Khemji
Im globalen Süden ist Sommer (im globalen Norden Winter), und im Februar bringt Literatur.Review sie alle zusammen und veröffentlicht bisher unübersetzte oder unveröffentlichte Geschichten aus dem Norden und Süden unserer Welt.
Waseem Hussain wurde 1966 in der pakistanischen Hafenstadt Karachi geboren und wuchs am Zürichsee auf. In jungen Jahren hat er kulturelle Veranstaltungen organisiert und den mehrfach prämierten Kurzfilm »Larry« gedreht. Als Journalist berichtete er für die Schweizer Presse aus dem südasiatischen Raum und wurde 1998 für seine investigativen Recherchen mit dem Prix Mass-Médias der Fondation Eckenstein ausgezeichnet. Er lebt als Autor und Songwriter in der Nähe von Zürich und spricht Deutsch, Englisch und Urdu.
Blinder Freund, wieso schickst du mir eine Postkarte
von meinem eigenen Haus, groß und leer, wo es mir
von toten Tieren träumt? Schreibst mir, ich sei
Kapitän in einer Werft, ohne Schiff, ohne Land.
Man sagt mir, ich sei ein Inder. Mein Name sei Khemji, sagt man mir. Das stört mich nicht. Zwar glaube ich mich zu kennen. Aber ich bin froh, dass ich keinen Grund habe, bequem zu werden. In Wahrheit liebe ich das Nichtstun, mag Ruhe und Stille, sitze herum und lasse die Gedanken an mir vorbeiziehen. Dann wird es heiß in mir. Nicht wie Fieber, weder in Wallung geratendes Blut noch Atem, der aufs Mal heftig wird. Die Augen weiten sich, die Sicht wird klar, der Unterkiefer drängt nach vorne, und mit der Spannkraft ihrer Muskeln machen sich die Hände bereit, Neues zu tun.
So muss sich der Kapitän fühlen, dessen Schiff endlich seeklar ist. Er steht auf der Brücke. Er hat die Richtung, in die er auslaufen will, genau im Blick. Die Nadel in seinem Kompass schwankt und zittert, seit der Hafenmeister mit dem Gehstock fuchtelnd die Seetüchtigkeit des Schiffes bemängelt hat. Aber er lässt weder den Kompass noch seine stehen gebliebene Taschenuhr reparieren. Er weiß, die See ist eigenwillig. Auf Sandbänken und Klippen zeigt sie nach der Flut ihr Werk.
Der Kapitän, der sein Schiff vor der Küste ankert, ins Beiboot steigt und sich durch die Brandung rudern lässt, erreicht das Land als kleiner Kapitän. Er ist ein Matrose, der zum Emporkömmling aufsteigt. Lässt er sich dagegen auf Grund treiben, setzt er sein gesamtes Mobiliar aufs Spiel. Er springt vom Bug, es schmerzen ihm die Knie, aber er ist da, betritt das Land, geht über Dünen und durch Wälder, durchdringt Dörfer, Höfe, Städte. Er sucht das Glück.
Es kommt mir daher gelegen, dass man mir sagt, ich sei ein anderer als der, der ich glaubte zu sein. Neues Leben zu entdecken hinterlässt eine Wunde, so, als würde ein ganzes Land vom Erdboden verschluckt, kaum dass du es verlassen hast. Das Jucken am Stumpf, wie nach einer Amputation, macht dich glücklich. Ich liebe das Glücklichsein.
Um herauszufinden, wie es sich anfühlt, Khemji genannt zu werden, schreibe ich einen Brief an eine Firma in Indien. Ich erzähle, dass ich Spuren meiner Vorfahren suche, die, wie man mir sagt, von dort stammen, und erkläre, dass es, das Diamantenhandelsunternehmen in Bombay, eine Jubiläumsschrift herausgegeben hat, »Indien von innen«, die ich gerne kaufen würde. Ich schließe den Brief mit meiner neuen Unterschrift, weicher Bleistift auf hellem Papier. Als die Antwort eines gewissen Herrn Direktor Mehta eintrifft und ich die Anrede lese, erschrecke ich vor Freude: »Sehr geehrter Herr Khemji«. Dass er ankündigt, er werde mir ein Exemplar des Buches schicken, verschafft mir Gewissheit. Er kennt mich zwar nicht, nimmt mich aber für denjenigen, der ich jetzt bin. Ich lege den Brief beiseite, ahnungslos, wie man als Khemji auf so etwas reagiert.
Man sagt mir, die Inder seien freundliche Menschen. Das heißt noch lange nicht, dass Herr Direktor Mehta das Buch schicken wird. Es könnte sein, dass er nur freundlich sein will.
Einige Tage später trifft das Paket ein. In einem weiteren Brief schreibt Herr Direktor Mehta: »In unserem Unternehmen haben wir immer bewusste Entschlüsse gefasst. Seit unseren bescheidenen Anfängen bauen wir Partnerschaften auf, uns geht es nicht ums Geschäft allein. Wir sind zuversichtlich, dass die Aufsätze und die Bilder in diesem Buch Sie auf eine Reise durch Indien mitnehmen und Emotionen wecken werden, die Ihnen den Geist unseres Unternehmens und aller Menschen, die bei uns arbeiten, näherbringen. Mit unserem Werk erbieten wir Ihnen die Essenz, für die wir stehen.« Auf dem Briefkopf steht in Prägedruck der Firmenleitspruch: »Ein Diamantenunternehmen mit Herz«.
Ich beginne, als Khemji zu träumen. Khemji spaziert durch eine Flur: silbrig graue Sträucher auf brauner Erde, der Himmel wie lila Malve, die Luft herb. Er erreicht eine Baustelle. Hinter der Absperrung und etlichen Warnschildern und Verbotstafeln stehen Geräte. Um diese herum, über den Boden verstreut, liegen Kabelrollen, Rohre, Sandsäcke und Pflastersteine, Werkzeug. Arbeiter haben ein großes unförmiges Loch gegraben und sind nach Hause gegangen. Khemji würde gerne auf die andere Seite gelangen. In den folgenden Tagen besucht er den Ort immer wieder. Die Grube ist jedes Mal verändert worden, die Sachen wurden verschoben. Wieder ist keiner da, die Baustelle unpassierbar. Gerade, als Khemji aufgeben will, bemerkt er, dass jemand eine Brücke aus Holzlatten und Seilen gespannt hat. Er sieht drüben vier Greise in dünnen weißen Baumwollkleidern. Sie stehen im hellen Schatten eines Baumes und winken ihm fröhlich zu: Komm herüber, komm nur! Sie haben gebügelte, hell leuchtende Kleider mitgebracht, ein langes weißes Hemd mit Stickereien aus weißem Garn und weite Hosen, die sie hin- und herschwenken und dann an den untersten Ast des Baumes hängen. Khemji denkt: Die würden mir gut stehen. Er hört das Laub rascheln. Doch die Blätter bewegen sich nicht. Die Greise fangen an zu singen, leise mit geschlossenen Augen, und Khemji fragt sich, warum sie in der Sprache singen, die seine Muttersprache war, bevor man ihm sagte, dass er ein Inder ist. Er steigt auf die Brücke, ganz langsam. Mit jedem Tritt, den er auf den schwankenden Latten macht, wird der Gesang und das Rascheln lauter, die Seile in seinen Händen zittern, heftig und immer heftiger. Mitten auf der Brücke bleibt er stehen.
In einem anderen Traum wohne ich in einem großen Haus. Hier lässt es sich in Ruhe leben. Alte Banyanbäume säumen das Gelände. Die Wiese ist mit Büschen und Sträuchern bewachsen, dem dornenreichen Shikakai und dem Schneebusch, der Stachelschweinblume und der Lorbeertraube. Eines Tages kommt ein Postbote und sagt: »Herr Khemji, hier ist ein Brief für Sie.« Als ich den Umschlag öffne, halte ich die Fotografie eines toten Elefanten in der Hand. Er liegt einsam da. Zwar, was ist schon dabei, einen toten Elefanten zu fotografieren. Wenn sie spüren, dass sie bald sterben, kehren sie an den Ort ihrer Herkunft zurück. Sie tot zu fotografieren bedeutet, dass man ihren Instinkt anerkennt. Wer auch immer mir die Fotografie geschickt hat, erinnert mich daran, dass es auch mit mir einmal so weit sein wird, sei dies als Khemji oder als derjenige, der ich davor war.
Vielleicht kann ich an mehr als einen Ort zurückkehren.
In jedem Traum tauchen Fragen auf. Sie türmen sich von Mal zu Mal, immer höher. Besonders, wenn tote Tiere vorkommen, Sumpfkrokodile und Wildschweine etwa. Wenn ich aufwache, fehlen mir die Begriffe, um sie aufzuschreiben, so sehr ich es versuche. Sie schmecken nach nichts, haben keinen Duft, schweben nicht in der Luft, klingen nicht. Aber sie sind aufdringlich.
»Indien von innen« ist eine querformatige Montage aus zahlreichen Fotografien und langen Texten. Sie zeigt Männer an schlanken Holzsäulen, Gymnastik treibend, und Frauen, die Wasser auf die Gedenktafeln ihrer Ahnen sprenkeln. Eine mit Henna verzierte Hand kämmt Kinderhaar. Auf Wandmalereien schießen berittene Männer mit Pfeil und Bogen auf behuftes Wild, Traktoren fahren über Maisfelder. Eine Hochzeitsgesellschaft sitzt auf einer Veranda, die Gäste essen Speisen aus silbernen Schalen und Tellern, trinken Joghurt aus Messingbechern. An den Wänden hängen farbenreich bestickte Decken mit eingenähten Spiegelchen. In einer Ecke unter dem Giebeldach ist ein Vogelnest und darunter die Eingangstür, auf deren Schwelle Reiskörner und Blumenblätter gestreut wurden. Bestimmt haben die Gäste fröhliche Lieder gesungen, sich geneckt und umarmt, Geschichten über ruhmreiche Vorfahren erzählt, ersehnte Nachkommen gepriesen. Während innen, im Schlafgemach, Braut und Bräutigam gewartet haben, um endlich am Hals des andern den Duft von Rosenöl zu riechen.
Ich fliege nach Indien und steige in ein Taxi. Die Fahrt nach S., der Stadt, aus der ich stamme, wie man mir sagt, dauert drei Stunden. Mein Fahrer, vermutlich in seinen Vierzigern, kurzes, angegrautes Haar, der Körper rund und klein, redet viel.
»Werter Herr«, setzt er an, »Sie wissen wahrscheinlich nichts darüber …«
Ich sehe meinen abweisenden Blick im Rückspiegel.
»Glauben Sie mir, dies ist kein freies Land. Jeder nennt es eine Demokratie, die größte auf der Welt. Es stimmt, einst lebte man hier nachbarschaftlich zusammen. Aber diese Leute haben aus unserem Land ein Schlachtfeld gemacht. Ihre der Hölle entstiegenen Einflüsterer, die auf den Ministerstühlen Platz genommen haben und so tun, als sei der Himmel ihr Zuhause, ihre Schlägertrupps, sie alle hassen uns. Und warum?« Er sieht, dass er meine Aufmerksamkeit hat. »Weil wir nicht wollen, dass in Indiens Schulbüchern nur noch das eine steht, aber nicht mehr das andere. Sie brandmarken uns als Verräter, weil wir nicht das Gleiche essen wie sie. Sie schlitzen uns vor aller Augen die Hemden auf, um zu sehen, welches Zeichen an unserer Halskette hängt. Ich verschone Sie mit all den Fällen von Prügeln und Vergewaltigung, von Müttern, denen sie die ungeborenen Kinder aus dem Leib reißen. Unsere Geschäfte und unsere Häuser brennen sie nieder. An Plünderungen sind sie nicht interessiert, sie verabscheuen unser Hab und Gut genauso wie uns. Die Polizisten sehen grinsend zu. Wer Gerechtigkeit verlangt, macht sich zum Schlachtvieh. Der Staatspräsident schweigt, dabei ist er einer von uns. Werter Herr, wir sind rechtschaffene Bürger zweiter Klasse im eigenen Land. Wir üben uns in Nachsicht und Geduld. Aber wie lange sollen wir uns noch ins Gesicht treten lassen?«
Mein Kopf und Hals, meine Brust werden heiß und feucht, die Füße und Beine kalt und trocken. Ich kurble das Fenster herunter. Wir rasen an Blumenkohlfeldern vorbei, wilde Hunde springen uns vors Auto, der Fahrer hupt, ich wende mich um und sehe, wie sie uns hinterherkläffen. Das beruhigt mich.
Der Fahrer hält an einer Straßengabelung: »Hier ist S.« Er parkt unter einem blau-weißen Straßenschild und führt mich ins Teehäuschen.
Ich frage den Wirt: »Ist dies hier wirklich S.?«
»Was spielt das für eine Rolle«, gibt er zurück.
+++
Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen!
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!
„Khemji – Eine indische Tragödie“ ist im deutschsprachigen Original in Waseem Hussains Buch Habitus 2025 erschienen.