Der Märtyrer

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Der Märtyrer

Eine Kurzgeschichte aus Kalkutta, Indien
Foto Kunal Basu
Bildunterschrift
Kunal Basu

Im Globalen Norden ist Sommer, im Globalen Süden Winter. Grund genug für Literatur.Review, im August Sommer und Winter zusammenzubringen und bisher unübersetzte oder unveröffentlichte Geschichten aus dem Norden und Süden unserer Welt zu veröffentlichen.

Kunal Basu ist Autor von zwölf Romanen und drei Erzählbänden. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt; seine Erzählung The Japanese Wife wurde von Aparna Sen als preisgekrönter Spielfilm adaptiert. Basu hat auf internationalen Literaturfestivals weltweit aus seinen Werken gelesen und war als Literaturstipendiat in den Vereinigten Staaten und Australien tätig. Der in Indien geborene Autor lebt heute in Oxford, wo er an der University of Oxford lehrt. Derzeit arbeitet er an einer miteinander verknüpften Sammlung von Erzählungen, die im heutigen Kalkutta spielen.

Amar Dey war seit Langem tot und beinahe ein halbes Jahrhundert lang vergessen, als ihn das hässliche Dröhnen eines Bulldozers wieder zum Leben erweckte. Der Gedenkstein des Märtyrers, in den sein Name sowie sein Geburts- und Todesjahr eingemeißelt waren, war über die Jahre wenig würdevoll gealtert und glich inzwischen einer jener rätselhaften Tafeln aus dem alten Industal. Gerade noch ließ sich entziffern, dass er 1952 geboren und mit zwanzig Jahren gestorben war, kaum dass er die Schwelle zum Erwachsenenalter überschritten hatte. Der Stein stand auf dem kläglichen Überrest eines Bürgersteigs vor der ebenso verfallenen Mauer einer einst prächtigen Villa, die inzwischen zur Ruine geworden war. Man hätte ihn leicht für einen jener Meilensteine halten können, die von den städtischen Vermessungsingenieuren längst aufgegeben worden waren.

Sanatan, der Besitzer des Teeladens und der Erste, der den Bulldozer hörte, hielt das Geräusch zunächst für die Fortsetzung eines Albtraums, in dem Außerirdische aus einem irrsinnig surrenden Raumschiff herabstiegen – einen solchen Film hatte er im Fernsehen zusammen mit seinem frühreifen Enkel gesehen. Während er Wasser für den Tee aufsetzte, waren seine frühen Morgenstunden noch voller Fragmente der vergangenen Nacht, darunter das Kreischen einer Eule, das ihn unweigerlich mit bösen Vorahnungen erfüllte. Als er schließlich die hässliche Maschine als Übeltäter ausgemacht hatte, rief er dem Mann in der Fahrerkabine zu und bedeutete ihm, mit dem Lärm aufzuhören, während die Schaufel des Bulldozers in Sichtweite des Märtyrersteins die Mauer der Villa verschlang. Von seinem Headset taub für Sanatans Rufe, winkte der gottverlassene Kerl ihm lächelnd zurück – und zog damit die übelsten Flüche auf sich.

Haripada Bhaduri, einer von Sanatans ersten Kunden an diesem Morgen, bestätigte das Gerücht, das bereits im Viertel die Runde machte. Die Eigentümer der Villa, die sich ein Jahrzehnt lang vor Gericht bekriegt hatten, hatten sich auf Drängen eines heiligen Mannes schließlich darauf geeinigt, das Kriegsbeil zu begraben, und die prächtige Ruine ihres Stammhauses an einen Bauträger verkauft – und damit den Bulldozer auf den Plan gerufen.

„Es ist Mars“, verkündete Haripada nach seinem ersten Schluck Tee am Morgen. Seit seiner Pensionierung als Sachbearbeiter im staatlichen Lebensmittelamt hatte er sich mit Entschiedenheit der Astrologie zugewandt. „Er ist dafür bekannt, nach einer Phase der Ungewissheit die Dinge in Bewegung zu bringen.“

Der Versicherungsvertreter Nabin Malakar, der sich unbemerkt zu ihnen gesellt hatte, rümpfte die Nase und beklagte den unzureichenden Versicherungsschutz gegen das Risiko eines Einsturzes, der benachbarte Gebäude und unterirdische Stromleitungen beschädigen könnte.

„Stellt euch ein Gebäude, das abgerissen wird, wie eine Bombe vor“, erklärte er den anderen Gästen. „Wenn sie explodiert, tötet sie nicht nur das, was direkt unter ihr liegt, sondern schickt auch Schockwellen in die Umgebung. In einem Augenblick sitzt du noch in der Badewanne, im nächsten fliegst du wie eine Rakete durch die Luft.“

Während im Teeladen der morgendliche Betrieb weiterging, rückte der Bulldozer dem Märtyrerstein gefährlich nahe. Schließlich brüllte Sanatan aus voller Kehle, um die vom Headset erzwungene Stille zu durchbrechen, und brachte den Fahrer zum Anhalten. Der Mann stieg aus seiner Kabine, schlenderte herüber, grinste entschuldigend – und bestellte erst einmal einen Tee.

„Weißt du, was du gerade tun wolltest?“, fragte Sanatan den Bulldozerfahrer und gab auf dessen verständnislosen Blick hin selbst die Antwort: „Du wolltest gerade Amar Dey begraben.“

Die Stille im Teeladen verlangte nach einer Erklärung. Während Sanatan versuchte, die verblasste Erinnerung an jene Nacht wieder hervorzuholen, in der sein Albtraum Wirklichkeit geworden war, kochte das Wasser im Topf über, die Teeblätter warteten geduldig im Kessel und Fliegen kreisten um die Milch in der Pfanne.

„Das war Anfang der Siebziger. Ich war gerade sieben oder acht Jahre alt. Es war das Jahrzehnt der Revolution: Studenten boykottierten den Unterricht, Schulen und Bibliotheken wurden geschlossen, Prüfungen kurzfristig abgesagt. Bei Sonnenuntergang gingen alle nach Hause, und mit der Nacht kamen die jungen Männer mit ihren Bomben und die Armee mit ihren Gewehren. Die Maoisten hatten die Stadt in ein Kampfgebiet verwandelt.“

Sanatan war ein schlechter Schüler, aber ein hervorragender Fußballer. Abends durfte er das Haus nicht verlassen, doch an jenem Tag hatte er alles riskiert und sich heimlich davongeschlichen, um sich von einem Freund ein Paar Fußballschuhe für das Training am nächsten Morgen auszuleihen.

„Als ich aus unserer Gasse kam, zählte ich beinahe meine Schritte bis zur Kreuzung, die wegen der Ausgangssperre stockdunkel war. Ich hörte Stimmen in der Nacht flüstern und eine Polizeisirene näher kommen. Jemand rannte an mir vorbei und streifte fast meine Schulter. Dann explodierte auf dem Basar, nicht weit von mir entfernt, eine Bombe.“

„Wer hat die Bombe geworfen?“, fragte Nabin, die leere Tasse noch in der Hand.

Sanatan schüttelte den Kopf. Er wusste es nicht. „Ich hörte Schritte, dann einen Schuss. Ich geriet in Panik und rannte nach Hause, ohne mich noch einmal umzudrehen.“

Er verbrachte eine schlaflose Nacht und zitterte noch immer von dem Erlebnis. Am nächsten Morgen strömten die Bewohner des Viertels auf den Basar und bildeten einen Kreis um die Leiche von Amar Dey, den die Polizei auf der Flucht in den Rücken geschossen hatte.

„Er sah aus, als wäre er noch am Leben. Seine Augen waren weit geöffnet, sein Kopf lag in einer Lache aus Blut.“ Sanatan seufzte am Ende seiner Erinnerung. „Manche behaupteten, er sei ein bekannter Maoist gewesen. Andere sagten, er sei nur ein unschuldiger Passant gewesen, ein Opfer unglücklicher Umstände. Aber in einem waren sich alle einig: Er war ein Märtyrer.“

*

Wer den Stein zum Gedenken an Amar errichtet hatte, wusste niemand mehr. Im Laufe der Zeit war er jedoch ebenso zu einem festen Bestandteil der Landschaft geworden wie der Basar, und am Jahrestag seines Märtyrertodes schmückte ihn gelegentlich ein Kranz. Mit den Jahren und schließlich den Jahrzehnten verblasste der Glanz der Tragödie; nur noch eine Handvoll Bewohner war übrig, die von den Ereignissen jener schicksalhaften Nacht erzählen konnten. Wie die längst verschwundenen Maoisten war auch Amar Dey in den schattigen Falten des kollektiven Gedächtnisses versunken und hatte ein etwas sinnlos gewordenes Relikt hinterlassen, das kaum noch einem anderen Zweck diente, als den vierbeinigen Wächtern des Viertels einen praktischen Orientierungspunkt zu bieten.

Wie ein Funke, der einen Flächenbrand entfacht, verbreitete sich die Nachricht vom drohenden Abriss des Märtyrersteins durch die Gäste des Teestands rasch im Viertel und darüber hinaus. Haripada Bhaduri erwies sich dabei als wichtigster Katalysator. In seinen Augen fiel die Ankunft des Bulldozers mit dem Aufstieg des Kriegerplaneten zusammen, und bei der Deutung der Geburtshoroskope seiner Kunden legte er großen Wert darauf, eine klare Parallele zwischen der Durchsetzungskraft und Impulsivität eines Menschen und der dieser monströsen Maschine zu ziehen. Der Versicherungsvertreter wollte dem nicht nachstehen und hatte bemerkenswerten Erfolg damit, Lebensversicherungen als dem Märtyrerstein offensichtlich überlegen anzupreisen, wenn es darum ging, im Falle eines natürlichen oder unfallbedingten Todes das eigene Vermächtnis zu bewahren.

Es dauerte nicht lange, bis die Nachricht von Tür zu Tür und durch die Gassen wanderte, über belebte Kreuzungen sprang und sich sogar ihren Weg durch die Abwasserkanäle bahnte. Bald verdrängte der vergessene Stein dringendere Angelegenheiten und eroberte mit seiner neu gewonnenen Bedeutung die Herzen und Köpfe der Menschen.

Der Dichter Bidyut Biswas war der Erste, der den wahren Wert des Märtyrersteins in Worte fasste – und damit allgemeine Zustimmung fand. Für das Gedächtnis sei er so unverzichtbar wie die Zelle für das Leben, schrieb er im ersten einer ganzen Reihe von Gedichten, die dem Stein gewidmet waren; sein Fehlen verglich er mit einer Seele, aus der alles Leben gewichen war. Mit einem Mal überschwemmte eine Flut von Gedichten, Essays und improvisierten Straßentheaterstücken das Viertel, und jedes einzelne schien entschlossen, die anderen in der Verehrung des einst vergessenen Denkmals zu übertreffen.

Um den Kultur-Wallas nicht das Feld zu überlassen, stürzten sich nun auch die Politiker ins Getümmel. Keiner tat dies lautstärker als Bapi Dhar, ehemaliger Fußballer und Trainer des örtlichen Vereins, der für seine Fähigkeit bekannt war, die Massen aufzuheizen.

„Der Bulldozer ist nicht der wahre Schuldige“, dröhnte der zum Politiker gewordene Fußballer durch ein Megafon. Schuld sei der Bauträger, der eine historische Villa niederreißen lasse, um mehrstöckige Taubenschläge zu errichten und sie zu überhöhten Preisen an Neureiche zu verkaufen. Die Wohlhabenden seien in ihr altehrwürdiges Viertel eingefallen, hätten begehrte Grundstücke aufgekauft und wertvolle Erinnerungen ausgelöscht. „Der Kapitalismus ist der wahre Schuldige“, lautete das unüberhörbare Urteil des Politikers.

„War es nicht seine Partei, die bei der gewaltsamen Auslöschung der Maoisten mitgemacht hat?“, flüsterte jemand in der Menge.

„Und war Kamalesh Kundu, ebenjener Bauträger, bei der letzten Wahl nicht sein größter Geldgeber?“, warf ein anderer ein.

Wie immer teilte sich sein Publikum ganz von selbst in zwei Lager: Die Lautstarken stellten sich hinter Bapi Dhar, während die anderen zur Verteidigung der Kapitalisten schwiegen. Der Teestand, der die Hauptlast dieser Spaltung zu tragen hatte, verzeichnete einen exponentiellen Umsatzanstieg, denn ein oder zwei Tassen Tee im Laufe eines Abends reichten bei Weitem nicht aus, um die Angelegenheit abschließend zu klären.

Neben den Stammgästen strömten nun auch Besucher zu dem umkämpften Ort, um einen Blick auf den Märtyrerstein und den Bulldozer zu werfen, der nach seinem anfänglichen Tatendrang untätig herumstand. Wie ein stummer Zuschauer verharrte er dort, die Schaufel eingezogen wie ein Tier, das man in die Knie gezwungen hatte, während die leere Fahrerkabine wehmütig auf die halb abgerissene Mauer blickte. Vom Fahrer fehlte jede Spur. Auf Nachfrage hieß es, er habe die Stadt verlassen und sei in seine Heimat Bihar gefahren, um nach einer ganzen Reihe von Töchtern die Geburt seiner Zwillingssöhne mitzuerleben.

*

Ausnahmsweise blieb Sanatan von seinen Albträumen verschont; seine Gedanken waren erfüllt von den ernsten Angelegenheiten, die Tag für Tag im Teeladen verhandelt wurden. Im Streit um den Märtyrerstein schlug er sich auf keine Seite. Seine Gedanken galten vor allem Amar und dessen tragischem Tod. Die Familie des jungen Mannes hatte nach dem Vorfall das Viertel verlassen, und er erinnerte sich noch an den Lastwagen, der mit ihrem Hab und Gut aus der engen Gasse am Basar gefahren war. Vielleicht hatten seine armen Eltern und Geschwister jene schicksalhafte Nacht vergessen wollen und keine Erinnerung gebraucht, wie der Stein sie ihnen bot. Es war schwer, mit der Erinnerung an Blut weiterzuleben, murmelte er vor sich hin und versuchte, seine eigenen Erinnerungen zurückzudrängen, während er die erste Kanne Tee des Morgens aufbrühte. Dabei behielt er den Stein im Auge, der nach dem Bulldozer nun eine zweite Ankunft erlebt hatte.

Dashu, der Landstreicher, der den Verstand verloren hatte, nachdem seine gesamte Familie beim Einsturz ihres Hauses aufgrund von Baumängeln ums Leben gekommen und er als Einziger davongekommen war, war nach langer Abwesenheit wieder im Viertel aufgetaucht. Nun saß er auf dem Märtyrerstein, den er als sein persönliches Eigentum betrachtete. Hässliche Pilzflecken überzogen seinen nackten Oberkörper, eine Folge von Unterernährung und mangelnder Hygiene. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet und barfuß erregte er das Mitleid der Passanten, die ihm Essensreste und Kleingeld zuwarfen, aus Angst vor seinen Wutanfällen jedoch gebührenden Abstand hielten. Meist saß er schweigend da, die Augen geschlossen, in Gedanken versunken, bis plötzlich schallendes Gelächter über irgendeine nur für ihn sichtbare Komödie aus ihm herausbrach.

Sanatan empfand Mitleid mit Dashu, als er sah, wie sehnsüchtig dieser auf die kochende Teekanne starrte. Genau wie der Märtyrerstein war auch er zu einem lebenden Wahrzeichen des Viertels geworden, zu einem Träger tragischer Erinnerungen, dem die Jahre übel mitgespielt hatten.

„Weißt du, was das ist und wem es gewidmet ist?“, fragte Sanatan und zeigte auf den Märtyrerstein, während er Dashu Tee und Kekse brachte. Dashu grinste breit und nickte.

„Vorsitzender Mao Zedong.“

Sanatan brach in schallendes Gelächter aus. „Nein, Dashu. Vorsitzender Mao hat in China gelebt und ist dort gestorben, nicht hier in Kalkutta.“ Er zeigte auf die Inschrift des Steins – 1952–1972 –, um seine Behauptung zu untermauern. „Mao Zedong wurde weit über achtzig. Er ist nicht mit zwanzig gestorben.“

Dashu schüttelte heftig den Kopf, sodass der Tee aus seiner Tasse schwappte, und wiederholte immer wieder: „Mao, Mao, Mao, Mao …“

Der Dichter Bidyut Biswas, seit jeher von Schlaflosigkeit geplagt, war schon früh erschienen und hatte den Wortwechsel zwischen Sanatan und Dashu mitverfolgt. Nun bemerkte er ironisch: „Er hat recht. Der Traum des Vorsitzenden Mao Zedong starb genau hier, an der Stelle, an der Amar getötet wurde. Seine Bauernrevolution wird für immer eine Fata Morgana bleiben, und jeder Märtyrer legt Zeugnis von einer gescheiterten Revolution ab.“ Dashus Antwort sei symbolisch und nicht wörtlich zu verstehen, erklärte er dem verdutzten Sanatan und versank anschließend in Schweigen, während er die erste seiner Oden an den umherirrenden Wahnsinnigen verfasste.

Nabin Malakar überbrachte die beunruhigende Nachricht, dass der Bulldozer seine Arbeit wieder aufnehmen werde: Der Fahrer war zurückgekehrt, nachdem seine Frau erfolgreich Zwillinge zur Welt gebracht hatte. „Der Bauträger will die Sache möglichst schnell hinter sich bringen, bevor der ganze Wirbel um den Stein in Hysterie umschlägt. Es heißt, er stehe kurz vor einer Einigung mit unserem Politikerfreund.“

„Was für eine Einigung?“, fragte Sanatan. Wie um alles in der Welt sollte man sich mit einem Toten einigen?, fragte er sich.

„Der gerissene Kamalesh Kundu könnte dem örtlichen Fußballverein einen symbolischen Betrag anbieten, damit er sein jährliches Sechserturnier nach Amar benennt. Man könnte es den ›Amar Dey Memorial Shield‹ nennen oder so ähnlich. Im Gegenzug würde Bapi dafür sorgen, dass der Stein ohne Schwierigkeiten entfernt werden kann.“

„Das wäre eine Beleidigung für Amars Andenken“, wandte Bidyut Biswas ein. „Damit würde man das Ganze zu einer Abstraktion machen. Die Spieler und Zuschauer hätten keine Ahnung, was dieser Name mit dem Ort der Tragödie zu tun hat. Blut lässt sich nicht durch ein Stück Silber ersetzen“, schloss Bidyut – und bestellte noch einen Tee.

Noch beunruhigender war jedoch die Nachricht, dass die Starjournalistin Jyoti Sinha am Ort des Geschehens eingetroffen war. Sie war in aller Munde. Mit ihrer Enthüllung über einen prominenten Schauspieler, der seine Frau ermordet hatte, hatte sie sich einen wohlverdienten Ruf als furchtlose Journalistin erworben – nicht zuletzt, weil der Schauspieler als Freund einflussreicher Politiker galt. Sie besaß ein besonderes Talent dafür, Beweisen bis auf den Grund zu gehen, und eine Skrupellosigkeit, die ihr den Spitznamen „Bluthund“ eingebracht hatte.

„Warum sollte sich jemand wie sie für einen Jahrzehnte zurückliegenden Fall interessieren – und dann auch noch für einen Bulldozer?“, fragte ein ahnungsloser Gast im Teeladen.

„Weil ihr Chefredakteur sie wegen falscher Tatsachenbehauptungen gefeuert hat und sie nun versucht, sich als Reporterin an der Basis neu zu erfinden“, antwortete Nabin, der dank seiner Karriere als Versicherungsvertreter bei öffentlichen Katastrophen das eine oder andere über die Arbeitsweise der Nachrichtenmedien wusste.

„Hier dürfte sie reichlich Stoff finden“, bemerkte Bidyut sarkastisch. „Ein toter Revolutionär, ein gieriger Kapitalist, ein korrupter Politiker und ein Verrückter ergeben eine schmackhafte Mischung. Mal sehen, was sie noch in den Topf wirft.“

*

Getreu ihrem journalistischen Credo besuchte Jyoti Sinha Aruna Dasgupta, eine über siebzigjährige Witwe, die sich gerade von einer Krebserkrankung erholte und zu den wenigen Menschen gehörte, die Amar noch zu Lebzeiten gekannt hatten.

„Erzählen Sie mir von dem Jungen“, bat Jyoti, nachdem sie gewartet hatte, bis Aruna ein paar Züge genommen hatte, um ihre Lunge zu beruhigen. „War er tatsächlich der maoistische Drahtzieher, für den manche ihn halten?“

„Er war der beste Freund meines Sohnes Hiran“, sagte Aruna stockend. „Sie sind zusammen aufgewachsen, haben Fußball gespielt und vor Prüfungen gemeinsam gelernt. Beide waren gute Schüler. Mein Hiran war ein Idealist, der von einer gerechten Gesellschaft träumte, während Amar nur eines wollte: nach Amerika.“ Aruna seufzte. „Hiran gab Amar Bücher und drängte ihn, sie zu lesen. Marx, Lenin, Mao.“

„Könnte er in jener Nacht die Bombe auf dem Basar geworfen haben?“, kam Jyoti unvermittelt zur Sache und beendete damit den Ausflug in die gemeinsame Jugend der beiden.

Aruna Dasgupta runzelte die Stirn. „Amar war der Schüchterne. Er drängte sich nie in den Vordergrund, ganz im Gegensatz zu meinem Sohn. Er war weder besonders entschlossen noch impulsiv. Meist hielt er sich im Hintergrund.“

Vor dem Fenster von Arunas einstöckigem Haus hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Jyoti senkte die Stimme, bevor sie ihre nächste Frage stellte: „War Hiran in jener Nacht mit Amar unterwegs – in der Nacht, in der er getötet wurde?“

Aruna schwieg.

„Waren die beiden auf einer Mission? War es Hirans Idee, die Ausgangssperre zu brechen?“

Arunas Blick wurde leer. Jyoti senkte die Stimme noch weiter. „War es Hiran, der die Bombe geworfen hat? Sind sie danach beide geflohen, und Amar hat die Kugel in den Rücken bekommen?“

Während widersprüchliche Gerüchte über Amars Tod die Runde machten, beschloss Jyoti Sinha, ihre Nachforschungen an einer Adresse ein Dutzend Meilen entfernt fortzusetzen. Dort lebte eine gewisse Sreela Gupta, die pensionierte Leiterin einer Mädchenschule für Kinder aus einkommensschwachen Familien.

„Warum sollte sie ausgerechnet diese ehemalige Schulleiterin befragen?“, fragte Nabin Malakar die anderen Teetrinker. Sanatan schwieg. Vor seinem inneren Auge tauchte eine Szene mit dem jungen Amar und einem etwas jüngeren Mädchen auf. Er hatte die beiden eines Nachmittags auf dem Weg zum Fußballplatz gesehen. Sie wirkten schüchtern, hielten aber Händchen. Sanatan hatte beobachtet, wie Amar ihr etwas, das wie ein Brief aussah, in die Seitentasche steckte.

„Weil Frau Gupta mit unserem Amar auf eine ganz besondere Weise verbunden sein könnte“, antwortete Haripada Bhaduri, der anhand der städtischen Geburtsregister Amars Horoskop erstellt hatte, mit wissendem Lächeln.

„Auf welche Weise?“

„Sein siebtes Haus stand unter dem Einfluss von Ketu. Das bedeutet, dass Amar durchaus eine unerfüllte Liebesbeziehung gehabt haben könnte. Eine wahre Liebe, die durch seinen Tod vereitelt wurde – der natürlich dem Fluch seines achten Hauses geschuldet war. Wer also war das unglückliche Mädchen? Vielleicht ist es Jyoti Sinha nach all den Jahren gelungen, sie aufzuspüren.“

Was auch immer sich hinter ihren Nachforschungen verbarg, die ersten Berichte des „Bluthunds“ machten die Sache nur noch undurchsichtiger und warfen neue Fragen nach Amars wahrer Identität auf. War er tatsächlich der berüchtigte maoistische Revolutionär, zu dem man ihn gemacht hatte? Oder lediglich ein unschuldiges Opfer, das für die Torheit seines Freundes bezahlen musste? War es nicht eine bittere Ironie, schrieb Jyoti in ihrer Kolumne, dass der wahre Maoist inzwischen ein komfortables Leben in Amerika führte, während Amar – der Unschuldige – tot war? War der Märtyrerstein also ein angemessenes Denkmal für jemanden, der sich für eine edle Sache geopfert hatte, oder lediglich das Mahnmal einer sinnlosen Tötung? Jyoti Sinha stellte ihren Lesern die Frage – und ließ die Antwort offen.

Eine solche Fülle an Widersprüchen war für die Forschung natürlich unwiderstehlich. Schon bald tauchte eine Gruppe von Studenten der nahegelegenen Universität mit einem seitenlangen Fragebogen auf und bedrängte auf dem Basar Käufer wie Verkäufer mit ihren Fragen. Wer mit Multiple-Choice-Fragen nichts anzufangen wusste, wies die Studenten kurzerhand ab; andere benötigten langwierige Erklärungen, bevor sie beantworten konnten, ob sie glaubten, dass Amars Andenken bewahrt werden sollte (Ja oder Nein) und ob dies am besten geschehen könne, indem man A) ein angemessenes Denkmal errichtete, B) eine Website einrichtete oder C) eine jährliche Gedenkveranstaltung organisierte. Die geringe Beteiligung konnte den Forschungseifer der Studenten nicht bremsen. Sie machten unbeirrt weiter und dachten auch dann nicht ans Aufgeben, als einer der unglücklichen Interviewer den Fehler beging, Dashu anzusprechen – und sich dafür eine schallende Ohrfeige einfing.

*

Die Ankunft der künftigen Wohnungseigentümer, deren neues Zuhause an die Stelle der abgerissenen Villa treten sollte, heizte die Stimmung weiter an und bestätigte Haripadas Vorhersage, dass ein aufsteigender Mars Konflikte begünstige. Wer bereits eine stattliche Anzahlung geleistet hatte, drängte auf eine rasche Fertigstellung des Projekts und setzte Kamalesh Kundu unter Druck, den Abriss zügig voranzutreiben. Die künftigen Eigentümer stiegen aus schicken Autos, stolzierten durch die Ruinen, traten gegen lose Ziegelsteine und schwenkten Baupläne – ganz so, wie Hunde gegenüber Rivalen ihr Revier markieren. Die Abenteuerlustigeren unter ihnen versuchten sogar, den Bulldozer zu starten, und ließen ihn bedrohlich aufheulen, um die Straßenkinder zu verscheuchen, die neugierig einen Kreis um sie gebildet hatten.

Wie nicht anders zu erwarten, weckte all diese Aggressivität die schlimmsten Instinkte der sonst so friedfertigen Bewohner des Viertels, und was darauf folgte, lässt sich nur als bedauerlich bezeichnen.

Kaum war der Abend hereingebrochen, hallten Parolen durch die Gassen. Eine kleine Gruppe von Agitatoren zog durch das Viertel, schwenkte hastig bemalte Transparente und verteilte fotokopierte Flugblätter an die Passanten. Ihrem Ruf alle Ehre machend, verloren die in die Jahre gekommenen ehemaligen Maoisten keine Zeit und organisierten den Widerstand gegen die gierigen Möchtegern-Eigentümer. Trotz knirschender Knie und strapazierter Stimmbänder verschafften sie sich allein durch die Leidenschaft für ihre Sache Gehör – und inspirierten eine neue Generation von Revolutionären.

Bald wimmelte es im Viertel von Geheimbünden, was zwar die Eltern der Teenager beunruhigte, dem Viertel jedoch etwas vom längst verlorenen Charme jugendlicher Aufsässigkeit zurückgab. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu direkten Aktionen zur Rettung des Märtyrersteins: Ein Stein flog gegen den Bulldozer und zerschmetterte die Scheibe der Fahrerkabine. Fast über Nacht waren die Wände mit hastig hingeschmierten Parolen übersät, fast alle mit Teer geschrieben und deshalb praktisch nicht mehr zu entfernen. Im Chor gesungene Protestlieder verdrängten das Dröhnen der Fernsehserien, und auf dem Basar kursierten Gerüchte über einen bevorstehenden bewaffneten Angriff auf die Villa, die besetzt und in eine Arbeiterkommune verwandelt werden sollte. Es war an der Zeit, dass die Polizei auf den Plan trat.

Die meisten hatten noch nie von Ranabir Nandy gehört, dem leitenden Beamten der örtlichen Polizeiwache. Er war jung und athletisch, galt als ehrgeizig, aber weniger gewalttätig als andere Vertreter seines Berufsstands. Frisch verheiratet, schien er mit seinem Leben zufrieden und zeigte noch keines jener verräterischen Stresssymptome, die Polizisten vorzeitig kahl und dickbäuchig werden ließen.

„Sie müssen einen Kompromiss zwischen den beiden Seiten finden“, sagte Inspektor Nandy zu Bidyut Biswas, der sich, beflügelt von einem neuen Schub kreativer Energie, selbst zum Sprecher der Bürgerkoalition gegen den Abriss ernannt hatte. „Wie zwei Mannschaften, die sich auf ein Unentschieden einigen, weil keine von beiden einen eindeutigen Sieg erringen kann.“

„Wie soll es einen Mittelweg geben, wenn für beide Seiten nur die Extreme akzeptabel sind?“, konterte Bidyut mit einer für einen Dichter bemerkenswerten Klarheit. Nach dem Willen der Aktivisten sollte der Stein an Ort und Stelle bleiben und damit das Bauprojekt verhindern; damit dieses verwirklicht werden konnte, musste der Stein jedoch weichen.

Der Inspektor spannte die Arme an – seine Art, die Muskeln spielen zu lassen – und hielt dagegen. „Nehmen wir einmal an, es gelingt Ihnen, die Eigentümer und Kamalesh Kundu in die Flucht zu schlagen. Was dann? Der Stein bleibt, wo er ist, und die Ruine bleibt eine Ruine. Sie wird zur Schlangengrube, zum Unterschlupf für Drogenabhängige und Kriminelle. Ein Schandfleck für die ganze Nachbarschaft.“ Der Inspektor entspannte seine Arme wieder und ließ einen philosophischen Einwand folgen: „Wie die meisten Revolutionen wird auch die eure nur in Stillstand enden.“ Anschließend versetzte er Bidyut mit der kaum verhüllten Drohung in Unruhe, sämtliche „kulturellen Aktivitäten, die die Hauptursache des Chaos seien“, zu verbieten.

Sanatan beruhigte Bidyut mit einer Tasse Tee und schlug eine Lösung vor, auf die ihn sein Enkel gebracht hatte, der in Sachen Videospiele ein wahres Genie war.

„Man kann gewinnen, ohne den Feind zu töten“, zitierte er den Jungen und präsentierte anschließend einen Ausweg aus der Sackgasse. „Manchmal reicht es, den Feind abzulenken, damit er das Schlachtfeld verlässt. Man müsste gar nicht kämpfen. Eine geschickte Ablenkung würde genügen.“

„Was für eine Ablenkung?“, fragte Haripada Bhaduri gespannt. Als Astrologe verstand er einiges von Ablenkungsmanövern, vor allem dann, wenn seine Vorhersagen danebenlagen und seine Kunden unzufrieden wurden.

„Wir verbreiten das Gerücht, dass es in der Villa spukt.“ Von seinem eigenen Einfallsreichtum beflügelt, erläuterte Sanatan seinen Plan: „Wir könnten behaupten, der ganze Ort sei verflucht und werde von den ruhelosen Geistern der Vorfahren der Eigentümer heimgesucht. Wir erfinden Geschichten über übernatürliche Erscheinungen, über nächtliches Heulen, über schemenhafte Gestalten, die in den Ruinen Verstecken spielen.“

Nabin, der sich bislang zurückgehalten hatte, schüttelte den Kopf. „Ein Spukhaus lässt sich nicht versichern. Davon hat keine Seite etwas.“

„Nur eine Konjunktion von Mond und Ketu im zwölften Haus kann Geistererscheinungen hervorrufen“, wandte Haripada wenig begeistert ein. „Die ganze Nachbarschaft müsste dieses seltene Merkmal in ihren Horoskopen aufweisen.“

Als er sich zum Gehen erhob, schlug Bidyut Biswas den letzten Nagel in den gespenstischen Sarg: Es sei unendlich besser, wenn Schlangen durch die Ruinen krochen als Geister.

Die Pattsituation, zu der die mühsame Suche nach einem Mittelweg geführt hatte, nützte niemandem – außer Dashu. Von den meisten unbeachtet, hatte er rings um den Märtyrerstein eine Reihe von Setzlingen gepflanzt, den Schmutz vom Pflaster zu seinen Füßen gekratzt und eine Girlande aus Nelken aufgehängt, die er vom Blumenstand auf dem Basar gestohlen hatte. Zum Abschluss hatte er noch einige Stäbchen duftenden Weihrauchs entzündet.

*

Einen Monat nach Beginn der Pattsituation und genau am 50. Jahrestag von Amars Märtyrertod fanden zwei rivalisierende Kundgebungen statt – die eine für, die andere gegen den Abriss. Trotz der drohenden Konfrontation herrschte im Viertel eine seltsam gelöste Stimmung, zu der auch der strahlende Vollmond am Februarhimmel beitrug. Die Befürworter des Abrisses waren unter der Führung von Kamalesh Kundu eingetroffen und bereiteten sich darauf vor, eine juristische Erklärung zu verlesen, die ihr unveräußerliches Recht auf das Grundstück belegen sollte. Die Männer in Anzügen und die Frauen in teurer Abendgarderobe stachen aus der Menge hervor; ihre verschiedenen Parfümschwaden überlagerten in der Nachtbrise das Geruchsgemisch des Basars. Kamaleshs Deutscher Schäferhund, an kurzer Leine gehalten, wirkte gelangweilt und ließ den Blick hin und her wandern, während er eine Rattenkolonie beobachtete, die eifrig Essensreste von den Gemüseständen sammelte. Während sie geduldig auf die Ankunft der Gegenseite warteten, vertrieben sich die künftigen Eigentümer die Zeit mit dem Drachenkampf der Jungen aus der Nachbarschaft vor dem rasch dunkler werdenden Himmel.

Da ihnen Plakate und Gesänge untersagt worden waren, erschien die Anti-Abriss-Gruppe mit Kerzen in den Händen und umkreiste den Märtyrerstein wie wirbelnde Derwische. Auch sie wartete: Jyoti Sinha sollte die pensionierte Schulleiterin Sreela Gupta mitbringen, damit sie vor die Gegenseite trat und einen letzten Appell an die gierigen Eigentümer richtete, den Stein unangetastet zu lassen.

Als die Menge anwuchs und die Stimmung in gespannte Erwartung umschlug, schloss Sanatan seinen Teeladen und gesellte sich zu den anderen, die Hand seines Enkels fest in seiner. Murrend folgte Nabin Malakar seinem Beispiel, unzufrieden darüber, in eine Unternehmung verwickelt zu sein, die keinerlei greifbaren versicherungstechnischen Nutzen versprach. Von den Stammgästen des Teeladens fehlte nur Haripada Bhaduri. Da er wegen des vom unheilvollen Saturn und dem unerbittlichen Mars bedrängten Vollmonds allgemeine Unruhen vorausgesagt hatte, war er dem Krisenherd vorsorglich ferngeblieben.

Als Sreela Gupta schließlich eintraf, begleitet von ihrem Sohn mittleren Alters und ihrer Schwiegertochter, führte Bidyut sie zum Stein. Die Menge verstummte. Viele erwarteten, sie werde zusammenbrechen und weinen, vielleicht in Erinnerung an ihre letzte Begegnung mit Amar. Andere rechneten damit, dass sie sich trotzig vor die Menge stellen und sie mit einer flammenden Rede aufrütteln würde. Doch unerklärlicherweise stand sie wie eine Statue vor dem Märtyrerstein, mit leerem Blick und reglos, und weigerte sich, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Jyoti Sinha stieß sie sanft an, ebenso Bidyut, der ihr etwas ins Ohr flüsterte, doch sie hätte ebenso gut eine lebende Tote sein können: Auf alle Aufforderungen antwortete sie nur mit Schweigen.

Da sprang Dashu, der sich in der Menge verborgen gehalten hatte, auf die Mauer hinter dem Märtyrerstein, reckte die Fäuste zum Himmel und schrie: „Es lebe der Vorsitzende Mao!“ Dann brüllte er weiter, als wolle er sich die Lunge aus dem Leib schreien. Kamalesh Kundus Deutscher Schäferhund antwortete mit einem Knurren, sprang auf Dashu zu und riss dabei beinahe die Leine entzwei – und mitten im allgemeinen Durcheinander brach die Hölle los. Alle redeten und schrien gleichzeitig: Ein Eigentümer im Anzug mit extravaganten Hosenträgern verlas die juristische Erklärung, doch seine Stimme ging im Geschrei der Maoisten unter, die Parolen gegen die schmutzigen Kapitalisten skandierten; Bidyut trug sein neuestes Sonett durch ein Megafon vor; Aruna Dasgupta ließ ihren aufgestauten Kummer in lautem Schluchzen heraus; besorgte Eltern schimpften mit ihren Kindern und befahlen ihnen, sofort nach Hause zu gehen, während diese spontan kleine Szenen zu Ehren des Märtyrers aufführten.

Mitten in diesem Tumult riss eine Freileitung und stürzte das Viertel in Dunkelheit. Das steigerte die Unruhe noch, vor allem unter denen, die fürchteten, in einer Massenpanik niedergetrampelt zu werden. Die Kerzenträger rannten wild durcheinander, ihre Flammen tanzten wie Glühwürmchen in der Dunkelheit. Jemand schrie nach einem Krankenwagen – und genau in diesem Augenblick fiel aus dem Nichts ein Schuss. Die Kugel zischte durch die Menge, streifte Sreela Guptas Handfläche und bohrte sich schließlich mitten ins Herz des Märtyrersteins.

*

In der Zeit danach, geprägt von Beileidsbekundungen und gegenseitigen Schuldzuweisungen in Hülle und Fülle, zeichnete sich fast wie durch ein Wunder ein Mittelweg ab – und wie so oft entsprang er dem Kopf eines Kapitalisten. Sobald der Märtyrerstein entfernt sei, schlug Kamalesh Kundu vor, werde er die neu errichtete Wohnanlage nach Amar benennen: Amar, „der Unsterbliche“, was tatsächlich der wörtlichen Bedeutung seines Namens entsprach. Auf einer Gedenktafel verewigt und in die Wand des neuen Gebäudes eingelassen, würde sein Name der Schmach des Bürgersteigs und der allgemeinen Vernachlässigung entgehen und – was entscheidend war – für immer außerhalb der Reichweite von Bulldozern bleiben. Es schien der beste Weg, Amar Dey ein friedliches Dasein zwischen den beiden Lagern zu ermöglichen, beschützt gleichermaßen von Kapitalisten und Revolutionären.

Nach langwierigen Debatten erklärten die ehemaligen Maoisten die Lösung für akzeptabel, ebenso die übrige Nachbarschaft einschließlich der Stammgäste des Teeladens. Mit dem Segen des Politikers Bapi Dhar und von Inspektor Nandy wurden die Abrissarbeiten einige Wochen später wieder aufgenommen – nur um der Geschichte eine letzte Wendung zu geben.

Nachdem er noch zweimal nach Hause gefahren war, um seine Neugeborenen zu sehen, machte sich der Bulldozerfahrer nur allzu gern wieder an die Arbeit. Doch als sich die gewaltige Maschine dem Märtyrerstein näherte, musste er anhalten. Dashu lag zusammengerollt daneben und hielt den Stein in den Armen wie ein Kind seine Mutter. Schon bald erkannte der Fahrer, dass Dashu tot war – die Augen geschlossen, als läge er in tiefem Schlaf und träumte, die Lippen zu einem Lächeln verzogen. Die Nachbarn versammelten sich um den erschütternden Anblick und schüttelten angesichts dieser unerwarteten Tragödie die Köpfe.

Es dauerte nicht lange, bis neben Amars Gedenkstein ein zweiter errichtet wurde – zum Gedenken an den Märtyrer Dashu.


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