Mission, Macht, Messias

Mission, Macht, Messias

Scholastique Mukasongas „Sister Deborah“ ist eine faszinierende literarische Genealogie über christliche Mission, apokalyptische Erwartungen und koloniale Ordnung
Mukasonga Scholastique
Sister Deborah

Scholastique Mukasonga | Sister Deborah | Claasen | 176 Seiten | 24 EUR

Man könnte Sister Deborah für einen historischen Roman halten: Ruanda in den 1930er Jahren, eine amerikanische Missionarin auf einem verbotenen Hügel, Gerüchte, Ekstasen und dann ein Verschwinden. Doch Scholastique Mukasonga betreibt mehr als literarische Archäologie. Indem sie die Ankunft einer charismatischen Predigerin in Ostafrika nachzeichnet, legt sie auch jene frühen Verflechtungen von Evangelikalismus, Pfingstbewegungen und kolonialer Macht frei, die bis heute nicht nur im subsaharischen Afrika nachwirken. Der Roman zeigt, wie religiöse Heilsversprechen nicht nur Seelen, sondern soziale Ordnungen formen und wie aus spiritueller Mobilisierung eine ganz eigene politische Dynamik entsteht.

Mukasonga, in Ruanda geboren und inzwischen in der Normandie ansässig und vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Prix Renaudot), arbeitet mit einer ruhigen, fast nüchternen Prosa. Sie verzichtet auf Pathos und schreibt eine Sprache, die durch ihre fast schon biblische Anmut eine schlichte, aber umso wirkungsvollere Kraft entfaltet. Ihr Roman erzählt zunächst von einer „seltsamen Mission“ auf dem verbotenen Hügel von Nyabikenke, einem Ort, der einst nächtlichen Zeremonien, dem heiligen Wald Kigabiro und dem Korallenbaum mit den „roten Blüten, dem Blut von Ryangombe“ vorbehalten war. Dass ausgerechnet hier eine amerikanische Predigerin den Messias als schwarze Frau ankündigt, ist Provokation und Verheißung zugleich.

Die Figur der Deborah changiert von Beginn an zwischen Prophetin und Projektionsfläche. Die Dorfbewohner diskutieren ihre nächtlichen Bäder, ihre angebliche Unfruchtbarkeit, ihre Schönheit, „rank, schlank wie eine Gazelle“ oder doch verflucht? In diesen Stimmen spiegelt sich weniger Klatsch als die Verunsicherung einer Gesellschaft, die zwischen animistischen Traditionen, kolonialer Ordnung und einem neuen Christentum zerrieben wird. Mukasonga schildert das ohne Exotismus. Sie zeigt, wie religiöse Ekstase und soziale Dynamik ineinandergreifen: Frauen und Kinder ziehen bewaffnet über die Hügel, reißen Kaffeesträucher aus, verprügeln einen Agronomen – Szenen, die nicht nur lokale Revolten markieren, sondern eine spezifische Form spiritueller Mobilisierung sichtbar machen.

An dieser Stelle drängt sich der Vergleich mit der ugandischen Prophetin Alice Lakwena auf. Deren Holy-Spirit-Bewegung  der späten 1980er Jahre – von der Ethnologin Heike Behrend  in Alice und die Geister präzise rekonstruiert und analysiert – verband ebenfalls charismatische Visionen mit militärischer Organisation. Lakwena, die behauptete, nicht nur von einem heiligen Geist besessen zu sein, sammelte Kämpfer um sich, errang überraschende Siege und führte eine regulär strukturierte „Geisterarmee“ gegen die staatlich-ugandische National Resistance Army. Frauen spielten eine zentrale Rolle, Rituale strukturierten das Kriegsgeschehen, Reinheitsgebote und spirituelle Instruktionen ersetzten strategische Kalkulation, zumindest vordergründig. Behrend zeigt, wie sehr diese Bewegung zwischen politischem Widerstand, apokalyptischer Erwartung und performativer Inszenierung oszillierte. Mukasongas Roman entwirft keine direkte Parallele, doch die strukturellen Ähnlichkeiten sind erkennbar: Auch hier verdichten sich weibliche Prophetie, kollektive Ekstase und gewaltsame Mobilisierung zu einem Ereignis, das von kolonialen und staatlichen Instanzen rasch als „Wahnsinn“ oder „Sekte“ klassifiziert wird. Dass Sister Deborah – so wie Lakwena – schließlich „verschwindet“ und in Gerüchten weiterlebt, verstärkt diese historische Resonanz.

Die koloniale Verwaltung reagiert so, wie die ugandische Armee in der Zukunft auf Lakwena reagiert hat. Askari werden entsandt, man warnt vor „Sekten aus Südafrika“, vor einer „explosiven Mischung aus apokalyptischem Baptismus, Voodoo-Ritualen und animistischer Hexerei“. In den Berichten geistert die Verschwörung einer „jüdisch-schwarzen Geheimgesellschaft“ durch die Akten. Mukasonga legt diese Dokumentensprache frei, um ihre Absurdität sichtbar zu machen. Am Ende bleibt vom „Nyabikenke-Zwischenfall“ nur ein getipptes Blatt im Archiv – Geschichte als Randnotiz, die vielleicht einmal eine Dissertation zitiert. Dass Ikirezi, Professorin an der Howard University, in einer erzählerischen Gegenwartsebene eben diese Geschichte rekonstruiert, ist folgerichtig.

Ikirezi, das einst kränkliche Mädchen, fragt sich in Washington auch, wer sie wirklich ist: die Akademikerin oder doch die von Deborah berührte Auserwählte? War es „eine rätselhafte, aus dem Stock und den Händen von Sister Deborah strömende Kraft“, die sie nach Löwen und weiter nach Howard führte? Diese Ambivalenz – Bildungserfolg und Geisterglaube – trägt der Roman ohne Ironie. Er nimmt ernst, dass Biografien nicht nur aus rationalen Entscheidungen bestehen.

Im dritten Teil kommt Deborah dann auch selbst zu Wort. Ihr Coming of Age in den USA, geprägt von Zungenreden, apokalyptischen Predigten und der Überzeugung eines Reverends, ihre Ekstasen entstammten einer „afrikanischen Mundart“, verbindet amerikanisches Pfingstlertum mit afrikanischer Erlösungssehnsucht. Die Reise über London, die Church Missionary Society, Cambridge und schließlich ins ugandische Kabale zeigt, wie professionell und strategisch Mission organisiert wurde: medizinischer Nutzen als Vorwand, um chiliastische Ansichten zu verschweigen. Dadurch wird deutlich, wie eng Spiritualität, Institution und geopolitisches Kalkül verschränkt waren und auch heute noch sind.

Deborahs spätere Existenz als Mama Nganga, als Heilerin oder „witch doctor“ in einem Slum von Nairobi, dekonstruiert den Mythos und bewahrt ihn zugleich. Sie bestreitet, Königin gewesen zu sein, gesteht den Verkauf des „Zepters“, und doch bleiben die Geisterreisen ins Totenreich, die Vision, die eigene Leiche in einer Matte, der bittere Geschmack von Blättern, die sie ins Leben zurückholen. Mukasonga erlaubt dem Wunder, im Erzählen zu bestehen, ohne es zu beglaubigen.

Das Finale des Romans, in dem ein Reverend die Apokalypse auf den 6. August 1955 legt, führt die Logik des Apokalyptischen vor: Pässe für den Himmel, Amerika als Arche, ein kleiner Rest der Auserwählten. Die Ungeduld der Gläubigen kippt ins Desaster. Und doch endet der Roman nicht mit Zynismus, sondern mit einer offenen Erwartung: „Nicht ich höre auf … es ist bloß das Ende der Geschichte.“ Die erhoffte „Die-die-kommt“ wird nicht geboren, sondern als Buch – Female Messiahs – in die Welt gesetzt. Literatur ersetzt gewissermaßen den Messias.

Sister Deborah reiht sich ein in jene subsaharischen Romane der letzten Jahre, die historische Stoffe neu inszenieren; man denke an Petina Gappahs Out of Darkness, Shining Light über David Livingston und seine Träger oder Maaza Mengistes Darstellung des Kampfes äthiopischen Kriegerinnen unter ihrem Kaiser in Kolonialzeiten in The Shadow King. Doch Mukasonga interessiert sich weniger für heroische Gegenerzählungen als für die Risse zwischen Glaube, Macht und Erinnerung. Ihre Prosa erzählt aber auch davon, wie man sich von dem Diktat charismatischen Christentums wieder befreit, ein wenig wie in dem im letzten Jahr erschienenen Roman der ugandischen Autorin Iryn Tushabe, Everything is fine here.

Sister Deborah ist nicht nur ein Roman über eine fast hundert Jahre zurückliegende Vergangenheit, sondern auch eine literarische Genealogie gegenwärtiger Machtverhältnisse. Mukasonga zeigt, wie sich Heilserwartung, koloniale Herrschaft, weibliche Körper und politische Utopie verschränken können. In dieser Verschränkung liegt die eigentliche Kraft des Romans. Und natürlich seine beunruhigende Aktualität.


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