Die Katze vor dem Ruheraum

Navigation

Die Katze vor dem Ruheraum

Schon vor der Revolution 2019 und dem heutigen Bürgerkrieg wehrten sich Sudanesen gegen ihre herrschende Elite - eine literarische Reportage
Mamoun Eltlib
Bildunterschrift
Mamoun Eltlib

Mamoun Eltlib ist ein sudanesischer Dichter und Schriftsteller. Seit 2006 arbeitet er als Autor und Kulturredakteur für verschiedene sudanesische Zeitungen und Magazine. Bisher sind drei Bücher von ihm veröffentlicht (Tinya: The Lust of Water in the Perception, The Beast of Wanderings und The Placenta), die sowohl Lyrik als auch Prosa enthalten. Er hat an der Gründung mehrerer kultureller Initiativen mitgewirkt. Sein neuestes Projekt befasst sich mit den Möglichkeiten, das sudanesische Kulturerbe in einem virtuellen Museum zu bewahren. Er lebt in Sansibar, Tansania.

(1)
Ein Student wurde von einer Kugel in den Kopf getötet, eine Kugel, die auf ihn gezielt hatte. Es heißt, die Kugel, die einen tötet, hört man nicht. Wenn man sie hört, dann hat man überlebt. Diese Schlussfolgerung habe ich erst kürzlich verstanden, als ich in einen Kugel- und Bombenhagel geriet. Ich bin auch zu der Überzeugung gelangt, dass die Kugel, die dich tötet, ganz dir gehört und niemandem sonst.
Der Student beobachtete die Proteste von einem der oberen Stockwerke des Gebäudes der Technischen Fakultät aus. Die Polizei, die das Gelände umzingelt hatte, schoss – so behauptete sie – in die Luft. Doch die Luft bekam nichts ab, nur ein Student, der am Geschehen nicht einmal beteiligt war, wurde getötet und rückte in den Mittelpunkt des Interesses.
Ich war zu diesem Zeitpunkt mit einer einer Horde von Studenten unterwegs, der es gelungen war, die Umzingelung der „Anti-Freiheitspolizei“ zu durchbrechen. Wir drangen durch die Al-Sahafa-Straße und die Gassen von Al-Dim vor, wurden von der Polizei auseinandergetrieben und entschlüpften durch die zahlreichen Finger der Stadt. Wir setzten unseren Weg durch die Gassen fort, sprangen auf den erstbesten Bus auf, der die Straße entlangfuhr, und erreichten den Arabischen Markt.
Unterdessen trug Afah zusammen mit einer Gruppe von Studenten den Körper des Märtyrers über das Universitätsgelände, wo eine weinende Menge der Trauerprozession folgte. Einer von ihnen hob die Faust und schrie: Allahu Akbar! Allerdings war der Ausruf in diesem Moment nicht angebracht: Es war jja der Slogan der Mörder.
Afah löste sich aus der Menge und sprang auf den Mann mit dem Megaphon zu, der ein Lächeln aufsetzte, das in völligem Kontrast zu dem stand, was gerade geschah. Er versetzte ihm einen Faustschlag. Die Studenten versuchten, ihn zurückzuhalten und wegzuziehen, aber Afah ließ sich nicht beruhigen und griff den Mann weiter an, bis er vor Wut sein Hemd zerriss. Später lieh ihm jemand aus dem Studentenwohnheim sein Hemd.

(2)
Die Wut der Studenten breitete sich in der ganzen Hauptstadt aus. Vor unserem Märtyrer hatten sie bereits einen anderen an der Nilain-Universität getötet. Die Universität von Khartum schloss sich der organisierten Bewegung durch zahlreiche  Reden an. Es wurde demonstriert, die Straßen füllten sich und in meiner Naivität glaubte ich, das Regime würde zusammenbrechen.
Als unser Demonstrationszug zum Herz des Arabischen Marktes gelangte, waren wir zuversichtlich, dass sich die Bürger dem Aufstand anschließen würden, sobald er dieses neuralgische Zentrum der Hauptstadt erreicht hatte. Sie empfingen uns zwar mit mitfühlendem, manchmal aufmunterndem Lächeln, blieben allerdings nur Zuschauer.
Die Studenten kehrten nach einer bitteren Niederlage gegenüber der Bevölkerung schließlich in ihre Campi zurück ... obwohl es im Grunde die Polizei war, die uns auseinandergetrieben hatte.

(3)
Die Studenten starteten ein dreitägiges Sit-in, besetzten die Universitätsgelände und erklärten die Universitäten für frei von jeglicher Kontrolle durch die machthabende Partei. Die gedemütigten Studenten der Islamischen Bewegung setzten einen grausamen Plan um: Bewaffnet schlichen sie sich nachts auf das Hauptgelände und übernachteten dort, nachdem ihnen die Universitätswächter – Offiziere des Sicherheitsapparats – den Verstoß gegen die Universitätsregeln, wonach Schlafen auf dem Campus und natürlich auch das Mitbringen von Stichwaffen untersagt war, hatten durchgehen lassen.
Wir hatten die Nacht in Omdurman, unserem Zuhause, verbracht und an diesem elenden Morgen beschlossen, direkt zum Hauptcampus zu gehen. Damals lief die Kommunikation noch nicht über Mobiltelefone, und wenn man wie ich nicht in einer politischen Organisation war, erreichten einen die Informationen nicht. Die Führungskräfte der politischen Organisationen wussten, dass auf dem Gelände eine Falle gestellt war. Vom Enthusiasmus gepackt, lehnte ich Ofehs Vorschlag ab, zur Sondierung der Lage zuerst zur Nilein-Universität zu gehen, und rief dazu auf, dass alle das Sit-in vom frühen Morgen an schützen sollten.
Wir liefen zum Eingang und als wir unsere Studentenausweise zückten, griff uns ein wütender Mob von Studenten an. Ofeh konnte ihnen entkommen und machte sich, so schnell er konnte, aus dem Staub, während sich ein anderer mit schwerem Körper auf mich warf und vor Wut schäumend und weinend schrie: „Wachen, dieser Mann hat gestern meinem Bruder ein Auge ausgestochen! Nehmt ihn fest, er hat meinem Bruder ein Auge ausgestochen!“ Von allen Seiten umringten mich weitere Leiber, und mir wurde ganz übel vom beißenden Geruch ihres Schweißes. Einer von ihnen sagte: „Los, Sie kommen mit uns zur Wache“. Auf dem Weg dorthin, umringt von sechs Personen, sagte einer von ihnen in zynischem Ton: „Keine Sorge, alles wird gut, das sind nur Routinfragen und du wirst bald wieder zur Uni gehen.“ Während ich gefesselt vor den Augen der Studenten über den Campus geführt wurde, schauten die von den politischen Organisationen weg und taten so, als bekämen sie meinen verhängnisvollen Marsch nicht mit. Und kaum hatte ich die Universitätswache betreten, nahm der Albtraum Gestalt an.

(4)
Ich nannte ihn Adam. Er war die erste Person, der ich beim Eintreten begegnete. Er umschloss meinen ganzen Kopf mit seinen rauen, rissigen Händen, dann schickte er sich an, meine Wangen zu reiben, als würde er Brot kneten. Darauf trat er etwas zurück, breitete plötzlich wie ein riesiger Vogel seine Flügel seine Unterarme aus und schlug mit seinen Handflächen mit voller Wucht auf meine Schläfen. Ich hörte nichts mehr.
Im nächsten Moment kippten Adam, die Wachen und der Schreibtisch mitsamt mir um. Ich lag auf dem Boden. Er packte mich an den Schultern und richtete mich auf, um sicherzugehen, dass ich nicht wieder umfallen würde, dann begann er erneut, meinen Kopf zu massieren. Der Effekt war jetzt beängstigend. Da wurde mir klar, dass ich einen Ort betreten hatte, der sich jeglicher Vorstellungskraft entzog. Es war in der Tat die reinste Hölle.
Sie leerten meine Taschen. Adam griff nach meiner Karte, las meinen Namen und holte dann ein mir wohl bekanntes, gefaltetes Blatt Papier hervor: ein niederschmetterndes Beweisstück. Ein revolutionäres Gedicht, das ein Freund im Dialekt geschrieben hatte, inspiriert von dem großen Dichter Hamid, der den Kommunisten angehörte. Adam begann es laut und so übertrieben emphatisch vorzulesen, dass die Anwesenden in schallendes Gelächter ausbrachen. Er schleuderte mir entgegen: „Bist du etwa Kommunist? Das sind Gedichte von Kommunisten, mein Freundchen. Abführen!“ Er hatte das Gesicht eines Elefanten. Und den Körper eines Elefanten. Mein Kopf reichte ihm gerade mal bis zu seinem Bauch. Er schob mich mit der Hand hinaus und sagte: „Wir sehen uns später.“ Sogleich nahm sich eine Patrouille von Beamten in Zivil meiner an und führte mich durch eine Hintertür hinaus, wo ihr Fahrzeug mit getönten Scheiben stand. Sie zwangen mich auf den Vordersitz, verbanden mir die Augen und drückten meinen Kopf zwischen die Knie.
Ich kniete nieder, um meine erste Gabe zu empfangen: ein Fragment der Hölle. Eine winzige Glut, die auf meine ausgestreckte Zunge gelegt wurde, gerade genug, um mir einen Eindruck davon zu vermitteln, was die Töchter und Söhne dieses Landes erlitten hatten und noch immer erleiden. Was mir an diesem Tag widerfahren war, war nichts. Ein einziger Tag, der am frühen Morgen begonnen und gegen Mitternacht geendet hatte. Aber dieser Tag war ein Fenster zu einem erzählerischen Universum: Geschichten von Gefängnissen und Folter, erzählt durch die Stimmen und aus den Perspektiven meiner Freunde. Leben, das sich einem Menschen einprägt. Manchmal erdrückt es ihn. Manchmal treibt es ihn in den Wahnsinn.

(5)
Wenn man mir die Augenbinde abnimmt, offenbart sich eine einzigartige Szene: Beginnend mit dem Empfangsbüro, wo man mit anderen Menschen, die in einer Schlange im Inneren des kleinen Gebäudes anstehen, registriert wird. Beim Betreten ein Hagel von Ohrfeigen, Schlägen, Tritten und Beschimpfungen. Dass sich der kleine Hof, den ich betrat, schön zum Himmel und einer strahlenden Sonne hin öffnete, nahm ich sie erst wahr, nachdem ich den dunklen Weg gegangen war. Ich sah es nicht, und anstatt in ruhiger Meditation zu versinken, beobachtete ich die, die vor mir eingetreten waren, mit ihrer Stirn gegen die Wand gedrückt. Hinter ihnen standen Henker mit starren Rohren, die einst in der Erde vergraben waren, um das Wasser des Lebens zu transportieren, die nun aber erbarmungslos auf ihre Rücken niedergingen – und später auch auf meinem. Bevor mich der Mann, der mich an den Toren dieser islamischen Hölle begrüßt hatte, in die Menge stieß, sagte er zu mir: „Sagt man euch nicht, dass ihr, wenn ihr Gott nicht fürchtet, die Menschen fürchten sollt? Nun, hier fürchten wir Gott nicht.“ Die Ohrfeigen prasseln unaufhörlich auf mich nieder, es ist ein Ritual. Manchmal krachen die Rohre auf unsere Rücken und Fragen dringen von unbekannten Stimmen an mein Ohr. Ihre Gesichter werde ich nie sehen. Auch werde ich nie jemand anderen sehen außer dem Verhörführer Adam, einigen Henkern und einem Verrückten. Sie alle walten dort, wo einige von uns hingebracht werden: in einem dunklen Büro, das so still ist wie ein Grab. Als ich an der Reihe war, entdeckte ich jenen – oft von Musikern ausgeloteten – Raum der Stille: von innen ausgepolstert, sodass weder die tiefsten Töne eines Basses noch die spitzesten Höhen eines Soprans und natürlich auch nicht die tiefsten Schmerzensschreie aus ihm herausdringen konnten. Nach den Foltersitzungen kam Adam herein und setzte sich ruhig an seinen Schreibtisch, wobei er fast schon wie ein Retter wirkte, besonders wenn er in strengem Ton anordnete: „Was soll das denn? Lassen Sie ihn, lassen Sie ihn. Komm, mein Sohn, setz dich. Warum denn so grob?“ Während dieses gemessenen Verhörs, bei dem die drei Henker hinausgegangen waren und mein Körper sich zu entspannen begann, öffnete sich plötzlich die Tür und der Verrückte kam herein und schrie hysterisch: „Überlasst mir diesen Ungläubigen, diesen Gottlosen, lasst ihn mir!“ Als er diese Worte aussprach, hatte er mich bereits von dem „Retter“ weggeschleudert und fing an, den Stuhl zu zertrümmern, auf dem gerade noch mein kaum entpannter Körper gesessen hatte.

(6)
Am Ende der Nacht, als sie merkten, dass dieses „falsche“ Kind, dieser Junge, der ständig weinte und vor Schmerzen schrie, keine Informationen für sie hatte, kam einer von ihnen näher und sagte: „Wenn du die Verpflichtungspapiere nicht unterschreibst, wirst du diese Nacht bei uns bleiben, wir werden dich ficken, wir werden dich vergewaltigen. Du bist einfach zu süß, und ich habe beschlossen, dass du mir gehören wirst.“ Wo waren diese verdammten Papiere? Ich habe sie nach ängstlichem Zögern unterschrieben. Es handelte sich um die Verpflichtung, keine politischen Aktivitäten mehr zu betreiben und nach Aufforderung mit den Behörden zu kooperieren. Jahrelang schwirrte mir dieses Blatt immer wieder im Kopf herum, wurde von den launischen Winden der Erinnerung hin und her geweht. Dann nahmen sie mich mit in ihr Fahrzeug mit den getönten Scheiben, als wäre ich einer von ihnen, zusammen mit einem anderen Häftling, einem Nachbarn, den ich nie wieder gesehen habe. Sie warfen mich aus dem Fahrzeug, nicht weit von meinem Haus entfernt. Ein junger Rikschafahrer, der angesichts meiner blauen Flecken und blutenden Beine Mitleid mit mir hatte, nahm sich meiner an. Als ich die Haustür öffnete und feststellte, dass meine Mutter schlief, kroch ich auf Händen und Knien, stieg die Stufen zum Dach hinauf, fand ein bereitetes Bett und legte mich hinein. Ich schlief sofort ein. Im Morgengrauen wachte ich auf und hörte, wie jemand neben mir schluchzte. Habib, der Sohn meiner Tante, kniete neben dem Bett und vergrub sein Gesicht in den blutbefleckten Laken.

(7)
Ich verbrachte einige Tage zu Hause, unfähig, bei jedem Aufwachen zu glauben, dass ich nicht mehr dort war. Ich war geschockt, schämte mich, als ich an die unzähligen Geschichten zurückdachte, die die Widerstandsfähigkeit der „Männer“ in den Haftanstalten verherrlichten – von Frauen würden wir erst viel später hören –, und verglich diese Geschichten mit meinem eigenen Zusammenbruch, der so schnell, so brutal war. Ich hatte mich für mutig gehalten, aber innerhalb eines einzigen Tages hatte ich geweint, gebettelt, gefleht, geschrien ... Ich erinnerte mich an den stillen Raum und dankte seiner Schalldämmung, die all das Stöhnen und die Erniedrigung in seinem Innern gehalten hatte. Nichts war herausgekommen – nicht wie die, an die ich mich erinnerte, die Männer, die Tage, Wochen, Monate und Jahre in den Geisterhäusern und Gefängnissen, die im Namen Gottes errichtet worden waren, ausgeharrt hatten. All diese Schande und Unwürdigkeit war in diesem Raum eingeschlossen geblieben und kam erst zwanzig Jahre später, in den Zeilen dieses Buches, zum Vorschein. Ich erinnerte mich daran, dass ich inmitten dieser unaufhörlichen Dunkelheit einem Engel begegnet war. Das Gebet war die einzige akzeptable Entschuldigung, um eine Pause von der Folter zu bekommen. Der Ruf zum Gebet war ein Segen: Man brauchte nur die Hand zu heben und zu rufen: „Ich will beten“, und die Folterer brachen in Gelächter aus: „Du, beten? Du, der Kommunist, der Ungläubige?“ Dann stimmten sie schließlich zu. Aber selbst das Gebet war eine Qual: Ich konnte meine Fußsohlen nicht auf den Boden stellen, also stützte ich mich beim Tachahud auf meine Knie, um mich hinzusetzen. In diesem Moment tauchte aus einer dunklen Ecke ein Kätzchen auf. Es war braun, winzig klein, kaum mehr als ein Baby. Es saß vor mir und faltete seinen Schwanz wie ein Kleidungsstück um sich herum. Er sah mich an und ich brach in Tränen aus. In diesem Moment wurde mir klar, was mich am meisten erschreckte: Ich wollte nicht glauben, dass ausgerechnet Sudanesen solche Gräueltaten begehen konnten, mit einer so methodischen und gründlichen Grausamkeit. Ich hatte die menschliche Fähigkeit zum Bösen immer als theoretische Abstraktion wahrgenommen, aber dieses Kätzchen brachte mich allein durch seine Anwesenheit in diese eisige Realität zurück. Wie dieses Wesen gehörte auch diese Erkenntnis einer anderen Welt an, einer fast greifbaren Parallelwelt – sie war genau hier, auf der anderen Seite der Mauern dieses Gebäudes, und sie leuchtete in den Augen dieser Katze.

(8)
Mein Widerstand gegen den Schock in der Haftanstalt war paradox und seltsam: Ich beschloss, an die Universität von Nilein zurückzukehren, wo der politische Aktivismus in vollem Gange war. An der Tür der alten Kunstfakultät sah ich den Verrückten aus der Haftanstalt die Stufen herunterkommen, gekleidet in elegante Zivilkleidung. Ich drehte mich sofort um und verlangsamte nicht meinen Schritt, denn mein Herz war kurz davor, stehen zu bleiben. Dann drehte ich mich in meinem Zorn um und ging hinein. Ich saß zwischen den Studenten, die eigentlich gekommen waren, um mir zu gratulieren! Meine Verwirrung wurde immer größer, bis ich endlich begriff, dass sie mich als Helden betrachteten. Eine dumpfe Übelkeit stieg in meinem Magen auf, aber ich konnte mich gerade noch beherrschen, mich nicht zu übergeben,  riss mich zusammen und stellte die Frage, die mich quälte: „Was ist mit den Verpflichtungen, die wir unterschreiben?“ Einer von ihnen zuckte beiläufig mit den Schultern: „Unsinn, Papier und das war's. Du unterschreibst und vergisst.“ Eine Woche später erzählte mir meine Tante, dass ein Mann am Telefon nach mir fragte. Es war ein altes schwarzes Festnetztelefon mit einer nummerierten Wählscheibe und einem schweren Hörer aus einer längst vergangenen Zeit. Ich hob ab und hörte Adams Stimme am anderen Ende der Leitung: „Schreib dir diese Nummer auf und ruf vom Lebensmittelgeschäft aus an.“ Der Hörer erschien mir plötzlich noch schwerer. Als ich ihn wieder hinlegte, kribbelte mein ganzer Körper. War die Hölle also doch nicht vorbei? War dieses Blatt, dieses Versprechen wirklich real? Meine Gedanken begannen sich rasend schnell zu drehen und gingen jedes Wort des Dokuments noch einmal durch, während meine Füße mich mechanisch in Richtung des Lebensmittelgeschäfts trugen. Ich erinnerte mich an die Unterschrift... Warum hatte ich mit dem Namen des Dichters unterschrieben? Ich hätte meinen richtigen Namen verwenden können, der in den offiziellen Dokumenten steht. Was wollte er eigentlich von mir? Ich hatte keine Informationen zu geben, denn ich war nie ein politischer Aktivist gewesen! Ich reichte das zittrige Blatt Seddik, dem Lebensmittelhändler, und er reichte mir sein abgenutztes Telefon. Ich hörte mir seltsame Anweisungen an, Fragen zu Zahlen, auf die ich nicht achtete. Dann, am Ende des Anrufs, ohne genau zu wissen warum, fragte ich: „Können wir uns von Angesicht zu Angesicht treffen?“ Er hielt kurz inne und antwortete dann: „Warum nicht? Morgen um dreizehn Uhr in der Rue du Nil, vor dem Grand Hotel. Ich werde mein Auto dort waschen.“ Der Anruf endete und ich ertappte mich dabei, wie ich an Wasser dachte. Das Wasser, das die Autos reinigt, das fließt, vermischt mit Blut und Tränen, bevor es sich mit dem Nil vereint. In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich verbrachte Stunden damit, meine Rede für den Sicherheitsbeamten im Geiste zu schreiben und umzuschreiben.

Auch auf Literatur.Review: Imaginäre Leben im sudanesischen Kriegsgebiet von Leila Aboulela

(9)
An diesem Tag habe ich den Nil nicht gesehen. Ich kehrte ihm den Rücken zu und starrte auf die Gebäude, beobachtete besorgt jedes Auto mit getönten Scheiben, das sich dem Parkplatz näherte. Aber es kam kein Auto. Er kam zu Fuß und befahl mir, ihm zu folgen. Wir gingen in ein romantisch anmutendes Restaurant, wo er einen Saft bestellte. Ich trank meinen in großen Schlucken. Er faltete seine riesigen Hände vor sich, schaute mir direkt in die Augen und sagte: „Sag mir, was du zu sagen hast.“ Also schreibe ich auf, woran ich mich erinnere:
Adam, „Vater unser, der du in den Nachrichten bist ...“
Was ich dir jetzt sage, mag dir verrückt vorkommen und nichts mit irgendeiner politischen Ausrede zu tun haben, aber es ist das Ehrlichste, was ich dir gestehen kann. Jetzt, da du weißt, dass ich kein organisierter Aktivist bin, dass ich keine Informationen besitze, verstehst du vielleicht, warum ich dir dies gestehe: Ich bin Dichter. Er runzelte sichtlich überrascht die Stirn. Dann fuhr ich mit meiner Offensive fort:
Ich bin heute einundzwanzig Jahre alt. Wenn du glaubst, dass ich meine Identität als Dichter verleugne, um mit einem Regime zusammenzuarbeiten, das foltert und mordet, wie ihr es an jenem Tag getan habt, dann kannst du diesen Gedanken aus deinem Kopf streichen. Du willst einen Dichter töten, keinen Studenten, keinen Politiker. Und du weißt ganz genau, dass aus einer Seele, die die Menschheit verraten hat, keine wahre Schrift entstehen kann. Heute liegt das Schicksal des Dichters in deinen und meinen Händen. Wenn der Preis dafür ist, dass ich mit dir in deine Haftanstalt zurückkehre, dann lass uns das tun. Lass es geschehen. Aber wenn du mich gehen lässt, dann wisse, dass ich, solange ich lebe, dein Erbarmen nicht vergessen werde.
Als ich geendet hatte, spürte ich, wie die Tränen in mir hochstiegen. In Wirklichkeit liefen sie mir bereits über die Wangen. Adam grinste spöttisch, als er sich in seinem Stuhl zurücklehnte, dann wurde er ernst. Die sich ausbreitende Stille schien endlos. Schließlich beglich er die Rechnung, stand auf und sagte: „Leb wohl, Dichter.“
Ich habe ihn nie wieder gesehen.


Der Aufstand von 2003 gehört zu einer Reihe von friedlichen Studentenrevolten gegen die Diktatur der Islamischen Nationalen Front, die 1989 die Demokratie im Sudan beendet hatte und ihn dreißig Jahre lang unter der Führung von General Omar Al-Bashir regierte, bis das Regime im April 2019 durch eine friedliche Revolution gestürzt wurde.