Beuys don't cry
Avant VerlagLenz Mosbacher | Beuys – Die Erfindung der Wahrheit | Avant Verlag | 264 Seiten | 30 EUR
An Joseph Beuys (1921-1986) scheiden sich die Geister: für die einen ist er ein überschätzter aktivistischer Aufschneider, für andere ein visionärer Erneuerer eines umfassenden Kunstbegriffes. Auf jeden Fall erzielen seine Werke bis heute hohe Verkaufspreise, an internationalen Exponaten und Ausstellungen fehlt es nicht (zum Beispiel 2021/22 in Osaka). Bücher über ihn gibt es Dutzende, Comics nicht. Vielleicht fängt man damit an, aufzuzählen, was diese neue Graphic Novel alles nicht ist: Eine chronologische Biografie, ein Überblick über Beuys Schaffensperioden, eine wissenschaftlich gesicherte Datensammlung, ein buntes, einfaches Lesevergnügen, welches kunststammtisch-taugliches Grundwissen vermittelt. Hierfür sei das kurze Bändchen von Willi Blöss und Bernd Jünger empfohlen (Joseph Beuys – Der lächelnde Schamane, 2004).
Anstatt also das komplexe Leben des Künstlers für die Leserin und den Leser schön zu ordnen und nett zu bebildern, stiftet Lenz Mosbacher zusätzlich Verwirrung, indem er zu den Mythen, die sich schon um Beuys Leben ranken, auch noch fiktive Begegnungen erfindet, Leerstellen eigenmächtig füllt und das Ganze in ein ernstes, existenzialistisches, grob-stilisierendes Retro- Schwarz-Weiß packt. Welchen Leser hat Mosbacher, 1993 in Wien geboren, damit im Auge? Er sagt dazu in einem Interview, dass er sich Leser*innen wünscht, „die sich Zeit nehmen. Ich fände es schön, wenn jemand beim Lesen irgendwann mitten im Buch innehält, es kurz zuschlägt und einfach aus dem Fenster schaut.” Das ist im Ansatz schon poetisch und dieser bedächtige und assoziative Zugang ist sicherlich der lohnendste für die Lektüre dieses Werkes, welches mutig und originär Schneisen durch den Material-Dschungel seines medial verfügbaren Lebens schlägt.
Der Einstieg führt uns mitten hinein ins Jahr 1974, in die Aktion „I like America and America likes me“. Dort verbrachte Beuys drei Tage mit einem Kojoten in den Räumen der New Yorker Galerie von René Block. Wir sehen jeweils auf einzelnen Panels erstmal nur Filzteppiche, ein Zimmer, Zeitungen, einen Kojoten, einen Gehstock. Dann hebt sich eine Hand in einen flammenden Hintergrund und schließlich steht Beuys wie Phönix aus der Asche aus einem Filzberg auf. Das ist dramaturgisch eindrucksvoll und mit teilweise ganzseitigen Panels mit großer künstlerischer Kraft und Wucht gestaltet.
Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt, denen jeweils ein Vorwort vorangestellt ist. Das letzte umfasst Erläuterungen des Autors, ein Glossar und Werkdaten zu Beuys. Der Untertitel „Die Erfindung der Wahrheit“ ist in dieser Graphic Novel offensichtlich als Leitmotiv zu verstehen, da sich Mosbacher große Freiheiten nimmt, seinen Blick auf Beuys zu illustrieren. Originell: Er sucht sich fünf weibliche Antagonistinnen für den Künstler, um unterschiedliche Akzente zu setzen: für das Schamanische im Werk steht die Kojotin, mit der sich Beuys im ersten Kapitel unterhält, für die biographischen Anfangsjahre von Beuys gestaltet er die bis heute unbekannte erste Lebenspartnerin zu einer eigenständigen Figur aus. Den intellektuellen Diskurs, aber auch die Alltagsseite, verdichtet Mosbacher durch eine fiktive Brieffreundschaft mit Susan Sontag; der politische Beuys, unterwegs zu Wahlkampfauftritten 1978, unterhält sich mit seiner Fahrerin Ulrike Meinhof (die historische Person ist schon 1976 gestorben) und die Umweltaktivistin Biene, die 2021 im Hambacher Forst gegen die Polizei kämpft, hat eine Freundin, die Beuys verehrt (und sich kleidet wie er) und ihr von der documenta 7-Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ erzählt. So bleibt das Werk des Künstlers Inspiration für die nachfolgenden Generationen.
Was an der Wahl der Antagonistinnen vielleicht zunächst willkürlich erscheint, erweist sich bei längerer Betrachtung als nachhaltige und sinnvolle Idee, weil sich die Graphic Novel so zum eigenständigen Kunstwerk erhebt, anstatt bekannte Ideen und Berichte wiederzukäuen. So bietet allein schon das Beuys-Zitat von 1976 „Das System ist kriminell, der Staat zum Feind des Menschen geworden!“ und seine Verehrung des Anarchisten Anacharsis Cloots (1755 –1794), der hier auch eine eigene Kurzbio bekommt, Anknüpfungspunkte für die Idee der Einführung von Ulrike Meinhof als potentieller Gesprächspartnerin für Beuys.
Im schon zitierten Interview sagt Mosbacher über die Arbeit an diesem Projekt, übrigens sein Graphic Novel-Erstling: „Für mich heißt Vordringen vielleicht auch, sich in Beuys zu verfilzen, sich zu verirren.” Von Verirrung kann keine Rede sein. So hat der Autor trotz der vielen eigenen Ideen und subjektiven „Erfindungen der Wahrheit“, die im Buch auch durchaus Platz und Erzählzeit beanspruchen, eine Menge an Motiven, Aktionen und Gedanken von Beuys unterbringen können, wofür als Beispiel seine Romantik-Bezüge genannt werden können, die in einer Novalis-Episode oder den Vorworten von Friedrich Schlegel und Novalis zum Ausdruck kommen. Aber auch optisch haben wichtige Beuys-Symbole ihren Platz, sei es die Rose, der Filz, der Hase, das Kreuz.
Die Leserin, der Leser nähert sich dem Leben und Werk von Joseph Beuys in stark erzählten Bildern, Episoden und Schlaglichtern und kann, dadurch neugierig gemacht, von dort aus aufbrechen in die eigene Recherche und Auseinandersetzung mit diesem komplexen Aktivisten, Sozial- und Umweltpolitiker und Künstler, dessen Gedanken und Ideen – so verdeutlicht es auch diese Graphic Novel und akzentuiert dies besonders im fünften Hambacher Forst-Kapitel – uns auch heute noch inspirieren, interessieren oder vielleicht manchmal auch zum Schmunzeln bringen können.
Zeichnerisch prägt vor allem das kantige Gesicht von Joseph Beuys die Graphic Novel, welches durch die an Holz- oder Linolschnitt erinnernde Zeichentechnik und das Schwarz-Weiß noch im Ausdruck verstärkt wird. Vor allem die ganzseitigen Bilder laden, zum Beispiel die Gegenüberstellung von Ulrike Meinhof mit einer Maschinenpistole und gegenüber Beuys mit einem Hasen im Arm, zum längeren Verweilen, Anschauen, Vertiefen ein und wecken die Lust auf ein mehrmaliges, auch punktuelles Lesen.
So beschenkt uns der Mut und die tiefe jahrelange Auseinandersetzung des Autors mit dem Werk des bekannten Künstlers diesen frischen, intellektuell originellen und künstlerisch einprägsamen Zugang zu Joseph Beuys.
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