Heimat schmecken, Zugehörigkeit sprechen

Heimat schmecken, Zugehörigkeit sprechen

Der preisgekrönte ghanaische Schriftsteller Daniel Naawenkangua Abukuri über Trauer und Zugehörigkeit, die schöpferische Fantasie Schwarzer Lebenswelten, Ghanas literarische Gegenwart – und die unvollendeten Zeichnungen, mit denen sein Schreiben begann
Foto Daniel Naawenkangua Abukuri
Bildunterschrift
Daniel Naawenkangua Abukuri
Zur Person

Daniel Naawenkangua Abukuri (er/ihm) ist ein ghanaischer Dichter und Prosaautor. Seine Werke sind unter anderem im Transition Magazine, in The Malahat Review, Colorado Review, Chestnut Review, Orion Magazine, North American Review, Protean Magazine, GEIST, Berkeley Poetry Review, Mantis, Minyan Magazine, Wildscape und Decolonial Passage erschienen oder zur Veröffentlichung angekündigt.
Er wurde für Best of the Net, den Pushcart Prize, den BREW Poetry Award und den Caine Prize 2026 nominiert. Zudem gewann er den ersten Preis des African Writers Award in der Kategorie Lyrik sowie Poetry Archive Now! Wordview 2025. Er war Finalist des Adinkra Poetry Prize 2025, belegte beim Cambridge Poetry Prize 2026 den zweiten Platz und stand auf der Longlist des Renard Press Poetry Prize.
Abukuri ist ehemaliger Stipendiat der Obsidian Foundation und wurde im Rahmen des Obsidian Foundation Showcase von The Poetry Society vorgestellt.

Mbizo Chirasha ist Gründer des Writing Ukraine Prize und als Künstler mit der UNESCO-RILA verbunden. Er war Stipendiat und Artist-in-Residence in Deutschland, den USA, Sambia, Ghana, Tansania und Schweden. Zudem ist er Herausgeber und Kurator mehrerer literarischer Plattformen, darunter Time of the Poet Republic und Brave Voices. Chirasha ist Autor von 'A Letter to the President'. Seine Texte sind in mehr als 200 Zeitschriften weltweit erschienen, darunter The Evergreen Review, Poetry London und FemAsia Magazine.

Mbizo Chirasha: Wer ist Daniel Naawenkangua Abukuri – und seit wann schreibst du?

Daniel Naawenkangua Abukuri:  Ich bin ein ghanaischer Dichter und Prosaautor, dessen Werk sich mit Trauer, Resilienz, Erinnerung und der Suche nach Zugehörigkeit auseinandersetzt. Im Mittelpunkt stehen dabei häufig Schwarze Lebenswirklichkeiten und Identitäten.
Mit dem Schreiben begann ich im Alter von sieben Jahren. Damals waren Zeichnen und Geschichtenerzählen für mich untrennbar miteinander verbunden. Jedes Bild, das ich malte, erschien mir ohne Worte unvollständig. Also begann ich, Beschriftungen hinzuzufügen, Geschichten zu erfinden und kleine Welten um meine Zeichnungen herum zu erschaffen.
Als Student der ersten Generation wurde das Schreiben für mich später auch zu einer Möglichkeit, das Leben zu verstehen. Ich lernte aus allem, was ich finden konnte: aus Flash-Fiction-Heften, Anime, Kurzgeschichten und Gesprächen.
Rückblickend vermittelten mir diese frühen kreativen Erfahrungen etwas, das meine Arbeit bis heute prägt: die Erkenntnis, dass Sprache sowohl Fantasie als auch gelebte Erfahrung in sich aufnehmen kann – und dass selbst das alltägliche Leben zu Poesie werden kann.

Wie viele Bücher und Geschichten hast du bisher veröffentlicht, und welche Resonanz finden deine Werke in Ghana?

Meine Gedichte und Geschichten sind in zahlreichen internationalen und regionalen Literaturzeitschriften erschienen oder zur Veröffentlichung angenommen worden, darunter das Transition Magazine, The Malahat Review, Colorado Review, Orion Magazine, Protean Magazine und Flash Fiction Magazine.
Meine Arbeit wurde durch Nominierungen für den Pushcart Prize, Best of the Net und Best Microfiction sowie durch Auszeichnungen wie den African Writers Award und Poetry Archive Now! Wordview 2025 gewürdigt.
In Ghana war die Resonanz besonders bewegend, vor allem unter jüngeren Leserinnen und Lesern. Viele von ihnen sagen mir, dass meine Texte Gefühle und Erfahrungen zum Ausdruck bringen, die sie schon lange in sich tragen, bislang aber nur schwer in Worte fassen konnten.
Meine literarische Laufbahn begann mit der Unterstützung meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen an der University of Ghana. Heute hoffe ich als Stipendiat der Obsidian Foundation, mit meiner Arbeit dazu beizutragen, literarische Traditionen mit gegenwärtigen Diskursen zu verbinden.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt deines literarischen Schaffens?

Meine Arbeit konzentriert sich auf die Lebenswirklichkeiten Schwarzer Menschen und anderer marginalisierter Gemeinschaften. Ich beschäftige mich mit Resilienz, Identität, Zugehörigkeit, Trauer, Vertreibung und Überleben, aber auch mit den kleinen Freuden, dem Humor und der Kreativität, die den Alltag tragen.
Sowohl in meiner Lyrik als auch in meiner Prosa kehre ich immer wieder zu Fragen der Erinnerung, des kulturellen Erbes und der Nachwirkungen von Kolonialismus und Ungleichheit zurück. Zugleich möchte ich Schwarze Vorstellungskraft, Kultur und Stimmen feiern, die sich ihrer Auslöschung widersetzen.
Viele meiner Texte nehmen ihren Ausgang bei alltäglichen Momenten und fragen danach, welche größeren Wahrheiten sich in ihnen verbergen.

Schreibst du ausschließlich Kurzgeschichten, oder bist du auch in anderen literarischen Gattungen zu Hause?

Ich gehe gern davon aus, dass jeder Autor im Grunde genreübergreifend arbeitet. Die meisten von uns konzentrieren sich lediglich auf einen bestimmten Bereich, um nicht den Verstand zu verlieren.
Ich schreibe sowohl Lyrik als auch Prosa. Die Lyrik erlaubt es mir, Emotionen, Rhythmus und Erinnerung zu verdichten, während mir die Prosa den Raum gibt, Welten zu erschaffen und Zeit mit meinen Figuren zu verbringen. Gemeinsam ermöglichen mir beide Formen, wiederkehrende Themen wie Identität, Resilienz und Zugehörigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Wie ist die Literaturszene und Verlagslandschaft in Ghana aufgestellt?

Die Buchbranche in Ghana wächst, steht jedoch weiterhin vor erheblichen Herausforderungen. Die Möglichkeiten zur Veröffentlichung sind nach wie vor begrenzt, der Vertrieb gestaltet sich oft schwierig, und die Lesekultur befindet sich in manchen Bereichen noch im Aufbau.
Als Schriftsteller fühlt es sich hier manchmal an, als würde man Samen auf felsigen Boden säen. Zugleich hat die Literaturszene etwas ausgesprochen Aufregendes: Die Schreibgemeinschaft ist lebendig, energiegeladen und stets auf der Suche nach neuen Stimmen. Es gibt viel Hoffnung, ein wenig Chaos und das starke Gefühl, dass etwas Wichtiges in Bewegung geraten ist.

Du hast ja schon angedeutet, dass du dich mit Themen wie Rassismus, sozialer Gerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechten auseinandersetzt, wie sieht das aus?

Meine Arbeit ist nur selten im offensichtlichen Sinne politisch, setzt sich jedoch intensiv mit Fragen der Würde, der Identität und der menschlichen Existenz auseinander.
Themen wie rassistische Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit nähere ich mich, indem ich Lebenswirklichkeiten in den Mittelpunkt rücke, die häufig übersehen werden. In meiner Lyrik und Prosa versuche ich, Erfahrungen einzufangen, die oft zum Schweigen gebracht, vereinfacht oder an den Rand gedrängt werden.
Als Stipendiat der Obsidian Foundation betrachte ich das Schreiben als eine Form des stillen Aktivismus – als eine Praxis, die den Wert Schwarzer Geschichte und Vorstellungskraft ebenso bekräftigt wie die Legitimität unseres Gefühlslebens.

Welche gesellschaftliche Anerkennung und institutionelle Unterstützung erfahren Schriftstellerinnen, Schriftsteller und andere Kunstschaffende in Ghana?

Schriftstellerinnen, Schriftsteller und andere Kunstschaffende genießen in Ghana durchaus Respekt, werden jedoch oft eher im Stillen anerkannt als öffentlich gefeiert. Sichtbarkeit, Wertschätzung und Unterstützung bleiben bisweilen schwer greifbar, besonders außerhalb literarischer und künstlerischer Kreise.
Zugleich wächst die Anerkennung für Literatur und Kunst. Immer mehr Menschen beginnen zu verstehen, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller weit mehr tun, als nur Bücher hervorzubringen: Sie prägen Kultur, bewahren Erinnerungen – und sorgen gelegentlich auch für ein wenig vom Tee befeuertes Chaos.

Welche Institutionen und Initiativen fördern in Ghana Literatur, Bücher, kreatives Schreiben und andere künstlerische Ausdrucksformen?

Ja. In Ghana gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die Schriftsteller und die literarische Szene aktiv unterstützen, darunter das Writers Project of Ghana, die Ghana Association of Writers, das Ama Ata Aidoo Centre for Creative Writing und Creatives GH.
Diese Einrichtungen bieten gute Möglichkeiten für Mentoring, Zusammenarbeit und kreative Entwicklung. Ich hoffe, in Zukunft ebenfalls einen Beitrag zu diesem Ökosystem leisten zu können, indem ich Workshops, Mentoring-Programme und Netzwerke für angehende Schriftsteller ins Leben rufe.

Du hast bereits an Literaturfestivals, Stipendienprogrammen und Buchmessen teilgenommen. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Ja, und diese Erfahrungen waren für mich von unschätzbarem Wert. Literaturfestivals, Workshops und Stipendienprogramme haben mich mit Mentorinnen und Mentoren, anderen Schreibenden sowie Leserinnen und Lesern aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengebracht.
Sie haben mir außerdem geholfen, meine eigene Arbeit als Teil eines weit größeren Dialogs zu begreifen. Über die beruflichen Vorteile hinaus hat es etwas Besonderes, sich in einem Raum voller Menschen zu befinden, die alle dieselbe eigentümliche und wunderbare Sprache der Geschichten und Gedichte sprechen.

Welche Preise und Auszeichnungen hast du bislang für dein literarisches Schaffen erhalten?

Ich hatte das Glück, im Laufe der Jahre mehrere Auszeichnungen zu erhalten. Zuletzt gewann ich Poetry Archive Now! Wordview 2025 sowie den 8th African Writers Award in der Kategorie Lyrik. Zudem war ich Finalist des Adinkra Poetry Prize 2025 und stand auf der Longlist des Renard Press Poetry Prize.
Meine Arbeiten wurden außerdem für den Pushcart Prize, Best of the Net, Best Microfiction und den BREW Poetry Award nominiert. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war meine Aufnahme in das Stipendienprogramm der Obsidian Foundation, das mir wertvolle Möglichkeiten zur künstlerischen Weiterentwicklung und zum Austausch innerhalb einer literarischen Gemeinschaft eröffnet hat.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welches Gericht verbindest du am stärksten mit Heimat, was ist dein Liebbingsgericht?

Meine absolute Lieblingsmahlzeit ist Tuo Zaafi, kurz TZ. Die weiche, teigartige Konsistenz dieses Grundnahrungsmittels aus Mais- oder Hirsemehl hat etwas ungemein Tröstliches, besonders wenn es auf traditionelle Weise serviert wird. Am besten schmeckt es mir mit einer leuchtend grünen Ayoyo-Suppe aus Juteblättern und einem gehaltvollen, würzigen Tomateneintopf.
Für mich geht es dabei nicht nur um die köstliche Verbindung unterschiedlicher Texturen und Aromen. Tuo Zaafi verkörpert das kulinarische Herz Nordghanas und fühlt sich für mich immer wie ein Stück Heimat an. Ich mag außerdem Waakye und Sobolo, ein erfrischendes Getränk aus Hibiskusblüten.
Die Esskultur in Ghana ist stark von Familie und Gemeinschaft geprägt. Gemeinsame Mahlzeiten mit Verwandten, Freunden und Gästen gehören zum Alltag ebenso wie zu besonderen Anlässen. In ganz Afrika unterscheidet sich das Essen von Region zu Region und spiegelt vielfältige Kulturen, Geschichten und lokale Zutaten wider. Essen ist weit mehr als bloße Nahrung: Es bringt Menschen zusammen und ist ein Ausdruck von Fürsorge und Zugehörigkeit.


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