Meine Heimat in den Höhlen des Todes
Mohammed Al-Mekhlafi ist ein Schriftsteller aus dem Jemen, der sich auf arabische Literatur und Literaturkritik spezialisiert hat. Er schreibt sowohl auf Arabisch als auch auf Englisch für verschiedene lokale und arabische Plattformen sowie für andere Websites in Europa und Kanada, darunter Rai Al-Youm, Quraysh, Al-Quds Al-Arabi, Toyob Al-Libbi und Nakheel Iraqi.
Er arbeitet auch als Übersetzer vom Arabischen ins Englische und umgekehrt. Bislang hat er sieben Bücher übersetzt, darunter Theaterstücke, eine Autobiografie und einen Roman.
Kann Literatur sehen, was der Realität noch verborgen bleibt? Manchmal ist sie der Wirklichkeit zwar nicht zeitlich voraus, sondern in ihrer Wahrnehmung. Sie erfasst die kleinsten Verschiebungen, während sie leise Gestalt annehmen – lange bevor sie für alle sichtbar werden.
Dieses Konzept verkörpert das Werk des deutschen Kritikers Siegfried Kracauer (1889-1966) in besonderer Weise. Als früher Analytiker der Massenkultur – noch vor der eigentlichen Formierung der Frankfurter Schule – untersuchte er die verborgenen Wechselwirkungen zwischen Kunst und Gesellschaft. In seinem 1947 erschienenen Buch Von Caligari zu Hitler (Princeton University Press) zeigte Kracauer, wie Massenkultur die verdrängten Wünsche, Ängste und autoritären Sehnsüchte eines Kollektivs sichtbar macht – als Schatten kommender Entwicklungen, lange bevor sie sich als politische Realität manifestieren.
Siegfried Kracauer behauptete nie, das deutsche Kino habe den Nationalsozialismus prophetisch vorhergesagt. Ihm ging es um etwas weitaus Subtileres: Das Kino fing unbewusst die allgegenwärtige Angst und die kollektive Sehnsucht nach Unterwerfung ein. Es registrierte jene unterschwelligen Spannungen, die lange am öffentlichen Bewusstsein nagten, bevor sie sich in konkrete politische Maßnahmen verwandelten. Der wahre Künstler sieht die Zukunft nicht voraus – er nimmt die Gegenwart mit einer Tiefe wahr, die die Gegenwart selbst noch nicht zu erkennen vermag.
Der in Frankfurt am Main geborene Kracauer arbeitete als Journalist und Filmkritiker. Er gehörte zu den Ersten, die das Kino nicht als bloße Unterhaltung betrachteten, sondern als psychologisches und gesellschaftliches Dokument, das die verborgenen Ängste und Sehnsüchte einer Nation sichtbar macht. In seiner Analyse der Filme der Weimarer Republik erkannte er, dass die Bilder von Autorität, Kontrolle und Tyrannei niemals unschuldig waren, sondern Vorzeichen dessen, was der deutschen Geschichte noch bevorstand. Für Kracauer ist Kunst daher nicht nur Spiegel, sondern auch Fenster.
Wendet man den Blick heute auf die arabische Welt – insbesondere auf den Jemen und den Nahen Osten insgesamt –, drängt sich dieselbe Frage auf: Erfassen die Schriftsteller, die wir heute lesen, diese verborgenen Signale? Oder bleiben sie an das gebunden, was an der Oberfläche ohnehin bereits sichtbar geworden ist?
Der Jemen erscheint dabei wie ein verdichtetes Modell. Das Chaos ist keine Ausnahme mehr, sondern alltäglicher Hintergrund geworden. Der Konflikt ist kein Ereignis mehr, sondern eine vertraute Szenerie. Zurück bleibt ein schleichender Zusammenbruch sozialer und politischer Strukturen – und eine Gesellschaft, die in einem Zustand permanenten Verlustes und unaufhörlicher Angst lebt.
Wenn die Blinden sehen, was den Sehenden verborgen bleibt
Im Jemen findet diese Intuition eine eindrucksvolle Verkörperung im Werk von Abdullah Al Baradouni. Der Dichter verfügte über einen außergewöhnlich scharfen politischen Instinkt – vielleicht auch als Gegenbewegung zu dem Umstand, dass er im Alter von sechs Jahren durch Pocken sein Augenlicht verlor. Gerade diese Blindheit schien seinen Blick für das Unsichtbare zu schärfen: für das, was sich hinter trügerischen Parolen, ideologischen Fassaden und dem Glanz offizieller Erzählungen verbarg.
Abdullah Al-Baradouni schrieb nicht aus einem abstrakten oder geschützten Raum heraus. Er kannte Gefangenschaft, Unterdrückung und persönliches Leid aus eigener Erfahrung und erlebte die politischen Umbrüche des Jemen in ihren entscheidenden Phasen unmittelbar mit. Seine Texte entstehen daher nicht aus der Distanz eines Beobachters, sondern aus gelebter Erfahrung.
In seiner Gedichtsammlung To the Eyes of Balqis's Mother (Dar Al Awda, Beirut, 1971) überschreitet seine Poesie den bloß ästhetischen Ausdruck und wird zu einem Instrument, um gesellschaftliche Veränderungen sichtbar zu machen. Balqis erscheint bei ihm nicht lediglich als historisches Symbol, sondern als Chiffre für einen Jemen im Zustand permanenter Spannung und innerer Zerrissenheit.
Besonders in seinem Gedicht Von einem Exil zum anderen beschreibt Al-Baradouni den absurden Kreislauf einer Nation, die sich unaufhörlich durch Leere, Konflikt und Wiederholung bewegt – gefangen in einer Geschichte, die keinen endgültigen Ausweg zu kennen scheint:
Mein Heimatland – von der Hand eines Tyrannen zum Blick eines noch grausameren,
von Gefängniszelle zu Gefängniszelle, von Exil zu den Labyrinthen des Exils.
Von einem entblößten Eroberer zu einem maskierten Eroberer,
von einer Bestie zu zweien, während sie daliegt – die ausgemergelte Tochter des Kamels.
Mein Land verharrt in den Höhlen des Todes,
wo weder Untergang noch Erlösung zu finden sind.
Diese Verse sind weder der Versuch einer Prophezeiung noch bloße, nüchterne Chronik politischer Ereignisse. Sie machen vielmehr sichtbar, wie Krisen im Inneren einer Gesellschaft langsam Gestalt annehmen. Abdullah Al-Baradouni beschreibt eine regelrechte Kettenreaktion des Zerfalls: eine Tyrannei, die zwangsläufig eine noch größere Tyrannei hervorbringt, und ein Land, das sich in eine rastlose Arena permanenter Konflikte verwandelt.
Was Al-Baradouni jedoch besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, die verborgenen Kolonisatoren zu erkennen – jene unsichtbaren Kräfte und schleichenden Verschiebungen, die den Jemen in einem Zustand zwischen Tod und Überleben festhalten. Sein Land bleibt gefangen in den „Höhlen des Todes“: unfähig zu sterben, um Ruhe zu finden, aber ebenso unfähig zu heilen, um sich neu zu erheben.
Hamid Oqabi @ Literatur.Review: Umm Al-Duwais - Eine Kurzgeschichte aus dem Jemen
Der Widder, der die Macht entlarvte
Von der Poesie zum Roman, von der verdichteten Intensität Abdullah Al-Baradounis zur erzählerischen Weite von Hamid Oqabi. Der aus Tihama stammende Autor verließ den Jemen um die Jahrtausendwende in Richtung Frankreich. Sein Aufbruch war weniger ein explizit politischer Akt als vielmehr der Versuch, für sich und seine Familie ein stabiles Leben fern von den Krisen, Spaltungen und fortwährenden Erschütterungen seiner Heimat zu finden.
In seinem Roman Das jemenitische Gestüt Ram (Dar Al Darawish, Bulgarien, 2024) formuliert Hamid Oqabi keine direkten Prophezeiungen und entwirft auch kein offenes politisches Manifest. Stattdessen erzählt er eine scheinbar schlichte Geschichte, die nach und nach eine weit tiefere gesellschaftliche Struktur freilegt.
Im Zentrum steht ein kleiner Widder, den ein Mann namens Wahid in einem Dorf bei Beit al Faqih findet. Das Tier entwickelt sich außergewöhnlich gut und erlangt rasch Berühmtheit; Menschen aus der ganzen Region suchen es zur Zucht ihres Viehs auf. Bald kursieren Gerüchte, sein Fleisch verleihe besondere Potenz, wodurch sein Wert ins Astronomische steigt. Schritt für Schritt verwandelt sich der Widder von einer lokalen Kuriosität in eine Quelle von Einfluss und Macht, deren Wirkungskreis schließlich bis zu Beamten und an die Spitze des politischen Systems reicht.
Mit der Zeit wird der Widder selbst zu einem Instrument der Hegemonie. Sein Fleisch dient dazu, Loyalitäten zu sichern, Gegner zu kaufen und Machtverhältnisse zu stabilisieren. Den Höhepunkt erreicht die Erzählung, als der Widder an ein Nachbarland verkauft wird – nicht allein, sondern mitsamt dem gesamten Dorf und allem, was dazugehört, als wären Land und Menschen nur noch Bestandteile eines Geschäfts. Doch dieser Aufstieg bleibt nicht von Dauer. Der Widder stirbt, und mit seinem Tod beginnt der Zusammenbruch: Autoritäten stürzen, Revolutionen brechen aus, das Land versinkt im Chaos.
Der Roman behauptet nicht, dass sich diese Ereignisse eins zu eins in der Realität vollziehen werden. Vielmehr zeigt er, wie Zerfall entsteht: in dem Moment, in dem die Illusion Wirklichkeit ersetzt und kritisches Denken verschwindet. Gerade darin erinnert Oqabis Roman an die kulturtheoretischen Einsichten Siegfried Kracauers – nicht weil Kunst die Zukunft exakt vorhersagt, sondern weil sie jene verborgenen Mechanismen sichtbar macht, aus denen politische Katastrophen hervorgehen.
Am Ende kehrt der Roman die Perspektive um. Trotz aller Verwüstung erscheint der Jemen plötzlich als humanitärer Prüfstein der Welt – als Ort, an dem sich entscheidet, ob Menschlichkeit überhaupt bewahrt werden kann. Gewalt erzeugt neue Gewalt, Verlust setzt sich fort, und doch schließt dies nicht die Möglichkeit aus, dass eine andere Generation aus den Trümmern hervorgeht: eine Generation, die die Fragmente aufsammelt und einen Wandel hervorbringt, der aus dem Jemen selbst entsteht.
Vom schiitischen Magazin zur digitalen Masse
Dieses literarische und kulturelle Bemühen, die verborgenen Verschiebungen im kollektiven Bewusstsein sichtbar zu machen, beschränkt sich nicht auf Poesie oder Roman. Es setzt sich ebenso in der Beobachtung kultureller Transformationen innerhalb der digitalen Sphäre fort – besonders im Werk von Alwan Mahdi Al Jilani.
Alwan Mahdi Al Jilani, Dichter und Forscher mit einem besonderen Interesse an kulturellem Erbe und Spiritualität, gilt mit seinen 37 veröffentlichten Büchern als eine der prägenden Stimmen der Generation der Neunzigerjahre. Er erkannte früh, dass sich die verborgene Wirklichkeit längst nicht mehr nur in alten Volksmärchen oder mythologischen Erzählungen verbirgt. Sie zeigt sich heute ebenso in der Sprache, mit der Menschen ihr fragmentiertes Alltagsleben auf Bildschirmen festhalten und deuten.
In seinem Buch Sorrows of the Estranged (Anaween Books, Kairo, 2023) entwickelt Al Jilani eine präzise Analyse der jemenitischen Kulturszene durch die Linse von Sprache, Form und kultureller Struktur. Das Werk ist das Ergebnis einer zehnjährigen Forschungs- und Beobachtungsreise, auf der er die Entwicklung des Prosagedichts von seinen frühen Impulsen im Shi'r-Magazin bis hinein in die Welt sozialer Medien nachzeichnet.
Alwan Mahdi Al Jilani wählte den Titel seines Buches in Anlehnung an einen gesellschaftlichen Brauch in Tihama: Eine Frau, die außerhalb ihres Dorfes heiratet, wird dort als „die Fremde“ (Al Ghariba) bezeichnet – ein Name, der sie verfolgt, selbst wenn sie längst Teil ihrer neuen Umgebung geworden ist. Dieses Bild überträgt Al Jilani auf das Prosagedicht, das für ihn eine doppelte Entfremdung erfahren hat: Einerseits kam es wie ein Einwanderer aus einer anderen kulturellen Tradition, andererseits prallte es auf einen konservativen Literaturgeschmack, der sich weigerte, die Grenze zwischen Poesie und Prosa aufzulösen.
Al Jilani argumentiert, dass die digitalen Transformationen der Gegenwart zugleich die veränderte Natur des arabischen Individuums offenlegen. Soziale Netzwerke haben Dichter zwar von vielen traditionellen Beschränkungen befreit, zugleich aber einen Raum geschaffen, in dem Tiefe zunehmend im Strom unablässiger Texte verloren geht. Er zeigt, wie sich digitale Freiheit in eine Illusion von Teilhabe verwandeln kann und wie neue Medien das Bewusstsein verzerren – ähnlich wie Abdullah Al-Baradouni bereits den gesellschaftlichen Zerfall beschrieb, der beginnt, wenn Mythos und Illusion die Logik verdrängen.
Wenn ich heute im Jemen lebe und beobachte, wie sich alles vor meinen Augen entfaltet, wird mir immer deutlicher, dass die Veränderungen, die wir erleben, keineswegs so plötzlich eingetreten sind, wie wir es uns gern erzählen. In Wahrheit hatte die Literatur sie längst sichtbar gemacht – wir aber haben unsere Zeit damit verschwendet, sie zu ignorieren.
Die Texte, die ich einst als bloße Fiktion oder als schwer zugängliche Symbolik abtat, erscheinen mir heute erschreckend konkret. Es ist, als hätten sie die Wirklichkeit bereits dokumentiert, während diese noch lautlos Form annahm. Die Literatur hat nie geschwiegen; wir waren nur zu beschäftigt, um wirklich zuzuhören. Alles, was wir heute erleben, stand die ganze Zeit vor uns geschrieben – doch wir wollten es nicht sehen.
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