Schwarz

Navigation

Schwarz

Ein Gedicht über die historische Last, die auf Schwarzen Körpern ruht
Yuderkys Espinosa Miñoso
Bildunterschrift
Yuderkys Espinosa Miñoso

Yuderkys Espinosa Miñoso ist eine afro-karibische Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Lehrerin. Sie ist eine der Pionierinnen des dekolonialen Feminismus und eine Schülerin von María Lugones. Sie ist Autorin zahlreicher Essays und wissenschaftlicher Texte sowie Herausgeberin mehrerer wichtiger Sammelbände zum Thema dekolonialer Feminismus. Ihre Werke wurden ins Englische, Französische, Italienische, Deutsche und Portugiesische übersetzt.

wenn ich sie sehe
verschwitzt
müdeschwarzekörpermitschwänzenzwischendenbeinen
wenn ich sie sehe
fleisch zu asche geworden
gesichter betäubt und gefangen
wenn ich sie sehe
schwere lasten tragend lasten
lasten von jahrhunderten
lasten
so schwere lasten
lasten
ihre welt und die der anderen
weiße welt
tragend, tragend
wenn ich sie sehe
unter der sonne mit ihrer last
aufrecht, immer noch aufrecht
die kontinuität der linie
des missbrauchs, der unterdrückung, des fluchs
tragend 
jahrhunderte schmerzender, taub gewordener körper
körper so präsent, so nah
wenn ich sie anschaue
erkenne ich mich selbst, ich spüre den bruder
der weiter tragend 
für die von gestern und die von heute
tragend
für dich und für mich so schwere lasten
des hauses und des tisches – tragend
so den traum der nachkommen der peitsche 
tragend auf seinem körper und seinen schultern
wenn ich sie sehe
denke ich an den patriarchen
ich frage mich, wo er sich versteckt
wo ich ihn suchen soll
körper für die arbeit
ich sehe nur
für die         schwere last
ich möchte die schulter sein, auf der sie ruht
ich, die unterdrückte, sagen sie
ich sehe dort nur schmerz und verlassenheit
ich möchte nur durchbrechen
die errichteten mauern die mauern
die alarmsignale, den instinkt, den wunsch, alles zu beenden,
das zu überspringen, was uns trennt
diese dicken mauern zu überspringen
und nackt zu         Weinen

Weine, mein bruder, Weine
schreie laut
damit dieses Weinen den asphalt durchdringt, die alleen
dass es tief bis ins zentrum der erde vordringt
dass es in den wäldern und an den grenzen wächst
in den golfparks und in den villen
in akademien und büros
Weine, mein bruder
nimm dir zeit
damit dein Weinen das geräusch des todes und des unglücks stoppt
Weinen wir zusammen, bruder
damit unser schrei sich ausbreitet 
und nur der anfang
des wiedersehens ist


Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen! 
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!