Ein konsequentes Künstlerleben

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Ein konsequentes Künstlerleben

Sie gehören zu den profiliertesten, produktivsten und bezaubernsten Schriftstellern im deutschsprachigen Raum – und sie sind ein Paar: Dana Grigorcea und Perikles Monioudis
Foto Dana Grigorcea & Perikles Monioudis
Bildunterschrift
Dana Grigorcea & Perikles Monioudis

Das Literaturfest München ist eine internationale Literaturveranstaltung, die seit 2025 jährlich im Frühjahr stattfindet und als literarischer Höhepunkt im Münchner Kulturkalender gilt. Das literarische Programm „forum:autoren“ wird von wechselnden Schriftstellerinnen und Schriftstellern kuratiert.  Beispiele für die kuratorischen Leitmotive der letzten Jahre sind „Was wir erben, was wir hinterlassen“ (2023, Lukas Bärfuss), „Sprachen der Liebe. Wie wollen wir leben?“ (2025, Daniel Schreiber).

Freiheit.  So lautet das Thema, das Dana Grigorcea zum Leitmotiv des diesjährigen Literaturfest München (21.-30. April) erkoren hat. Ein kluger, mutiger Entscheid (der durch die Abwahl von Victor Orbán in Ungarn wenige Tage vor der Eröffnung eine erfreuliche Wendung erhält) – und wenig überraschend. Denn nichts zieht sich so kontinuierlich durch Leben, Werk und Denken der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin wie die Frage der Freiheit – die Frage unserer Zeit. Nichts vertreten beide Autoren mit mehr Verve und Leidenschaft, mit mehr trotziger Gewissheit als ihre Überzeugung von der Freiheit der Kunst, der Freiheit in der Kunst, der Freiheit, die Kunst verleiht.

Als ich Dana zum Gespräch treffe, gibt Perikles ihr buchstäblich die Klinke in die Hand. Wir kommen im Café Bohemia am Züricher Kreuzplatz zusammen, einem dieser gediegenen Caféhäuser, wie man sie aus der Blütezeit der europäischen Grossstadt-Bohéme kennt.  Perikles hat seit dem Morgen hier geschrieben und muss nun rasch den beiden Kindern im Teenageralter das Mittagessen kochen gehen. Auch zuhause ist er morgens häufig der erste am Schreibtisch und begrüsst seine Erstleserin Dana dann zum Kaffee bereits mit einer Kostprobe aus dem entstandenen Text.
Während er nun davoneilt, werden Dana und ich in einen ruhigen Nebenraum geführt, wo wir Stille und Zeit haben. Beides nutzen wir genüsslich aus, denn, das ist eine von Danas charmanten Eigenschaften: Wenn sie erst einmal da ist, ist sie voll da, lässt sich ein und gerät allzu leicht auch durchaus ins Mäandrieren. Unser Treffen erklärt ein bisschen, wie die beiden es schaffen, ein so produktives und kreatives Leben zu führen: Teamarbeit und gegenseitige Wertschätzung. Und die Liebe zur Literatur, die sie zusätzlich auch noch als Verleger zelebrieren.

Sie lernten sich im Literarischen Colloqium Berlin kennen, da war Perikles Monioudis bereits ein gefeierter Autor mehrerer Romane und Erzählbände, darunter Die Trüffelsucherin, Deutschlandflug, und Eis. 1966 als Sohn griechischer Einwanderer im Kanton Glarus geboren, an der Universität Zürich promoviert, verdiente er neben dem Schreiben den Lebensunterhalt allerdings viele Jahre lang vorrangig als Journalist (v.a. für die Neue Zürcher Zeitung) und als Hochschuldozent im In- und Ausland – so wie auch seine jetzige Frau Dana.

Dana Grigorcea, 1979 im damals noch kommunistischen Bukarest geboren, besuchte dort das deutsche Gymnasium und schöpfte als junge Erwachsene die Gnade der Nachwende-Freiheit voll aus: Studium in  Bukarest, Gent, Brüssel, und Krems (Österreich), Berufsstationen als Journalistin in Wien (Kurier), Bonn (Deutsche Welle), und Strassburg (ARTE). Sie spricht sechs Sprachen und versteht eine siebte. «Aber wenn meine Kinder mich ärgern wollen, korrigieren sie noch heute mein Deutsch», fügt sie lachend hinzu. Ihre erste Veröffentlichung, ein Reisetagebuch, erschien ohne ihr Zutun in der führenden Literaturzeitschrift Rumäniens und brachte ihr das überschwängliche Kritikerurteil eines «funkelnden Sterns am Firmament der rumänischen Literatur» ein. Was sie aber nicht lange blieb – denn rasch entschied sie sich, ins Deutsche zu wechseln, die Sprache «mit diesen langen Sätzen und dem Verb am Ende wie ein Skorpionstachel, der noch alles ändern kann.» Sie habe Deutsch als kleines Kind mit einer Familienfreundin gelernt. «Wir gingen spazieren, und sie erzählte mir das Märchen vom Sterntaler. Es war ein Fest.» Fast hätte ihr die deutsche Schule in Bukarest, die sich vorrangig an die deutschsprachige Minderheit richtete, ihr die Freude an der Sprache ausgetrieben. Doch dann kam zum Glück die Wende und die Umbruchszeit, in der alle Schulbücher umgeschrieben werden mussten und abenteuerlustige junge Deutsche mit Thomas Mann, Max Frisch und Bertolt Brecht im Gepäck ins Land strömten. Sobald sie sich vermehrt in deutschsprachigen Regionen aufhielt, wurde aus Dana Grigorcea daher eine deutschsprachige Autorin, und die Fremdheit der Zweitsprache auf Umwegen zur Befreiung: «Literatur ist ja immer ein Rollenspiel. Und dieses Spiel erhält eine zusätzliche Dimension, wenn man eine neue Sprache wählt. Man spricht anders, man wird ein anderer Mensch.»

Der Erfolg gab ihr recht: Schon mit ihrem Erstling Baba Rada oder die Liebe ist vergänglich wie die Kopfhaare gewann Dana die Schweizer Literaturperle; es folgten in rascher Folge: Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit, Die nicht sterben, Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen, und, ganz neu: Tanzende Frau, Blauer Hahn; alle gleichermassen begeistert aufgenommen von Kritik und Publikum.  Neben diversen anderen wichtigen Auszeichnungen gewann Dana Grigorcea 2022 den Schweizer Buchpreis.
In der gleichen Zeit veröffentlichte Perikles Monioudis eine Biografie von Robert Walser, vier Romane im Rimbaud Verlag (darunter Die Stadt an den Golfen und Azra und Kosmás sowie Land und den Roman Frederick über Fred Astaire bei dtv).

Weitere Literaturfeste auf Literatur.Review: Ekushey Book Fair (Dhaka/Bangladesch),  Tage der deutschsprachigen Literatur  (Klagenfurt/Österreich),  ilb (Berlin/Deutschland),  Frankfurter Buchmesse (Frankfurt/Deutschland),  Harare International Literary Festival (Harare/Simbabwe)

Phasenweise steht also mal mehr der eine, mal mehr die aFranbndere aus dem Duo Monioudis/Grigorcea in der Öffentlichkeit und verbringt viel Zeit auf Lesereise, während zuhause in Zürich das andere Elternteil das Familienleben am Laufen hält. Und als wäre das alles nicht schon Arbeit und  Schaffenskraft genug, betreiben die beiden seit zehn Jahren auch noch einen eigenen Verlag. «Es begann mit einem Blog», erklären sie. «In unserem Format Entre Nous fragen wir befreundete Schriftstellerinnen und Schriftsteller zur Entstehung ihres jüngsten Buchs. Kaum begonnen, wurden wir von Verlagen mit Rezensionsvorschlägen überschwemmt – die uns aber meist nicht überzeugten. Hingegen kannten wir so viele grossartige Autorinnen und Autoren, deren Bücher scheinbar nirgends ins Verlagsprogramm passten.» Zum Beispiel Marc Djizmedijian, Sara Wegmann oder Ariela Sarbacher. Und: «Es gab so viele in Vergessenheit geratene Bücher und Autoren wiederzuentdecken!» So wie die bezauberne Fenitschka der frühen Feministin Lou Andreas-Salomé, Hans Falladas abgründige Erzählung Die grosse Liebe oder der Gold-Nugget Metropolis von Thea von Harbou, nach dessen Lektüre man sich fragt, warum eigentlich Fritz Lang in die Annalen der Filmgeschichte (und die Curricula der Film- und Literaturwissenschaften) einging, während die Urheberin dieses fulminanten Stoffs nahezu komplett in Vergessenheit geriet.

Schon lange möchte Verlagspartner Monioudis übrigens Schriftstellerkollegin Grigorceas Gedanken über die Freiheit als Essay im Telegramme Verlag veröffentlichen. Wenn doch nur einmal Zeit bliebe dafür! Vielleicht nach dem Literaturfest München...


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