Ausländer
Es ist Sommer in der südlichen Hemisphäre und Winter in der nördlichen, und im Monat Februar bringt Literatur.Review sie zusammen und veröffentlicht bisher unübersetzte oder noch nicht publizierte Geschichten aus dem Norden und Süden unseres Erdballs.
Al Joseph Lumen ist ein philippinischer Essayist, der jetzt in Deutschland lebt. Seine Schriften sind in zahlreichen Anthologien erschienen, darunter in ANI des Cultural Center of the Philippines und in der Zeitschrift Liwayway. Für seinen Essay Ausländer: Mga Danas sa Alemanya gewann er den 2. Platz bei den Carlos Palanca Memorial Awards 2023 und erhielt 2025 den Preis Best Book Non-Fiction bei den Migration Advocacy and Media Awards.
Tu einfach so, als könntest du’s.
Mein erster Tag als Pflegehelfer in Deutschland – und meine Hände waren schweißnass. Keine Erfahrung in der Altenpflege, erst seit Kurzem am Deutschlernen – wer wäre da nicht nervös? Arlene sagte zu mir: „Nur Mut, Babe. Du schaffst das. Wenn du was nicht weißt, frag einfach.“
Leichter gesagt als getan. Der Job war eine große Herausforderung für mich, besonders alles auf Deutsch zu sagen. Wie soll ich denn einen deutschen Kollegen fragen, wenn ich nicht einmal weiß, wie ich die Frage auf Deutsch formulieren soll? Also nickte ich einfach ständig. Ja, so war das.
Kaum im Heim angekommen, suchte ich sofort die Kaffeemaschine. Von den anderen Pflegern hatte ich gehört, dass sie morgens beim Übergabegespräch immer Kaffee trinken. Dort berichten die Kollegen von der Nachtschicht, was während der Nacht passiert ist. Mein Schritt wurde langsamer, je näher ich dem Besprechungsraum kam. Ich hörte ihre Stimmen – und bekam Panik. Als ich den Raum betrat, lächelte ich breit und sagte: „Guten Morgen!“ Alle starrten mich an. Egal, was passiert, ich wollte nicht, dass sie sehen, wie nervös ich war. Kurz darauf begann die Übergabe. Und ich fragte mich ernsthaft: Bin ich hier richtig? Kann ich das überhaupt schaffen? Ich zermarterte mir das Gehirn, um wenigstens den Zusammenhang zu verstehen, aber vergeblich. Als die anderen aufstanden, stand ich auch auf. Jeder ging seiner Arbeit nach: die einen zum Rauchen, einer zum Computer. Niemand sagte mir, was ich tun sollte. Ich hätte am liebsten gesagt: „Hallo? Ich bin auch noch da! Ich bin auch Mensch!“
Also rief ich Arlene an: „Babe, was soll ich machen? Hier erklärt mir keiner was.“ Sie riet mir: „Geh einfach Zimmer für Zimmer durch, mach sauber, wechsel die Windeln, zieh frische Sachen an und bring die Leute zum Frühstück.“
In solchen Momenten merkst du: Am Ende hilft dir nur einer – du selbst. Wenn dir keiner etwas zeigt, kommt irgendwann doch dein verborgenes Potenzial ans Licht.
xyzAl Joseph Lumen | Ausländer: Mga Danas sa Alemanya | Balangay Books | 186 Seiten | 750 PHP
Sag ruhig, ich würde angeben – aber jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke, bin ich ein bisschen stolz. Ich konnte eine bettlägerige, dreimal so schwere alte Dame allein aus dem Bett in den Rollstuhl heben. Nicht schlecht, oder? Aber nein – das war kein Kraftwunder, das war pure Nervosität. Zwei Wochen lang machte ich das so, bis Arlene eines Tages fragte: „Warum trägst du Frau Gertisch allein? Weißt du nicht, dass man für sie eigentlich zu dritt sein muss? Dein Rücken, Aljo – oh je!“ Seitdem bat ich immer um Hilfe.
Früher, im BPO-Callcenter, hatte man uns oft gesagt: Fake it till you make it. Ich wusste nie so recht, was das bedeuten sollte. Soll ich mich als jemand anderes ausgeben? So tun, als wüsste ich etwas, obwohl ich keine Ahnung habe? Genau so habe ich es dann doch gemacht: Wenn ich einem Kunden half, tat ich, als würde ich mich tief ins Problem hineinknien – in Wirklichkeit las ich nur die Schritt-für-Schritt-Anleitung vom Bildschirm ab. Ein bisschen Drama dazu, so als ob ich mich gerade abstrampeln würde – und die Kunden waren zufrieden.
Einmal rief einer an, weil er sein luxuriöses Motorola Razr nicht einschalten konnte.
„Welche Farbe haben Sie, Mr. Brown?“
„Schwarz.“
„Geil, ich habe das Rote. Lassen Sie uns beide das Gerät ausschalten, dann gemeinsam wieder einschalten.
In Wirklichkeit hatte ich nur ein altes Nokia 3210 mit 30 Peso Guthaben – und die Tasten waren schon halb abgenutzt.
Ein anderes Mal wurde ich zu einer Veranstaltung eingeladen. Ich sagte der Organisatorin gleich: „Ich mache kein Spoken Word Poetry, Ma’am. Ich kenne aber jemanden – soll ich Ihnen den Facebook-Account weiterleiten?“
„Sie müssen keine Spoken Poetry machen – reden Sie einfach über Ihre Texte.“
Als ich dort ankam, hieß es plötzlich: „Sie sind als Nächstes dran, Sir – Spoken Poetry.“
Mir war, als hätte mich jemand in eiskaltes Wasser geworfen. Das Thema war Journalismus – und nun stand ich hier und sollte Spoken Poetry vortragen. Der Saal war voll – Uniwoche. Ich suchte mit den Augen die Lehrerin, die mich eingeladen hatte – und hätte ihr am liebsten liebevoll, bestimmt den Kopf abgerissen. Ich hatte doch gesagt, dass ich so etwas nicht mache! Keine Chance mehr zum Entkommen – also improvisierte ich.
Ich schwadronierte, zog ein bisschen Drama auf – und siehe da: Die Leute applaudierten am Ende. Bis heute werde ich rot, wenn ich daran denke. Denn das ist genau das, was ich hasse: dumm aussehen – und trotzdem selbstbewusst wirken – das ist doch aber furchtbar! Aber so ist es wohl: Wenn man schon mitten drin steckt, macht man einfach weiter. Und manchmal applaudieren die Leute sogar.
Aber unter vier Augen, ich glaube, der Lehrer hat mich nur ausgewählt, weil ich keine Talentgebühr verlangt habe, um Geld zu sparen. Danach ging ich voller Scham eine Woche lang nicht aus dem Haus.
(1) Chaka Doll ist ein umgangssprachlicher philippinischer Ausdruck, der sich aus dem Wort „chaka“ ableitet – einem Slangbegriff für etwas Hässliches, Unattraktives oder Peinliches. In der Popkultur der Philippinen bezeichnet „Chaka Doll“ oft eine Person (meist weiblich), die sich übermäßig schminkt oder auffällig kleidet, aber dennoch als geschmacklos oder übertrieben gilt.
Meine tägliche Begleiterin im Heim war Chaka Doll (1) – so nannten die philippinischen Kolleginnen Glenda. Egal, wie sehr ich mich bemühte, ich verstand sie kaum – auch Jahre später nicht. Wir kamen nur klar, wenn sie Handzeichen machte. Einmal wies sie mich an, die Wunde eines Patienten im Zimmer 102 zu reinigen und neu zu verbinden. Das letzte Mal, dass ich einen Verband angelegt hatte, war im Pfadfinderlager in der Grundschule – aber ich nickte einfach. Alles, was sie sagte, quittierte ich mit einem „Ja“. Vielleicht war ich deshalb ihr Lieblingsbefehlsempfänger – ich widersprach nie.
Bis zu dem Tag, als sie mich bat, den Sauerstoff eines Patienten einzuschalten. Da flog meine Tarnung auf. Der Patient wurde ungeduldig: „Was machen Sie da? Warum kriegen Sie meinen Sauerstoff nicht auf? Denken Sie denn gar nicht?“ „Denkst du gar nicht nach? Denkst du gar nicht nach?!” – seine Stimme dröhnte. Das war wie ein Schlag ins Ohr. Ich hatte fast das Gefühl, den Alten aus dem Bett zu schubsen. Es ist so ähnlich wie wir zuhause sagen: ‚Benutz dein Gehirn!‘ Auch wenn ich nicht wollte, funkte ich Chaka Doll über Funk an: ‚Hallo, kannst du mir bitte helfen?‘“
„Womit?“
„Mit… äh… Sauerkraut.“
Sie erklärte mir ewig etwas – zu schnell, zu kompliziert. Dann fragte sie: „Hast du verstanden?“ „Ja“, log ich. Ich probierte es – und der Patient brüllte noch lauter: „DENKST DU GAR NICHT NACH?!”
Wieder funkte ich:
„Hallo, Entschuldigung… ich weiß nicht… Sauerkraut… äh… turn on.“
Ich hörte schon ihre schweren Schritte. Sie drückte mit Nachdruck auf die Knöpfe der Beatmungsmaschine. Sie sah mich an, tadelte mich. Sie und der Patient arbeiteten zusammen gegen mich. Chaka Doll sagte etwas wie Sauerkraut, dann Sauerstoff. Ich verstand es nicht.
Als ich nach Hause kam, sagte Arlene: „die Chaka Doll hat dich getadelt, oder?“ Ihre Frage klang leicht spöttisch. Glenda hatte ihr geschrieben und gesagt, ich solle Deutsch lernen. Und wenn ich etwas nicht wüsste, sollte ich nicht behaupten, dass ich es wüsste, denn ich kann immer sagen, dass ich etwas nicht weiß.
Zu Hause tat ich verärgert, hob die Stimme: „Ich habe keine Ahnung von diesem Sauerkraut, warum gibt es so viele Knöpfe zu drücken!“
Arlene fügte hinzu, dass ich Glenda zum Lachen gebracht habe, weil ich ständig Sauerkraut sagte. Dann zeigte mir Arlene, wie Sauerkraut aussieht.
„Babe, das ist Sauerkraut, und das hier ist der Sauerstoff.“
Sauerkraut ist eingelegter Kohl, und der Sauerstoff ist eine Sauerstoffmaschine. Keine Ahnung hatte ich. Mit der Zeit konnte ich meine Fähigkeiten vor Glenda zeigen. Ich wollte, dass sie bemerkt, dass ich besser Deutsch spreche.
Seitdem übte ich extra fleißig Deutsch – vor allem mit Herrn Bader, einem freundlichen Patienten, der immer lächelte. Mit diesem Mann war leicht zu sprechen.
Ich klopfte an seine Tür: „Guten Morgen, Herr Bader!“
„Guten Morgen!“
„Haben Sie gut geschlafen?“
„Ja.“
„Haben Sie schön geträumt?“
„Ja.“
Jeden Morgen die gleiche Szene – und jedes Mal hatte er in seiner Windel ein Kunstwerk von Kuhfladenformat. Bevor ich ihn sauber machte, fragte ich höflich: „Bist du Stuhl?“ – was ich für „Haben Sie Stuhlgang?“ hielt. Er nickte immer freundlich.
Bis meine Kollegin Rochel hereinkam und lachend fragte: „Was soll das heißen – Bist du Stuhl? Wenn die Chaka Doll das hört, bist du geliefert.“
„Wieso? Ich frage doch nur, ob er schon… na du weißt.“
„Nein, du fragst ihn, ob er Scheiße ist.“
Herr Bader sah uns schweigend an, während wir Tränen lachend neben seinem Bett standen.
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Es ist jemand gegangen
Gestern habe ich zum ersten Mal miterlebt, wie ein Patient gestorben ist. Wie ein Vogel, der sich auf meine Schulter setzte, kamen plötzlich die Erinnerungen an Lolo Mike und Lolo David zurück – Geschichten, die ich schon einmal in einem anderen Buch erzählt hatte.
Meine Kollegin – ebenfalls eine Filipina – erlebte das auch zum ersten Mal. Wir beide hatten keine Ahnung, was wir tun sollten. Schon vorher hatte Arlene mir erzählt, dass man die Angehörigen von Frau Zimmerman gebeten hatte, sie noch einmal zu besuchen. Es wirkte wie ein Abschied. Sie hatte bereits Morphin bekommen.
„Morphin? Das ist doch das ganz starke Zeug… für Krebspatienten“, sagte ich überrascht. Anscheinend war ihr Gesäß angeschwollen und schließlich aufgebrochen – eine Flüssigkeit lief heraus. Arlene meinte, es sei Urin, der sich dort angesammelt hatte, direkt an der Stelle nahe… nun ja, dort unten. Kein Wunder also, dass es im Zimmer so roch, als ich ihr neulich das Mittagessen brachte. Ich riss einfach das Fenster auf.
Ich werde diese alte Dame nicht vergessen. Sie gehörte zu den ersten Patienten, um die ich mich an meinem allerersten Arbeitstag kümmerte. Schon damals konnte sie nicht mehr aufstehen und lag den ganzen Tag im Bett. Eine deutsche Krankenschwester zeigte mir, wie man ihr Frühstück zubereitet – auch wenn ich kein Wort verstand, konnte ich ihre Gesten deuten. Jeden Morgen, sagte sie, solle Frau Zimmerman Brot bekommen, das sie in Kaffee tunken konnte. Und Schokolade. Immer wieder forderte sie es mit ihrer zarten, aber bestimmten Stimme: „Schokolade, Schokolade, eine Schokolade.“ Unter ihrem Schrank lagerten kleine Schätze – Pralinen und Tafeln aller Sorten. Manchmal war ich schon versucht, mir selbst eine zu nehmen.
Arlene erzählte mir, dass Frau Zimmerman früher noch recht mobil war. Sie konnte laufen, sich unterhalten, sogar Pläne schmieden. Einmal hatte sie erzählt, dass sie, wenn wir erst einmal alle hier wären – Arlene, ich, vielleicht sogar Isla –, das Kind kennenlernen und ihm Schokolade schenken wolle. Doch dazu kam es nie. Eines Tages stürzte sie. Man brachte sie ins Krankenhaus, und als sie nach fast einem Monat zurückkam, war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.
„Früher war sie kräftig gebaut, Babe“, sagte Arlene. „Ich war schockiert, wie dünn sie plötzlich war.“ Kein Wunder, dass ich mich am Anfang kaum traute, sie zu bewegen – ein falscher Griff, und man hätte mir vielleicht die Schuld an ihrem Tod gegeben.
Wäre sie eine gewöhnliche alte Dame auf den Philippinen gewesen, wäre sie wohl schon lange gestorben. Dort ist es oft das Geld, das das Leben verlängert – Medikamente sind teuer. Und hier, ironischerweise, sah ich heute, wie wie ihre verbliebenen Medikamente eingepackt worden waren. Teure Marken, teure Präparate. Ich dachte: Verdammt, schickt das doch nach Hause – dort könnten so viele Menschen sie brauchen.
Als ihr Gesäß aufbrach, stand eine Operation im Raum. Doch der Arzt meinte: „Wozu noch? Sie ist zu alt. Sie würde es nicht überleben.“ Sie war wohl schon über achtzig.
Gestern war ich mit Rochel zusammen im Dienst – sie kommt aus Zamboanga, spricht Chavacano. „Aljo, die schafft’s noch bis morgen“, meinte sie. Aber ich spürte, dass etwas anders war. Frau Zimmermans Atem war schwer, als würde etwas in ihrer Kehle stecken – Schleim vielleicht? In Deutschland darf man nicht einfach absaugen; erst muss der Arzt zustimmen. Und der würde wohl sagen: Wozu noch? Also legten wir ihr Kissen höher, damit sie nicht an ihrem eigenen Schleim erstickte.
Rochel beugte sich zu ihr: „Frau Zimmerman, alles gut?“ Keine Antwort. Ich versuchte es mit: „Möchten Sie ein Stück Schokolade?“ Wieder keine Antwort – nur tiefes, rasselndes Atmen. Wir maßen den Blutdruck.
„Hoffentlich stirbt sie nicht bei uns“, murmelte Rochel. „Sonst kriegen wir richtig Ärger..“
Ein paar Minuten später gingen wir wieder zu ihr. Mir fiel sofort auf: Sie war zu still. Wir schauten – ihre Augen waren offen, aber ich sah keinen Atemzug mehr. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Wir rannten hinaus.
„Mann, Aljo, ich hab mich erschrocken!“, rief Rochel.
„Komm, wir müssen zurück – sie ist wahrscheinlich tot.“
Ich lachte nervös, aber mein Herz raste. Wir zogen Handschuhe an und gingen wieder hinein. Kein Puls.
Wir sahen uns an – Auge in Auge.
In diesem Moment fühlte ich etwas, das schwer zu beschreiben ist. Eine seltsame Stille.
Draußen hörte ich die Vögel zwitschern, im Fernsehen plapperte irgendeine Sendung, Stimmen schwirrten im Flur – und trotzdem: eine tiefe, unüberhörbare Stille. So still, dass selbst der Lärm keinen Lärm mehr machte.
Ich flüsterte für mich: „Es ist jemand gegangen.“
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Diese Texte sind Teil des Memoirs Ausländer: Mga Danas sa Alemanya, das 2025 den Preis Best Book Non-Fiction bei den Migration Advocacy and Media Awards erhielt. Ausländer: Mga Danas sa Alemanya ist eine Sammlung persönlicher Essays, die das Leben des Autors als philippinischer Gastarbeiter in Deutschland erzählen. Es ist auch eine persönliche Erinnerung an die Reise einer philippinischen Familie durch die Isolation der Pandemie und die herausfordernde Arbeit, die sie in einem Altenheim erleben. Es behandelt Themen wie die Suche nach Zugehörigkeit, das Überbrücken von Distanz und die unermüdliche Suche nach einem Zuhause fern der Heimat. Übersetzung aus dem Philippinischen von Elmer Castigador Grampon.
Das Philippinische Original kann hier heruntergeladen werden: