Keine lyrische Hausapotheke, eher ein bunter Teller

Keine lyrische Hausapotheke, eher ein bunter Teller

In den Gedichten von Hannes Wesendonk entfaltet sich ein wiederkehrendes Spiel mit der Fallhöhe zwischen Banalität, Ernst und Unsinn
Foto Hannes Wesendonk
Bildunterschrift
Hannes Wesendonk
Buchcover Hannes Wesendonk

Hannes Wesendonk | Der Typ mit den getönten Gläsern – Gedichte | XS Verlag | 104 Seiten | 20 EUR

Die Gedichte von Hannes Wesendonk lassen einen vermutlich auf sehr direktem Weg in den Kopf von Hannes Wesendonk schauen, wenn man den Einspruch ignoriert, das lyrische Ich sei nicht immer identisch mit dem Autor-Ich. Indizien, die dafür sprechen, sind Titel wie „Tagebucheintrag“. So ein Titel suggeriert eine gewisse alltägliche, unzensierte und persönliche Authentizität, ein Blick hinter die Kulissen, ohne Filter sozusagen:

Tagebucheintrag

Sex schön
Heute grau
An Gedichten gearbeitet
Matjes mit Kartoffeln
Hamsun gelesen
Gute Nacht

Das liest sich so lapidar wie die Kurzzusammenfassung eines Gesprächs unter guten Freunden als Antwort auf die Frage „Na, was hast du heute so gemacht?“ Hier gibt es zwar sprachliche Verdichtungen wie „Sex schön“, die Raum für Fantasie lassen (Sex mit wem? Sex allein? Was für eine Art von Sex? Ausdruck eines Wunsches oder praktizierter Sex? Oder einfach ein mutiges Statement? Etc.), aber insgesamt ist man geneigt, die Informationen eins zu eins als erlebte Realität, also authentische Welt des Autors zu interpretieren. Natürlich kann er an diesem Tag auch Fontane statt Hamsun gelesen oder Nudeln zum Matjes gegessen haben. Würde dies den Aussagewert des Textes verändern? Es bleibt auf jeden Fall ein unprätentiöser Blick in einen Lebensalltag, ein verknappter Tagesablauf, ein Kondensat. Aber natürlich stellt so ein vermeintlich authentischer Text auch eine Visitenkarte dar, eine Stilisierung, eine Selbstauskunft, ein Instagram-Foto. Für den Leser ist das Gedicht ein unverbindliches Identifikationsangebot. Hier kann Sympathie für den Autor entstehen oder Desinteresse, je nachdem, ob man ähnliche Vorlieben oder Themen hat oder ähnlichen Tätigkeiten nachgeht (an Gedichten arbeiten zum Beispiel). Aber diese Art von Lyrik ist auch immer ein willkommenes Assoziationsangebot: Lecker, Matjes mit Kartoffeln, könnte ich mal wieder machen. Wann habe ich denn zuletzt Hamsun gelesen? 

Wesendonk spielt laut Verlagswerbung „mit den Formen von Konkreter Poesie, Pop-Lyrik und Prosagedicht und konfrontiert sie mit Gegenwart. In der Tradition Wolf Wondratscheks liebt er das Unwichtige, das Überhöhte, das Ungnädige“. Das ist schon recht zutreffend. Unter Konkrete Poesie fällt zum Beispiel das folgende Gedicht:

Binäres Gedicht

01001100
01000001
01001110

Wie bei seinen Vorgängern wie Eugen Gomringer oder Ernst Jandl bleibt hier die Frage offen, ob sich bei dem Text ein zweiter, intensiver Blick lohnt oder nicht. Vielleicht wollte aber einfach nur eine Idee mal aufgeschrieben werden.

An Wondratschek erinnern die erzählenden, prosanahen Gedichte wie „Hast du vielleicht 20 Cent?“ „Hast du vielleicht 20 Cent/Bitte, ich brauche/was zum Schlafen/…“ oder „Auf der Gangway“: „Ich halte kurz inne/während ich/bewusst gehe/die Hand fest/um den Koffergriff/Luft von einem/anderen Kontinent/…“ Hier scheint auch teilweise das Leben in Berlin, dem derzeitigen Wohnort des Autors, auf: „Zurück in Berlin“ heißt ein Gedicht: „Ich bin zurück/in Deutschlands Weichteil Nr. 1/oder Hauptstadt/wie die Cleveren unter euch sagen würden/…/Berlin gehört den Pennern/niemand gehört hier so hin/…“ Soziale Beobachtungen, urbane Alltagseindrücke und Meinungen wechseln munter ab wie zum Beispiel in „Das Geräusch“: „…/Ich habe kaum noch Penner gesehen/die was Freches sagen/…Ich gehe keinen Döner mehr essen/Der Döner ist schon noch okay/aber sechs Euro sind einfach zu teuer/…“

An Literatur die Gegenwärtigkeit zu beurteilen, ist immer ein fragwürdiges Unterfangen. Lyrische Texte sind letztlich immer Schnipsel einer subjektiv erlebten und verarbeiteten Wirklichkeit. Aber Wesendonk, Jahrgang 1986 und zunächst als Sänger und Songwriter der Berliner Band U3000 in Erscheinung getreten, beschäftigt sich – wenn man Indizien für Gegenwärtigkeit sucht - mit Zeitgenossinnen wie Angela Merkel (hier parodiert er die omnipräsente Merkelisierung des Lebens) oder mit Heidi Klum, die er im Text „Heidi Klum vs. meine Mutter“ als Vergleichsfolie hernimmt: „Meine Mutter ist nicht Heidi Klum/wirklich nicht/Meine Mutter/ist/viel netter/als/Heidi/…“ Das ist manchmal witzig, manchmal recht banal, manchmal politisch wie in „Thüringer Wahl 24“, wo die Wahlergebnisse, vor allem der Sieg der AfD, im Stile der Konkreten Poesie veranschaulicht werden. 

Beim Spaziergang durch die Texte des Lyrikbandes fällt vor allem die Vielfalt an Themen und Gegenständen dichterischer Betrachtung auf, was je nach Geschmack willkürlich beliebig oder erfrischend bunt wirken kann. So ist findet sich das sprachspielerische „Der Fußballporno“: „Aus dem Halbraum/rechts durchgekommen/Die eigene Stieftochter/brutal eingewechselt/kriegt zwei Dinger rein/…“ neben dem selbstironischen „Dichtergenie“ („Ich kann wirklich/gut abtrocknen/…“) und niemanden überfordernden Gedichten über kulturelle Schwergewichte wie „Adorno“, „Für Federico Fellini“ oder „Richard Wagner“. 

Der dem gesamten Lyrikband den Titel gebende Text „Der Typ mit den getönten Gläsern“ ist eine spöttisch-ironische Abrechnung mit der Boomer-Generation, die „den kalten Krieg/langsam aber sicher im Kopf gewonnen/und guten Geschmack gezüchtet/wie schwarze Rennpferde“ hat. Im Vergleich dazu fragt sich das lyrische Ich in gespieltem Understatement: 

Was bin ich dagegen
Ein Poet
mit einem kaputten Display

Der Ton dieser Gedichte ist meistens lustig-ironisch, lapidar, satirisch-beobachtend, die Inhalte mal gesellschafts- oder medienkritisch, mal privat und/oder biografisch reflektierend wie der Text „38“ („Ich habe vor Gräbern gestanden/und in leeren Diskotheken/In verschmutzten Pools gebadet/und bin durch Wälder spaziert/…/Ich habe Sportarten ausprobiert/war beim Sehtest/bin 8 Stunden am Stück gefahren/und habe in Häuserecken gepisst“). Hier wie in vielen anderen Texten Wesendonks fällt immer wieder das Spiel mit der Fallhöhe zwischen Banalität, Ernsthaftigkeit und Unsinn auf. Auf neue Veröffentlichungen des Poeten mit dem kaputten Display darf man gespannt sein!


Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen! 
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!