Wenn die Liebe die Grenze des Glaubens überschreitet

Wenn die Liebe die Grenze des Glaubens überschreitet

Über den Konflikt zwischen religiösen Geboten und persönlichen Gefühlen in Bassam Shams Al-Deens Roman „Hafwah“, der vom jüdischen Leben im Jemen des frühen 20. Jahrhunderts erzählt
Foto Bassam Shams Al-Deen
Bildunterschrift
Bassam Shams Al-Deen
Buchcover Bassam Shams Al-Deen

Bassam Shams Al-Deen | Hafwah | Hazawiaward | 158 Seiten

Entweder konvertiert Zahra zum Islam, oder Awlaq wird Jude (S. 111)

Dieser Satz steht im Mittelpunkt von „Hafwah“ (Ein Ausrutscher), einem Roman des jemenitischen Schriftstellers Bassam Shams Al-Deen, der 2011 im Obadi-Verlag in Sana’a erschien. Auf 158 Seiten erzählt er die Geschichte von Awlaq, einem jungen Mann, der zwischen Liebe, Religion und gesellschaftlichen Zwängen hin- und hergerissen ist.

Der Roman spielt im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, als Juden noch ein fester Bestandteil der lokalen Gemeinschaften im Jemen waren – bevor Mitte des Jahrhunderts im Rahmen der Operation Magic Carpet die massenhafte Auswanderung über den Hafen von Aden erfolgte.

Wie der Autor erklärte, war die Vertreibung der verbliebenen jüdischen Familien aus dem Norden des Jemen einer der Gründe, die ihn dazu bewegten, diesen Roman zu schreiben und sich mit jener Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dabei stützte er sich auf Erzählungen älterer Menschen, die diese Zeit selbst erlebt hatten.

Zahra ist eine junge jüdische Frau, die in Sana’a lebt. Ihr Leben ist von Anfang an von Schwierigkeiten geprägt. Sie wächst unter der strengen Obhut ihres Vaters auf und wird später in eine unglückliche Ehe gedrängt. Nach deren Scheitern versucht sie, ein unabhängiges Leben zu führen, und eröffnet im jüdischen Viertel Qaa Al-Yahood eine kleine Herberge für Reisende.

Dort begegnet sie Awlaq, einem jungen Muslim aus Aden, der Englisch unterrichtet. Er unterscheidet sich von den anderen Männern in Zahras Umfeld. Er verbringt viel Zeit mit Lesen und hält sich vom lautstarken Treiben der übrigen Gäste fern.

Awlaq verliebt sich in Zahra und möchte sie heiraten. Doch ihre Liebe über die Religionsgrenzen hinweg stößt auf Widerstand – nicht nur zwischen den beiden selbst, sondern auch in ihren Familien, bei den religiösen Autoritäten und in der Gesellschaft.

Als Zahra und Awlaq ein Kind bekommen, verschärft sich ihre ohnehin schwierige Lage. Sie wollen um jeden Preis zusammenbleiben, doch die starren gesellschaftlichen und religiösen Regeln lassen ihnen kaum Spielraum.

Bassam Shams Al-Deen erzählt jedoch weit mehr als die Geschichte zweier Liebender. Er erkundet, was geschieht, wenn persönliche Gefühle mit religiösen Dogmen und gesellschaftlichen Erwartungen kollidieren. Zugleich zeichnet er ein lebendiges Bild des Zusammenlebens verschiedener Religionsgemeinschaften im historischen Sana’a.

Seit seinem Debütroman Al-Tawousa aus dem Jahr 2004 hat Shams Al-Deen ein umfangreiches literarisches Werk geschaffen, das mittlerweile dreizehn Romane und zwei Erzählbände umfasst. Damit gehört er zu den eigenständigsten Stimmen der jemenitischen Gegenwartsliteratur. Was mich an seinem Schreiben besonders interessiert, ist seine Bereitschaft, sich auch mit Themen auseinanderzusetzen, über die nur schwer offen gesprochen werden kann. Er scheut weder unbequeme Themen noch heikle Fragen. Immer wieder beschäftigt er sich mit Religion, Gesellschaft, Geschichte und persönlicher Freiheit, ohne dabei vorschnelle Urteile zu fällen. Stattdessen nähert er sich diesen Fragen über vielschichtige Figuren und ihre individuellen Konflikte.

Auch seine anderen Romane widmen sich ganz unterschiedlichen Themen. In Al-Tawousa begleitet er Saif Shamsan durch die Herausforderungen des Militärlebens und der Liebe. Der heilige Kreis führt zurück in die letzten Tage des Königreichs Saba und erzählt von den Konflikten zwischen den antiken jemenitischen Königreichen. In Der Fluch der Stiftung wiederum errichten Dorfbewohner ihre Häuser auf einem Friedhof, obwohl eine alte Warnung sie davor bewahren sollte. In Ein Familienausflug wird ein Metzger in den Mord an einem Stammesführer verwickelt, nachdem er dessen kleinen Sohn bei sich aufgenommen hat. Farhans Hochzeit schließlich handelt von Liebe, Stammestraditionen und den Einschränkungen, die diese der Eheschließung auferlegen. All diese Werke zeugen von Shams Al-Deens anhaltendem Interesse am Verhältnis zwischen dem Einzelnen und seinem gesellschaftlichen, historischen und kulturellen Umfeld.

Ein Roman auf der Suche nach einem Verlag

Hafwah wurde von dem amerikanischen Wissenschaftler Mark S. Wagner ins Englische übersetzt. Wagner ist Professor für Arabistik an der Louisiana State University und beschäftigt sich in seiner Forschung unter anderem mit arabischer Literatur und der Kulturgeschichte der jemenitischen Juden.

In seiner Einleitung stellt Wagner den Roman in den größeren Zusammenhang der Geschichte und Erinnerung der Juden im Nahen Osten. Er betont, dass die Geschichte von Awlaq und Zahra keine gewöhnliche Liebesgeschichte ist, sondern von Begehren, Armut und den gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird, unter denen die beiden leben.

Wie mir der Autor erzählte, habe Wagner viel Mühe in die Übersetzung des Romans investiert. Einen amerikanischen Verlag dafür zu finden, erwies sich jedoch als schwierig – möglicherweise auch, weil sich der Roman auf ungewöhnlich offene Weise mit Begehren, Körperlichkeit und religiösen Grenzen auseinandersetzt.

Dennoch fand Hafwah auch wissenschaftliche Beachtung. So veröffentlichte Dr. Mohammed Al-Mubarak 2022 an der Universität Tanta eine literaturwissenschaftliche Studie über den Roman. Zugleich riefen dessen Themen in einigen konservativen religiösen Kreisen Kritik und Anfeindungen hervor.

Bassam Shams Al-Deen hat sich davon jedoch nicht beirren lassen. Er schreibt weiter und bleibt seiner literarischen Haltung treu, mit einem bemerkenswerten Mut, sich auch schwierigen Themen zu stellen.

Nach der Lektüre von Hafwah bleiben Awlaqs Worte im Gedächtnis: „Entweder konvertiert Zahra zum Islam, oder Awlaq wird Jude.“ Ein Satz, der den gesamten Konflikt auf den Punkt bringt und eine Frage aufwirft, die weit über die Geschichte von Zahra und Awlaq hinausreicht: Was geschieht mit der Liebe, wenn sie auf eine Gesellschaft trifft, die nicht bereit ist, von ihren Regeln abzuweichen? Vielleicht sind es gerade solche Geschichten, die uns noch lange begleiten, weil sie von einem Konflikt erzählen, der sich in immer neuen Formen wiederholt: zwischen dem Menschen und seiner Freiheit, zwischen der Liebe und den Grenzen, die ihr die Gesellschaft setzt.


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