im tiefen schlamm

Galante Lügen: die Lyrikkolumne unter der Federführung von Alexandru Bulucz - frei nach Johann Christian Günther, dem Barockdichter auf der Schwelle zur Aufklärung, der Spötter mit den Worten wiedergab, Poeten seien „nur galante Lügner“. Hier wird Dichtung reflektiert und präsentiert werden: in Rezensionen, Essays, Monatsgedichten und gelegentlich auch Bestenlisten.
Edward Estlin oder E. E. Cummings war 32, als er 1926 seinen zweiten Gedichtband is 5 veröffentlichte. Seine Kriegserlebnisse von 1917 als Freiwilliger im Dienst eines Sanitätskorps in Frankreich waren noch frisch zu diesem Zeitpunkt. Er und William Slater Brown wurden mehrere Monate lang in einem Militärgefangenenlager in der Normandie festgehalten. Die beiden amerikanischen Jungschriftsteller, die sich auf dem Schiff nach Frankreich kennengelernt und angefreundet hatten, hielten sich eher unter französischen Soldaten auf und sprachen gegen den Krieg an. Ihre Briefe nach Hause erschienen der Militärzensur verdächtig. Schließlich wurde ihnen vom französischen Militär Spionage vorgeworfen. Dass Cummings zu Weihnachten 1917 in die Vereinigten Staaten zurückkehren durfte, war vor allem seinem Vater zu verdanken, der sich dafür eingesetzt hatte.
Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges steht als Teil von is 5 auch das Gedicht my sweet old etcetera, das mitaufgenommen wurde in die große zweisprachige Cummings-Ausgabe der DDR, so klein wie die welt und so groß wie allein, die 1980 in der berühmten „Weißen Reihe“ von „Volk und Welt“ erschien. Der Herausgeber Klaus-Dieter Sommer zeichnet Cummings in seinem Nachwort als einen antiamerikanischen, antibourgeoisen Dichter. Um seine Herausgabe in Ostdeutschland zu rechtfertigen, verschweigt er Cummings’ andere Dimensionen, die ab den Fünfzigerjahren in Westdeutschland akzentuiert wurden, als es ebenso ideologiebedingt galt, ihn als antikommunistischen Dichter hinzustellen. Dass es zum Teil dieselben Gedichte waren, mit denen er hier wie dort in Übersetzung vorgestellt wurde, unterstreicht nur, wie schwer es ist, Cummings ideologisch dingfest zu machen.
Das Vorwort findet sich im englischen Original auf den Seiten des e.e. cummings free poetry archive.
Erschwerend kommt hinzu, dass er seine Gedichte weniger auf einer inhaltlichen als vielmehr auf einer grammatischen und typographischen Experimentierebene austrägt, wo er mit den Sprachelementen eine Burlesque nach der anderen treibt, bis der Inhalt, auch in seiner ideologischen Mitteilung, hinter der Form der Mitteilung verschwindet. Cummings definiert im Vorwort von is 5 seine „Theorie der Technik“ aus der Sicht eines „burlesken Komikers“, „der überaus vernarrt ist in jene Genauigkeit, die Bewegung erzeugt“, und der nicht von gemachten Dingen besessen ist, sondern vom Machen der Dinge: „Meine ‚Gedichte‘“, schreibt er, „wetteifern mit Rosen und Lokomotiven“, ebenso wie „untereinander und mit Elefanten und mit El Greco“.
Die modernistische Machart des Gedichts my sweet old etcetera ist offensichtlich. Die Anrede deutet auf einen Brief hin, am ehesten an die geliebte Person, die in der Einklammerung der letzten Strophe auch erotisch angesprochen wird; die spärliche, eigenwillige Interpunktion, der mehrmalige Verzicht auf das Leerzeichen, der Kontrast von Groß- und Kleinschreibung und die nicht einheitliche Wiederholung des lateinischen Ausdrucks „et cetera“ – all das addiert sich zu einer vermeintlich missratenen Orthografie, die den poetischen Ausdruck aus der Sphäre bürgerlicher Sprachkonvention entreißt. Was sich als Flüchtigkeitsfehler deuten lässt, suggeriert, der Brief sei in der Eile oder einer Stresssituation geschrieben worden, „im tiefen schlamm“ vielleicht sogar einer Schlachtszene; für eine stilistische Glättung sei keine Zeit mehr gewesen; die Mitteilung habe Vorrang gegenüber der Form der Mitteilung gehabt.
Achtmal wiederholt die Erzählinstanz das „et cetera“, und jedes Mal hat die Wendung eine andere Bedeutung. Zweimal wird sie vom Zeilensprung aufgespalten, und einmal wird sie großgeschrieben und versammelt dadurch besonders viel Bedeutung auf sich. Die im Brief adressierte Person, wie auch der Leser, ergänzt mit jeder Nennung des „et cetera“ die von der Erzählinstanz angestoßene Aufzählung, eine Ergänzung, die sich aus dem erschließt, was dem „et cetera“ vorausgeht. Es auszuführen war für die Erzählinstanz unwichtig oder zu zeitaufwändig.
Neben der adressierten Person tauchen die Tante, die Schwester sowie der Vater und die Mutter der Erzählinstanz auf. Dabei kommt nur die Schwester gut weg, deren Kriegsbeitrag die Herstellung, das Machen im Sinne Cummings’, unzähliger praktischer Kleidungsstücke war. Dass „my sweet old etcetera“ auch ein Widmungsgedicht an die Schwester ist, wird in der dritten Strophe deutlich, dem suspendierten Zweizeiler „for,/ my sister“. Vater, Mutter und Tante dagegen geben nur epochentypische Allgemeinplätze von sich, die der Sohn und Neffe mit der Abkürzung „et cetera“ unterbricht und abstraft: Die Tante weiß um den höheren Sinn des Krieges, die Mutter hofft auf einen heldenhaften Tod des Sohnes, und der Vater redet sich heiser, wenn er darüber sinniert, welche Ehre der Soldat, der er gern gewesen wäre, wenn er gekonnt hätte, sich im Krieg in patriotischer Weise erkämpft.
Und weil die Erzählinstanz träumt und sich dabei an die geliebte Person deliriert, ist es ein Brief, der, wie Kafkas „Brief an den Vater“, als nie abgeschicktes Schriftstück inszeniert wird, eine Inszenierung, die auch der Sprung des Gedichts aus der Vergangenheits- in die Gegenwartsform befeuert: Vater, Mutter und Tante hatten damals, während des Krieges, Allgemeinplätze von sich gegeben, doch der Sohn und Neffe liegt jetzt, im Moment seines Briefschreibens oder -erträumens, „im tiefen schlamm“.
Ist my sweet old etcetera ein Antikriegsgedicht? Nicht unbedingt! Vielmehr bringt es die Kriegsrealität des Soldaten zur Kollision mit dem Sofakommentar, der gratismutigen Idealisierung des Krieges von Menschen in sicherer Entfernung zu ihm.
+++
my sweet old etcetera
aunt lucy during the recent
war could and what
is more did tell you just
what everybody was fighting
for,
my sister
isabel created hundreds
(and
hundreds)of socks not to
mentions shirts fleaproof earwarmers
etcetera wristers etcetera,my
mother hoped that
i would die etcetera
bravely of course my father used
to become hoarse talking about how it was
a privilege and if only he
could meanwhile my
self etcetera lay quietly
in the deep mud et
cetera
(dreaming,
et
cetera,of
Your smile
eyes knees and of your Etcetera)
+++
(In der Übersetzung von Alexandru Bulucz)
meine süße alte etcetera
tante lucy konnte dir im letzten
krieg sagen und was
mehr ist sie tat es auch
sie alle kämpfen genau da-
für,
meine schwester
isabel entwarf hunderte
(aber-
hunderte)von socken ganz
zu schweigen von hemden flohsicheren ohrschützern
etcetera armbändern etcetera,meine
mutter hoffte
dass ich natürlich heldenhaft etcetera
sterben würde mein vater
wurde heiser wenn er darüber sprach wie ist es
eine ehre und wenn er doch nur
könnte während ich
selber etcetera still liege
im tiefen schlamm et
cetera
(träumend,
et
cetera,von
Deinem lächeln
augen knien und von deiner Etcetera)
+++
(In der Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger in e.e cummings, so klein wie die welt und so groß wie allein, Verlag Volk und Welt, Berlin / „Weiße Reihe“)
meine süße alte undsoweiter
tante minna war im letzten welt
krieg imstande allen leuten
haarklein zu erklären und
sie tats auch welchen höhern
sinn das ganze hatte,
meine schwester
isabel schuf an die hundert
(und aber
(hundert)socken ganz
abgesehn von hemden ungezieferfreien ohr
undsoweiter puls-undsoweiter wärmern, meine
mutter hoffte daß ich
sterben würde undsoweiter
natürlich heldenhaft mein vater wurde
immer heiser vor lauter feld
der ehre und
wenn er nur
könnte wie er wollte und unter
dessen lag ich undsoweiter einfach
im tiefen dreck undso
weiter
(von deinem
lächeln träumend,
und
soweiter,
Deinen augen, deinen knien und
deiner Undsoweiter)