Was das Recht nicht vollständig erfassen kann
Awadifo Olga Norah, die früher unter dem Namen Awadifo Olga Kili veröffentlichte, ist eine ugandische Juristin, Rechtswissenschaftlerin, Dichterin und Autorin, die an der Schnittstelle von Recht, Literatur und ethischer Reflexion arbeitet. In ihren Texten beschäftigt sie sich mit Gerechtigkeit, Menschenwürde, historischem Gedächtnis, Frauenrechten, Friedensarbeit nach Konflikten und Versöhnung. Sie ist Autorin von Victorious Tales, Echoes of Wails und Stains on a Cowrie Shell. Ihre Gedichte sind in internationalen Zeitschriften und Anthologien erschienen und wurden ins Spanische, Hebräische, Französische, Italienische und Chinesische übersetzt. Im Jahr 2025 zählte The New Vision sie zu den einflussreichsten Frauen Ugandas. Außerdem kuratiert sie Words of Awadifo Olga Kili, einen literarischen WhatsApp-Kanal, der sich Frieden, Gerechtigkeit, dem Engagement gegen Krieg und der Versöhnung durch Literatur widmet.
Mbizo Chirasha ist Gründer des Writing Ukraine Prize und als Künstler dem UNESCO-RILA-Netzwerk angeschlossen. Er war Stipendiat und hatte Künstlerresidenzen in Deutschland, den USA, Sambia, Ghana, Tansania und Schweden. Er ist Herausgeber und Kurator mehrerer literarischer Plattformen, darunter Time of the Poet Republic und Brave Voices. Er ist Autor von A Letter to the President; seine Werke erscheinen in über 200 Zeitschriften weltweit, darunter The Evergreen Review, Poetry London und FemAsia Magazine.
Mbizo Chirasha: Du hast 2018 mit dem Schreiben begonnen. Wie hat sich dein Weg seitdem entwickelt, und wer ist Awadifo Olga Norah?
Awadifo Olga Norah: Ich begann im zweiten Jahr meines Jurastudiums zu schreiben und veröffentlichte mein erstes Buch im Alter von zwanzig Jahren. Von Anfang an war das Schreiben für mich mehr als nur ein literarisches Unterfangen. Durch mein Jurastudium lernte ich Rechte, Institutionen und juristische Argumentationsweisen kennen, während die Literatur es mir ermöglichte, moralische, historische und emotionale Dimensionen zu erkunden, die sich der juristischen Analyse nicht immer erschließen. Was als private Form der Reflexion begann, wurde nach und nach zu einer lebenslangen Berufung.
Ich bin Awadifo Olga Norah, früher veröffentlichte ich unter dem Namen Awadifo Olga Kili. Ich bin Juristin, Rechtswissenschaftlerin, Dichterin und Autorin und arbeite an der Schnittstelle von Recht, Literatur und Moralphilosophie. In meinen Texten beschäftige ich mich vor allem mit Gerechtigkeit, Menschenwürde, historischem Gedächtnis, Friedensarbeit und Versöhnung, insbesondere in Gesellschaften, die von Konflikten und struktureller Ungleichheit geprägt sind.
Mich interessieren besonders die Fragen, die nach einer gerichtlichen Entscheidung offenbleiben: Wie hängen Erinnerung und Gerechtigkeit zusammen? Wann gewinnt Versöhnung moralische Bedeutung? Und wie kann das Recht auf Formen des Verlusts reagieren, die sich vor Gericht nicht bewältigen lassen?
Meine Gedichte sind in internationalen Zeitschriften und Anthologien erschienen und wurden ins Spanische, Hebräische, Französische, Italienische und Chinesische übersetzt. Zu sehen, wie sie Sprachengrenzen überschreiten, hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass trotz unserer unterschiedlichen Geschichten Erfahrungen wie Trauer, Hoffnung, Liebe und Würde Menschen über kulturelle Grenzen hinweg verbinden können.
Das Schreiben hat mich Geduld, Skepsis und Respekt vor der Komplexität gelehrt. Die Literatur fordert uns auf, uns den Mehrdeutigkeiten menschlicher Erfahrung zu stellen, anstatt sie auf bequeme Antworten zu reduzieren.
Du hast drei Bücher veröffentlicht. Könntest du uns etwas über sie erzählen?
Meine Bücher Victorious Tales, Echoes of Wails und Stains on a Cowrie Shell sind im Selbstverlag erschienen. Das war keine Notlösung, sondern eine bewusste Entscheidung, die es mir ermöglichte, die kreative Kontrolle über ihre Form und ihre inhaltliche Ausrichtung zu behalten.
Ich betrachte die Bücher als Teile einer fortlaufenden Auseinandersetzung. Sie nähern sich Gerechtigkeit, Menschenrechten, historischem Gedächtnis, Friedensarbeit und Versöhnung aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Mein Ziel ist es nicht, Leid zu etwas rein Ästhetischem zu machen, sondern die politischen, rechtlichen und kulturellen Strukturen zu untersuchen, die es ermöglichen – und die vielleicht auch Möglichkeiten bieten, es zu verhindern.
Deine Arbeiten sind auf zahlreichen internationalen Plattformen erschienen. Welche Publikationen waren für dich besonders wichtig?
Meine erste internationale Veröffentlichung erschien 2019 im BRAVE VOICES Journal. Meine Gedichte wurden dort gemeinsam mit denen von Dichter*innen aus verschiedenen Teilen der Welt veröffentlicht – zu einer Zeit, die von Tragödien wie dem Zyklon Idai und dem Absturz einer Maschine der Ethiopian Airlines geprägt war. Die Poesie wurde zu einer Form der Elegie – zu einer Möglichkeit, Worte für die Trauer zu finden, wenn die Alltagssprache nicht mehr auszureichen schien.
Später erschienen meine Texte im Resistance Journal und bei Time of the Poet Republic. Diese Plattformen verstehen Literatur als eine Form der aktiven Auseinandersetzung mit Geschichte und nicht als passive Beobachtung. Meine Arbeit greift häufig auf afrikanische philosophische Konzepte wie Ubuntu und Unhu zurück, die das Menschsein aus unseren Beziehungen zu anderen heraus begreifen. Persönlichkeiten wie Thomas Sankara und Nelson Mandela tauchen ebenfalls in meinen Texten auf, nicht als unantastbare Symbole, sondern als historische Stimmen, die weiterhin Fragen nach Freiheit, Führung und Verantwortung aufwerfen.
Eine weitere wichtige Erfahrung war, dass meine Arbeiten im Little Museum of Poetry in Italien gemeinsam mit denen von sechsundvierzig Schriftstellerinnen unterschiedlicher kultureller Herkunft präsentiert wurden. Das Projekt trat in einen Dialog mit Dante Alighieri und seinen Reflexionen über Sprache, Exil, Moral und Vorstellungskraft.
Meine Texte sind außerdem im Seychelles International Literary Journal, in European Poetry, im Mokasini Magazine, in der World Beyond War Poetry Anthology, bei Womawords Literary Press, im Rahmen des International Human Rights Art Movement, bei World Pulse und Pan Writers Caravan, in The Weganda Review, in Ugandas Daily Monitor und The New Vision, in Kenias The Star sowie in weiteren Publikationen erschienen.
Für mich zählt nicht in erster Linie, wo oder bei wie renommiert einer Publikation ein Text erscheint, sondern ob sie Literatur als eine ernsthafte Form versteht, die Welt wahrzunehmen.
Woran arbeitest du derzeit?
Mein erste größere literarische Arbeit dieses Jahres entstand aus der Trauer über den Tod meiner Mutter, Dorothy Ondoru Atiku. Ich schrieb eine Folge von zehn Gedichten, die später bei European Poetry veröffentlicht wurde. Diese Sammlung bildete eher den Anfang eines größeren Werks als dessen Abschluss.
Seitdem schreibe ich täglich Essays. Ich arbeite an einem langfristigen Projekt über Gewalt, historisches Gedächtnis, Vertreibung, Friedensarbeit und Wiederaufbau nach Konflikten. Es führt unterschiedliche Kontexte wie Darfur, die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik, den Südsudan und Ruanda zusammen und fragt danach, welche politischen, moralischen und gesellschaftlichen Fragen sich nach massiver Gewalt stellen.
Im April habe ich The Scrolls of Silent Hills fertiggestellt, eine Anthologie über den Völkermord an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994 und den schwierigen Versöhnungsprozess, der darauf folgte. Außerdem habe ich Kurzgeschichten über Frauen als Architektinnen des Friedens geschrieben, die bei World Pulse und auf meiner Medium-Seite veröffentlicht wurden.
Mein Ziel ist es, diese Essays schließlich in einem Sammelband über Gewalt, Erinnerung, Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Wiederaufbau zusammenzuführen.
Wie bringst du deine juristische Arbeit, das Schreiben und deine privaten Verpflichtungen unter einen Hut?
Ich betrachte Recht und Literatur nicht als zwei getrennte Welten, die um meine Zeit konkurrieren. Meine juristische Arbeit besteht hauptsächlich aus Recherche und beruht daher ebenfalls auf Lesen, Interpretation, Argumentation und einem sorgfältigen Umgang mit Sprache. In diesem Sinne erfordert sie viele der gleichen Fähigkeiten wie mein literarisches Schreiben. Beide Bereiche befruchten sich gegenseitig.
Die eigentliche Herausforderung sind die begrenzte Zeit und die mentale Beanspruchung. Juristische Recherche kann den größten Teil des Tages in Anspruch nehmen, sodass ich oft früh am Morgen, spät am Abend oder in ruhigeren Momenten literarisch arbeite. Ich habe gelernt, diese Zeitfenster zu nutzen, anstatt auf ideale Bedingungen zu warten.
Meine Familie ist klein, und meine Geschwister sind erwachsen und weitgehend unabhängig. Wir stehen uns weiterhin nahe und lassen einander zugleich den Raum, unseren eigenen Verpflichtungen nachzugehen.
Letztlich sind juristische Recherche, Literatur und Alltag für mich keine miteinander konkurrierenden Identitäten. Sie sind unterschiedliche Ausdrucksformen desselben Wunsches: zu verstehen, wie wir uns Gerechtigkeit vorstellen und wie sich menschliche Erfahrungen in Sprache übersetzen lassen.
Welche Themen stehen im Mittelpunkt deiner Arbeit? Spielen Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechte und Meinungsfreiheit eine Rolle?
Im Mittelpunkt meines Schreibens stehen Wiederaufbau nach Konflikten, Friedensarbeit, das Aussprechen von Wahrheit und Versöhnung, insbesondere in historischen und gesellschaftlichen Kontexten Afrikas. Mich interessiert, was nach der Gewalt geschieht, wenn Gesellschaften vor der langsameren und schwierigeren Aufgabe stehen, Vertrauen wiederaufzubauen, Beziehungen zu kitten und den durch die Gewalt entstandenen Brüchen neuen Sinn abzuringen.
Ich habe über den Völkermord in Ruanda und lokale Gräueltaten wie das Massaker von Ringili geschrieben. Ich betrachte sie nicht als isolierte Ereignisse, sondern als Ausdruck tiefer liegender politischer und historischer Verhältnisse. Gewalt prägt das kollektive Gedächtnis noch lange, nachdem das unmittelbare Ereignis vorüber ist.
Auch Geschlechtergerechtigkeit spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle, insbesondere die Rolle von Frauen in der Friedensarbeit und beim Wiederaufbau. Meine Geschichten für World Pulse untersuchen, wie Frauen in durch Gewalt zerrissenen Gemeinschaften unverzichtbare Netzwerke der Fürsorge und Vermittlung aufrechterhalten und zur Wiederherstellung des sozialen Gefüges beitragen.
Menschenrechte und Meinungsfreiheit erscheinen dabei nicht nur als abstrakte Prinzipien, sondern werden in Fragen nach Verantwortung und Wahrheit konkret: Wer kann sprechen? Wessen Zeugnis wird festgehalten? Unter welchen Bedingungen kann es Gehör finden?
Im Zentrum meines Schreibens steht die Frage, wie Gesellschaften sich nach einem Zusammenbruch neu aufbauen – und wie Erinnerung, Zeugnis und Sprache zu Instrumenten des Überlebens werden können.
Wie wurden dein literarisches Werk und dein Engagement für die Menschenrechte in Uganda aufgenommen?
Nach und nach fand meine Arbeit sowohl in literarischen als auch in zivilgesellschaftlichen Kreisen Anerkennung. Das Schreiben hat mir eine öffentliche Sichtbarkeit verschafft, mit der ich anfangs nicht gerechnet hatte, und Gespräche über Literatur, Ethik und gesellschaftliche Verantwortung ermöglicht.
Während der COVID-19-Lockdowns wurde ich von lokalen Radiosendern eingeladen, um über die Bildungskrise und ihre menschenrechtlichen Auswirkungen zu sprechen. Dabei ging es mir insbesondere um die Gefährdung junger Mädchen, deren Zugang zu Bildung und Schutz in dieser Zeit noch prekärer wurde.
Meine Bücher wurden zudem in ugandischen Zeitungen wie Daily Monitor und The New Vision rezensiert oder besprochen. Das hat dazu beigetragen, meine Arbeit über eine rein literarische Leserschaft hinaus in einen breiteren kulturellen und intellektuellen Diskurs einzubringen.
Die Anerkennung kam langsam, aber stetig. Meine Texte werden zunehmend sowohl als Literatur als auch als eine Form der Reflexion über gesellschaftliche Fragen wahrgenommen.
Wie werden Schriftsteller:innen in Uganda wahrgenommen? Und wie würdest du die Haltung des Landes zu Menschenrechten und Meinungsfreiheit beschreiben?
Das Schreiben genießt in Uganda ein gewisses Ansehen, insbesondere wenn eine Autorin oder ein Autor öffentliche oder mediale Anerkennung erfährt. Eine literarische Karriere dauerhaft aufrechtzuerhalten, ist jedoch schwierig. Viele Schriftsteller:innen beginnen mit großer kreativer Energie, haben aber Mühe, sich eine dauerhafte Leserschaft aufzubauen. Anerkennung stellt sich in der Regel durch jahrelange geduldige und kontinuierliche Arbeit ein und nicht durch plötzliche öffentliche Aufmerksamkeit.
Menschenrechte und Freiheiten sind im verfassungsrechtlichen und institutionellen Rahmen Ugandas formell anerkannt. Dazu gehören Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Zugang zu Bildung und der Schutz durch das Gesetz. Wie diese Rechte in der Praxis erfahren werden, kann jedoch je nach Kontext und Umständen unterschiedlich sein.
Die öffentliche Diskussion über Menschenrechte entwickelt sich durch die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen, Institutionen und Einzelpersonen weiter. Schriftsteller:innen beteiligen sich an diesem Prozess nicht nur als Kulturschaffende, sondern auch als Stimmen in breiteren Debatten über Gesellschaft, Regierungsführung und öffentliches Leben.
Hast du Auszeichnungen oder andere Formen der Anerkennung erhalten?
Ja. Im Jahr 2025 wurde ich in einer öffentlichen Umfrage von The New Vision zu einer der einflussreichsten und angesehensten Frauen Ugandas gewählt. Ich wurde dabei gemeinsam mit Frauen aus Politik, Wissenschaft, Führungspositionen auf nationaler Ebene und dem öffentlichen Dienst genannt. Für mich zeigte dies, dass literarisches und zivilgesellschaftliches Engagement auch eine breitere Öffentlichkeit erreichen kann.
Außerdem erhielt ich von der internationalen Literaturplattform Motivational Strips die Goldmedaille „Ambassador de Literature“.
Zuvor war ich an der Universität als beste Studentin des akademischen Jahres 2018/2019 ausgezeichnet worden. Diese Anerkennung steht für die akademische Disziplin, die später zur Grundlage meiner literarischen und wissenschaftlichen Arbeit wurde.
Zusammengenommen zeichnen diese Ehrungen einen Weg von akademischen Leistungen über literarisches Schaffen bis hin zu öffentlichem Engagement nach.
Uganda hat eine reiche Esskultur. Was sind deine Lieblingsspeisen und -getränke?
Essen bedeutet in Uganda weit mehr als nur Nahrung. Es ist eng mit Gastfreundschaft und dem gesellschaftlichen Alltag verbunden. Jemandem Essen anzubieten, ist oft eine der ersten Gesten, mit denen ein Besucher willkommen geheißen wird.
Dank des fruchtbaren Bodens und des günstigen Klimas bauen viele Familien zu Hause Gemüse, Kräuter und Obst an und halten manchmal auch Geflügel. Die Erzeugung von Lebensmitteln ist daher nach wie vor Teil des häuslichen Lebens und nicht vollständig von Märkten abhängig.
Ich koche sehr gerne und habe es durch praktische Erfahrung gelernt, nicht durch eine professionelle Ausbildung. Ich bereite sowohl ugandische Gerichte als auch einfache, von anderen Küchen inspirierte Mahlzeiten zu. Für mich muss gutes Essen nicht teuer sein. Durch sorgfältige Zubereitung und die richtige Würzung lässt sich auch aus einfachen Zutaten etwas Besonderes machen.
Besonders gerne esse ich Schweinefleisch, Hähnchen, Rindfleisch, Leber und Kartoffeln sowie frisches Obst und biologisch angebaute Lebensmittel. Bei Getränken bevorzuge ich natürliche, leichte und alkoholfreie Varianten.
Letztlich ist auch Essen eine Form der Verbundenheit. Es bringt Menschen zusammen, stärkt Beziehungen und ist Ausdruck einer unaufdringlichen Kultur der Gastfreundschaft im Alltag.
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