Warum gibt es menschliche Regeln?

Navigation

Warum gibt es menschliche Regeln?

Über die verborgenen Ursprünge menschlicher Ordnung: Verbot, Kultur und soziales Unbewusstes im Widerstreit mit den rationalistischen Selbstbildern des Liberalismus und des zeitgenössischen Marxismus
Foto Bruno Elías Maduro
Bildunterschrift
Bruno Elías Maduro

Hinter der Fassade der Gewissheit beginnt das eigentliche Hinterfragen. In seiner philosophischen Kolumne UMBRAL führt uns der kolumbianische Philosoph Bruno Maduro an die Grenzen unseres Wissens. Er analysiert den blinden Glauben an wissenschaftliche Dogmen, hinterfragt die Konstruktion unserer Geschichte und beleuchtet das ungelöste Rätsel der menschlichen Existenz. Ein Denkraum jenseits der Illusionen, wo die Wahrheit oft nur im Irrtum und im Zwischenreich der Intuition schimmert.

Das äußere Verbot ist für sich genommen harmlos. Seine eigentliche Wirksamkeit entfaltet es erst durch die inneren Bindungen des Menschen. In der Regel erscheint das äußere Verbot als gesellschaftliches Gesetz oder staatliche Vorschrift, die gewährleistet, dass auf einen Verstoß eine Sanktion folgt. Für denjenigen, der ihr unterworfen ist, wird eine solche Regel häufig als etwas Unangenehmes oder Ungerechtes erfahren, auch dann, wenn sie weder unwürdig noch unangemessen ist. Doch dura lex, sed lex: So schmerzhaft sie im Einzelfall sein mag, die Regel bleibt eine Voraussetzung der Zivilisation. Sie ist notwendig für die Existenz des Individuums ebenso wie für den Fortbestand der Familie. Indem die soziale Regel Grenzen setzt und Ordnung schafft, ermöglicht sie den Menschen, ihren Lebensweg zu gehen, ohne das Zusammenleben fortwährend zu gefährden.

Doch was ist eine Regel?

Zunächst ließe sich sagen, dass eine Regel des menschlichen Zusammenlebens das funktionale Äquivalent eines logischen Systems innerhalb einer Gesellschaft darstellt. Sie ist die mentale Repräsentation einer bestimmten Form sozialer Organisation, die Verhalten ordnet und menschliches Handeln im Horizont von Verbot und Erlaubnis strukturiert. Innerhalb dieser logisch-sozialen Ordnung lassen sich zwei grundlegende Formen unterscheiden: implizite und explizite Regeln. Auf diese Unterscheidung werde ich später ausführlicher zurückkommen.

Das Erstaunliche an jener regulativen Logik, die Regeln überhaupt erst hervorbringt, besteht darin, dass die meisten Verbote und Erlaubnisse, auf denen unsere Zivilisation ruht, weder das Ergebnis rationaler Planung noch das Produkt bewusster kollektiver Überlegung sind. Wie ist das zu verstehen?

Die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens, die seit Jahrtausenden Bestand haben, sind nicht aus großen Debatten oder kollektiven Aushandlungsprozessen hervorgegangen. Ebenso wenig verdanken sie ihre Existenz den großen Gesetzgebern der Geschichte. Die eigentliche Struktur sozialer Ordnung wurde vielmehr durch die fortgesetzte Anwendung und Nichtanwendung von Verboten, Geboten und Handlungsrichtlinien geformt. Ihre Wurzeln liegen daher nicht primär im bewussten Willen eines Kollektivs oder einer ethnischen Gemeinschaft. Sie entstehen aus den Anforderungen der Situation selbst. Wo Menschen zusammenleben, entsteht die Notwendigkeit, Handlungen zu regulieren, Konflikte zu begrenzen und Erwartungen zu stabilisieren. Die Regel ist daher weniger eine Erfindung des Willens als eine Antwort auf die Bedingungen des Zusammenlebens.

Dies bedeutet, dass die Entstehung sozialer Regeln – seien sie implizit oder explizit – ebenso wie ihre Befolgung oder Übertretung nicht primär dem bewussten Handeln des einzelnen Subjekts zugerechnet werden kann. Dasselbe gilt für die Gemeinschaft, der es angehört.

Führt uns eine solche Sichtweise dazu, den Rationalismus der Vertragstheorien oder die gegenwärtigen Debatten über jene Rechtsnormen zurückzuweisen, die von modernen Gesetzgebungsapparaten hervorgebracht werden? Die Antwort lautet: in wesentlichen Teilen ja.

Die prototypische Struktur des Verbots, die den Kern jeder Regel bildet und die ich in meinem Buch Autorität und Gerechtigkeit als verbietender Akt (2025) untersucht habe, gehört weder dem Bereich der reinen noch dem der praktischen Vernunft an. Der Ursprung jener Kraft, aus der soziale Regeln hervorgehen, liegt anderswo. Er befindet sich in jenem von Dunkelheit durchzogenen Untergrund des menschlichen Daseins, in jener schwer zugänglichen Zone des Geistes, die das Handeln der Menschen bestimmt, ohne sich ihrem Bewusstsein vollständig zu offenbaren.

Dort entsteht zunächst das, was später in die gemeinschaftliche Praxis eintritt und schließlich zur Sitte, zum Brauch oder zur sozialen Norm wird. Das eigentlich Regulierende kommt von innen. Es verankert sich im Sozialen, lange bevor es begrifflich erfasst oder ausdrücklich formuliert wird. Die Bindungen, die Menschen miteinander verbinden oder voneinander trennen, wurzeln deshalb nicht zuerst in kodifizierten Gesetzen, sondern in einem tieferen Reservoir des sozialisierten Geistes.

Aus diesem dunklen Speicher steigen die regulierenden Impulse hervor, oft ohne dass wir uns ihrer Herkunft oder ihrer Wirksamkeit bewusst wären. Sie verdichten sich zu Gewohnheiten, Erwartungen und Selbstverständlichkeiten und werden schließlich zu einer intuitiven Form von Normativität. Was als soziale Regel erscheint, besitzt daher seinen Ursprung nicht allein in Institutionen oder bewussten Entscheidungen, sondern in jenen unbewussten Strukturen, die das Zusammenleben tragen und zugleich begrenzen.

Eine Regel des Zusammenlebens hängt folglich zu einem erheblichen Teil von den unbewussten mentalen Prozessen des sozialisierten Subjekts ab. Bevor die Norm ausgesprochen wird, wirkt sie bereits; bevor sie begründet wird, ist sie oft schon befolgt worden.

Dies zu entschlüsseln ist keine leichte Aufgabe. Generationen von Sozialwissenschaftlern haben diesem Problem der grundlegenden menschlichen Regulierung unzählige schlaflose Nächte gewidmet. In der Suche nach einer Erklärung des Normativen treffen die Geistes- und Sozialwissenschaften aufeinander. Historiker, Ethnografen, Soziologen oder Psychoanalytiker ähneln sich in einem entscheidenden Punkt: Sie versuchen, jene Regeln, Normen und Leitlinien zu entschlüsseln, die das soziale Gefüge ordnen und unser Zusammenleben strukturieren.

Doch zumeist beschreiben sie diese Regeln, ohne nach ihrem eigentlichen Ursprung, ihrem Motiv oder ihrem Wesen zu fragen. Die Literatur zu diesem Thema ist umfangreich. Sie schildert die Erscheinungsformen sozialer Ordnung, ihre historischen Ausprägungen und ihre kulturellen Variationen. Aber wie sind diese Regeln entstanden? Durch welche Prozesse wurden sie zu dem, was sie heute sind? Genau hier beginnt das eigentliche Rätsel.

Mit meinem Buch Autorität und Gerechtigkeit (2025) wollte ich diese Debatte über das Wesen der Regel neu eröffnen. Es ging mir darum, die Frage nach den Grundlagen sozialer Normativität wieder in den Mittelpunkt zu rücken und jene großen zeitgenössischen Diskurse zu überprüfen, die inzwischen vielfach den Status nahezu unangefochtener Wahrheiten erlangt haben. Besitzen sie tatsächlich die Gültigkeit, die ihnen zugeschrieben wird? Erklären sie wirklich, was sie zu erklären beanspruchen?

Meine Schlussfolgerung fiel ernüchternd aus. Ein beträchtlicher Teil der soziologischen, anthropologischen sowie politisch-rechtlichen Theorien erweist sich bei näherer Betrachtung als eine Form kollektiver und akademischer Fiktion. Diese Diskurse vermögen wichtige Aspekte sozialer Ordnung zu beschreiben, doch sie dringen nicht zu ihrem Ursprung vor. Sie lösen das Problem nicht; sie umkreisen es. Dort, wo das Reale seine Fragen stellt, geraten viele dieser Erzählungen ins Wanken.

Meine erste Auseinandersetzung im Rahmen dieser Kritik galt der politischen Theorie und insbesondere den normativen Grundlagen des zeitgenössischen Liberalismus. Autoren wie John Rawls und andere Vertreter der liberalen Tradition wurden dabei zum Gegenstand einer eingehenden Prüfung. Im Zentrum meiner Analyse stand Rawls’ Konzept der „Originalposition“ (Rawls, 1971), nicht zuletzt deshalb, weil kaum eine politische Theorie die Ausgestaltung moderner Verfassungsordnungen sowie die normativen Grundlagen gegenwärtiger Rechts- und Politikverständnisse so nachhaltig beeinflusst hat wie die seine.

Meine Untersuchung führte jedoch zu einer kritischen Schlussfolgerung. Gerade dort, wo die Frage nach dem Wesen einer Regulierungsnorm oder einer sozialen Regel gestellt wird, offenbart die Theorie der Originalposition ihre größte Schwäche. Rawls beschreibt die Bedingungen, unter denen vernünftige Akteure gerechte Prinzipien wählen würden; er erklärt jedoch nicht hinreichend, weshalb bestimmte Regeln überhaupt normative Bindungskraft erlangen oder wie die grundlegenden Strukturen sozialer Regulierung entstehen. An diesem Punkt setzt meine Debatte mit ihm an.

Neben dem Liberalismus habe ich mich auch mit dem anthropologischen Ansatz des klassischen Marxismus auseinandergesetzt, insbesondere mit jener marxistischen Ethnologie, die sich auf ihre Begründer Marx und Engels zurückführt (Marx, K. 1988). In meiner ethnologischen Forschungsarbeit habe ich darzulegen versucht, dass die marxistische Theorie gerade dort besonders angreifbar wird, wo sie die Entstehung sozialer Regeln, normativer Bindungen und verbietender Strukturen in den von ihr als „primitiv“ bezeichneten Gesellschaften zu erklären sucht.

Die von Marx und Engels entworfene Vorstellung einer ursprünglichen oder wilden Gesellschaft, die als historische Vorstufe höherer Entwicklungsformen erscheint und letztlich überwunden werden müsse, halte ich für problematisch. Sie betrachtet bestimmte soziale Formationen aus der Perspektive eines vermeintlichen historischen Zielpunkts und verkennt dadurch häufig ihre eigene normative Komplexität. Gerade im Hinblick auf die Frage nach dem Ursprung sozialer Regeln erscheint mir dieser Ansatz unzureichend.

Zu Beginn dieser Untersuchung stehen somit zwei einflussreiche, aber gegensätzliche Denkansätze im Mittelpunkt: der politische Liberalismus und die klassische marxistische Anthropologie. Sie bilden die ersten Gegenstände meiner Kritik. Doch sie sind keineswegs die einzigen.

Was den Liberalismus betrifft, richtet sich meine Ablehnung insbesondere gegen Rawls’ Konzeption des Schleiers des Nichtwissens. Nach meiner Auffassung steht dieses theoretische Konstrukt in einem Spannungsverhältnis zu den Erkenntnissen der zeitgenössischen Ethnografie und Anthropologie. Eine Theorie, die den Menschen von seinen kulturellen, sprachlichen und historischen Bindungen abstrahiert, läuft Gefahr, gerade jene Bedingungen auszublenden, unter denen menschliches Zusammenleben tatsächlich stattfindet.

Der Mensch erscheint bei Rawls als freies und gleiches Subjekt, das seine normativen Entscheidungen unabhängig von seinen konkreten kulturellen Verortungen trifft. Doch eine solche Abstraktion verkennt, dass Menschen niemals außerhalb ihrer symbolischen Welten existieren. Sie leben in Sprachen, Traditionen, Erinnerungen und sozialen Bindungen. Der Schleier des Nichtwissens verwandelt diese Vielfalt in eine theoretische Gleichförmigkeit und reduziert die reale Pluralität menschlicher Lebensformen auf ein universelles Modell des vernünftigen Akteurs.

Gerade hierin liegt für mich die zentrale Schwäche des liberalen Kontraktualismus. Seine Universalität wird nicht durch die Vielfalt menschlicher Erfahrungen gewonnen, sondern durch deren methodische Ausblendung. Die Folge ist eine Theorie, die den Anspruch erhebt, kulturelle Unterschiede zu überwinden, dabei jedoch Gefahr läuft, sie unsichtbar zu machen. Der Rawls'sche Universalismus erscheint daher weniger als Lösung des Problems sozialer Ordnung denn als dessen theoretische Vereinfachung.

Die liberale Tradition ist jedoch nicht die einzige, die in diese Kritik einbezogen wird. Mit gleicher Entschiedenheit richtet sich die Untersuchung gegen die klassische marxistische Anthropologie. Auch sie erscheint mir in wesentlichen Punkten problematisch, insbesondere dort, wo indigene und nichtwestliche Gesellschaften durch Kategorien beschrieben werden, die von evolutionistischen Vorstellungen historischer Entwicklung geprägt sind. Die Annahme, bestimmte Gesellschaften seien lediglich frühe Entwicklungsstufen der Menschheit, verstellt häufig den Blick auf ihre eigene normative Logik und ihre spezifischen Formen sozialer Ordnung.

Diese Zurückweisung beider Positionen ist jedoch nicht ideologischer, sondern wissenschaftlicher Natur. Mein Anliegen besteht weder in der Verteidigung noch in der Widerlegung einer politischen Weltanschauung. Ziel ist vielmehr die Frage nach dem Wesen der menschlichen Regel selbst: Woher stammen die normativen Bindungen, die das soziale Zusammenleben strukturieren, und wie gewinnen sie ihre Wirksamkeit?

Auf der Suche nach einer Antwort bin ich daher auch auf andere theoretische Traditionen gestoßen, die ich einer kritischen Prüfung unterzogen habe. Dazu gehört die Soziologie Durkheims, deren Regelbegriff ich daraufhin untersucht habe, ob er einen tragfähigen Beitrag zum Verständnis sozialer Normativität leisten kann und ob sich aus seinem Werk Anhaltspunkte für eine zeitgenössische Diskussion dieses Problems gewinnen lassen. Trotz seiner unbestreitbaren Bedeutung für die moderne Soziologie zeigen sich auch hier Grenzen, wenn es um die Frage nach dem eigentlichen Ursprung sozialer Regeln geht (Durkheim, 2025).

Ebenso habe ich den Funktionalismus Bronisław Malinowskis, insbesondere dessen Kulturtheorie, in die Untersuchung einbezogen (Firth, 1974). Sein Ansatz bietet wichtige Einsichten in die soziale Funktion von Normen und Institutionen. Dennoch bleibt auch hier die Frage offen, ob die Funktion einer Regel bereits ihre Entstehung erklärt. Zwischen der Beschreibung dessen, was Regeln leisten, und der Erklärung dessen, warum sie überhaupt entstehen, besteht ein Unterschied, der in vielen klassischen Theorien nicht hinreichend berücksichtigt wird.

Worum geht es also?

Ich beginne mit einer einfachen Frage: Was ist das, was wir eine menschliche Regel nennen?

Aus diesem Grund habe ich mich gegen die Argumentation Rawls’ gewandt und untersucht, ob seine Hypothese der ursprünglichen Position tatsächlich einen tragfähigen Beitrag zum Verständnis der Natur der Regel leisten kann. Aus politischer und rechtlicher Sicht scheint mir dies nicht der Fall zu sein. Die Idee der ursprünglichen Position liefert eher einen zeitgenössischen Mythos als eine Erklärung dafür, was eine Regel ist oder wozu sie dient.

Ich bezweifle, dass die ursprüngliche Position als tragfähige Grundlage einer modernen Gerechtigkeitstheorie dienen kann, wenn sie zugleich die narrative Basis individueller, kollektiver und verfassungsrechtlicher Rechte bilden soll. Der Grund dafür liegt darin, dass Rawls nach meiner Auffassung das Wesen der menschlichen Regel verfehlt, das sich aus dem empirischen Zusammenleben realer Gemeinschaften ergibt. Statt von den Menschen auszugehen, wie sie tatsächlich leben, handeln und ihre Beziehungen organisieren, fordert er uns auf, einen Schleier des Nichtwissens über jene Merkmale zu legen, die unsere konkrete soziale Existenz ausmachen.

Deshalb erscheint mir seine Theorie besonders dort fragil, wo sie mit der empirischen sozialen Wirklichkeit konfrontiert wird. Dies gilt vor allem dann, wenn man sie mit den normativen Ordnungen jener ethnischen Gemeinschaften vergleicht, die von der zeitgenössischen Anthropologie untersucht werden. In diesem Sinne besitzen die ursprüngliche Position und der Schleier des Nichtwissens für mich einen ähnlichen theoretischen Status wie jene symbolischen Konstruktionen, die in den Mythen beschrieben werden, welche Frazer zusammentrug (Frazer, 2025).

Rawls’ Theorie, so meine These, vernachlässigt die Natur jener impliziten und expliziten Regeln, die das Leben von Männern und Frauen tatsächlich strukturieren. Darin liegt ihr grundlegender rationalistischer Fehler.

Unser Ziel besteht daher darin, uns der Natur der Regel ohne die ideologischen Vorannahmen zu nähern, die heute häufig die akademischen Debatten bestimmen. Aus diesem Grund wende ich mich nun dem Feld der empirischen Untersuchung zu.

Ziehen wir einen ersten Fall empirischer Evidenz aus der Anthropologie heran, der meine Hypothese stützt – obwohl sich zahlreiche weitere Beispiele anführen ließen. Im Zentrum steht eine Grundregel, die das menschliche Zusammenleben ordnet und reguliert und deren Wesen bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Debatten ist: das Inzestverbot.

In meinem Buch Autorität und Gerechtigkeit habe ich dieses Problem als eines der zentralen Merkmale impliziter menschlicher Regeln behandelt. Anders als die klassischen Vertreter der Verwandtschaftsanthropologie sind wir der Auffassung, dass das ursprüngliche Inzestverbot nicht lediglich eine weitere soziale Regel unter vielen ist. Vielmehr stellt es einen primären Akt des Sozialen dar. Es gehört zu jenen Phänomenen, die den Rahmen gewöhnlicher Definitionen überschreiten. In diesem Sinne ließe es sich mit dem vergleichen, was die Griechen als περὶ ὧν τὸ τί ἐστι τῆς (Aristoteles) bezeichneten: etwas, dessen Wesen sich der vollständigen begrifflichen Bestimmung entzieht. Ein Psychoanalytiker würde vielleicht von einem mentalen Archetyp sprechen.

Gerade die Natur des Inzestverbots als Archetyp des Verbots überhaupt überrascht uns, sobald wir versuchen, seinen Charakter genauer zu bestimmen. Denn obwohl es sich einer abschließenden Definition entzieht, besitzt es eine Eigenschaft, die kaum bestritten werden kann: seine außerordentliche regulierende Kraft für das soziale Leben.

In diesem Sinne lässt sich sagen, dass seine Wirksamkeit gerade deshalb so groß ist, weil seine Quelle nicht im rationalen Konsens einer Gemeinschaft liegt. Seine Geltung beruht weder auf einem Vertrag noch auf einer bewussten Übereinkunft. Dennoch besitzt sie eine bemerkenswerte Stabilität. Das Inzestverbot erscheint daher als die nicht-rationale und nicht-vertragliche Regel par excellence.

Als implizite Grundregel entfaltet es seine Wirkung, ohne dass zuvor eine rationale Debatte über seine Geltung stattgefunden hätte. Es entsteht, verfestigt sich und erzeugt normative Konsequenzen, ohne dass seine Grundlagen Gegenstand kollektiver Verhandlungen werden. Weder ein vertragstheoretischer Ansatz noch liberale Modelle der Normbegründung vermögen seinen Ursprung überzeugend zu erklären. Das Inzestverbot entstand nicht hinter einem Schleier des Nichtwissens, nicht durch die Vermittlung zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern und auch nicht durch die bewusste Entscheidung rational kalkulierender Akteure.

Vielmehr geht es auf jene regulativen Mechanismen zurück, die tief in der psychischen und sozialen Struktur des Menschen verankert sind. Seine normative Kraft ist so groß, dass man es als einen der ältesten und wirksamsten Träger jener Ordnung betrachten kann, auf der unsere Zivilisation bis heute beruht.

Gerade bei der Entstehung impliziter Regeln, wie sie das Inzestverbot exemplarisch verkörpert, zeigt sich ein entscheidender Sachverhalt: Wenn eine solche Norm ein Verbot etabliert, dann geschieht dies nicht primär durch äußeren Zwang, sondern aus dem Inneren des Menschen heraus. Ihr Ursprung liegt im tiefsten Bereich des sozialisierten Geistes.

Dabei spreche ich bewusst vom Unterbewusstsein und nicht vom Unbewussten. Die regulativen Normen, die dem Inzestverbot zugrunde liegen, gehören weder der rationalen Argumentation noch dem kollektiven Konsens an. Sie erscheinen als Verbote ursprünglicher Art. Ihre Geltung wird nicht ausgehandelt, sondern vorausgesetzt. Deshalb entziehen sie sich weitgehend jener legislativen Diskussion, die für andere Normen charakteristisch ist.

Hier zeigt sich das, was ich in Autorität und Gerechtigkeit als die tiefgreifende Verbotsstruktur bezeichnet habe: einen Bereich des menschlichen Geistes, in dem jene sozialisierte Normativität verankert ist, die das Individuum überhaupt erst als soziales Wesen lebensfähig macht. Zugleich schützt sie die Vielfalt kultureller Identitäten und Lebensformen, die sich im Verlauf der Geschichte herausgebildet haben und bis heute fortbestehen.

Aus unseren Untersuchungen ergibt sich deshalb die Schlussfolgerung, dass die kulturellen Normen, mit denen sich die empirische Anthropologie beschäftigt, das eigentliche Fundament sozialer Ordnung bilden. Auf ihnen ruht die gesamte soziale Struktur der Gemeinschaften und Nationen. Ihre Wirksamkeit beruht nicht in erster Linie auf staatlichen Rechtsordnungen, sondern auf tiefer liegenden normativen Mechanismen.

Diese impliziten Regeln funktionieren auf besondere Weise. Sie sind verbietender Natur, weil sie aus den tiefen Schichten des psychischen Apparates heraus wirksam werden. Eben deshalb erscheinen sie automatisch, unmittelbar und weitgehend unbewusst.

Man könnte daher sagen, dass diese impliziten Regeln die eigentlichen Grundregeln unserer Zivilisation darstellen. Sie sind normative Orientierungen, die weder rational begründet noch vertraglich ausgehandelt werden müssen. Sie wirken gerade deshalb so nachhaltig, weil sie tiefer reichen als jede bewusste Rechtfertigung.

Unsere Arbeit einer empirisch-ethnologischen Hermeneutik verfolgt das Ziel, die Funktionsweise solcher Verbotsnormen genauer zu verstehen. Bis heute ist dies nur unzureichend geschehen. Genau hier setzt unser Forschungsprogramm an.

Dies war letztlich das zentrale Anliegen meines Buches Autorität und Gerechtigkeit, das bislang nur in meinem Heimatland Kolumbien veröffentlicht wurde. Wenn wir auch in den kommenden Jahrtausenden eine Welt vielfältiger und unterschiedlicher Völker bewahren wollen, wie sie die ethnologische Forschung dokumentiert hat, dann erscheint eine solche Untersuchung nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

+++

Bibliographie

Durkheim, É. (2025)
Die elementaren Formen des religiösen Lebens
Das totemistische System in Australien (und andere Schriften über Religion und Wissen)
Mexiko: Fondo de Cultura Económica

Marx, K. (1988). 
Die ethnologischen Aufzeichnungen von Karl Marx
Spanien: Verlag: Pablo Iglesias

Rawls. J. (1971)
A Theory of justice
Cambridge, MA, Harvard U. Press

Firth, R. W. (1974)
Mensch und Kultur: Das Werk von Bronislaw Malinowski
Spanien: Siglo Veintiuno

Frazer, S. J. G. (2025) 
La rama dorada: Magia y religión 
Spanien: Fondo de Cultura Económica

Valentín García Yebra (1970) 
Metaphysik des Aristoteles
Dreisprachige Ausgabe: Bd. 1-2. 
Spanien: Gredos

Maduro R. Bruno (2022)
La teoría del poder
Dänemark: SAGA Egmont

Maduro R. Bruno (2025) 
Autoridad y justicia. El sentido de las normas en sociedades inequitativas y desequilibradas
Ed Leyer. Bogotá


Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen! 
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!