematiker“ der Elite 
notieren keinen einzigen Verlust in ihren Reihen.
Im Morgengrauen, das Schlachtfeld absuchend,
sammeln sie die toten Überreste ein,
dekorieren die Abwesenden nach dem Tod,
finden für sie ungefähr gleichen Ersatz.
Oh diese Mathematik – 
nichts als eine lügnerische Lebenswissenschaft
Er war, er ist gegangen. Für die Mutter nur eine Nachricht
und ein Sarg, der sich nicht öffnen lässt.

(eigene Übersetzung aus dem Französischen)

Wir alle müssen uns gegen schreckliche und grausame Wirklichkeiten auch schützen können, wenn wir leben wollen. Manches kann man nur durch einen Filter ertragen. Mein härtestes, gelebtes Beispiel dafür ist der Roman Beasts of no nation über das Leben eines Kindersoldaten in einem westafrikanischen Land. Die Hauptperson wurde als kleiner Junge entführt, seine Familie erschlagen. Geschrieben hat das Buch der nigerianische Autor Uzodinma Iweala, es erschien 2005 und wurde 2015 auch verfilmt.

Im Vergleich damit lesen sich die hier besprochenen Kriegsgedichte relativ leicht. Das Wort Butscha, eine ukrainische Stadt, deren Name als Symbol für unvorstellbare russische Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung steht, wird im ganzen Buch nur dreimal genannt. Und trotzdem: Russische Dichterinnen und Dichter, die über die Verbrechen ihres Vaterlandes weder schweigen wollen noch können, sind ein wichtiger Beitrag zu einem Krieg, den vor allem wir Europäer nicht verdrängen sollten.

Das nicht zu tun, dabei hilft uns Guerman Loukomnikov, ein Meister der Kürze:

Der Schädel geknackt
        wie eine Nuss.
Das Leben geht weiter!
Aber nicht für dich.
        17.08.22

(eigene Übersetzung aus dem Französischen)


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