Wer vom Technokapitalismus schweigt, erzählt von Vampiren
PenguinMadeline Cash | Verlorene Schäfchen | Penguin | 320 Seiten | 24 EUR
Die armen Schafe!
Schafe wurden seit der Pandemie in ihrer grasenden Ruhe gestört. Sie wurden von ‚Widerständigen‘ von der Wiese geholt und zum rhetorischen Instrumentieren gezwungen: Die Schafe seien Herdentiere, die weiter genüsslich mahlen, während sie nicht sehen, dass ihre Wege auf dem Feld gelenkt und ihre Gemütlichkeit das Ende der Kritik sei, die es verunmöglicht, über den Zaun zu sehen. Nach dieser definitorischen Gefangennahme sollen die Schafe den menschlichen Herdentieren blökend den Weg hinaus in die Freiheit weisen oder eingepfercht als Metapher die bereits dienende Trope der „Marionetten der Regierung“ auswechseln. Wann dürfen Schafe einmal keinen versteckten Job haben, wann müssen sie keinem größeren Plan folgen?
Nun halten sie auch für die deutsche Übersetzung von Madeline Cashs „Lost Lambs“ her. Der Roman, im Januar 2026 in den USA erschienen und schnell zum „National Bestseller“ mutiert, wurde nun auch im Mai 2026 unter dem Titel „Verlorene Schäfchen“ auf Deutsch veröffentlicht, aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz.
Die Besetzung: Das gegenwärtige Amerika in einer Vorstadt
Der multiperspektivische, netzwerkartige und sehr humorvoll geschriebene Roman erzählt von den Problemen der Harpers, einer Familie in einer südkalifornischen Kleinstadt, die selbst nur noch Vorstadt einer Vorstadt zu sein scheint. Über dieser Welt liegt die Macht des Multimilliardärs Alabaster, Sohn, Erbe, Besitzer des Hafens und also jener Mann, bei dem sich ökonomische, soziale und symbolische Macht bündeln. Um seine Villa ranken sich Gerüchte, Begehren und obszöne Fantasien von Jugend, Schönheit und Unsterblichkeit; vor allem Teenagermädchen werden von diesem Versprechen angezogen.
Auch Abigail, die älteste Tochter der Harpers, gerät in diesen Sog. Unter den Bedingungen sozialmedialer Sichtbarkeit wird die Nähe zu Alabasters Welt zum Zeichen, gesehen, begehrt und ausgewählt worden zu sein. Schönheit erscheint hier nicht als Eigenschaft, sondern als Währung; Anerkennung nicht als Erfahrung, sondern als Eintrittskarte.
Daneben steht Wes, ein junger Veteran, der inzwischen in Alabasters Sicherheitsapparat arbeitet. In ihm bündelt der Roman Kriegserfahrung, Trauma, Schuld und die Frage, wie militärische Gewalt in die amerikanische Normalität zurückkehrt. Von den Figuren und Erzählstimmen wird er „Kriegsverbrecher-Wes“ genannt; ob und in welchem Sinne dieser Name zutrifft, bleibt eigentümlich offen, weil Wes seine Erinnerungen ebenso störrisch abwehrt wie die Gegenwart, in die er zurückgestellt wurde. Gerade in dieser Figur ist Cashs Roman eine präzise amerikanische Geschichte: Veteranen werden in eine Normalität eingeräumt, die längst bröckelt, ihnen aber noch Sicherheitsjobs bei aufrüstenden Managern zu bieten hat.
Noch stärker wird der Roman dort, wo er zeigt, dass die amerikanische bürgerliche Normalität selbst keine stabile Gegenwelt mehr bildet. Bud Harper, Vater, Angestellter, Accounts-and-Systems-Manager, lebt äußerlich behütet und doch in einer Welt, deren Ordnung nur noch aus Pappe gebaut scheint. Man muss nicht aus ihr herausfallen, um an ihr zu verzweifeln. Die Normalität selbst reicht aus, genug zu haben. Es gibt kein harmloses Leben, mit dem sich das alles hier verteidigen ließe.
Die Harper-Töchter wiederum bewegen sich zwischen der Ehekrise der Eltern, den Zumutungen des Familienalltags und größeren, zeittypischen Verführungen. Die mittlere Louise etwa sucht nach einer Form von Besonderheit und gerät im Netz in Räume, in denen Einsamkeit, religiöse Radikalisierung, Manipulation und Sehnsucht ununterscheidbar werden. Die jüngere Schwester wiederum bewegt sich mit einer Klugheit durch diese Welt, die fast schon erzählerische Steuerungsfunktion übernimmt. Und um Abigail herum entstehen jene Verbindungen, durch die sich Privates, Familiäres, Konspiratives und Politisches immer enger ineinanderschieben.
Bis hierhin gab es nun ganz schön viele Weil- und Deshalb-Sätze. Denn was die Figuren erleben und was sie denken, ergibt sich oft brav kausal aus ihren jeweiligen Identitätskategorien. Der Roman ordnet ihnen typische gegenwärtige Erzählungen von Radikalisierung, Geschlecht, sozialem Aufstieg, Trauma oder politischer Ohnmacht zu. Die Erzählwelt von „Verlorene Schäfchen“ reduziert so stark auf Figuren und Themen der Gegenwart, dass das Gesagte bisweilen erwartbar wird.
Dass der Roman dieser Kritik so viel Grund für Weil-Sätze gibt, offenbart seinen Reduktionismus. Tatsächlich lesen sich die Figuren größtenteils wie Schablonen. Das liegt auch daran, dass die Multiperspektivität dieses Romans vor allem dadurch bemerkbar wird, dass je nach Erzählperspektive ein paar soziale Umstände, Milieusignale und Einblicke ausgetauscht werden, nicht aber die Erzählweise selbst.
Das Netzwerkartige des Romans lässt sich an postmoderne Kritik sicherlich gut verkaufen. Diese Eigenschaft ist jedoch vor allem auf der Darstellungsebene angelegt, nicht auf der Textebene. Das macht das Schreiben nicht literarisch aufregend, geschweige denn subversiv, sondern eher netflixförmig: Alles hängt mit allem zusammen, jede Figur steht im richtigen Moment an der richtigen Stelle, jedes Motiv findet seinen Anschluss an ein anderes. Das Netzwerkartige löst dabei die Konflikte nicht, weil der Roman Machtstrukturen wirklich freilegt, sondern weil er Realität plotförmig faltbar macht. Was draußen unhandlich bleibt, lässt sich hier elegant verschalten. Genau darin liegt der Hohn: Die Welt wird als kompliziert behauptet, aber erzählerisch so eingerichtet, dass sie am Ende doch erstaunlich gut funktioniert.
Kontexte verschweigen: Eine Poetologie der Verschwörung
Es sei denn, man nimmt sich ein Beispiel an Tibet und lässt sich die Welt von Verschwörungstheorien erklären. Die beste Freundin von Abigail ist ein „Onlinefreak“, die ihre Abende als weißer, hobbygemanagter Mittelklassenteenager mit Reddit- und Telegram-Äquivalenten verbringt. So auch, um Auskünfte über Alabaster zu erhalten, der Abigail aus dem Nichts zu seiner Party einlud: „Innerhalb weniger Minuten erreichte sie eine Flut von Antworten, Meinungen, Fotos, Links zu Artikeln, Scans von Mikrofilmen und Songs, die rückwärts abgespielt wurden. Tibet sichtete das Material. Aus Fiktion Fakten zu sieben war der Schlüssel ihrer Arbeit.“ Tibet macht sich die Verschwörungstheorien zunutze. Die ‚Recherche‘ mithilfe der – zwar von der Erzählstimme zuvor als Verschwörungstheorien markierten – Threads verändern dabei deren Wissensstatut. Und im Plot des Romans zeigt sich dann das bestätigt, was Tibet abends über „generationenalte Seilschaften, Geheimzeremonien und Unsterblichkeit“ liest. Tibets Fiktionen zeigen, beweisen sich, sind nicht mehr heterodoxes Wissen, sondern liefern Erkenntnisse über die Verbindungen von Alabaster und Stadtverwaltung. Sie sind die Motivatoren der Handlung: Nach der Recherche ruft Tibet Abigails kleine Schwester an, die wiederum dem Kriegsverbrecher Bescheid gibt. Tibets Recherche lässt sich so als ein Erkenntnisprogramm lesen, das der Roman selbst in seiner Form übernommen hat.
Doch während Tibet ihre Quellen sortiert und auch Diskurse kritisch hinsichtlich ihrer Fiktionalität betrachtet, sind die Ursprünge jener Narrative, die die konkrete Narration von „Verlorene Schäfchen“ mitaufbauen, nicht lesbar. Der von den bisherigen Kritiken beschmunzelte „Vampirismus“ von Alabaster ist in der Verbindung mit Geld und ‚generationenalten Seilschaften‘ der antisemitischen Figuration von Vampirismus auffällig ähnlich. Diese Nähe ist keine Hermeneutik; sie liest sich im Plot. Während Bud Schweigegeld von Alabaster annahm, konvertierte die mittlere Tochter Louise nach ihrem Ausflug in den islamistischen Fundamentalismus zum Judentum. Für dieses nimmt sie das ‚Blutgeld‘ ihres Vaters an: „[…] ich kaufe dir was Albernes, Teures von meinem Blutgeld. »Gut«, sagte Louise. »Ich brauche eine Mesusa.«.“ Dass diese Konstellation historisch belastete Assoziationen aufruft, reflektiert der Text nicht.
Wieso wird Vampirismus in die Nähe des Judentums gebracht – wäre es nicht naheliegender, den Drang nach Unsterblichkeit von Techmilliardären wie Alabaster auf ihre faktische Allmacht zurückzuführen; in einem System entgrenzten Kapitalismus und die politische, andauernde Überforderung mit dem digitalen und technologischen Wandel?
Louise wird im Internet von einem Islamisten radikalisiert: ein Szenario, wie es auch rechtsnationale Vorstellungswelten erzählen.
Digitale Radikalisierung durch Islamismus findet natürlich statt, geht derzeit jedoch vor allem von anderen Milieus aus, der Manosphere, den Incel-Foren oder Tradwife-Communities. An vielen anderen Stellen erzählt Verlorene Schäfchen entlang populärer sozialer und politischer Diskurse. Seine Figuren verkörpern wiedererkennbare Narrative der Gegenwart: der traumatisierte Veteran, die prekäre bürgerliche Familie. Hier erzählt der Roman durch ein rechtsnationales Bedrohungsnarrativ. Wieso gerade diese Verzerrung?
Überhaupt treten in der Erzählwelt nur weiße Figuren auf. Der ‚Islamist‘ als einzige nicht-weiße Person spricht nicht, seine Rede wird über ein Chatforum transponiert, indirekt. Und er ist nichts als ein Terrorist.
Die Narrative, die die Erzählung mitaufbauen, sind nicht nur verschwörend, sie sind damit auch Teil bestimmter politischer Programme. Sie erzählen von nationalem Kommunitarismus, sie ignorieren die Tragik des Alltags bis auf Buds Ausflüge, sie saugen ‚die Anderen‘ aus, um nicht die gegenwärtige Entwicklung des Kapitalismus und diejenigen anzugreifen, die tatsächlich Amerika mitregieren. Man sollte vorsichtig damit sein, ebendiese Erzählung als ‚Buch der Stunde‘ oder ‚Buch des Sommers‘ zu rezensieren.
Vom Schweigen und Lämmern
Verlorene Schäfchen. In der englischen Fassung heißt der Roman „Lost Lambs“. Auch hier müssen Tiere wieder in Metaphern springen, so wie es uns gefällt. Nur ist in letzterer Bedeutung nicht das junge Weidentier schuld für sein Herumirren. Während Schäfchen fingerzeigend als stumpf figuriert werden, ist das ‚Lamm‘ das absolute Objekt, das Opfer. Die englische Version des Titels geht hingegen mit der Brutalität dieses Romans um: Irgendjemand muss immer das Objekt spielen.
Das Lamm sein. Deshalb sind Verschwörungstheorien nicht harmlos: In der einen Konstellationen instrumentalisieren sie heute die sehr materielle Not im Technokapitalismus, während sie über jene Ungerechtigkeit schweigen. In der anderen Konstellation müssen hinter jahrhundertealten Chiffren Menschengruppen antreten, Lamm spielen, dafür herhalten, dass Überreiche die Lebensgrundlage aller Schäfchen abgrasen. „Verlorene Schäfchen“ verwirrt diese beiden Konstellationen nicht. Es kann keinen Umgang mit ihnen finden, sondern erzählt noch einmal eine Vampirgeschichte.
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