Eddo und die Geister
K&WStella Gaitano | Eddos goldenes Lächeln | Kiepenheuer & Witsch | 288 Seiten | 23 EUR
Stella Gaitanos Eddos goldenes Lächeln ist ein Roman, der nicht beginnt, sondern wiederkehrt. Gleich auf den ersten Seiten liegt eine Tote da, Eddo, als erste Frau des Dorfes in einem spektakulären Sarg „mit Ausblick“, und doch ist dieser Tod kein Ende, sondern eine Öffnung: in eine Welt, in der die Toten nicht verschwinden, sondern an den Wänden haften bleiben, in Körpern weiterarbeiten, in Kindern wiederkehren, in Träumen sprechen. „Der Verwesungsgestank blieb mehrere Jahre an den Wänden und in den Ritzen des aus Lehm errichteten Zimmers haften, ähnlich wie der Atem eines Menschen mit Zahnfleischendzündung.“ Selten hat ein Roman so früh klargemacht, dass Erinnerung hier nichts Abstraktes ist. Sie riecht. Sie klebt. Sie fault nicht einfach weg.
Dass dieser Roman nach seiner Veröffentlichung im arabischen Original 2020 und in englischer Übersetzung 2024 nun auf Deutsch erscheint, übersetzt von Larissa Bender, ist ein Ereignis. Nicht nur, weil Gaitano, 1979 in Khartum geboren, als Tochter südsudanesischer Eltern zwischen den Sprachen, Kulturen und Gewaltgeschichten der beiden Sudans aufwuchs, auf Arabisch schreibt und seit 2022 als Writers-in-Exile-Stipendiatin in Deutschland lebt. Sondern weil Eddos goldenes Lächeln genau aus dieser zerrissenen Zugehörigkeit seine ungeheure Kraft gewinnt. Der Roman ist, ohne je autobiografisch offensichtlich zu werden, auch ein Versuch, Brüche zu kitten: zwischen Nord und Süd, Dorf und Stadt, Körper und Geschichte, arabischer Schriftsprache und mündlicher Überlieferung, Ahnenwelt und moderner Staatlichkeit.
Gaitano erzählt vom südlichen Sudan und von Khartum, von den 1960er Jahren bis in die Mitte der 1980er, und doch liest sich der Roman im Jahr 2026, angesichts der katastrophalen Kriegslage im Sudan, mit einer fast schmerzhaften Gegenwärtigkeit. Der 2023 ausgebrochene, aktuelle Krieg steht nicht im Vordergrund – er kann das anlässlich der Erstveröffentlichung des arabischen Originals im Jahr 2018 natürlich gar nicht sein –, aber er hat hier eine Vorgeschichte, die Gaitano erzählt. Eine Vorgeschichte aus Militarisierung, Misstrauen, ethnischer Hierarchie, religiöser Vereinnahmung, Verarmung, Binnenmigration, patriarchaler Gewalt und staatlicher Brutalität. Wenn es heißt: „Angst verursacht unvermeidlich Chaos. Alle suchten nach Sicherheit, indem sie den anderen Angst einflößten“, dann beschreibt das nicht nur einen vergangenen Bürgerkrieg. Es beschreibt eine politische Grammatik, die sich bis heute fortschreibt.
Dabei ist Eddos goldenes Lächeln alles andere als ein Thesenroman. Seine Komplexität liegt gerade darin, dass er nicht nur eine Linie zieht, sondern ein ganzes Geflecht von Linien. Anfangs scheint Eddo im Zentrum zu stehen, dann Lucy, dann Marco, Theresa, Peter, später die Kinder, die Enkel, die Geister. Perspektiven wechseln plötzlich, fast spielerisch, als würde der Roman ein altes Kreisspiel spielen: Wer ohne Stuhl stehen bleibt, scheidet allerdings nicht aus, sondern darf erzählen. So entsteht ein polyphones Familien- und Gesellschaftspanorama, in dem niemand nur Opfer, niemand nur Täter, niemand nur Symbol ist. Selbst die archaische Dorfordnung erscheint nicht als verlorenes Paradies. Sie ist brutal, patriarchal, von Aberglauben und Gewalt durchzogen. Und doch kennt sie Formen von Ausgleich, die der moderne Staat mit Gefängnis, Hinrichtung und Bürokratie nicht verbessert, sondern zerstört und die an die grundlegende Kritik am gegenwärtigen Strafrecht durch den Philosophen und Soziologen Arno Plack erinnern.
Besonders stark ist der Roman dort, wo er die Gewalt gegen Frauen nicht als Randmotiv behandelt, sondern als eine Ordnung, die sich in Körper einschreibt. Martha Isai, „die Frau im Dorf, die am meisten von ihrem Mann geschlagen wurde“, ist von unbehandelten Brüchen, Narben, blauen Flecken gezeichnet. Aber Gaitano lässt sie nicht im Bild des Leidens erstarren. In einer der befreiendsten, wildesten Szenen des Romans schlägt Martha zurück, prügelt den Mann nieder, der sie jahrelang zerstört hat, und ruft den Umstehenden entgegen: „Warum seid ihr nicht gekommen, um mich von ihm zu erlösen, als er mich jede Nacht geschlagen hat?“ Das ist keine saubere feministische Ermächtigungsszene, keine pädagogisch sortierte Moral, sondern körperliche Gegen-Gewalt, schmutzig, komisch, archaisch, notwendig. Eine Szene, in der die Literatur für einen Moment selbst keucht.
Überhaupt ist dies ein Roman der Körper: gebärende Körper, geschlagene Körper, beschnittene Körper, migrierende Körper, hungernde, begehrende, erinnernde Körper. Die Beschneidungsszenen gehören zum Unerträglichsten des Buches, gerade weil Gaitano nicht ausstellt, sondern erinnert: Messer, Räucherwerk, Frauenhände, Schreie, Blut. Und später kehrt dieselbe Gewalt in der Ehe wieder, wenn ein Mann den weiblichen Körper als Besitz, Verdacht und Beweisstück behandelt. In solchen Momenten zeigt sich, wie transgenerationales Trauma funktioniert: nicht als psychologisches Schlagwort, sondern als Wiederholungsschock. Ein Schrei „aus den Tiefen meines Gedächtnisses“ verbindet Kindheit, Sexualität, Ehe, Schmerz und soziale Kontrolle.
Und doch ist Eddos goldenes Lächeln kein Roman der Finsternis allein. Er ist voller Humor, voller grotesker Übertreibung, voller Lebenslust. Lucy, die zentrale Figur, ist eine dieser literarischen Gestalten, die man nicht „verstehen“ kann, ohne sie zu verkleinern. Sie ist Tochter, Mutter, Geliebte, Dorfkind, Stadtfremde, Verrückte, Heilige, Tier, Landschaft, Überlebende. Marco sagt über sie: „Lucy war nicht nur Lucy. Sie war ein Geist, der von einem ganzen Stamm an Geistern bewohnt wurde.“ Danach folgt eine der schönsten Passagen des Romans: Lucy als Mutter, tote Geschwister, Baum, Donner, Regen, Wind, Duft der Erde. Es ist eine fast kosmische Überfülle, aber nie Kitsch, weil sie aus Verlust geboren ist.
Gerade Lucys Mutterschaft ist ambivalent. Sie ist Fürsorge und Gefängnis zugleich. Sie bekommt Kind um Kind, als müsse sie die Toten ihrer Mutter nachgebären. Sie wacht über die Kinder mit einer Angst, die Liebe ist und Fluch zugleich. Später wird diese Angst von Theresa benannt: Lucy sperrt sich „in den Käfig einer strengen Mutterschaft“, aus Ehre gegenüber der Mutter, deren eigene Mutterschaft unvollständig geblieben ist. Das ist große Literatur, weil Gaitano Mutterschaft nicht sentimentalisiert. Sie zeigt sie als kosmische Kraft, soziale Aufgabe, körperliche Erschöpfung, psychische Last und historische Reparaturfantasie.
Ebenso eindrucksvoll ist die Bewegung vom Dorf in die Stadt. Khartum erscheint nicht als Fortschritt, sondern als andere Fremde. Die erste Dusche wird für Lucy zum Ertrinken im Stehen. Die Stadt ist Wasser aus Rohren, Alkohol in bunten Flaschen, Männerlachen, Enge, Abhängigkeit. „Ich war nur jemand, der mit ihr aus der Finsternis des Krieges geflohen war, um sie in die Finsternis der Fremde zu werfen“, heißt es später. Das ist einer der Sätze, in denen der Roman seine ganze Härte entfaltet: Migration rettet nicht einfach. Sie kann auch zerbrechen, zersplittern, Menschen aus jener Erde reißen, in der ihre Toten, Namen und Sinne liegen.
Dabei verwebt Gaitano große politische Geschichte mit scheinbar kleinen Szenen. Die Regierung kommt zunächst mit Moschee und Militärlastern ins Dorf. Namen werden geändert. Religion wird Machttechnik. Soldaten, Aufständische, Spione, Folter, Ausgangssperren: alles dringt in den Alltag, in Ehen, Freundschaften, Geburten, Schulentscheidungen ein. Als der Roman endlich die Jahreszahl 1984 nennt, ist das fast ein Schock, weil man das bis dahin Gelesene längst in einer mythisch gedehnten Zeit verortet hat. Plötzlich wird Geschichte datierbar: Scharia, Mangel, Teuerung, Alkoholflaschen, die auf der Nilstraße zerschmettert werden, „eine Mischung aus Explosionen und dem Fauchen von Schlangen“. Das Politische ist hier nie Kommentar. Es ist Wetter.
Dass Larissa Benders Übersetzung dafür eine so tragfähige deutsche Sprache findet, kann man nicht hoch genug schätzen. Sie hält die Balance zwischen poetischer Verdichtung und analytischer Klarheit, zwischen oraler Erzählbewegung und schriftstellerischer Komposition. Manche Bilder wirken, als seien sie aus Lehm, Blut, Regen und Spott gebaut. Andere schneiden plötzlich hell durch den Text. Diese Sprache erklärt nicht, sie setzt aus. Sie lässt den Leser in einem Satz lachen und im nächsten erschrecken. Gerade dadurch bleibt der Roman seinem Stoff treu: Er erzählt eine Welt, in der Schönheit und Grausamkeit nicht sauber getrennt vorkommen.
Vielleicht ist die dann auch die größte Leistung dieses Romans: Er verweigert die beruhigende Ordnung. Er handelt von Krieg, aber nicht nur von Krieg; von Frauen, aber nicht nur von Frauen; vom Sudan, aber nicht nur vom Sudan; von Tradition, aber nicht nostalgisch; von Moderne, aber ohne Fortschrittsglauben; von Religion, aber ohne billige Anklage; von Familie, aber ohne Idylle. Er berührt Strafrecht, Rache, Sklaverei, Beschneidung, Bildung, Kolonial- und Militärgeschichte, Animismus, Christentum, Islam, Migration, Armut, Begehren, Vergebung, Verrat und die Frage, ob eine Familie auch entstehen kann, wenn niemand aus demselben Bauch kommt. „Die Welt ist wie ein großer Bauch, in dem wir alle Geschwister sind“, sagt eine Figur. Man könnte diesen Satz leicht romantisieren oder ihn der Ubuntu-Philosophie des südlichen Afrika zuordnen. Der Roman tut es nicht. Er weiß, dass dieser Bauch auch Krieg gebiert.
Eddos goldenes Lächeln ist deshalb ein überwältigender Roman, aber es ist kein einfacher Roman. Er verlangt Konzentration, Hingabe und die Bereitschaft zur Irritation. Seine Erzählweise ist kreisförmig, nicht linear; seine Figuren sind größer als psychologische Profile; seine Bilder sind manchmal fast zu viel, weil auch die Geschichte, die sie tragen müssen, zu viel ist. Aber gerade dieses Zuviel ist seine Wahrheit. Stella Gaitano schreibt gegen das Verschwinden an: gegen das Verschwinden der Dörfer, der Namen, der Frauenkörper, der Toten, der südlichen Stimmen im arabisch geprägten Norden, der Vergangenheit in den Erklärungen der Gegenwart.
Am Ende bleibt von diesem Buch nicht nur eine Geschichte. Es bleibt ein Geruch, ein Rhythmus, ein Chor. Die Toten sind nicht tot, die Lebenden nicht unversehrt, die Kinder nicht frei von dem, was vor ihnen geschah. Und doch bleibt dieses Lächeln – golden nicht trotz der Wunden, sondern gerade durch sie hindurch. Nicht als Zeichen von Heilung, sondern als etwas, das Verwesung, Krieg, Schuld und Geburt überdauert. Ein Lächeln wie jener Riss, durch den das Licht einfällt – ganz so, wie es Leonard Cohen in seinem Song Anthem beschwört: „There is a crack in everything / That’s how the light gets in.“
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Aktuelle sudanesische Romane beleuchten das Leben derjenigen, die in die inneren Kriege des Sudan verwickelt sind. Die Literatur spiegelt die Widerstandsfähigkeit des sudanesischen Volkes wider und liefert Hintergründe – von Leila Aboulela
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