Nach Hause gehen
Im Globalen Norden ist Sommer, im Globalen Süden Winter. Grund genug für Literatur.Review, im August Sommer und Winter zusammenzubringen und bisher unübersetzte oder unveröffentlichte Geschichten aus dem Norden und Süden unserer Welt zu veröffentlichen.
Daniel Naawenkangua Abukuri (er/ihm) ist ein Schwarzer Dichter und Prosaautor aus Ghana. Seine Arbeiten sind unter anderem in Transition Magazine, The Malahat Review, Colorado Review, Chestnut Review, Orion Magazine, North American Review, Protean Magazine, GEIST, Berkeley Poetry Review, Mantis, Minyan Magazine, Wildscape und Decolonial Passage erschienen oder zur Veröffentlichung angenommen.
Er wurde für Best of the Net, den Pushcart Prize, den BREW Poetry Award und den Caine Prize 2026 nominiert. Beim African Writers Award gewann er den ersten Preis in der Kategorie Lyrik und wurde mit dem Poetry Archive Now! Wordview 2025 ausgezeichnet. Zudem war er Finalist des Adinkra Poetry Prize 2025, belegte den zweiten Platz beim Cambridge Poetry Prize 2026 und stand auf der Longlist des Renard Press Poetry Prize. Als ehemaliger Stipendiat der Obsidian Foundation wurde er gemeinsam mit der Poetry Society im Rahmen des Obsidian Foundation Showcase vorgestellt.
Gariba wurde gesagt, die Beerdigung würde noch vor Ende des Tages stattfinden. Er fragte nicht, wann dieser Tag begonnen hatte oder ob er überhaupt je richtig begonnen hatte. Die Worte erreichten ihn als etwas, das längst anderswo beschlossen worden war, weitergetragen von Mündern, die keine Antwort erwarteten.
Im Hof wuschen die alten Frauen schweigend die Töpfe. Holz schabte in gleichmäßigem Takt über Metall und ließ die Zeit eher gemessen als gelebt erscheinen. Die Sonne sank ohne Eile, und nichts im Hof veränderte sich mit ihr außer der Länge der Schatten. Es war Trockenzeit. Der Boden war hart geworden, fast wie Stein. Ein Grab ließ sich nicht schnell ausheben. Der Boden musste aufgebrochen werden.
Gariba saß vor der Tür auf einem Hocker, geschnitzt aus einem einzigen Block Marulaholz, die Handflächen flach auf den Oberschenkeln. Seine Hände waren breit, die Knöchel dauerhaft geschwollen von all den Jahren, in denen er dichtes Akaziendorngebüsch zurückgeschnitten hatte, um Wege für sein Vieh freizuhalten. Heute wussten seine Finger nichts mit sich anzufangen. Hinter ihm, in der Haupthütte, dämpfte der schwere Schilfvorhang den aufkommenden Streit zwischen den Frauen, die den Leichnam herrichteten.
„Das widerspricht völlig unserem Brauch“, sagte Nyamila. „Die Erde nimmt ein Leichentuch an. Wenn sie in Leder begraben wird, wird sie keine Ruhe finden.“
„Sie wollte ohnehin nicht zu den Ahnen gehen“, sagte Lapopo und schüttelte den Kopf. „Sie hat um das ringelblumengelbe Kleid und die Stiefel gebeten.“
Gariba hatte damals nur genickt. Seine Gedanken wanderten zurück zu der Nacht, in der das Fieber Mingba ergriffen hatte. Im Dunkeln hatte Mingba nach ihm gegriffen und die Finger um seinen Ärmel geschlossen.
„Gariba“, flüsterte sie. Ihr Atem roch bitter nach Wermuttee. „Die braunen Schuhe. Die mit den Messingösen. Zieh die Schnürsenkel fest. Lass meine Füße sich nicht in der Erde verlieren.“
+++
Die Sonne war untergegangen. Schatten breiteten sich über das Gehöft aus. Nyamila schob den Schilfvorhang beiseite und trat in den Hof. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und blieb vor Gariba stehen.
„Das Ankleiden ist fertig“, sagte sie. „Eine Frau, die mit so fest verschnürten Fußknöcheln begraben wird, wird keine Ruhe finden. Sie wird vor den Mauern des Dorfes auf und ab wandern.“
„Dann soll sie halt an den Mauern wandern“, sagte Gariba leise. „Solange sie dort ist, weiß ich immerhin, wo sie ist.“
Nyamila spuckte auf den Boden und kehrte zum Feuer zurück, wo der Brei für das Begräbnis über den Holzflammen eindickte.
Lapopo kam als Letzte heraus und trug die Schüssel mit dem grauen Wasser. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sie abstellte.
„Sie sieht friedlich aus“, sagte sie. „Aber die Stiefel waren viel zu eng. Zu Lebzeiten hat sie sie gehasst. Sie sagte, sie fühle sich darin wie eingesperrt.“
Gariba stand auf. Als er sich bewegte, meldete sich der Schmerz in seinen Knien. Er trat in die Hütte.
Die Luft darin wog schwer vom Paraffin und den zerstoßenen Basilikumblättern. Mingba lag auf einer Grasmatte, den Kopf leicht erhöht auf einem gefalteten Tuch. Lapopo hatte ihr das ringelblumengelbe Kleid angezogen. Der leuchtende Stoff wirkte in der Stille des Raumes fehl am Platz.
Am Fußende der Matte hoben sich die Stiefel ab.
Gariba ließ sich auf den Boden sinken. Er legte eine Hand auf die Spitze eines Stiefels. Das Leder hatte die Kälte des Bodens angenommen. Lange blieb er so sitzen. Er erinnerte sich an die trockenen Monate nach der Fehlgeburt vor zwei Jahren. In jenem Jahr war der Regen völlig ausgeblieben. Die Weiden waren braun, das Vieh zu schwach, um die Pflüge zu ziehen. Als die Wehen zu früh eingesetzt hatten, hatte Mingba geschwiegen. Sie war einfach aus dem Gehöft gegangen, fort von der kleinen Ansammlung aus Lehmhäusern, hinunter zu dem mächtigen wilden Feigenbaum am Rand der Weiden.
Gariba hatte sie dort bei Sonnenuntergang gefunden. Die Hitze des Tages stieg noch immer aus dem Boden, doch Mingba saß im Sand, die Arme fest um den Bauch geschlungen. Sie hatte ihre fleckige Schürze hochgezogen und hielt sie an sich gedrückt, als beschütze sie etwas unendlich Zerbrechliches.
Langsam war er auf sie zugegangen, eine kleine Blechschüssel mit saurer Milch und gemahlenem Mais in den Händen. „Mingba“, hatte er gesagt und sich neben die großen, aus der Erde ragenden Wurzeln gekniet. „Die Sonne ist untergegangen. Der Wind dreht sich. Wir müssen zurück zum Haus.“
Sie sah ihn nicht an. Ihr Blick ruhte auf einer kleinen, leeren Stelle aus grauem Sand, dort, wo der Schatten des Baumes auf den offenen Pfad traf.
„Sie sitzt genau dort“, hatte Mingba geflüstert. Ihre Stimme klang tonlos, ohne jede Spur jener vertrauten Wärme, die er seit ihrer Jugend kannte.
Gariba blickte auf die Stelle. Dort lagen nur einige abgefallene, unberührte Blätter und der trockene Kot der Ziegen, die am frühen Nachmittag vorbeigekommen waren.
„Da ist nichts, Mingba. Komm nach Hause. Wir müssen das Abendfeuer machen.“
„Sie sitzt direkt neben dieser Wurzel“, beharrte Mingba und deutete auf den kahlen Boden. „Die alten Frauen glauben, dass sie keine Persönlichkeit hat, weil sie nie geatmet hat. Sie glauben, sie sei nur Blut. Aber sie sitzt dort, Gariba. Sie schaut auf den Pfad hinunter zum Fluss. Sie kann nicht gehen, weil ihre Füße zu zart für das trockene Gras sind.“
Er hatte versucht, sie hochzuheben, doch ihr Körper schien im Sand Wurzeln geschlagen zu haben. Drei Stunden lang saß er mit ihr unter dem Blätterdach und sah zu, wie nach und nach die Sterne zwischen den Blättern hervortraten. Er hatte immer geglaubt, die Toten blieben dort, wo man sie hingelegt hatte, bis ihre Namen im Boden verschwanden. Doch während er den starren Blick seiner Frau beobachtete, begann auch er auf die leere Stelle im Sand zu schauen. Sie weigerte sich zu essen. Sie weigerte sich, zum Gehöft zurückzukehren, bis die Kälte vor Tagesanbruch ihre Glieder zum Zittern brachte.
Einen Monat später, als Mingba sich noch immer weigerte, barfuß die gewohnten Wege zu gehen, nahm Gariba das Silber, das er für seine beiden besten Ochsen bekommen hatte, und lief vierzig Meilen bis zu der Siedlung am Bahnübergang. Es war eine staubige Kreuzung, an der die Bergleute aus den Minen im Norden ihre Ausrüstung kauften. Schwere Eisenstangen sicherten die Geschäfte gegen Diebe; die Waren darin waren dunkel, schwer und für harte Arbeit gemacht.
Er betrat den größten Laden. Seine Schritte hallten auf dem Betonboden. Hinter der Theke, geschützt von einem schweren Drahtgitter, stand eine Reihe robuster Arbeitsstiefel. Sie waren für den scharfkantigen Schotter der Minenschächte und den groben Schiefer entlang der Eisenbahnstrecken gemacht. Das Leder war dick und roch durchdringend nach Industrieöl und dem tierischen Fett, mit dem es imprägniert worden war.
„Die kleine Größe“, hatte Gariba dem Verkäufer gesagt und durch das Gitter gezeigt. „Die mit den verstärkten Messingösen.“
Der Verkäufer holte sie herunter und ließ sie mit einem dumpfen Schlag auf den Tresen fallen. „Die sind für Eisenbahnarbeiter“, sagte er und musterte Garibas traditionelle Decke. „Für die Felder sind sie zu schwer. Deine Frau wird erschöpft sein, bevor sie auch nur eine Reihe Mais geschafft hat.“
„Sie soll sie nicht auf den Feldern tragen“, hatte Gariba geantwortet und die Silbermünzen auf den Tresen gezählt.
Er hatte die Stiefel in einem Jutesack nach Hause getragen, erfüllt von einem seltenen, verzweifelten Optimismus. Er glaubte, sie könnten Mingba helfen, sich von dem wilden Feigenbaum zu lösen. Er stellte sich vor, wie sie darin den Weg zum Markt entlangging, die Knöchel fest umschlossen vom dicken Leder, und den Schatten des toten Kindes hinter sich ließ. An einem Dienstagmorgen gab er ihr die Stiefel und stellte sie auf den Lehmboden ihres Zimmers.
Mingba hatte sie lange angesehen. Sie probierte sie nicht an. Nicht einmal die Schnürsenkel löste sie. Sie schob die Stiefel unter das Bett. Dort blieben sie zwanzig Monate lang liegen und sammelten den feinen weißen Staub, der durch die Ritzen der Tür hereinwehte.
Dann raubte das Fieber ihr den Verstand.
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Bevor das Fieber sie völlig übermannte, hatte es noch den Weg zur Klinik gegeben, einen letzten Versuch, die Kluft zwischen ihrem Verstand und dem Dorf zu überbrücken. Gariba hatte einen Fahrer dafür bezahlt, sie auf der eisernen Ladefläche seines Lastwagens mitzunehmen – vierzig Meilen über die tiefen Spurrillen der unbefestigten Straße. Mingba hatte völlig regungslos dagesessen, den Rücken gegen die Fahrerkabine gelehnt, den Blick auf die gewaltigen Säulen aus grauem Staub gerichtet, die von den schweren Lastwagen aufgewirbelt wurden, die zu den Kohleminen fuhren.
Die Klinik war ein Betonbau mit Flachdach, der nach Brennspiritus und feuchter Wolle roch. Der Arzt war ein junger Mann aus den südlichen Provinzen, mit blutunterlaufenen Augen und einem Stethoskop, das lose um seinen Hals hing. Er untersuchte Mingbas Augen, klopfte mit einem Gummihammer gegen ihre Knie und hörte ihre Brust ab.
„Es gibt keine Infektion“, sagte der Arzt. „Nichts, was sich körperlich erklären ließe.“
Er öffnete einen Karton und holte zwei Streifen weißer Tabletten heraus. „Gib ihr jeden Morgen eine davon. Sie werden das Gehirn beruhigen.“
Gariba nahm die Tabletten. Noch während sie in dem kleinen Sprechzimmer standen, blickte er auf Mingbas Hände, die reglos in ihrem Schoß lagen. Nach ihrer Rückkehr nahm sie die Medikamente ohne Widerspruch, doch sie sah die kleinen weißen Scheiben niemals an. Sie schluckte sie mit Wasser aus dem Tonkrug und wandte das Gesicht sofort wieder dem kleinen Fenster zu. Ihre Finger fuhren über die Muster des Strohdachs, als zählte sie die Tage bis zu ihrer Abreise.
Die endgültige Gewissheit kam in der dritten Nacht der großen Hitze, als das Fieber ihre Zunge ganz in Besitz genommen hatte. Der Raum lag im Dunkeln, nur eine kleine Öllampe warf flackerndes gelbes Licht auf ihr verschwitztes Gesicht. Ihre Haut war so heiß wie der Boden eines Ofens, nachdem man die Kohlen hinaus in den Hof geschaufelt hatte.
„Sie ist gewachsen, Gariba“, murmelte Mingba plötzlich, die Augen weit geöffnet und auf den mittleren Dachpfosten gerichtet. Das wirre Reden der vergangenen Tage war verschwunden und einer beunruhigenden Klarheit gewichen.
„Wer ist gewachsen, Mingba?“, fragte er und wischte ihr mit einem feuchten Tuch über den Nacken. „Bleib liegen. Die Nacht ist fast vorbei.“
„Die Kleine“, sagte sie. Ihre Finger schlossen sich mit solcher Kraft um sein Handgelenk, dass es ihm bis in die Knochen schmerzte. „Sie ist nicht mehr das kleine, hilflose Wesen, das wir unter dem Viehgehege begraben haben. Die alten Frauen haben sich geirrt. Sie ist bis an die Grenzen gelaufen. Jetzt hat sie Beine. Sie kann durch das Gestrüpp rennen.“
„Mingba...!“
„Sie ist jetzt größer als die Ziegen, Gariba“, unterbrach ihn seine Frau. Ihre Stimme hob sich leicht, als spräche sie zu etwas, das nur sie sehen konnte. „Sie ist so groß wie die Pfosten des Getreidespeichers. Aber sie weiß nicht, wo die Steine locker liegen. Sie weiß nicht, wo der Weg nachgibt, wo ein Fuß umknicken und sie zu Fall bringen kann. Sie weiß nicht, dass die Akaziendornen einem Kind die Haut von den Schienbeinen reißen, wenn es im Dunkeln unachtsam rennt.“
Sie hielt inne. Ihr Atem ging unregelmäßig. Dann sprach sie weiter.
„Sie hat heute Nachmittag nach mir gerufen, als das Vieh zurückkam. Sie sagte: ›Mama, die Sonne hat den Boden hart wie Eisen gebacken, und meine Füße sind zu zart dafür. Bring mir die schweren Dinger von der Furt. Die, die mich festhalten, wenn der Boden scharf wird.‹“
Ihr Griff wurde fester. Sie zog ihn zu sich heran, bis ihre trockenen Lippen beinahe sein Ohr berührten. Ihre Worte schienen sich nun weniger an ihn zu richten, als sich in ihn hineinzubohren.
„Die Stiefel unter dem Bett“, flüsterte sie. „Du musst Lapopo sagen, dass sie sie mir anziehen soll, wenn mein Atem aufhört. Und du musst sie selbst schnüren, Gariba. Zieh das Leder so fest, dass es über der Ferse einschneidet, bis es mich festhält und nicht mehr nachgibt. Wenn sich im hohen Gras ein Schuh löst, verlierst du den Weg. Und wenn du den Weg verlierst, gibt dir der dichte Busch nicht zurück, was er genommen hat.“
Ihr Atem stockte einen Augenblick, dann wurde er wieder gleichmäßig.
„Versprich es mir“, sagte sie. „Doppelte Knoten. Keine Bänder aus dem Laden.“
Er saß im Dunkeln, während die Öllampe flackerte und schließlich erlosch. Er sagte nichts.
+++
Die Trauergemeinde versammelte sich im Morgengrauen. Sechs Männer von den benachbarten Gehöften nahmen die Hanfseile auf, prüften ihren Griff und suchten festen Halt am lockeren Rand der Grube. Sie arbeiteten schweigend. Schweiß verdunkelte ihre Rücken und Schultern, während sie den Kiefernsarg langsam und vorsichtig in den schmalen Graben hinabließen, der tief in den harten roten Lehm geschlagen worden war. Als sich die ersten Erdklumpen von den Schaufeln lösten und unten auf den Sargdeckel trafen, drang ein dumpfer, gedämpfter Schlag aus der Grube empor, den der umgebende Boden rasch verschluckte.
Gariba trat vor. Er hockte sich an den Rand und ließ eine Handvoll trockener Erde durch seine Finger rieseln. Der Kies prasselte über den Kieferndeckel und rutschte in die Fugen zwischen den Brettern. Einen Augenblick lang schien der Sarg unter dem Gewicht zu erzittern, dann nahmen die jüngeren Männer ihre Arbeit wieder auf, und die Bewegung trat erneut an die Stelle der Stille.
Sie begannen, das Grab zuzuschaufeln. Das Geräusch hatte nun beinahe etwas Routiniertes, ein gleichmäßiger Wechsel von Aufprall und Ausholen, hinter dem die Anwesenheit der Trauernden verblasste.
Nyamila stand dicht hinter Gariba, so nah, dass ihre Stimme kaum der Luft zwischen ihnen gehörte. Der Wind von den Bergrücken trug Bruchstücke ihrer Worte davon, noch ehe sie sich festsetzen konnten.
„Diese Baumwollbänder werden innerhalb von drei Wintern verrotten, Gariba“, sagte sie leise, den Blick auf den wachsenden Erdhügel gerichtet. „Die Feuchtigkeit wird zuerst die Schnüre zersetzen, dann wird das Leder weich werden und zerfallen. Am Ende wird nichts mehr halten. Ihre Füße werden sich lösen, ganz gleich, was ihr in ihren letzten Stunden versprochen habt.“
Gariba sah sie nicht an. Er lauschte dem gleichmäßigen Rhythmus der Schaufeln, der Art, wie die Erde Stück für Stück zurücknahm, was man ihr genommen hatte.
„Drei Regenzeiten sind eine lange Zeit“, sagte er schließlich. „Ein Kind kann in drei Jahren weit kommen, wenn jemand mit ihm geht.“
Die alte Frau widersprach nicht mehr. Sie wandte sich ab, murmelte einen traditionellen Spruch, der die Gottheiten des Ortes darum bat, über die Hartnäckigkeit der Familie hinwegzusehen, und machte sich auf den langen Rückweg zur Lichtung des Dorfes.
„Mögen die Geister dieses Landes ihre Augen von den hartnäckigen Herzen abwenden.“
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Um Mitternacht war im Dorf jede Aktivität zum Erliegen gekommen. Die letzten Trauernden waren zu ihren Gehöften zurückgekehrt, gesättigt von dem gemeinsam verzehrten Begräbnisrindfleisch und dem gerösteten Mais. Gariba ging nicht in sein Schlafzimmer. Der Duft der zerstoßenen wilden Basilikumblätter war vollständig aus dem Raum verschwunden. Zurück blieben nur der neutrale, muffige Geruch des frisch gefegten Lehmbodens und die kalte Holzasche in der Feuerstelle. Stattdessen setzte er sich auf die Lehmschwelle und beobachtete den Halbmond, der über den östlichen Bergrücken stieg. Sein blasses Licht fiel auf die Schatten vereinzelter Akazien, die sich über die offene Ebene zogen. Eine Meile von den Häusern entfernt, genau dort, wo die gemeinschaftliche Weide endete und der dichte, unbewirtschaftete Busch begann, ragte der mächtige wilde Feigenbaum gegen den Horizont auf. Seine gewaltigen Wurzeln brachen aus dem Boden hervor, wanden sich über die Erdoberfläche und tauchten schließlich wieder tief in die Erde ein.
Gariba stand auf. Er zog die schwere Wolldecke fest um den Oberkörper, um sich gegen die plötzliche Kälte der Nacht zu schützen. Dann ging er den Hang hinunter. Er nahm weder Petroleumlampe noch Fackel mit; seit Jahrzehnten ging er diesen Weg und kannte jede seiner Biegungen auch im Dunkeln. Als er die Weggabelung erreichte, an der der Hauptpfad sich zum Flussufer hin teilte, wurde die Nachtluft vollkommen still. Unter den Bäumen schien die Luft schwerer zu werden. Sie war erfüllt vom unverkennbaren Geruch verrottender Pflanzen und dem süßen Duft überreifer Feigen, die auf dem Boden verfaulten.
Zehn Schritte vor dem mächtigen Stamm blieb er stehen.
Der kreisförmige Flecken Erde unter den Ästen war durch das dichte Blätterdach vollkommen vor dem Wind geschützt. Im Mondlicht wirkte der Boden unberührt, eine glatte Schicht aus feinem grauem Sand.
Gariba kniete nieder. Dort, wo der Schatten der Äste auf den blassen Streifen des mondbeschienenen Pfades traf, zeichneten sich zwei verschiedene Spuren im weichen Boden ab. Sie waren noch frisch genug, um deutlich erkennbar zu sein.
Die eine Spur war klein. Barfuß. Die Abdrücke waren unregelmäßig und hastig, die Zehen weiter gespreizt, als sie hätten sein sollen. Die Fersen hatten den Boden kaum berührt. Das Gewicht lag fast ganz auf den Fußballen, als wäre jemand gelaufen, ohne je ganz das Gleichgewicht zu finden, in engen Schleifen um den Baumstamm herum.
Unmittelbar daneben, stellenweise so nah, dass sie sich fast berührten, verlief eine zweite Spur. Diese Abdrücke waren deutlicher. Ihre Ränder waren scharf, ihre Tiefe gleichmäßig, jeder Schritt mit demselben festen Druck gesetzt. Die Spur schwankte nicht und kehrte nicht um. Sie führte geradewegs voran. Es waren die Abdrücke schwerer Gummisohlen, gemacht, um auf unebenem Boden sicheren Halt zu geben. Kein Zögern war darin zu erkennen, kein unsicherer Schritt. Wer diese Stiefel getragen hatte, war gegangen, als könne er darauf vertrauen, dass die Erde unter jedem Schritt fest blieb. Die Knöchel über diesen Abdrücken waren weder umgeknickt noch ins Straucheln geraten. Dickes Leder hatte sie fest umschlossen, gemacht, um den Fuß sicher zu halten.
Ein kurzes Stück verliefen die beiden Spuren nebeneinander: die unruhigen Kreise der nackten Füße dicht neben der geraden, gleichmäßigen Linie der Stiefel. Kurz vor dem Rand des Baumschattens rückten sie näher zusammen, überschnitten sich beinahe und führten dann hinaus ins Gras, wo der Boden unebener und die Spuren schwerer zu lesen waren.
Dort, genau an der Stelle, an der der Schatten des Baumes endete, veränderten sich die kleineren Abdrücke. Von da an ließ sich kaum noch erkennen, welche Spur welche war. Der Sand ließ seine Erinnerung los. Die Ränder wurden weich. Die Abdrücke sanken wieder in sich zusammen.
Gariba blieb knien, bis nichts mehr da war, dem er hätte folgen können.
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