Die Bitterkeit von Nähe
Graywolf PressYang Shuang-zi | Taiwan Travelogue | Graywolf Press | 320 Seiten | 18 USD
Wer Yang Shuang-zis Taiwan Travelogue liest, sollte nicht mit leerem Magen beginnen. Nicht, weil dieser Roman bloß appetitliche Prosa wäre, nicht, weil er sich in jenem kulinarischen Exotismus gefiele, den er selbst gnadenlos zerlegt, sondern weil hier Essen nie nur Essen ist. Jede Suppe, jede Frucht, jede Marinade, jedes Bankett trägt Geschichte in sich; nicht als Beilage, sondern als langsam gezogene Brühe, in der Kolonialismus, Begehren, Sprache, Übersetzung, Klasse und Geschlecht so lange miteinander brodeln und köcheln, bis man nicht mehr sagen kann, wo das Private endet und wo die Gewalt der Geschichte beginnt. Taiwan Travelogue ist ein Roman, der seine Leser an den Tisch bittet, aber nicht, um sie satt zu machen. Er serviert Erkenntnis in Gängen, manchmal zart, manchmal bitter, manchmal mit jener trügerischen Süße, die erst viel später im Hals zu kratzen beginnt.
Dabei beginnt alles scheinbar ganz harmlos mit einer Recherchereise. Die japanische Schriftstellerin Aoyama Chizuko kommt 1938, während der japanischen Kolonialzeit, nach Taiwan. Sie soll reisen, beobachten, schreiben. An ihrer Seite steht die taiwanische Dolmetscherin Chizuru, Chi-chan, eine Frau, die übersetzt, begleitet, erklärt, ausweicht, sich entzieht und gerade dadurch immer stärker ins Zentrum dieses Romans tritt. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Nähe, die man Liebe nennen könnte, wenn dieses Wort nicht selbst schon zu schwammig und überfrachtet wäre für die komplizierte Textur dieser Beziehung. Denn Yang Shuang-zi interessiert sich nicht für Liebe als Rettungsfantasie. Sie fragt stattdessen: Kann es Freundschaft geben, wenn Hierarchie die Tischordnung bestimmt? Kann Zärtlichkeit kolonial unbefleckt bleiben? Kann eine Japanerin eine Taiwanerin lieben, ohne sie zugleich zu betrachten, zu deuten, zu besitzen, zu schützen, zu exotisieren?
Diese Fragen stellt der Roman nicht programmatisch aus, sondern mit der Raffinesse einer Küche, in der die eigentliche Arbeit vor dem Servieren geschieht: schneiden, einlegen, fermentieren, reduzieren. Yang Shuang-zi hat einen Roman geschrieben, der sich als zufällig gefundenes, übersetztes, kommentiertes Dokument ausgibt, als literarische Fälschung, als wiederentdecktes Reisebuch einer japanischen Autorin, das im 21. Jahrhundert neu übersetzt und herausgegeben worden sei. Dieses metafiktionale Spiel könnte leicht ein kaltes intellektuelles Arrangement bleiben. Doch die erfundenen Vor- und Nachworte und die editorischen Stimmen verleihen dem Roman eine erstaunliche emotionale Tiefe. Obwohl man weiß, dass dies Fiktion ist, wirkt der Text wie eine Flaschenpost aus einer anderen Zeit. Selten wird so deutlich, dass Übersetzung nicht nur Übertragung, sondern Nachleben bedeutet.
Yang Shuang-zi erzählt die Kolonialgeschichte Taiwans nicht als Geschichtsstunde, sondern als fortwährende Frage nach Geschmack und Macht. Aoyama ist keine plumpe Imperialistin. Im Gegenteil: Sie lehnt Propaganda ab, misstraut der Kriegsrhetorik, spottet über die Vorstellung, Schriftsteller müssten ihre Federn wie Waffen führen. Sie ist rebellisch, klug, unangepasst, frauenfeindlichen Erwartungen gegenüber hellwach. Und doch schützt sie all das nicht davor, Teil eines kolonialen Blicks zu sein. Gerade darin liegt die psychologische Präzision des Romans. Yang Shuang-zi zeigt nicht die Bösen dort und die Guten hier. Sie zeigt, wie sich Überlegenheit auch in Empfindsamkeit kleiden kann; wie Wohlwollen zur Soße wird, die alles überzieht; wie Schutz zu einer Form von Besitz werden kann.
Eine der stärksten Szenen des Romans besteht darin, dass Aoyama von Chi-chan vorgehalten wird, sie schätze die taiwanischen Geschmäcker nicht wirklich als Geschmäcker, sondern als Kuriositäten. Was sie für Bewunderung hält, klingt für Chi-chan wie der Blick auf ein seltenes Tier. Das ist ein vernichtender Moment, weil er eine ganze Ethik des Sehens betrifft. Wer darf staunen? Wann wird Staunen zur Aneignung? Wann verwandelt sich Interesse in intellektuelle Arroganz? Und was bedeutet es, wenn die Kolonisierte dem wohlmeinenden kolonialen Subjekt erklären muss, dass auch Güte Gewalt enthalten kann? There is nothing in the world more difficult to refuse than self-righteous goodwill: Dieser Satz ist einer der Schlüssel des Romans. Er trifft nicht nur Aoyama. Er trifft eine ganze Gegenwart, in der Macht längst gelernt hat, fürsorglich zu sprechen.
Dass Yang Shuang-zi diese Fragen über Essen verhandelt, ist kein dekorativer Kunstgriff, sondern die zentrale politische Grammatik des Romans. Taiwan ist hier nicht Kulisse, nicht kolonial modernisiertes Ausstellungsstück. Taiwan ist eine Küche, ein Markt, ein Geruch, ein bitterer Sud, eine Technik des Einlegens, ein Wissen um Hakka- und Hokkien-Traditionen, um Marinaden, um Speisen für Götter, um Armut, Pragmatismus, Verschwendung und Verschwendungsvermeidung. Wenn Chi-chan Aoyama erklärt, dass es in „ihrer“ Sprache mehrere Wörter für Marinieren gibt, wo „Japanisch“ nur eines kennt, dann ist das keine folkloristische Randnotiz. Es ist eine kleine Sprachphilosophie der Souveränität. Eine Kultur, die so viele Nuancen für das Haltbarmachen, Würzen, Durchdringen kennt, lässt sich nicht einfach in die Vitrine des Imperiums stellen.
Besonders schön ist, wie der Roman den Geschmack des Bitteren rehabilitiert. Die Jutesuppe, muâ-ínn-thng, ist kein Wohlfühlgericht, keine touristische Delikatesse, kein leicht konsumierbares Authentizitätsversprechen. Sie ist Arbeit, Hitze, verfärbte Fingernägel, Schweiß, ein Vorgang von Pflücken, Kneten, Kochen, Schmoren. Sie kühlt den Körper, aber sie schmeckt bitter. Diese Bitterkeit wird zum Gegenbild jener kolonialen Süße, die alles Fremde sofort genießbar machen will. Taiwan ist nicht dazu da, Aoyama zu schmecken. Es schmeckt nach sich selbst. Und gerade deshalb kann es, darf es, muss es politisch werden.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in den Gesprächen über regionale Kochtraditionen. Was zunächst wie beiläufige Tischgespräche wirkt, entpuppt sich als Lektion über Geschichte, Sprache und kulturelle Selbstbehauptung:
I’ve heard people say that most Hakka dishes evolved from food originally made for worshipping the gods. Hoklo food’s origins are quite different. In Tainan, there is something called a-sià dishes ... Hakka food is more pragmatic, with a wide variety of pickled and cured dishes—vegetables, seafood, foraged foods—I’ve heard that there are hundreds of options. I’ve heard that whereas Hoklo people only use one word for marinading, sīnn, Hakka people have four or five words, each with different nuances.
Was hier verhandelt wird, ist weit mehr als Kulinarik. Der Roman macht sichtbar, dass Identität nicht in großen politischen Programmen gegart wird, sondern in Praktiken des Alltags: in den Techniken des Einlegens, Fermentierens und Konservierens, in regionalen Bezeichnungen, in den Wörtern, die eine Sprache für Geschmäcker, Zubereitungen und Konsistenzen kennt. Kolonialismus erscheint dadurch nicht nur als Herrschaft über Territorien, sondern als Versuch, solche Differenzen zu vereinheitlichen. Jede Speise wird so zu einem kleinen Akt kulturellen Widerstands.
Noch deutlicher wird dies in der großen Bankettlogik des Romans. Wenn Master A-Phûn, die zunächst nicht für Japaner kochen will, schließlich ein Mahl bereitet, dann ist dies kein Akt der Unterwerfung, sondern eine Demonstration kulinarischer Souveränität. Aoyama versteht an diesem Tisch, dass es eine eigenständige, entwickelte, nuancierte taiwanische Küche gibt, nicht als Mischform, nicht als Kolonialprodukt, nicht als niedliche Abweichung von japanischen, westlichen oder chinesischen Techniken. Der Roman formuliert dies ungewöhnlich direkt:
I’d been invited to countless banquets ever since I arrived in Taiwan in the spring, including many Taiwanese banquets tailored for Mainlander guests, and initially I’d disliked such banquets for being designed to draw tourists. But Master A-Phûn had completely upended my impressions of a Taiwanese restaurant banquet. A sense of wonder was born within me. When Chi-chan made me the curry feast, I’d felt the existence of a distinct ‘Taiwanese cuisine,’ but I saw in hindsight that it had been but a superficial feeling. It was there at Master A-Phûn’s table that I understood, profoundly, that while Japanese, Western, and Shina cuisine all constituted techniques that had been developed and honed through centuries of imperial dining, the colonial land of Taiwan did indeed have its own nuanced, established, unique, and finely crafted Taiwanese cuisine.
Diese Passage ist dann auch der eigentliche politische Wendepunkt des Romans. Nicht zufällig erfolgt diese Erkenntnis nicht in einem Regierungsgebäude, nicht in einer Universität und auch nicht in einer ideologischen Debatte, sondern am Esstisch. Die Kolonialmacht beansprucht, Taiwan zu formen, zu modernisieren und zu definieren. Die Küche beweist das Gegenteil. Sie existiert bereits, mit ihren eigenen Traditionen, Techniken, Begriffen und Geschmacksarchiven. Der koloniale Blick erscheint dadurch als fundamentale Fehleinschätzung: Er hält für unfertig, was längst ausgebildet ist, und für provinziell, was in Wahrheit eine hochentwickelte kulturelle Eigenständigkeit besitzt.
Gerade darum ist Taiwan Travelogue auch so gegenwärtig. Die japanische Kolonialgeschichte ist in diesem Roman keine abgeschlossene Vergangenheit, die man historisch sicher portionieren könnte. Sie steht in einem bedrückenden Resonanzraum heutiger Bedrohungen Taiwans durch China und lässt sich zugleich mit anderen kolonialen und neokolonialen Geschichten zusammendenken, etwa mit Indien, wo imperiale Herrschaft ebenfalls nicht nur über Waffen, Grenzen und Verwaltungen funktionierte, sondern über Sprache, Bildung, Geschmack, soziale Codes und das Recht, die Welt für andere zu beschreiben.
Yang Shuang-zi schreibt jedoch keinen Thesenroman, aber sie zeigt, dass Kolonialität immer dort beginnt, wo ein Zentrum glaubt, die Ränder besser erklären zu können als diese sich selbst. Der koloniale Akt ist, im Kern, wahnhaft: Er behauptet, Ordnung zu schaffen, wo bereits Ordnung ist; Kultur zu bringen, wo Kultur längst in feinsten Abstufungen existiert; rohen Stein zu Jade zu polieren, wo der angeblich rohe Stein nur deshalb roh erscheint, weil der koloniale Blick ihn nicht lesen kann.
Aoyamas Selbstkorrekturen sind ein gutes Beispiel dafür. Sie erkennt viel, aber nie genug. Sie widersetzt sich dem Imperium, solange ihr Widerspruch ihrem Selbstbild entspricht. Sie verabscheut Assimilation, doch sie bemerkt spät, dass auch ihre Bewahrungsgeste problematisch ist: nach Taiwan zu kommen, um den Zustand der Insel „vor ihrer Veränderung“ festzuhalten, kann selbst ein kolonialer Akt sein, eine ästhetische Konservierung des Anderen. Chi-chans schlichter Einwand, Taiwan sei diesen Weg längst gegangen, schneidet durch Aoyamas emotionales Pathos wie ein scharfes Messer durch etwas zu weich Gegartes.
Die zentrale Liebes- oder Freundschaftsfrage des Romans bündelt sich deshalb in einem fast beiläufigen Satz: If you consider us to be friends, then I will do the same. Das klingt großzügig, ist aber eigentlich eine Zumutung. Denn es gibt die Verantwortung an Aoyama zurück. Nicht Chi-chan muss erklären, ob Nähe möglich ist. Aoyama muss sich fragen, ob sie bereit ist, eine Freundschaft zu denken, die nicht von ihrer Definition, ihrem Schutz, ihrem Blick abhängt. Die Antwort bleibt schmerzhaft offen. In dieser Offenheit, in dieser Ambiguität liegt die eigentliche Stärke dieser Prosa.
Dass dieses 2024 mit dem National Book Award for Translated Literature und 2026 mit dem International Booker Prize ausgezeichnete Buch literarisch so überzeugt, liegt nicht zuletzt daran, dass es seine eigene Konstruktion nie versteckt und gleichzeitig nie in ihr erstarrt. Die Verschlungenheit ist nicht Ornament, sondern Erkenntnisform. Wie bei einem Gericht, dessen Tiefe erst durch mehrere Garzeiten und Gewürznuancen entsteht, entfaltet sich dieser Roman schichtweise: Reisebericht, Liebesgeschichte, Kolonialroman, kulinarisches Archiv, Übersetzungsfiktion, queere Geistergeschichte der Moderne. Die Sprache bewegt sich zwischen Genuss und Analyse, zwischen sinnlicher Fülle und politischer Kälte. Man liest dies mit Vergnügen und merkt zunehmend, dass dieses Vergnügen selbst befragt wird. Darf ich das genießen? Was genieße ich, wenn ich von kolonialer Gewalt in einer derartig schönen, großartig ziselierten Sprache lese? Und wann wird literarischer Geschmack selbst zu einer Form von Komplizenschaft?
Taiwan Travelogue gibt darauf keine abschließende Antwort. Es lädt ein und entzieht sich. Es duftet, aber es schmeckt bitter. Es erzählt von Nähe und zeigt die Distanz, die in ihr fortlebt. Es zeigt Taiwan nicht als Opferlandschaft, sondern als komplexe, sprechende, essende, erinnernde Kultur, deren Eigenheit nicht bewiesen werden muss und doch in jeder Szene neu aufscheint. Yang Shuang-zi hat einen Roman geschrieben, der historisch raffiniert, politisch hellwach und emotional eine erstaunlche Echo-Wirkung entfaltet. Dass ausgerechnet die fiktiven editorischen Stimmen am Ende eine solche Trauer entfalten, ja zu Tränen rühren, ist große Kunst: Die Geschichte scheint weitergereicht worden zu sein, von Hand zu Hand, von Sprache zu Sprache, wie ein Rezept, das niemand vollständig besitzt und das doch nur überlebt, wenn jemand es wieder kocht.
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