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Eine ägyptische Kurzgeschichte
Foto Nora Nagi
Bildunterschrift
Nora Nagi

Nora Nagi ist eine ägyptische Journalistin und Romanautorin, die 1987 in Tanta geboren wurde. Sie hat einen Abschluss in Innenarchitektur von der Fakultät für Bildende Künste (2008) und ist Chefredakteurin der Frauenseite Nawaem.
Als Autorin mehrerer Romane, darunter Bana (2014), Al-Gidar (2016) und Banat al-Basha (2017), wurde sie 2018 für den Sawiris-Preis ausgewählt. Für ihren Roman Atyaf Camellia (2020) wurde sie mit dem Yahya-Haqqi-Preis ausgezeichnet. Außerdem veröffentlichte sie Al-Katibat wa al-Wahda (2020), die Sammlung Mithl al-Aflam al-Sazija (2022), die mit dem Staatlichen Förderpreis ausgezeichnet wurde, sowie Sanawat al-Jari fi al-Makan (2023) und Bayt al-Jazz (2025). Außerdem erhielt sie den Radwa Ashour Preis für arabische Literatur.

Ein einziges Bild verfolgt mich.
Es kehrt zurück, jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, jedes Mal, wenn das Schreiben von mir Besitz ergreift, jedes Mal, wenn der Gedanke bei ihm verweilt, wenn ich die Straße entlanggehe oder den Blick hebe. Ein Bild in Bewegung, eine Endlosschleife: zersplitterndes Glas.
Weißer Sand verteilt sich über mir. Er ergießt sich in meine Augen. Ich sehe, wie der Sand, das zu Staub zermahlene Glas, in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehrt, mit unwirklicher Langsamkeit durch die Luft treibt, sich öffnet wie die lautlose Explosion eines Sterns und sein Feld über meinem Körper ausbreitet. Dann fällt er als feiner Regen auf meinen schwarzen Mantel, in mein Haar, in meinen Mund, meine Nasenlöcher, meine Augen.
Wenn ich die Szene weiter verlangsame, tritt sie deutlicher hervor: das Gesicht eines jungen Mannes, der einen Feuerlöscher in den Händen hält und damit gegen die Seitenscheibe des Autos schlägt. Diese ist zu einer oberen Fläche geworden, seit das Fahrzeug auf die Seite gekippt ist. Der Aufprall erzeugt kein Geräusch. Kein Krachen. Als hätten meine Gedanken die Langsamkeit der Welt um mich herum angenommen, in diesem äußeren Raum, in dem nichts widerhallt. Als gehörte all dies zu einem Leben der Vorstellung. Oder zu jenen Träumen, in denen ich weiß, dass ich träume, und mir sage: „Das ist ein Traum. Ich will aufwachen.“ Und tatsächlich wache ich auf, reglos, mit offenen Augen, den Blick an die Decke geheftet.
Doch diesmal sagte ich nichts. Ich verspürte keinen Wunsch aufzuwachen. Und dennoch war ich mir nicht sicher, ob ich wach war.

Ich gehe in der Zeit zurück. Vor den Regen aus Sand und Glas, der in meine Augen fiel. Genau zu jenem Augenblick, als das Auto kippte.
Ich blickte auf mein Handy. Kaum hob ich den Kopf, da prallte etwas gegen die Seite des Fahrzeugs. Es wurde angehoben, schwebte einen kurzen Moment in der Luft und stürzte dann zu Boden. Die Gegenstände um mich herum schienen sich plötzlich zu beschleunigen, und doch dehnte sich die Zeit in beinahe unerträglicher Langsamkeit aus. Alles vollzog sich in Zeitlupe, wie jene Momente des Kippens im Kino.
Imitiert die Natur die Kunst, wie ich mit Vorliebe einen Satz von Oscar Wilde zitierte? Oder erschafft der Geist an der Schwelle zum Entsetzen eine andere, erträglichere Wirklichkeit, um uns den Anblick der tatsächlichen Realität zu ersparen?
Das Bild ist schlicht. Frei von jedem Detail. Ein Auto, das in der Luft hängt und dann umkippt.
Meine Gedanken werden langsamer. Die Stille legt sich über alles. Niemand schreit. Ich auch nicht. Ich frage mich: Ist das der Tod?
In diesem Gedanken lag eine unerwartete Schwere. Zu sterben und zugleich zu wissen, dass man stirbt – das war alles andere als leicht. Vielleicht war es sogar noch schwerer, weil meine Tochter neben mir saß.

*Lob sei Allah

Ein flüchtiger Gedanke, beinahe ein Trost: In einem einzigen Augenblick begreife ich, dass das Auto auf die Seite kippen wird, auf der ich sitze. Vielleicht sind ihre Überlebenschancen größer als meine. Ich flüstere: al-hamdu li-llah*.
Dann überschlägt sich das Auto.
Es schlägt auf dem Boden auf. Einmal. Zweimal.
Dann nichts mehr.

Es gibt diese schwebenden Augenblicke, in denen man sich fragt: Bin ich noch am Leben?
Ich fragte nicht, ob meine Tochter noch lebte.
Ich löschte sie aus.
Für eine Sekunde.
Eine einzige Sekunde, von der ich mich niemals freigesprochen habe.
Die Schuld kam vor dem Schmerz. Ich schrie ihren Namen, während ich auf der Seite lag. Feuchtigkeit breitete sich auf meinem Körper aus, von der Brust bis hinunter zu den Beinen. War es Blut? Würde ich verbluten? Oder war es die Wasserflasche, die ich in der Hand gehalten hatte? Sie war geplatzt und hatte mich durchnässt. Die Kälte kroch in mich hinein. Im Zeitraffer durchlief ich alles, was ein Körper durchmacht, wenn er erlischt.
Dann sah ich ihr Gesicht.
Es war unversehrt.
Und mein Herz beruhigte sich.
Nichts wünschte ich mir mehr, als sie heil aus diesem Wrack zu holen.
Ich hob den linken Arm. Ich schlug gegen die Heckscheibe, die nun zu einer Seitenscheibe geworden war. Vielleicht schrie ich. An den Klang erinnere ich mich nicht. Es gibt keine Tonspur. Nur die Gesichter der Männer, die auf uns zulaufen. Einer von ihnen schlägt von außen gegen die Scheibe, als Antwort auf mein Klopfen. Er gibt mir ein Zeichen zu warten. Seine Lippen bewegen sich.
Wir holen Sie da raus.
Er besitzt die Zuversicht derer, die handeln.
Und ich glaube ihm.

Sie zerschlagen die Scheibe. Der Sand rieselt in meine Augen.
Dann ziehen sie meine Tochter heraus. Ich sehe die Absätze ihrer Schuhe über mich hinwegfliegen, ihren Körper, der ins Licht gehoben wird. Sie trug Jeans und ein weites T-Shirt. Doch jedes Mal, wenn die Szene vor meinem inneren Auge zurückkehrt, erscheint sie anders: in einem braunen Kleid mit roten Blumen, einem Kleid, das einst mir gehörte, und schwarzen Samtschuhen.
Warum dieses Bild?
Ich weiß es nicht.
Selbst jetzt, während ich schreibe, sehe ich sie so. Und jünger. Sechs Jahre alt vielleicht, vielleicht sieben. Dabei war sie elf.
Warum wollte ich die Zeit an ein Bild binden, das nie existiert hat?
Sie holen mich aus dem zerstörten Auto. Als ich neben dem Wrack stehe, das in den Himmel gekippt scheint, sehe ich eine dichte, ununterscheidbare Menschenmenge. Ich suche meine Tochter, und zahlreiche anonyme Hände führen mich zu ihr. Ich werde sie umarmen. Ihre verletzte Hand an meine Lippen führen. Sie wird an meiner Schulter weinen, sich an mich klammern und Mama sagen, als wäre dieses Wort noch nie zuvor ausgesprochen worden.
Sie wird sagen: Ich habe Angst.
Und ich werde schreien. Plötzlich. Unkontrolliert. Ohne zu wissen, woher dieser Schrei kommt.
Wir werden ins Krankenhaus gebracht. Ein paar Prellungen. Einige oberflächliche Schnitte. Nichts.
Nichts – außer diesem Wuchern von Möglichkeiten. Alles, was hätte geschehen können. Alles, was die Existenz gestreift hat, ohne sich in sie einzuschreiben. Ich werde das Gefühl haben, etwas für einen Augenblick verloren zu haben, bevor ich es wiederfand. Und dieses Gefühl wird bleiben.
Doch noch hartnäckiger bleibt jener winzige Augenblick, in dem ich nur an mich dachte.
Der Augenblick, in dem ich vergaß, dass ich Mutter war.
Er wird mich nicht verlassen.
Ich hatte vergessen, dass ich Mutter bin. Der Überlebensinstinkt hatte den Mutterinstinkt überwältigt. Und ich werde beginnen, diese menschliche Banalität in mir zu hassen – ich, die geglaubt hatte, Mutterschaft kenne nur ein einziges Gesicht: das makellose Gesicht des Engels.
Doch es gibt keine Engel.
Wir müssen von vorn beginnen. Die Worte neu definieren. Schwäche, Bruch und Verletzlichkeit anders denken.
Die Augenblicke, die ein Leben verschieben, sind selten.
Dies ist einer von ihnen.
Ich möchte mich selbst verstehen. Und nur das Schreiben öffnet mir diesen Weg.
Ich muss mich schreibend wiederfinden. Zurückgehen bis in die Kindheit. Das Bild auflösen, das ich mir von mir selbst gemacht habe. Unter die Schichten hinabsteigen: zu den echten und den gespielten Gefühlen, den aufrichtigen und den verkleideten Wünschen, zu Liebe und Abneigung, Sanftheit und Gewalt.
Dieser Sand in meinen Augen, in meinem Herzen, hat sich nicht gelegt. Er bleibt. In feinen Entladungen, wie eine reglose Elektrizität. Er dringt in die Seele ein, frisst sich ins Fleisch, verdickt das Blut.
Sand ist weder Erde noch Wasser.
Er ist dieses unbeständige Dazwischen, wie alles, was ich durchquert habe.
Ich betrete ihn ohne Gleichgewicht. So, wie ich zwischen den Sitzen von Zügen, Flugzeugen und Bussen hindurchgegangen bin. Er gibt unter meinen Schritten nach, dringt ein, erschwert das Atmen, füllt meine Schuhe. Er reizt die Haut. Dann verdichtet er sich, verklumpt, bildet eine dicke Kruste, die in der Hitze zu Glas wird – zu einer durchscheinenden Wand, die mich von der Welt trennt.
Ich kann sehen.
Aber nicht mehr berühren.
Brennender Sand. Klares Glas. Zermahlenes Glas.
Das bin ich.
Ich werde zurückgehen.
Vor den Bruch.
Zum unversehrten Glas. Zum glühenden Sand.
Um zu verstehen.
Um zu lernen, mich wieder zusammenzufügen.
...
Die Erzählungen meiner Mutter über meine Kindheit haben sich mit den Jahren wie echte Erinnerungen in mir abgelagert. Ich durchlebe sie immer wieder, als hätte ich sie selbst bewusst erfahren. So auch diese Szene: Ich bin ein Jahr alt und sitze auf der Balkonmauer wie auf dem Rücken eines Pferdes.

*die Hand von Fatma

Ich stelle mir vor, ein rosafarbenes Kleid zu tragen, mit weißem Oberteil und einer Schleife in der Taille. Mein Kopf ist fast kahl. An meinen Ohrläppchen hängen zwei kleine goldene Ohrringe in Form einer ḥamṣa*.
So sehe ich auf der großen Fotografie aus, die lange Zeit an der Wand unseres alten Hauses hing, bevor sie verschwand.
Ich sehe mich auf die Brüstung klettern, mich darauf setzen und lächeln. Der Balkon liegt im vierten Stock. Hinter mir spannt sich ein weiter blauer Himmel, ungebrochen von Gebäuden. Unten auf der Straße bleiben die Menschen stehen. Sie erschrecken. Jemand hat mich entdeckt.
Unruhe breitet sich aus.
Ein Mann kommt die Treppen herauf, klopft an die Tür und meldet die drohende Katastrophe.
Mein Vater, meine Mutter und mein Onkel eilen herbei.

Meine Mutter erzählt, dass sie zusammengebrochen sei, als sie mich auf dem Sims stehen und lachen sah. Nur eine Sekunde trennte mich vom Sturz. Mein Vater näherte sich langsam, während mein Onkel am Fenster der Nachbarwohnung versuchte, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, damit ich nicht bemerkte, wie er sich vorwärtsbewegte. Mein Vater packte mich plötzlich. Ich lachte. Einige Sekunden lang hielt er mich fest an sich gedrückt, bevor meine Mutter mich ihm aus den Armen riss.
Wenn sie diese Geschichte heute lachend erzählt, spüre ich die Gewalt jener wenigen Sekunden. Ich sehe diesen Augenblick vor mir, in dem sie ihre Tochter sah – und hinter ihr den offenen Himmel.
Wahrscheinlich glaubte sie, mich zu verlieren.
Ich nehme die Geschichte wieder auf. Ich setze sie neu zusammen. Dann frage ich mich: Was wäre geschehen, wenn ich gefallen wäre? Nichts wäre anders.
Denn wenn ich meine Mutter von jenem Onkel erzählen höre, der als Kind starb, denke ich an meine Großmutter und frage mich, wie sie danach weitergelebt hat.
Sein Name war Ahmed. Er hatte dunkle Haut, weiches Haar, das ihm über die schwarzen Augen fiel.
„Er war schön“, sagt meine Mutter mit einem Seufzer. „Und unruhig.“
Meine Mutter versuchte, ihn zu beruhigen, damit er nicht geschlagen würde. Doch er hörte nicht auf zu weinen, schlug um sich und tobte weiter. Da gab ihm seine Mutter eine Ohrfeige.
„Danach wurde er still. Er blieb einfach liegen. Dann bekam er Fieber.“ 
Das Fieber stieg.
Wir brachten ihn zum Arzt.
Ein paar Stunden später war alles vorbei.
Er starb.
Meine Mutter erzählt es schlicht. Es liegt inzwischen weit zurück. Doch etwas zieht sich in mir zusammen – nicht wegen des Kindes, das ich nie gekannt habe, sondern wegen dieser Großmutter, deren Leben sich zwischen Innenräumen und Balkonen abspielte, zwischen Kajal um die Augen, zu fütternden Hühnern und zu knetendem Teig.
Wie hat sie damit gelebt?
Der Tod dieses Kindes hatte nichts mit der Ohrfeige zu tun. Wahrscheinlich war es ein Virus. Einer jener Erreger, die Kinder dahinrafften, bevor man überhaupt verstand, was geschah.
Doch nicht die Ursache beschäftigt mich. Sondern der Augenblick.

Jedes Mal, wenn ich mir die Szene vorstelle – die Ohrfeige –, weine ich. Nicht um ihn. Um sie.
Sie muss diese Geste tausende Male wieder gesehen haben. Jede Nacht, bevor sie sich dem Schlaf überließ. Jedes Mal, wenn ihr Blick auf ihre verbliebenen Kinder fiel. Auf ihre Enkelkinder. Jedes Mal, wenn irgendwo das Gesicht eines Kindes auftauchte: auf der Straße, in einer Erzählung, in einer fremden Erinnerung.
Ich erinnere mich an ihre Augen.
Schwarz.
Tiefschwarz.
Mit Kajal umrandet. Zwei Pupillen von solcher Dichte, dass sie undurchdringlich wirkten, als spiegelte sich nichts mehr in ihnen. Als würde das Licht in sie hineinfließen, ohne jemals zurückzukehren.
Heute scheint es mir, als habe sich ihre Schwärze nach dem Tod ihres Sohnes verdichtet.
Oft frage ich mich, wie eine Mutter den Tod ihres Kindes überlebt.
Vielleicht so.
Sie überlebt, ja. Doch etwas in ihr hört auf zu leben. Etwas Unsichtbares, das sich kaum verrät, nur im Kleinsten: in der Starre eines Blicks, in einer namenlosen Müdigkeit, in einem Schatten auf dem Grund des Auges.
Ja.
Ich glaube, ich kann es inzwischen erkennen.
In manchen Blicken, die meinen kreuzen. In manchen Augen, die von einem Mangel bewohnt werden, den nichts füllen kann.
Vielleicht ist das das Leben danach.
Die Gesichter machen weiter. Die Gesten auch. Man lacht, man spricht, man füttert, man pflegt. Man geht durch die Tage.
Doch ein Teil, ein unwiderruflicher Teil, erlischt. Und bleibt. Verborgen in den Augen.
Meine Großmutter hat gewiss gelacht. Fern der Fotografien, fern jener Erstarrung, die Bilder festhalten. Sie muss Freude empfunden haben: an ihren Kindern, an ihren Enkelkindern, an den Hühnern auf dem Balkon, an dem Teig unter ihren Händen, an allem, was unter ihrem grünen Daumen wuchs.
Doch etwas in ihr hatte aufgehört.
Auch sie starb in einem einzigen Augenblick. Ohne Übergang.
Sie sprach. Sie lachte. Dann fiel ihr Kopf nach hinten. Und sie verschwand.
Verschwunden – so habe ich es empfunden. Kein langsames Verlöschen. Kein allmählicher Abschied. Sondern ein jäher Entzug. Als hätte die Welt ihre Anwesenheit ohne jede Vorwarnung zurückgenommen. Man trug sie an mir vorbei. Ein Krankenwagen kam. Er verschluckte sie. Und sie ging. Ich war zehn Jahre alt.
Jede Nacht schlief ich neben ihr. In der Dunkelheit lauschte ich ihrem Atem, mit jener dumpfen Angst, er könne plötzlich aussetzen, lautlos abbrechen. Ich betete, dass keine der Krankheiten, von denen ich im Fernsehen hörte, sie treffen würde: Krebs, AIDS, Lungenentzündung, Herzinfarkt.
Doch der Tod kam auf anderem Weg.
Er entschied sich für etwas anderes.
Eine Hirnblutung.
Schnell.
Endgültig.
Sie starb innerhalb weniger Stunden.
Im Augenblick ihres Todes löste sich der Deckenventilator und stürzte zu Boden. In meinem kindlichen Bewusstsein nahm der Tod von da an diese Gestalt an: die eines fallenden Gegenstandes. Ein Stück Decke. Ein Stück Himmel, das sich löst und herabfällt. Seitdem kann ich den Tod nicht mehr von diesem Fallen trennen.
Ich bewahre noch immer den Kajal meiner Großmutter auf. Ich erinnere mich an den Geruch ihrer Kleidung im alten Schrank, an ihre Wollschals, an ihre runden Goldohrringe.
Und ich erinnere mich an ihre Stimme.
Das ist selten.
Denn Stimmen vergesse ich gewöhnlich.

Ich erinnere mich an die Mandarinencreme, die sie zu Geburtstagen zubereitete. An die Bewegung ihrer Hände, wenn sie den Festtagskuchen knetete oder die am Couchtisch befestigte Keksmaschine bediente. An ihre Silhouette vor dem Ofen, wenn sie die Bleche mit Brot und Fladen herauszog.
Ich erinnere mich auch an einen Gegenstand.
An eine Schüssel, die unter der Anrichte verborgen stand. Darin befand sich ein weiches, unförmiges Wesen, dessen Natur ich bis heute nicht kenne. Eine Nachbarin hatte es eines Tages gebracht und behauptet, es bringe Segen ins Haus. Jeden Morgen müsse man ein Viertel Glas ungesüßten Tee darüber gießen.
Das Ding schwoll an. Fast schien es zu atmen. Es sah aus wie ein lebendiger Blätterteig.
Nach einigen Wochen teilte es sich. Meine Großmutter nahm die neu entstandene Masse heraus, legte sie in eine andere Schüssel und schenkte sie einer Nachbarin oder einer Verwandten.
Eine sanfte Vermehrung.
Still.
Unbegreiflich.
Dann hörte sie eines Tages auf, es zu füttern. Das Ding schrumpfte. Es trocknete aus. Wurde hart.
Schließlich zerbrach sie es in kleine Stücke und bewahrte sie in einem Samtbeutel auf.
Ich habe alle gefragt. War das eine Meereskreatur? Eine Art Pilz? Eine Erfindung meiner Erinnerung?
Alle erinnerten sich daran. Niemand wusste, was es war.
Meine Großmutter starb, bevor ich das Rätsel lösen konnte.
Sie war noch nicht einmal sechzig Jahre alt.

Am Morgen ihres Todes war sie auf den Balkon gegangen. Sie hatte die Hühner gefüttert. Das Frühstück für meinen Großvater zubereitet. Einem Nachbarskind, das auf der Brüstung saß, zugerufen, es solle den Kopf einziehen, damit es nicht hinunterfalle.
Dann war sie wieder hineingegangen. Und starb auf ihrem Stuhl.
Ich kann nicht anders, als mir die Trauer vorzustellen, die sich seit dem Tod ihres Kindes in ihrem Körper angesammelt hatte. Wie ein langsamer, unablässiger Druck, bis schließlich etwas nachgibt.
Ich kann nicht anders, als zu jenem Augenblick zurückzukehren, in dem sie sah, wie der Tod von ihm Besitz ergriff.
Von diesem Kind, das wenige Stunden zuvor noch gelaufen war.
Hat sie ihn mit dieser Ohrfeige getötet?
Sie muss sich diese Frage gestellt haben.
Immer wieder.
Vielleicht hat sie ihrer Hand niemals verziehen.
Dieser Hand, die gefüttert, gewaschen, geknetet, gepflanzt, gestreichelt und gepflegt hatte.
Dieser Hand, die den Hühnerstall auf dem Balkon gebaut hatte – eine kleine Holzhütte mit Tür und Dach.
Dieser Hand, die Tiere aufgenommen und ihnen Leben eingehaucht hatte.

Eines Tages hatte der Hahn ein Haarbüschel verschluckt. Er hatte aufgehört zu fressen und zu trinken. Er lag auf der Seite und war dem Tod nahe.
Da packte meine Großmutter ihn.
Mit einem glühenden Messer öffnete sie seinen Bauch, während er noch lebte. Sie nahm den Kropf heraus, entfernte das Haarbüschel und wusch ihn mit Salzwasser aus. Dann nähte sie den Körper mit Nadel und weißem Faden wieder zu.
Der Hahn bewegte sich nicht.
Er wehrte sich nicht.
Als hätte er gewusst, dass sie ihm helfen wollte.
Zwei Tage später lief er wieder stolz zwischen den Hühnern umher und pickte nach Körnern auf dem Boden.
Alles, was meine Großmutter berührte, wurde wieder lebendig.
Außer ihrem Kind.
Nur es starb.

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Diese Kurzgeschichte ist ein Auszug aus einem noch nicht vollendeten Roman. Deutsche Bearbeitung nach der französischen Übersetzung aus dem Arabischen von Rita Barotta.