Der Filmstar

Eugene Datta ist der Autor des Gedichtbandes Water & Wave (Redhawk, 2024) und des Erzählungsbandes The Color of Noon (Serving House Books, 2024). Seine Arbeiten sind in bei The Dalhousie Review, Main Street Rag, Mantis, Common Ground Review, Hamilton Stone Review, MacQueen's Quinterly und anderen Publikationen erschienen oder werden demnächst veröffentlicht. Er erhielt ein Stipendium der Stiftung Laurenz-Haus und war Stipendiat der Ledig House International Writers' Colony und der Fundación Valparaíso. Der in Kalkutta geborene Schriftsteller lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Aachen.
Sie sagten, er sei ein Filmstar. Und jedes Mal, wenn man ihn sah, dachte man: Natürlich! Wie könnte es auch anders sein? Diese Größe, dieses Aussehen! Er war gut über zwei Meter groß, größer als alle um ihn herum, und er hatte das schönste, perfekt gemeißelte Gesicht, das man je gesehen hatte. Dazu noch die Kleidung, die er trug – immer schick, gut sitzend und frisch gebügelt, als ob er nie etwas zweimal trug, bevor er es zum Waschen beim Dhobi gab. Und wie er sich benahm, wie er ging und mit den Leuten sprach. Seine Stimme, sein Lächeln. Wie er roch – so gut, dass man möglichst lange an seiner Seite verweilen oder ihm hinterherschnuppern wollte.
Er musste einfach in einem Film gespielt haben!
Aber hatte je irgendjemand einen Film gesehen, in dem er mitgespielt hatte? Konnte überhaupt jemand einen konkreten Filmtitel nennen? Dass das niemand konnte, spielte keine Rolle. Jedenfalls nicht für uns. Wir waren ... – Wie alt waren wir damals? Elf, zwölf? Ich war elf, plus/minus ein paar Monate, genauso wie Andy und Mush (kurz für Mushtaq). Raju und Bapi waren etwas älter, zwölf oder dreizehn, und Rustam und Bob waren jünger. Für uns, diese sieben Kinder – zwei Anglo–Inder (Andy und ich), ein Bihari (Mush), zwei Bengali (Raju und Bapi), ein Parsi (Rustam) und ein Chinese (Bob) – war Sikandar Khan ... ach was, nicht einmal Filmstar: er war größer. Er war Gott! Wir verehrten den Mann einfach. Er war anders als alle, die wir kannten, ob in der Nachbarschaft oder sonst wo. Es gab nichts Gewöhnliches an ihm, nicht einmal seinen Namen. Er war niemandes Onkel, Chacha oder Bhaia oder irgendetwas in dieser Art. Er war einfach Sikandar Khan. Man nannte ihn entweder Mr. Khan oder Khan-sahb, je nachdem, wer man war. Bobs Vater, John Chung, der ein Schuhgeschäft in der Bentinck Street besaß, rief ihn Mr. Sikandar Khan – Hallo, Mr. Sikandar Khan!
Das war 1975 oder 76. Und es war nicht mal so, dass Sikandar Khan gerade erst in unsere Nachbarschaft gezogen wäre. Seine Familie lebte schon immer dort. Khan Furniture, das seinem Vater gehörte, war eines der ältesten Geschäfte in Janbazar. Die Familie wohnte in einem großen, alten Haus an der Ecke Temple Street und Chandni Chowk Street. Jeder kannte sie, vor allem seinen Vater, der in der Gegend zu den wohlhabendsten Geschäftsleuten gehörte. Ich hörte meinen Vater und seine Freunde, von denen die meisten entweder kleine Läden besaßen oder in ihnen arbeiteten, die Khans in ihren Gesprächen erwähnen, allerdings kümmerte ich mich nie darum, um was genau es ging. Ihr Klatsch und Tratsch interessierte mich nicht ... bis mein Vater eines Tages zu meiner Mutter sagte: „Wirklich traurig, was der arme Herr Khan (Sikandar Khans Vater) durchmacht. Erst seine Frau und jetzt ein Sohn!“ Seine Stimme klang anders. Sie hatte nicht wie üblich diesen verkniffen neidischen Unterton, wenn er über die Khans sprach. Offenbar hatte der Mann gerade seinen älteren Sohn verloren. Vor weniger als einem Jahr war schon seine Frau gestorben.
Keiner meiner Freunde wusste etwas von all dem. Außer Mush, der auch Kenntnis davon hatte, dass der jüngere Bruder des Verstorbenen, Sikandar Khan, der viel Zeit in Bombay verbrachte, für immer nach Kalkutta zurückziehen würde. „Halt die Klappe!“ bellte Andy. „Tu nicht so, als würdest du Leute kennen, die du nicht kennst.“ Mush protestierte stotternd und stammelnd, wurde aber von Andy und dem Rest der Bande, mich eingeschlossen, niedergeschrien.
Dann sah ich ihn eines Tages. Sikandar Khan! Er ging die Madan Street runter. Ich war auf dem Heimweg von der Schule. Ich erkannte ihn sofort, denn ich hatte ihn schon einmal gesehen – nicht allzu oft, aber oft genug, um zu wissen, wer er war. Allerdings war es das erste Mal, dass er mir wirklich auffiel. Wegen all der Dinge, die ich erst vor einem Monat oder so über ihn und seine Familie gehört hatte. Und Mush hatte ihn seitdem ein paar Mal erwähnt und gesagt, er käme aus Bombay zurück. „Hey, Mushy-Mush hatte recht, Mann“, sagte ich zu Andy, als ich ihn an diesem Nachmittag auf dem Shaheed Minar Ground traf. Es war ein Samstag. Andy, Raju und ich trafen uns dort, um mit ein paar anderen Kindern Cricket zu spielen. „Sikandar Khan ist aus Bombay zurück!“ informierte ich sie. Raju sagte, er habe ihn auch gesehen. Später kam heraus, dass Mush alles wusste, weil sein Vater, der eine Schneiderei in der Bertram Street hatte, die Khans kannte. Seit Jahren waren sie seine Kunden.
So hatte unsere Faszination für den Mann begonnen, die all unsere bisherigen Obsessionen – Cricket, Drachen, Aquarien – in den Schatten stellte. Auch unser Interesse an Filmen war dadurch geweckt. Angeblich stünde Sikander Khan in Bombay eine große Zukunft bevor. Er hätte es weit gebracht, wenn er nicht gezwungen gewesen wäre, zurückzukommen, weil sich sonst niemand um seinen Vater und dessen Geschäft gekümmert hätte. Wir glaubten das, ohne uns die Mühe zu machen, herauszufinden, ob es wahr war. Nie stellten wir Fragen. Sah er denn nicht genauso gut aus wie Vinod Khanna? Oder Shatrughan Sinha? „Viel besser, Mann“, würde Andy bekräftigen. „Sieh dir ihn an und dann die anderen. Himmel und Hölle, Mann! Sie können ihm nicht das Wasser reichen.“
Keiner von uns war anderer Meinung. Wir waren einfach hin und weg von unserem Star. Und dass ihn fast jeden Tag mindestens einer von uns irgendwo sah, sorgte dafür, dass das auch so blieb. Jetzt, wo er endgültig zurück war, lief man ihm ständig über den Weg. Auch der Klatsch trug seinen Teil dazu bei. Das, was die Leute über ihn sagten, ob gut oder schlecht. Bevor Sikandar Khan ins Spiel kam, hatte ich nicht sonderlich darauf geachtet, worüber die Erwachsenen sprachen. Auch meine Freunde nicht. Aber jetzt waren wir süchtig nach solchen Geschichten. Sobald es nur annähernd nach Klatsch und Tratsch klang, spitzten wir die Ohren.
Und Klatsch und Tratsch waren überall. Jeder kannte jeden in dieser eigentümlichen Welt aus Läden und Wohneinheiten, in der Geschäftliches und Familiäres wie schlammige Sturzbäche im Monsun ineinander flossen. Auch die Obstverkäufer, die auf dem Gehweg saßen, und die Verkäufer von sirupartigen, roten und grünen Erfrischungsgetränke in der belebten Madan Street. Gerüchte schwirrten umher wie die Fliegen um die sorgsam gestapelten Mangos und Papayas. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, erfuhr man allerlei pikante Details über die Leute, die in dieser Gegend lebten und arbeiteten – was sie trieben, wer Kunden ausnahm, wer mit wem zusammen war und so weiter. Was uns betrifft, so hatten wir kein Interesse an Geschichten über andere Leute. Die gingen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Aber in dem Moment, in dem wir jemanden den Namen Sikandar Khan – oder Khan-sahb oder einfach Khan – erwähnen hörten, schaltete sich unser inneres Tonbandgerät ein. Einfach so! Völlig automatisch. Wir mussten gar nichts dafür tun. Sein Name drückte immer den richtigen Knopf in unseren Köpfen.
Bald hatte jeder von uns seinen eigenen Sack voll Sikandar–Khan–Geschichten. Einige ähnelten sich, andere nicht. Manchmal hatte jeder eine andere Version der gleichen Geschichte. Beispielsweise über die Affäre unseres Mannes mit Salma, der verwitweten Tochter von Mansoor Khairullah, einem anderen großen Geschäftsmann in unserer Gegend. In Andys Geschichte war sie mit Sikandar Khan durchgebrannt und hatte ein Kind, das von einer entfernten Tante von ihr irgendwo in Gujarat aufgezogen wurde. In Mushs Version waren sie nur gute Freunde, weil ihre Familien sich seit Jahren kannten. Die spannendsten von allen waren die von mir und Bapi. Obwohl wir sie aus verschiedenen Quellen aufgeschnappt hatten, waren sie sich ziemlich ähnlich. Ich hatte (vom Sohn eines Freundes meines Vaters) gehört, dass Salma nach dem Tod ihres Mannes monatelang verschwunden war. Er war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das war irgendwann in den späten 60er Jahren, als wir noch zu jung waren, als dass wir das hätten wissen können. Sikandar Khan hatte bereits in Bombay gelebt. Er hatte arrangiert, dass Salma allein dorthin kam, damit sie heiraten konnten. Anscheinend waren ihre Familien gegen diese Beziehung. Bapi sagte: „Er war heimlich nach Kalkutta gekommen, um sie mit dem Auto mit nach Bombay zu nehmen.“ Ich habe nie erfahren, woher er die Geschichte hatte, aber sie stimmte in einigen Einzelheiten mit meiner überein: Salma war nach Bombay geflohen, um mit Sikandar Khan zusammen zu sein. Aber sie haben nie geheiratet und hatten kein Kind.
Auch wenn nur ein kleiner Teil der Geschichte wahr war (wenngleich wir glaubten, dass vieles davon stimmte), war das eine große Sache. Die Khairullahs waren nicht nur wohlhabend, sie waren auch gebildet. Salma, die einzige Schwester von vier Brüdern, hatte einen Abschluss vom Loreto College. Und sie war in diesem Teil der Stadt nun mal die Hübscheste. Obwohl ich Christine Rogers genauso hübsch fand. Sie unterrichtete am Loreto Dharamtala und wohnte nicht weit weg vom Haus der Khans in der Temple Street. Wie dem auch sei, Salma Khairullah war verdammt gut aussehend. „Sie ist so gescheit wie schön“, hatte meine Mutter einmal über sie gesagt. All das ließ Sikandar Khan für uns überlebensgroß erscheinen. Wer sonst schon könnte so etwas im wirklichen Leben fertigbringen? Das gab es doch nur im Film!
Aber es gab Dinge, die wir über ihn herausgefunden hatten, von denen wir wussten, dass sie wahr waren. Wie freundlich und großzügig er war. Bob erzählte, dass Sikandar Khan alle seine Schuhe im Laden seines Vaters kaufte und für jedes Paar zahlte, obwohl sein Vater ihm das Geld, das er sich vor Jahren von ihm geliehen hatte, nicht zurückgezahlt hatte. „Weil die Geschäfte nicht gut liefen, hat er letztes Jahr meinem Vater sogar noch mehr Geld gegeben“, so Bob. Wir wussten – wiederum von Bob – dass Mr. Chung Sikandar Khan das Geld nicht hatte zurückzahlen können.
In der Zwischenzeit stieg unsere Neugier auf die Filme, in denen er vielleicht mitgespielt hatte. Ab und zu hörten wir, man habe ihn in einem neuen Film gesehen. Und das machte uns vor Aufregung völlig verrückt. Wir sahen uns den Film an, sobald wir konnten. Rustam und Bob konnten nicht immer mitkommen, weil sie jünger waren, aber alle anderen von uns gingen auf jeden Fall rein. Wir schwänzten die Schule und schlichen uns in die Mittagsvorstellung im Elite oder Paradise oder wo auch immer der Film gerade lief. Nur um dann enttäuscht und wütend auf den zu sein, der die Lüge verbreitet hatte. Unsere Lektion haben wir allerdings nie gelernt. Jedes Mal, wenn wir ein derartiges Gerücht hörten, dachten wir: Vielleicht stimmt es diesmal! Wenn nicht, werden wir nie wieder auf solchen Unsinn hören.
Am seltsamsten war jedoch, dass wir es nie schafften, den Mann selbst zu fragen, ob er wirklich in einem Film mitgespielt hatte. Andy, der mutigste von uns, hatte es ein paar Mal versucht, aber im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Die Aura des Mannes war geradezu hypnotisierend – man stand nur da und starrte ihn an, und kaum war man drauf und dran zu sprechen, verschlug es einem die Sprache. Obwohl er mitten unter uns lebte, schien es, als ob zwischen uns eine unsichtbare Distanz war, die wir nicht zu überwinden wagten.
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Das Leben ging weiter. Um uns herum geschah so einiges an Gutem und Schlechtem. Raju, der auf die St. Mary's School ging, schaffte es 1978 in die Cricket-Mannschaft seiner Schule. Er war ein Allrounder, aber sein Bowling – Mann, war der Junge schnell – war besser als sein Schlagen. Dank seiner Leistungen kam St. Mary's, das nie eine gute Mannschaft hatte, zwei Jahre hintereinander – 78 und 79 – beim Sommerschul-Cricket-Turnier ziemlich weit. Also stand in beiden Jahren Rajus Name in den Zeitungen. Unglaublich! Einer unserer Namen in den Zeitungen? Wer hätte das für möglich gehalten! Im ersten Jahr holte er sieben Wickets in einem Spiel, darunter einen Hattrick – drei Wickets bei drei aufeinander folgenden Bällen! Im nächsten Jahr war er auch als Schläger großartig und wurde zweimal in der Zeitung erwähnt. Andy war sich sicher, dass Raju es in die bengalische U16-Mannschaft geschafft hätte, wenn er nicht schon etwas älter gewesen wäre. „Aber warte nur ab“, sagte er, „in ein paar Jahren wird er für Bengalen spielen.“ Davon war auch ich überzeugt.
Im selben Jahr – 1979 – verlor Bapi seine Mutter. Seltsamerweise hatten wir nicht gewusst, dass sie schon eine Weile krank war. Als wir jünger waren, waren wir oft bei ihm zu Hause. Die Attraktion dort war ein riesiges Aquarium, das sich neben dem Rohrbrunnen hinter der Küche befand und vor allen möglichen Pflanzen und Fischen wimmelte. Wir hockten uns auf den Boden, legten unser Kinn auf den niedrigen Betonrand und verloren uns in dieser magischen Welt. Aus irgendeinem Grund nahm er uns nie mit in sein Zimmer oder ein anderes im Haus. Er ließ uns durch eine Seitentür ins Haus und führte uns durch einen schmalen Gang an der Küche vorbei in den winzigen Hinterhof. Der Tod seiner Mutter hatte ihn verändert. Er war nicht mehr derselbe.
Ungefähr zur gleichen Zeit hörten wir, dass Bobs Familie womöglich nach Hongkong auswandert. „Papa ist es leid, sich Geld zu leihen, um den Laden zu führen“, sagte Bob. „Die Puja-Verkäufe waren dieses Jahr schrecklich.“ In den Monaten vor Durga Puja war in den Schuhgeschäften in der Bentinck Street am meisten los. Alle Ladenbesitzer rechneten zu dieser Zeit mit einem guten Geschäft. „Keiner kauft mehr chinesische Schuhe“, sagte er. „Alle wollen Bata. Papa meint, wir sollten gehen.“
Eines Nachmittags wartete Bob im Laden seines Vaters auf uns. Raju, Andy, Rustam und ich waren auf dem Weg dorthin. Der Plan war, danach zum Maidan zu gehen. Rustam erzählte von einem Freund seines Onkels, der in einer Produktionsfirma in Bombay arbeitete. Und dank dieses Freundes hatte er – sein Onkel – ein paar Stars kennen gelernt. „Zeenat Aman, Shashi Kapoor, Helen, Dharmendra“, sagte er. „Sie haben ihn sogar zu ihren Partys eingeladen – natürlich nicht meinen Onkel, sondern seinen Freund.“ Rustam sagte also, dass dieser Freund seines Onkels, wie auch immer er hieß, Sikander Khan kannte. „‚Sikandar Khan aus Kalkutta, nicht wahr?‘ sagte der Freund meines Onkels, ‚Natürlich, ich kenne ihn‘, sagte er. ‚Mein Gott‘, sagte er, ‚er hatte hier so viele Affären mit all diesen Stars!‘“ Es hieß, dass einer dieser Stars (Rustam konnte sich nicht erinnern, wer) ihn geheiratet hätte, wenn er Bombay nicht plötzlich verlassen hätte. „Alles Blödsinn!“ sagte Andy. „Ich glaube das alles nicht.“ „Vielleicht ist es ja wahr, wer weiß?“ fiel ich ein. „Natürlich ist es wahr“, meinte Rustam.
Wir waren mittendrin und wollten gerade nach rechts in die Madan Street abbiegen, als wir auf der anderen Seite ein Tohuwabohu hörten. „Seht mal, Sikander Khan!“, sagte Raju. Vor dem Geschirrladen von Ram Laha hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Sikander Khan stach heraus, denn er war einen halben Meter größer als alle um ihn herum. Wir schlängelten uns zwischen Taxis und Motorrädern durch über die Straße. Ein Mann lag stöhnend auf dem Gehweg und blutete aus der Nase. Ram Lahas Sohn (wir haben nie erfahren, wie er hieß) schrie aus Leibeskräften. „Wie kannst du das wagen in meinem Laden?“, fuhr er den Mann an. „Immer mit der Ruhe“, sagte Sikander Khan zu ihm, packte ihn am Arm und führte ihn zurück in seinen Laden. „Wie viel hat er denn genommen?“, fragte er. Es war ein heißer Tag. Sikander Khan stand der Schweiß auf der Stirn, der weiße Kameez klebte an seinem Körper. „Einhundertfünfundzwanzig Rupien, Sahb“, sagte einer seiner Angestellten. „Das war mein Geld“, sagte er. „Hast du es zurückbekommen?“ fragte Sikander Khan. Der Mann sagte, er habe die Taschen des Diebes durchsucht und das Geld gefunden. „Wenn ich dich das nächste Mal hier sehe, breche ich dir die Beine!“ schrie der Sohn von Ram Laha aus seinem Laden. „Khamosh, still!“ gebot Sikander Khan und erhob seine Stimme. „Genug! Geh jetzt zurück an deine Arbeit.“ Niemand hatte ihn jemals so wütend gehört. Alle verstummten. Auch der Dieb. „Woher kommst du?“, fragte er den Dieb. Der Mann murmelte etwas, das Sikander Khan nicht verstand. Er sah sich um und winkte einen Rikscha-Wallah heran, den er kannte und bat ihn, den Dieb zu seinem Haus zu bringen, damit sein Diener ihm etwas zu essen geben konnte. Er würde bald nach Hause kommen.
Das Ganze hatte kaum zehn Minuten gedauert. Aber wir sprachen noch Tage und Wochen danach darüber. Was uns umgehauen hat, war nicht die Art und Weise, wie er den Streit beendet hat, was für ihn ohnehin nicht schwer war. Sondern die Tatsache, dass er den Dieb zu sich nach Hause geschickt hatte. Mit dem Wissen, dass er Geld gestohlen hatte und auf frischer Tat ertappt worden war. Wer würde jemals so etwas tun?
Wir fanden später heraus, dass er dem Mann einen Job bei Khan Furniture vermittelt hatte.
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„Herr Khan ist verstorben“, sagte Mum, als ich hereinkam.
Es war ein Sonntag. Ich kam gerade vom Maidan zurück. Raju und ich waren dort gewesen, um den Drachen zuzusehen. Selbst ließen wir nicht mehr Drachen steigen, aber wir sahen anderen gerne dabei zu. „Was sagst du denn da?“ Ich schrie meine Mutter geradezu an. Sie erklärte mir, dass es sich um Sikander Khans Vater handelte. Er war krank und im Krankenhaus gewesen. „Sie haben die Leiche gerade nach Hause gebracht“, sagte Mum. „Papa ist dorthin gegangen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.“
Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnten, war, dass dies der Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte von Sikander Khan sein würde. Plötzlich war er nicht mehr so sichtbar. Und wenn man ihm irgendwo zufällig begegnete, vermied er den Blickkontakt. Er wirkte distanzierter als früher und hielt selten an für ein Gespräch. Mush sagte, sein Vater habe gedacht, Sikander Khan leide an einer Krankheit. „Mann, er sieht so dünn aus, nicht wahr?“, sagte Andy eines Tages, als wir ihn in eine Rikscha einsteigen sahen. Wir waren uns alle einig. Und plötzlich wurde uns klar, dass wir ihn jetzt immer in einer Rikscha steigen sahen, wenn wir ihn sahen. Außerdem sprachen die Leute nicht mehr über seine Schauspielkarriere. Aus Bombay kamen neue Filme, allein es fehlten die Gerüchte, Sikander Khan sei in ihnen zu sehen.
Man sprach jetzt darüber, was wohl aus Khan Furniture werden würde. Statt es nach dem Tod seines Vaters selbst zu leiten, hatte Sikander Khan einen der langjährigen Angestellten mit der Leitung betraut. Sein Name war Rashid. Er war ein Liebling von Sikander Khans Vater gewesen, aber für die Geschäftsführung zu alt, und so war es bald sein Sohn Aftab, der den Laden schmiss. Der Dieb, den Sikander Khan aus dem Laden von Ram Laha gerettet hatte, erledigte die ganze körperliche Arbeit. Er stammte aus einem Dorf im Süden des Landes. „Ein guter Mann“, sagte Mush zu uns. „Wenn er nicht wäre, wäre Khan Furniture jetzt am Ende.“ Er hatte herausgefunden, dass Aftab hinter dem Rücken von Sikander Khan Sachen verkaufte und sich das Geld in die Tasche steckte. Und dieser Mann (sein Name war Kanu) zählte jeden Tag beim Öffnen und Schließen des Ladens jede einelne Möbelstück. Er und Aftab lagen deshalb ständig in Clinch. „Kanu zahlt seine Schulden bei Khan-sahb zurück“, erklärte uns Mush. „Er tut sein Bestes, um die Interessen seines Chefs zu schützen.“
Schon bald wurde so einigen in der Gegend klar, dass der arme Kanu einen aussichtslosen Kampf führte. Eines Tages war Dad so aufgebracht, dass er Sikandar Khan in dessen Haus aufsuchte. Jener hörte meinem Vater geduldig zu, dankte ihm für seine Besorgnis, und meinte, dass er ja alles wisse, aber Aftab nichts sagen könne. „Rashid geht es nicht gut“, sagte er zu meinem Vater. „Und ich habe nicht das Geld, um ihm zu helfen.“ Aftab zu erlauben, was er trieb, war also die einzige Möglichkeit, ihm unter die Arme zu greifen. „Sie brauchen das Geld dringender als ich“, hatte er noch gesagt. „Aber Kanu versteht das nicht. Er streitet die ganze Zeit mit Aftab.“ Er bat Dad, sich keine Sorgen zu machen. „Es ist genug auf Lager, um diese Krise zu überstehen. Aftab wird nicht den ganzen Laden verkaufen können.“
Das änderte in unseren Augen das Bild, das wir uns von diesem Mann gemacht hatten. Er war nicht mehr die heldenhafte Gestalt von einst. Der Glanz war verschwunden. Er wirkte alt und schwach.
Auch wir hatten uns verändert. Zum einen waren wir plötzlich peinlich behaart. Wir alle, nur Bob nicht. Sogar Rustam, der jünger war, hatte jetzt einen schmalen Schnurrbart. Raju hatte angefangen, sich zu rasieren. Beim ersten Mal sah er aus wie eine geschorene Katze. Bei unserer Reaktion musste er lachen, wodurch er noch schlimmer aussah. Die Befürchtung, so auszusehen, ließ mich lange vor dem Rasierer zurückschrecken. Außerdem hatte ich ein schmales Gesicht, und der Flaum, der es jetzt bedeckte, ließ es ein bisschen voller aussehen. Es machte mir also nicht allzu viel aus. Aber ich trug – außer wenn ich Fußball spielte – keine kurzen Hosen mehr. Abgesehen vom Haarwuchs gab es in unserem Umfeld noch anderes, das uns in unterschiedliche Richtungen zog. Der Fokus eines jeden von uns hatte sich von Sikander Khan auf Neues in unserem Leben verlagert.
In meinem Fall war es Shibani Banerjee. Eine Schülerin der Klasse XI von Loreto Dharamtala und eine Lieblingsschülerin von Frau Rogers, der neuen Schulleiterin. Sie hatte Ja zu mir gesagt; ich konnte mein Glück kaum fassen. Wir gingen ins Kino. Ins Globe, Light House, New Empire, überall dorthin, wo Hollywood-Filme liefen. – Shibani hasste Hindi-Filme. Wir aßen Papdi Chaat und hörten die Bee Gees und Nazia Hassan. Sie war verrückt nach Disco-Musik. Obwohl sie bengalische Brahmanin war, ging sie mit uns in die Kirche. Sie kannte das Vaterunser auswendig und sang alle Kirchenlieder mit, ohne den Text mitzulesen. Meine Mutter sagte sogar: „Sie ist zwar keine Anglo, aber gegen so eine Schwiegertochter hätte ich nichts einzuwenden.“ „Zu früh, Linda, zu früh“, sagte Dad.
Ich bin Gott dafür dankbar, sagte ich mir. Ich wünsche mir gar nicht mehr vom Leben! Ich konnte mir nicht vorstellen, glücklicher zu sein, als ich war. Ich war das einzige Kind meiner Eltern, wir waren ein festes Trio. Und jetzt war da noch Shibani.
Ehe ich mich versah, waren fast zwei ganze Jahre vergangen. Ich beendete mein erstes Jahr im Studiengang Bachelor of Commerce an der St. Xavier's University, und sie war bei ihren ISC-Prüfungen die Siebtbeste. Sie hatte erwähnt, sich sowohl an der Presidency als auch an St. Xavier's zu bewerben. Sie wollte Mathematik studieren. „Bitte komm zur St. Xavier's“, hatte ich sie angefleht. Obwohl sie jetzt, mit diesen Ergebnissen, auf jedes College gehen könnte, das sie wollte. Und die Presidency wäre vielleicht sogar besser für sie. „Mein Onkel unterrichtet in den USA Mathematik“, eröffnete sie mir eines Tages. „Er möchte, dass ich zu ihm an die Uni gehe.“
Das war gegen Ende Mai, etwa eine Woche nach Bekanntgabe ihrer Ergebnisse. Wir spazierten durch die Victoria Memorial Gardens. Die Sonne ging gerade unter, aber es war immer noch sehr heiß. Ich schwitzte stark. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich das hörte. Eine Universität in den USA, meine Güte! Das wäre so toll für sie. Sie war eine Musterschülerin und verdiente die bestmögliche Hochschulbildung. Andererseits .... Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich wollte das Thema wechseln, über etwas anderes reden.
„Andys Band spielt morgen auf der Geburtstagsparty eines Klassenkameraden“, sagte ich wohl. „Wenn du Zeit hast, könnten wir hingehen.“
Den Rest des Abends verbrachten wir damit, über Andy und seine Band zu reden.
In der Zwischenzeit waren Rustam und seine Familie aus Kalkutta weggezogen. Das kam überraschend, denn im Gegensatz zu Bob hatte er nie davon gesprochen, wegzugehen. Seine Familie hatte im Gegensatz zu den Chungs keine Probleme, zumindest keine, von denen wir wussten. Wir waren also nicht auf die Nachricht vorbereitet, was sie doppelt traurig machte. Und ich war mir sicher, dass es verheerend gewesen wäre, wenn es ein paar Jahre früher passiert wäre, als wir jünger waren und uns näher standen, noch bevor Shibani in mein Leben getreten war. Raju und ich stellten fest, wie schnell sich unser Leben doch verändert hatte. Rustam fehlte mir.
Shibani war damit beschäftigt, sich auf die Prüfungen GRE und TOEFL vorzubereiten. Wann immer wir uns trafen – was plötzlich nicht mehr so oft der Fall war, weil sie so busy war – erzählte sie all das, was sie von ihrem Onkel gehört hatte. Amerika, das Universitätsleben, wie hart sie arbeiten müsste, wenn sie zugelassen würde. Und natürlich über die finanzielle Unterstützung, dass sie nur gehen könne, wenn sie ein Vollstipendium bekäme. Insgeheim hoffte ich schon, dass sie keins bekäme. Bitte, bitte, Gott, habe ich gebetet. Deswegen fühlte ich mich auch schuldig und unglücklich und flehte um Vergebung. Meine Mutter bekam mit, was vor sich ging. Ich vertraute mich ihr an. Das brachte sie zum Weinen.
An einem Tag Anfang Januar 1985 stand ich auf der Besuchertribüne des Flughafens Dum Dum und winkte Shibani zum Abschied zu. Es war ein kalter Morgen. Am Himmel Wolken. Sie stand lange Zeit auf der Fluggastbrücke, winkte und wischte sich die Tränen ab. Dann hatte sie sich umgedreht und war verschwunden.
Wir sahen uns nie wieder.
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Bobs Vater war nicht der Einzige, der sich Geld von Sikander Khan geliehen hatte. Kaum jemand hat es ihm je etwas zurückgezahlt – nur Mr. Chung. 1989 verkaufte er seinen Laden und wanderte nach Kanada aus (statt nach Hongkong). Vor seiner Abreise bot er an, die von Sikander Khan aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Sikander Khan akzeptierte nur einen Bruchteil des Betrags, den Mr. Chung ihm schuldete, schließlich brauche die Familie das Geld, um in Kanada ein neues Leben zu beginnen.
Khan Furniture war zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen. Rashid war schon vor Jahren gestorben, und Kanu war in sein Dorf zurückgekehrt. Sikandar Khan hatte alles, was ihm geblieben war, in ein paar Rikschas investiert, etwa ein Dutzend, die er täglich für ein paar hundert Rupien vermietete. Er hatte all seine Ersparnisse verloren und war ganz auf das Geld angewiesen, das ihm seine Rikscha-Fahrer einbrachten. Und das taten sie zunehmend weniger.
Er starb 1991. Der örtliche Arzt, der seinen Totenschein ausstellte, kannte Vater. Er erzählte ihm, Sikander Khan sei verhungert.
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Jahre vergingen. Aus Bombay wurde Mumbai. Sechs Jahre später wurde Kalkutta zu Kolkata. „Wenn sich der Name eines Ortes ändert, ändert sich damit ein wenig auch sein Charakter“, pflegte Mr. Mahapatra zu sagen. Er unterrichtete uns in den Klassen XI und XII in Geschichte. Von allen unseren Lehrern in St. Anthony's mochte ich ihn am liebsten. Er lebte nicht lange genug, um zu erfahren, dass ihm seine Heimatstadt eines Tages Recht geben würde. Kalkutta hatte sich verändert. Die Stadt war nicht mehr wie früher. Aber sie war immer noch mein Zuhause – ich kannte keinen besseren Ort. Und keine Stadt könnte besser geeignet sein für jemanden wie mich, einen langweiligen, dickbäuchigen, alleinstehenden anglo-indischen Buchhalter ohne Ziel und Ehrgeiz im Leben. Ich konnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Als Onkel Roger, Dads jüngerer Bruder, 1996 mit seiner Familie nach Australien zog, hatten Mum und Dad mich gebeten, mit ihnen zu gehen. Sie hatten die Möglichkeit, ebenfalls auszuwandern, aber sie wollten nicht. „Wir sind zu alt“, meinte Mum. „Aber du solltest gehen. Es sei denn, du willst der letzte Anglo-Inder sein, der noch in Kalkutta lebt.“ „Warum nicht?“, scherzte ich, um sie zu ärgern.
Nachdem Onkel Roger weggezogen war, zog ich in seine Wohnung in der Elliot Road, fuhr aber weiterhin, solange Mum und Dad noch lebten, mindestens zweimal pro Woche in mein altes Viertel. Sie wohnten weiter in dem schmuddeligen alten Haus in der Madan Street. Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2009 (mein Vater war bereits fünf Jahre zuvor gestorben) zog es mich nur noch selten in die Gegend um Chandni Chowk. Die meisten Leute, die ich dort kannte, waren zu diesem Zeitpunkt bereits weg – entweder hatten sie die Stadt verlassen oder waren gestorben. Wie Andy. Er war ein guter Musiker geworden und hatte einen viele Auftritte, aber er trank zu viel. Er starb ein Jahr vor Dad. Innerhalb von drei Jahren war Mush tot – ein Herzinfarkt. Er hatte die Schneiderei seines Vaters übernommen und war gut damit gefahren. Von Rustam und Bob habe ich nie etwas gehört. Und niemand wusste, wo Bapi war oder ob er überhaupt noch lebte.
So waren nur noch Raju und ich übrig. Wir schafften es sogar, in Kontakt zu bleiben und uns ein- oder zweimal im Jahr zu sehen, meistens um Weihnachten herum. Er rief an und kam mit einem großen Plum Cake von Nahoum's (unserer alten Lieblingsbäckerei) vorbei, und wenn er Zeit hatte, tranken wir bei mir etwas zusammen. Raju war vielbeschäftigter Besitzer eines Reisebüros mit Niederlassungen in allen Teilen der Welt und hatte dazu noch eine große Familie mit betagten Eltern, seine Frau und drei Kinder.
Letztes Weihnachten brachte er mir zusammen mit dem Kuchen eine DVD mit. „Dein Weihnachtsgeschenk, Bertie“, sagte er und reichte sie mir. Grand Trunk Road, ein Hindi-Film aus den frühen 70er Jahren. „Ruf mich an, wenn du ihn fertig gesehen hast“, sagte er, „ wir treffen uns dann im Januar.“
In dem Film spielte Sikandar Khan mit. In einer Gesangs- und Tanzszene lächelt er, hält die Hand der Heldin, läuft einen halben Kreis mit ihr, lässt dann ihre Hand los und verschwindet aus dem Bild. Nur ein paar kurze Augenblicke. Aber da war er! Ich spulte zurück und spielte die Szene mehrmals ab, um sicherzugehen, dass richtig gesehen hatte.
Es war Heiligabend, gegen sieben. Ich drückte wieder auf Rewind, dann auf Pause. Stille Nacht, heilige Nacht lief irgendwo im Radio. Ich ging zum Kühlschrank und schenkte mir noch ein Bier ein. Ich stellte mir die Gesichter von Andy, Mush und Bapi vor und all den anderen und wie wir vor all den Jahren waren, in jenem verlorengegangenen Leben. Ich sah vor mir, wie wir uns das zusammen anschauten und so glücklich waren, wie wir es noch nie gewesen waren.
Ich nahm einen Schluck Bier und wischte mir die Tränen aus den Augen. Dann drückte ich auf Play.
Copyright: Eugene Datta, Movie Star aus The Color of Noon. Copyright © 2024 by Eugene Datta. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Serving House Books.