Wo Entscheidungen leise sprechen

Wo Entscheidungen leise sprechen

„Ins hohe Gras“: Trevor Noah und Sabina Hahn erzählen, warum man manchmal nur loslaufen muss, um heimzukehren. Eine Fabel über Freundschaft, Freiheit und das sanfte Gewicht von Entscheidungen
Trevor Noah
Ins hohe Gras

Trevor Noah | Ins hohe Gras | Insel | 128 Seiten | 20 EUR

Trevor Noah – derzeit als globaler Moderator, Autor und politisch hellhöriger Entertainer gefragt wie nie, nach „The Daily Show“ nun zwischen Welttourneen, Podcasts und gesellschaftlichen Debatten fest verankert – legt mit Das hohe Gras sein zweites Buch vor. Doch diesmal geht es nicht um autobiografische Brüche und Überlebenshumor in Noahs südafrikanischer Heimat, nicht um jene faszinierend komplexen und grotesk-realistischen Kaleidoskop seiner Kindheit in Soweto, die sein erstes Buch Farbenblind so prägnant und außergewöhnlich machten. Stattdessen wagt Noah einen Schritt dorthin, wo Geschichten noch weich auftreten dürfen: in die Welt der Kinder.

Gemeinsam mit der Illustratorin Sabina Hahn – die in Riga aufwuchs, heute in New York lebt und wohl schon als Kind mehr gezeichnet als geatmet hat – schafft Noah ein modernes Märchen, eine Fabel voller leiser Wucht, die nicht nur wegen der Figurenkonstellation Teddy Bär und Kind an einen globalisierten Pu der Bär erinnert. Und tatsächlich: In diesem Buch ist nichts laut. Alles ist rhythmisch, weich, aber eindeutig gesetzt. Schon der Ausgangspunkt ist eine stille Rebellion: Ein Junge flieht mit seinem Teddy vor den Regeln der Erwachsenen und landet im hohen Gras, an einem Ort, „wo sie noch nie zuvor gewesen sind“.

Was dort folgt, ist ein Gang durch eine Welt, die zugleich vertraut und verwunschen scheint. Hahn fügt dem Text Illustrationen hinzu, die wirken, als hätten sie sich selbst in die Geschichte hineingeschlichen – humorvoll, fein, nie aufdringlich. Man sieht ihnen an, dass sie nicht erklären wollen, sondern begleiten.

Die Figuren, denen der Junge und sein Teddy begegnen, sind in ihrer Skurrilität präzise beobachtete Abbilder unserer Gegenwart: zwei Münzen etwa, die über die Absurditäten menschlicher Konflikte philosophieren. „Wir sind durch die ganze Welt gereist, von einer Tasche in die nächste“, sagt die ältere. „Und überall haben wir erlebt, dass sich Leute über blöde Sachen gestritten haben.“ Die kleine Münze ergänzt trocken: „Einer will Bus fahren, der andere mit dem Zug. Einer will Süßigkeiten kaufen, der Nächste eine Kartoffel.“

Die Szene wirkt wie ein kleiner, flirrend leuchtender Noah-Moment: Witz, Welthaltigkeit und kindlicher Klarblick treffen sich hier und wirken, als hätten sie schon immer zusammengehört. Und dann fällt einer dieser Sätze, die im Kinderbuch harmlos daherkommen, aber in Wahrheit existenziell sind: „Dem Glück kann man nicht böse sein!“ – eine Zeile, die klingt wie eine Lebensbeichte aus der Tasche eines Reisenden, der schon genug gesehen hat.

Die Münzen schenken dem Jungen zudem eine Art metaphysische Gelassenheit. Als dieser zweifelt, was geschieht, wenn eine Entscheidung falsch ist oder der Zufall versagt, antwortet die alte Münze mit entwaffnender Klarheit: „Manchmal trifft man die richtige Entscheidung, und es geht schief, dann wieder trifft man die falsche Entscheidung, und alles geht gut.“ Ein Satz, so leicht wie ein Blatt, das man im hohen Gras verliert – und gleichzeitig so wahr, dass er einem im Erwachsenenalltag fast unangenehm erscheint.

Die wohl schönste Passage aber gehört Walter, einer Figur, die weise spricht, ohne weise wirken zu wollen: „Wenn du’s noch Zuhause nennst, kannst du immer zurück.“ Ein Satz, der den Kern des Buches trifft: Man bricht auf, um zu verstehen, dass Heimat weniger ein Ort ist als ein Echo.

Ins hohe Gras ist ein Kinderbuch. Aber es ist auch ein moralisches Modell, das nicht mit der moralischer Keule arbeitet. Noah und Hahn legen eine leichte, luftige Erzählung vor, die Freundlichkeit nicht predigt, sondern zeigt, die Neugier nicht beschwört, sondern praktiziert. Die Bilder tragen den Text, der Text spielt mit den Bildern – und beides zusammen ergibt ein Buch, das einlädt, ohne zu vereinnahmen. Es ist ein wunderschön gestaltetes Werk, klug und verspielt verwoben, voller „Trevorness“, aber ohne Stand-up-Bühne. Ein Buch, das beweist, dass man dem Glück tatsächlich nicht böse sein kann. Und dass manchmal das größte Abenteuer darin liegt, einfach weiterzugehen – bis das hohe Gras einen wieder freigibt.


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