„Dann musst du es selbst schreiben.“
Catalyst PressDonica Merhazion | Born at the End of the World | Catalyst Press | 376 Seiten | 21,95 USD
„Wenn es ein Buch gibt, das du unbedingt lesen möchtest, das aber noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.“ Auf diesen Satz Toni Morrisons aus dem Jahr 1981 beruft sich Donica Merhazion, wenn sie erklärt, warum sie ihren Roman Born at the End of the World geschrieben hat. Die Autorin stammt aus Eritrea und lebt in Kenia.
Denn über die dreißig Jahre des eritreischen Unabhängigkeitskrieges und über den Terror der äthiopischen Militärregierung gibt es nur wenig Literatur. Baalu Girmas Roman Oromay aus dem Jahr 1983 beschrieb den äthiopischen Eritreafeldzug von innen, wurde jedoch verboten, und der Autor verschwand kurz darauf. Maaza Mengistes Roman Beneath the Lion’s Gaze von 2010 wiederum spielt 1974 in Addis Abeba. Er erzählt, wie eine Familie den Sturz Kaiser Haile Selassies zwischen politischer Gewalt und gesellschaftlichem Umbruch erlebt. Die eritreische Unabhängigkeitsbewegung bleibt darin aber eine Nebenhandlung.
Dabei fehlen nicht nur die literarischen Auseinandersetzungen, es fehlen auch die Akten und sonstigen schriftlichen Zeugnisse der politischen Gewalt. Angehörige erfuhren vom Tod eines Verhafteten häufig erst, wenn das äthiopische Militärregime sie aufforderte, die verschossene Munition zu bezahlen. Was blieb, ist mündliche Überlieferung. Doch die Generation, die davon berichten kann, ist mittlerweile im Verschwinden begriffen. Sie kannte Asmara, die heutige Hauptstadt Eritreas, vor dem Militärputsch von 1974 noch als offene Stadt.
Donica Merhazion gehört zu den Menschen, die diese mündliche Überlieferung der Elterngeneration noch direkt aufgenommen und miterlebt haben. Sie wurde 1979 in Addis Abeba geboren, im Zentralgefängnis Alem Bekagn. Dessen Name lässt sich mit „Ich habe genug von der Welt“ übersetzen und hat den Titel ihres Debütromans inspiriert. Ihre Eltern flüchteten 1980 nach Nairobi. Als sie dort als Kind in der Schule von ihrer Geburt im Gefängnis erzählte, verspottete man sie; fortan verschwieg sie ihre Herkunft. Erst als sie selbst Kinder bekam, begann sie sich intensiver mit der Geschichte ihrer Eltern auseinanderzusetzen. Sie führte lange Interviews mit beiden und recherchierte parallel dazu die historischen Ereignisse; dazu zählte auch ein Besuch des Red Terror Martyrs’ Memorial Museum in Addis Abeba gemeinsam mit der Mutter. Auf der Umschlaginnenseite des Romans ist ein Passierschein ihrer Mutter als Faksimile abgedruckt. Damit beglaubigt Merhazion den Anspruch, dass ihr Roman auf einer wahren Geschichte beruht.
Erzählt wird darin die Geschichte ihrer Eltern zwischen 1957 und 1980, und sie beginnt in Asmara, einer Stadt, die von der italienischen Kolonialmacht Piccola Roma genannt wurde. Die Italiener hatten Asmara seit 1890 als Hauptstadt ihrer Colonia Primogenita ausgebaut: Eisenbahn, Industrieanlagen, breite Alleen, ein Opernhaus, das Cinema Impero, die flugzeugförmige Tankstelle Fiat Tagliero, seit 2017 UNESCO-Welterbe. Von diesem Asmara erzählt Merhazion zunächst aus der Perspektive zweier Teenager, denn beide Elternteile kommen als Jugendliche in die große Stadt, um dort ihr Glück zu versuchen. So lernen wir den Straßenjungen Girmai kennen, der dem Vater der Autorin nachempfunden ist. Er muss vor Kommunalbeamten fliehen. Sie zertreten den Straßenverkäufern die Körbe, damit die Innenstadt vorzeigbar bleibt, falls Kaiser Haile Selassie aus Addis Abeba anreist. In einer anderen Szene beobachten wir mit ihm die zahlreichen Büroangestellten, die in der Vormittagspause in den Straßencafés Cappuccino trinken.
Elen ist der Mutter der Autorin nachempfunden. Mit dreizehn flieht sie aus einem Dorf im Norden Äthiopiens nach Asmara, um einer Verlobung mit einem viel älteren Mann zu entgehen. In Asmara arbeitet sie zunächst als Kellnerin und lernt Amharisch. Ihr Role-Model ist die Tante Tsehay: Sie hat sich mit selbst gebrautem Bier wirtschaftlich unabhängig gemacht, besitzt Mietshäuser und hat nie geheiratet. Asmara erscheint zum einen als Stadt großer Gegensätze, in der es Blechhütten ohne Wasseranschluss ebenso gibt wie prächtige Villen. Zugleich aber ist die Stadt durchlässig und für beide Elternteile voller Möglichkeiten: Der Straßenjunge Girmai baut sich schrittweise einen eigenen Strickwarenbetrieb auf, und Elen erwirbt aus einem Notverkauf ihre eigene Bar, die sie fortan mit Unterstützung ihrer Geschwister selbständig führt.
Beide verdanken also dem Leben in der Stadt ihren gesellschaftlichen Aufstieg. Wie Elen und Girmai schließlich in den politischen Untergrundkampf geraten, erzählt Merhazion eindrücklich und zeigt zugleich die Unterschiede ihrer Entwicklung. Girmai begleitet als Kind seinen Vater zum Sterbebett eines entfernten Onkels, dem die rechte Hand und der linke Fuß fehlen. Nach der Schlacht von Adwa 1896 verstümmelte das siegreiche Äthiopien rund achthundert gefangene eritreische Askari als Hochverräter. In dieser Schlacht hatte die äthiopische Armee das italienische Kolonialheer besiegt. Der Sieg machte das Land zur Ikone des Panafrikanismus, riss zugleich aber einen tiefen Graben zwischen Eritreern und äthiopischer Zentralmacht auf. So erfährt Girmai früh, dass dieser Graben historische und politische Ursachen hat. Später beeinflussen ihn vor allem die Reden des eritreischen Exilpolitikers und Publizisten Woldeab Woldemariam. Dieser spricht sich gegen jegliche Unterdrückung aus, egal ob sie von einer europäischen oder einer afrikanischen Macht ausgeht.
Bei Elen verläuft der Weg in den politischen Untergrund dagegen langsamer und geschieht zunächst vor allem über das Beobachten und Zuhören. Als sie zum ersten Mal Männer über die eritreische Sache streiten hört, versteht sie die Begriffe kaum. Sie erkennt aber ein Motiv aus der eigenen Biografie wieder: Auch hier weigern sich Menschen, bestehende Verhältnisse einfach hinzunehmen. Genau das hatte sie selbst getan, als sie in den Bus nach Asmara stieg, um der Verlobung zu entgehen. Ausschlaggebend für ihr Engagement ist schließlich vor allem die massive Gewalt, die nach dem Militärputsch in Asmara einsetzt. Sie sieht einen Jungen vor ihrer eigenen Haustür sterben, nur weil er die Ausgangssperre um wenige Minuten überschritten hat. In einem solchen System möchte sie ihre Kinder nicht aufwachsen lassen.
Beide Biografien werden durch den Putsch vom September 1974 aus der Bahn geworfen. Ein Militärkomitee hatte Kaiser Haile Selassie abgesetzt; es nannte sich Derg, das amharische Wort für „Komitee“ oder „Rat“. Merhazion erzählt den Einschnitt durch die Veränderungen, die ihre Figuren in der Stadt beobachten. Die Ausgangssperre kommt mit Kontrollpunkten und immer jüngeren Soldaten. Asmara wird in Kebeles aufgeteilt, das sind Stadtteilkomitees mit eigener Verwaltung, und schon eine Fahrt über die Bezirksgrenze kostet Geld oder Beziehungen. Die Universität schließt, die ausländischen Botschaften fliegen ihr Personal aus, und die Gäste in Elens Bar werden weniger, bis keiner mehr kommt. Ende Dezember 1974 werden in Asmara fünfundvierzig Schülerinnen und Schüler mit Klaviersaiten erdrosselt; im Roman stirbt ein Professor auf dieselbe Weise, weil er weiterhin auf Tigrinya unterrichtet hatte.
Auch in der Schilderung des Untergrundkampfes bleibt Merhazion durchgängig bei der Perspektive ihrer beiden Figuren. Der Kalte Krieg und die kommunistische Ideologie kommen nur am Rande vor, und das ist konsequent, denn weiter reichte wahrscheinlich der Erfahrungshorizont vieler Akteure dieser Bewegung nicht. Am Ende ist es dann aber die sowjetische Luftbrücke von 1977, die den Rückzug der eritreischen Befreiungsfront erzwingt. Vielen ihrer Mitglieder kostet sie das Leben oder bringt ihnen Haft und Folter ein, so auch Elen und Girmai. Elen ist zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung im dritten Monat schwanger.
Die Gewaltdarstellungen sind präzise und ohne Pathos erzählt. Konventioneller wird die Erzählweise, wenn es um die Liebesgeschichte der beiden geht. Das ist nachvollziehbar, denn die Familiengeschichte wird aus der Perspektive der loyalen Tochter betrachtet. Sie weiß, dass sie ohne den Mut und das Durchhaltevermögen ihrer Eltern die grausamen Bedingungen nicht überlebt hätte.
Dass die eritreische Volksbefreiungsfront für viele Menschen damals so attraktiv war, hängt nicht nur mit der Gewalt des äthiopischen Derg-Regimes zusammen. Die Bewegung verstand sich auch als gesellschaftliche Avantgarde. Ihre interne Zeitung, die auch im Roman erwähnt wird, hieß entsprechend „Vanguard“. Die dort propagierte Gleichheit und die Überwindung gesellschaftlicher Unterschiede, auch zwischen Männern und Frauen, trugen ein großes Hoffnungspotential in sich. So waren rund 30 Prozent der Kämpfenden Frauen. Diese Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaftsordnung spielte vermutlich besonders für Menschen mit einer Biografie wie der von Elen und Girmai eine große Rolle.
Nach ihrem Sieg im Jahr 1991 errichtete die eritreische Volksbefreiungsfront einen Einparteienstaat. Er zwingt seine Bevölkerung mittlerweile zu einem faktisch unbefristeten Nationaldienst. Unter seiner Herrschaft sind fast 18 Prozent der Bevölkerung ins Ausland geflohen. Von dieser Entwicklung erzählt Merhazions Buch nicht mehr, es endet 1980. Aber es bewahrt die Hoffnungen und Erfahrungen der Menschen aus der Zeit davor.
Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen!
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!