Das Ende der Irrfahrt

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Das Ende der Irrfahrt

Hätte Christopher Nolan doch auf James Joyce gehört. Stattdessen verwandelt er Homers fluide, vieldeutige Odyssee in ein starres Monument aus Männlichkeitspathos, Stichwortdramaturgie und akustischer Überwältigung
Christopher Nolan's Odyssee

„Think you’re escaping and run into yourself. Longest way round is the shortest way home.“
— James Joyce, Ulysses

Christopher Nolan | Die Odyssee | 172 Minuten | Universal | UK/USA

James Joyce wusste bereits vor mehr als hundert Jahren, dass man mit einem der Gründungstexte europäischer Literatur nur dann wirklich etwas Neues schaffen kann, wenn man ihn nicht ehrfürchtig konserviert, sondern radikal transfomiert. Sein Ulysses wurde gerade deshalb selbst zum Klassiker, weil Joyce Homers Odyssee nicht nacherzählt, sondern in die Moderne übersetzt. Homer ist dort überall und zugleich nirgends. Seine Motive bilden ein unsichtbares Gerüst, werden gespiegelt, gebrochen, ironisiert und ins Alltägliche überführt. Aus dem listenreichen Krieger Odysseus wird der jüdisch-irische Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom, aus der Irrfahrt über das Mittelmeer ein Tag in Dublin, aus dem Gemetzel unter den Freiern eine nächtliche Tasse Kakao in einer stillen Küche.

Joyce zeigt damit, dass große Literatur nicht dadurch lebendig bleibt, dass man sie bewahrt, sondern dadurch, dass man sie verändert. Jede Epoche muss ihre eigene Odyssee schreiben. Gerade deshalb gehört Homers Epos zu jenen seltenen Werken, die nie abgeschlossen sind. Es lebt davon, immer wieder neue Fragen zu provozieren.

Warum Christopher Nolan sich ausgerechnet dieses Stoffes angenommen hat, bleibt hingegen rätselhaft. Zwar zieht sich das Motiv der Heimkehr wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk – von Memento über Inception und Interstellar bis Tenet. Seine Figuren suchen weniger einen Ort als einen verlorenen Zustand, eine Identität, die sie unterwegs eingebüßt haben. Kaum ein anderer zeitgenössischer Regisseur kreist so beharrlich um die Frage, ob eine Rückkehr überhaupt möglich ist.

Gerade deshalb hätte Homers Odyssee für Nolan eigentlich der ideale Stoff sein müssen. Doch was Joyce mit Homer tat, tut Nolan gerade nicht. Er entdeckt weder eine neue Gegenwart noch eine überraschende Perspektive auf den Mythos. Seine Odyssee fügt den zahllosen literarischen und filmischen Bearbeitungen des Stoffes wenig hinzu – außer mehr Laufzeit, mehr Pathos, mehr Stars und mehr Dezibel.

Für ein westlich sozialisiertes Publikum ist das besonders ernüchternd. Die Abenteuer des Odysseus gehören hier zur kulturellen Grundausstattung. Generationen sind mit ihnen aufgewachsen: in Kinderbüchern, im Schulunterricht, in Hörspielen und Verfilmungen. Nolans Version erzeugt deshalb sehr rasch ein eigentümliches Déjà-vu. Ah, der Zyklop. Dann müssten jetzt die Sirenen kommen. Und tatsächlich: Da sind sie auch schon.

Das eigentliche Problem besteht jedoch nicht darin, dass Nolan Homers berühmte Stationen erzählt, sondern wie er sie erzählt. Ausgerechnet ein Regisseur, dessen Filme häufig von erzählerischen Umwegen, Zeitsprüngen und Perspektivwechseln leben, entscheidet sich hier für eine Dramaturgie, die kaum jemals über das bloße Illustrieren hinausgeht. Statt den Mythos neu denken zu lassen, bestätigt sie unablässig das, was das Publikum ohnehin längst weiß.

Kino der Behauptungen

Diese illustrative Haltung prägt den gesamten Film. Keine Episode darf für sich stehen, keine Figur eine Ambivalenz entwickeln, keine Situation sich langsam entfalten. Alles wird angekündigt, erklärt, unterstrichen und schließlich musikalisch versiegelt. Nolans Dramaturgie funktioniert wie ein Kino der Behauptungen. Sagt Telemachos mit bebender Stimme, er fühle, dass sein Vater noch lebe, folgt der Schnitt auf Odysseus am Strand. Fällt das Wort Troja, befinden wir uns Sekunden später vor Troja. Fragt Odysseus bei Kalypso nach sieben Jahren der Verzauberung: »Ich habe doch eine Frau, oder?«, erscheint im nächsten Moment bereits Penelope. Das entspricht genau dem Phänomen, das Namwali Serpell im letzten März in seinem Essay The New Literalism Plaguing Today's Biggest Movies im New Yorker herausgearbeitet hat.

Die Montage schafft dabei keine produktiven Verbindungen, sondern illustriert Sätze. Sie behandelt das Publikum, als besäße es weder ein Gedächtnis noch die Fähigkeit, Gedanken über zwei Einstellungen hinweg miteinander zu verknüpfen. Statt Assoziationen entstehen Bestätigungen, statt Spannung bloße Wiedererkennung.

Gerade darin liegt die eigentliche Ironie. Kaum ein anderer Regisseur des Gegenwartskinos hat seine Karriere so sehr auf komplexen Erzählstrukturen aufgebaut wie Christopher Nolan. Memento, Prestige, Inception oder Tenet lebten davon, dass ihre Geschichten erst allmählich Form annahmen und das Publikum zur aktiven Rekonstruktion zwangen. Selbst dort, wo diese Konstruktionen bisweilen Selbstzweck wurden, lag in ihnen doch der Versuch, filmisches Erzählen neu zu organisieren.

Ausgerechnet bei Homer verzichtet Nolan auf dieses Vertrauen. Die Odyssee wird nicht neu gelesen, sondern didaktisch verwaltet. Jede Szene scheint sicherstellen zu wollen, dass niemand den Faden verliert. Das Ergebnis ist paradoxerweise kein klareres, sondern ein flacheres Erzählen. Wer jede Bedeutung ausspricht, nimmt ihr die Möglichkeit, sich im Kopf der Zuschauer erst zu bilden.

Dabei mangelt es keineswegs an schauspielerischer Präsenz. Matt Damon bringt die Müdigkeit eines Mannes mit, der den Krieg überlebt, aber längst nicht mehr weiß, wohin er eigentlich zurückkehrt. Tom Holland verleiht Telemachos jugendliche Unsicherheit, Anne Hathaway stattet Penelope mit einer stillen, kontrollierten Würde aus. Auch Zendaya, Robert Pattinson oder Charlize Theron erfüllen ihre Rollen mit der Professionalität, die man von einem Ensemble dieser Größenordnung erwarten darf.

Doch selbst diese Schauspieler wirken häufig wie Menschen, die in zu große mythologische Gewänder gesteckt wurden. Die Kostüme sind prächtig, die Nahaufnahmen monumental, doch die Figuren verschwinden hinter der Bedeutung, die sie verkörpern sollen. Sie existieren weniger als Charaktere denn als Stationen eines längst bekannten Mythos.

Dasselbe Prinzip bestimmt die audiovisuelle Gestaltung. Ludwig Göranssons Score verzichtet zwar auf das traditionelle Sandalenfilm-Orchester und verbindet antike Instrumente mit elektronischen Klangflächen; ein reizvoller Gedanke. Doch wie nahezu alles in diesem Film wird auch die Musik einer einzigen Idee untergeordnet: Wirkung soll durch Steigerung entstehen. Die Musik begleitet nicht, sie erklärt; sie öffnet keine Räume, sondern versiegelt sie. Was Dialoge bereits ausgesprochen haben, wird nun noch einmal in Klang übersetzt.

Dasselbe gilt für die Bilder. Als erster Blockbuster vollständig mit neu entwickelten 70-mm-IMAX-Kameras gedreht, demonstriert der Film unablässig seine technische Größe. Doch Größe allein erzeugt noch keine Erfahrung. Monumentalität ist kein Selbstzweck, sondern muss sich aus einer inneren Notwendigkeit ergeben. Bei Nolan scheint sie häufig bereits das Ziel zu sein.

So entsteht jenes eigentümliche Übermaß, das sich durch den gesamten Film zieht. Jede Szene möchte Höhepunkt sein, jede Einstellung Bedeutung beanspruchen, jede musikalische Steigerung den endgültigen emotionalen Gipfel markieren. Doch weil alles wichtig ist, ist bald nichts mehr wichtig. Die permanente Behauptung von Größe entwertet schließlich die Größe selbst.

Die Modernität Homers

Dabei wäre Homers Odyssee gerade heute erstaunlich aktuell. Anders als die Ilias, deren Welt von Ruhm, Ehre und militärischer Bewährung bestimmt wird, erzählt sie von einer Gesellschaft in Bewegung. Waren, Geschichten und Menschen überqueren das Mittelmeer, Fremde begegnen einander, Gastfreundschaft wird zur Überlebensfrage. Immer wieder stellt das Epos dieselben Fragen: Wem kann man vertrauen? Wer hält seine Versprechen? Wie verständigt man sich mit Menschen, deren Regeln und Sprachen man nicht kennt?

Odysseus überlebt deshalb nicht in erster Linie, weil er der stärkste Kämpfer wäre. Seine eigentliche Begabung besteht darin, sich verwandeln zu können. Er täuscht, erzählt Geschichten, nimmt neue Identitäten an, passt sich wechselnden Situationen an und erkennt schneller als andere, dass starre Rollen in einer unübersichtlichen Welt wenig nützen. Seine berühmte List ist weniger militärische Klugheit als soziale Intelligenz.

Auch Penelope ist weit mehr als die wartende Ehefrau, als die spätere Tradition sie oft gelesen hat. Während Odysseus auf Reisen unterschiedliche Identitäten ausprobiert, betreibt sie auf Ithaka ein ebenso raffiniertes Spiel der Masken. Sie gewinnt Zeit, täuscht ihre Freier, sagt nie vollständig, was sie denkt, und hält mit erzählerischer Geschicklichkeit einen politischen Raum offen, der längst verloren scheint. Die Heimkehr gelingt deshalb nicht allein durch den Helden, sondern durch zwei Menschen, die gelernt haben, Mehrdeutigkeit auszuhalten.

Gerade diese Fluidität macht die Odyssee bis heute zu einem so offenen Text. Sie handelt nicht nur von der Rückkehr eines Kriegers, sondern von Migration, kultureller Übersetzung und der Frage, wie Identität unter Bedingungen permanenter Veränderung überhaupt möglich bleibt. Heimat erscheint dabei nicht als unveränderlicher Ort, sondern als etwas, das immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Als Odysseus schließlich Ithaka erreicht, findet er keine Welt vor, die geduldig auf ihn gewartet hätte. Auch seine Heimat ist während seiner Abwesenheit eine andere geworden.

Schon Adorno und Horkheimer erkannten in Odysseus deshalb eine Schlüsselfigur der europäischen Moderne. Für sie verkörpert er den Beginn jener instrumentellen Vernunft, mit der der Mensch Natur, Mythos und schließlich sich selbst zu beherrschen versucht. Darin liegt die eigentliche Ambivalenz des Epos: Es feiert den Triumph der Klugheit und zeigt zugleich den Preis, den diese Klugheit fordert. Der Listenreiche rettet sein Leben, aber jede Rettung entfernt ihn ein Stück weiter von sich selbst und endet in kriegerischer Gewalt.

Gerade deshalb hätte Nolans Film zahlreiche Anschlussstellen für die Gegenwart gefunden. Man hätte die Odyssee als Erzählung über Migration lesen können, über kulturelle Begegnungen, über Identitätspolitik, über den Zusammenbruch vertrauter Ordnungen oder über die Fragilität von Heimat in einer globalisierten Welt. Man hätte fragen können, wie ein Mensch nach zwanzig Jahren Krieg überhaupt noch nach Hause zurückkehrt – und ob Heimkehr nicht immer auch bedeutet, den Verlust der eigenen Vergangenheit anzuerkennen.

Nolan interessiert sich jedoch kaum für diese Offenheit. Sein Film reduziert Homers vielstimmigen Text auf die Selbstprüfung eines außergewöhnlichen Mannes. Odysseus leidet, kämpft, widersteht Versuchungen, fällt, steht wieder auf und gewinnt am Ende durch Gewalt sein Haus zurück. Aus einem Epos über Wandel wird so eine Erzählung über Selbstbehauptung. An die Stelle sozialer Beweglichkeit tritt heroische Standfestigkeit; an die Stelle kultureller Vieldeutigkeit ein Männlichkeitsideal, das weniger aus Homer selbst als aus den Erlösungsfantasien moderner Blockbuster zu stammen scheint.

Gerade darin liegt die eigentliche Enttäuschung dieses Films. Nolan scheitert nicht daran, weil er Homer ungenau erzählt. Er scheitert, weil er einen Text, dessen Überleben seit fast drei Jahrtausenden auf seiner Wandlungsfähigkeit beruht, erneut zum Monument erstarren lässt.

Die Heimkehr des Mythos

Vielleicht liegt darin auch der eigentliche Unterschied zwischen James Joyce und Christopher Nolan. Joyce verstand, dass Homers Epos nicht deshalb überlebt hat, weil es unveränderlich wäre, sondern weil jede Epoche darin etwas anderes entdecken konnte. Sein Ulysses ist keine Ehrbezeugung vor dem Original, sondern dessen produktive Verwandlung. Der Mythos bleibt lebendig, weil er sich immer wieder den Fragen einer neuen Gegenwart aussetzt.

Nolan entscheidet sich für den umgekehrten Weg. Er behandelt die Odyssee wie einen kulturellen Hochaltar, dessen Größe vor allem durch Monumentalität beglaubigt werden muss. Die technischen Mittel sind überwältigend, die Besetzung hochkarätig, der Aufwand enorm. Doch gerade diese Ehrfurcht nimmt dem Stoff jene Beweglichkeit, die ihn über fast drei Jahrtausende getragen hat. Der Film erzählt Homers Geschichte nicht neu; er konserviert sie.

So bleibt am Ende vor allem das Bild eines außergewöhnlichen Mannes, der nach langer Irrfahrt in sein Haus zurückkehrt und die alte Ordnung mit Gewalt wiederherstellt. Das ist eine mögliche Lesart der Odyssee. Aber sie ist vermutlich die am wenigsten überraschende. Denn Homers Epos erzählt eben nicht nur von Heimkehr, sondern ebenso von Fremdheit, Verwandlung, Gastfreundschaft, Identität und der Erfahrung, dass niemand unverändert dorthin zurückkehrt, wo er einst aufgebrochen ist.

Vielleicht erklärt gerade das die eigentümliche Leere, die sich trotz aller visuellen Wucht einstellt. Nicht weil Nolan Homer missverstanden hätte. Sondern weil er aus einem der offensten Texte der europäischen Literatur einen der geschlossensten Filme seiner Karriere gemacht hat. Wo Joyce den Mythos öffnete, macht Nolan ihn wieder zum Monument.

Nach drei Stunden verlässt man das Kino deshalb mit einer unerwarteten Erkenntnis. Nicht darüber, wie groß Christopher Nolans Odyssee geworden ist. Sondern darüber, wie modern Homer noch immer wirkt; vorausgesetzt, man liest ihn nicht als Denkmal, sondern als Einladung, immer wieder neu aufzubrechen.


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