Als ich mich eines Tages in ein Theater verliebte

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Als ich mich eines Tages in ein Theater verliebte

Über die Orte, die uns prägen und die wir prägen - Narrative über das Syrien von gestern und das Syrien von heute
Rosa Yassin Hassan
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Rosa Yassin Hassan

Rosa Yasin Hassan ist eine syrische Romanautorin und Schriftstellerin. Sie wurde 1974 in Damaskus geboren und studierte Architektur. Nach ihrem Abschluss im Jahr 1998 arbeitete sie als Journalistin und schrieb für verschiedene syrische und arabische Zeitschriften. Ihre erste Buchveröffentlichung war eine Sammlung von Kurzgeschichten, die im Jahr 2000 unter dem Titel A Sky Tainted with Light erschien. Sie hat  eine Reihe von Romanen geschrieben, angefangen mit Ebenholz (2004), das mit dem Hanna-Mina-Preis ausgezeichnet wurde. Ihr dritter Roman Hurras al-Hawa (Wächter der Lüfte, 2009) stand auf der Longlist für den Arabischen Booker-Preis. Seit 2015 ist sie Mitglied des International Pen Club und lehrt zeitgenössische arabische Literatur an der Universität Hamburg. Sie lebt seit Ende 2012 im Exil in Deutschland.

Die wechselnden Energien von Orten und Menschen

Eines Tages verliebte ich mich in das Al-Hamra-Theater in Damaskus.
Ich entdeckte dort ein Wesen, das von einer tiefen Seelenruhe durchdrungen war: Drum herum brodelte das Leben, schnell und laut, während das Theater ein Fels in der Brandung war, unerschütterlich gegenüber allem, was über seine Bedeutung oder seinen Einfluss gesagt wurde. Es ruhte liebevoll in sich selbst. Vielfältig in seinen Zuständen, genau wie seine Theaterstücke: romantisch, absurd, existenziell, komisch, philosophisch, leidenschaftlich und manchmal musikalisch. Ich liebte es in all seinen Facetten, so wie es mich in all meinen Facetten liebte. Zwischen uns entspann sich eine zutiefst spirituelle Beziehung.

Trotz der zeitlichen und geografischen Distanz blieb unsere Liebe bestehen. Sie ist einfach zu mächtig, als dass sie gebrochen werden könnte, und zu flexibel, als dass Umständ sie eingrenzen könnten. Ich träume immer noch von ihm, wie es an der Straßenecke neben dem Salhiya-Tor auf mich wartet, und ich bin mir sicher, dass, wenn wir uns wiedersehen, all die Jahre der Trennung augenblicklich vergessen sind und unsere Liebe neu entflammt.

Eine Frau kann sich wirklich in ein Theater verlieben, genauso wie ein Mann leidenschaftlich in ein Kino verliebt sein kann. Ich kenne viele solcher Liebesgeschichten. Mein Vater zum Beispiel war ein Liebhaber des Ugarit-Kinos in seiner Heimatstadt Latakia. Kennt zufällig jemand das Ugarit-Kino?

Das Ugarit-Kino befand sich mitten auf dem nach ihm benannten Platz. Angeblich ist es eines der ältesten Kinos der Küstenstadt. Dieser Ort hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, denn er ist Teil der Liebesgeschichten, die mein Vater mir erzählte.
Ich kann mir noch heute, viele Jahre nach seinem Tod, vorstellen, wie er Mitte der 70er Jahre auf dem Weg zur Arbeit jeden Morgen aus dem Souk al-Maqbari kam, den Ugarit-Platz überquerte und sich vor dem Ugarit-Kino wiederfand, das majestätisch an der Stirnseite des Platzes stand, bevor er nach links abbog. Für einige Sekunden fiel sein Blick auf das Plakat des neuen Films, das sich großflächig an der Fassade ausbreitete: „Ein Wald von Beinen“, mit Mahmoud Yassin, der unter den vielen verführerischen Frauenbeinen verloren ging.
Zum Glück ist mein Vater gestorben, bevor er hätte mit ansehen müssen, wie diese Orte, die ihm lieb und teuer waren, zerstört wurden. Ich kann kaum glauben, dass ich so etwas sage ... Aber der physische Tod ist bisweilen ein Segen – der Segen, nicht mit ansehen zu müssen, wie unsere Lieben vor unseren Augen verschwinden. Die Fassade des Ugarit-Kinos, die er mir so leidenschaftlich beschrieben hatte, würde verfallen, und in weniger als vierzig Jahren würde sich der Ort in eine grauenhafte Militärkaserne verwandeln. Gegenüber würde ein hässliches Armeegebäude stehen, auf dessen blanker Fassade nur noch Porträts des Diktators und ihn verherrlichende Inschriften prangen. Für bunte Filmplakate wäre kein Platz mehr.

Wie hätte ich ihm diese behelfsmäßige Barriere aus schwarzen LKW-Reifen beschreiben sollen, die den Platz in zwei Hälften teilte und jeden Tag ein Stück höher wurde? Eine Mauer, die einzig zu dem Zweck errichtet wurde, um den Platz zu verunstalten und das Kino einzusperren, damit die Menschen vergessen, was es einmal gewesen war.

(1) Siehe: Ort, Wissen und Macht. Michel Foucault und die Geographie. Lektüre und Kommentar: Dr. Karam Abbas Arafa. Überarbeitung: Dr. Atef Motamed. PDF, 2013).

Orte sind nur Spiegel, die die Wahrheit derer widerspiegeln, die sie bewohnen, Spiegel eines kollektiven Unbewussten.
Wenn ich an all das denke, was diesem unglücklichen Kino passiert ist, fällt mir unweigerlich Michel Foucault ein, nach dem ein Ort „sich durch seine Beziehung zu anderen Orten definiert, insbesondere zu denen, die ihm gegenüberstehen und die auf die eine oder andere Weise die Phasen des menschlichen Lebens zum Ausdruck bringen“. (1)

Die Beziehungen zwischen Macht, Wissen und Raum sind untrennbar miteinander verbunden. Freiheit, soziale Beziehungen und Orte können nicht voneinander getrennt werden.

In Syrien schrumpfte der öffentliche Raum im Alltag in dem Maß, wie das Regime die Kontrolle im Land verstärkte. Die tieferen Bedeutungen der Orte, ihre historischen, sozialen, emotionalen und sogar moralischen Konnotationen wurden auf brutale Weise erschüttert.

Im Laufe der Jahre wurde das Kino Ugarit zu einem Zentrum, von dem aus der Terror und die Milizen des Regimes agierten und die ganze Stadt terrorisierten, insbesondere diejenigen, die es gewagt hatten, sich dem Blutbad zu widersetzen, das das Land seit 2011 verwüstete.

Anstelle der Filmgrößen Rushdi Abaza und Nadia Lotfi besetzte den Raum nun Abu Jaafar, der seine Todesschwadronen in die umkämpften Stadtviertel entsendete. Und statt dass Nahid Sharif unter tosendem Applaus aus der Tür des Kinos trat, wurden nun in schmutzige Laken gewickelte Körper von Oppositionellen, die unter Folter gestorben sind, klammheimlich und diskret herausgeholt. Selbst das Kino ist zu einem Foltergefängnis geworden!

Städte leben zwar von der Energie ihrer Einwohner, aber hätte man sich vorstellen können, dass sich das Schicksal von Plätzen, Städten und Ländern so ändern würde?

Der Ugarit-Platz war eine Agora, ein neuralgisches Zentrum in hellenistischer Zeit, eine Stadt, die seit der Altsteinzeit, vor fast 125.000 Jahren, bewohnt war. Eine Stadt, deren älteste menschliche Spuren aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. in Ras Schamra zu finden sind sowie die erste Alphabetschrift der Menschheit.

Eine Stadt mit vielen Namen – Latakia, Ramitha, Laodicea –, die so vielfältig und bunt ist wie ihre Bezeichnungen. Sie nahm früh das Christentum an, erlebte das Joch Dutzender Regierungen und Besatzungen und wurde mehrfach durch Erdbeben zerstört. Doch jedes Mal stieg sie, gleich ihren Bewohnern, wie Phönix aus der Asche – ihr Totem.

Sie erlebte Revolutionen, Hungersnöte, Katastrophen und Tragödien und stand immer noch stolz da, bis einer ihrer eigenen Leute kam und den Küstenstrich vergewaltigte und ihr Antlitz entstellte, ein Gesicht, das von der Zeit gezeichnet, aber immer noch betörend ist: das einer reifen Frau, gezeichnet von Altersweisheit.

Die Schicksale unserer Orte sind mit den unseren verbunden, so wie wir von ihrem Schicksal geformt werden. Unsere Beziehungen zu Orten unterscheiden sich nicht so sehr von unseren Beziehungen zu Menschen oder gar von denen, die wir zu uns selbst unterhalten. Sie bauen sich so auf, dass sie unsere Beziehung zum „Anderen“ widerspiegeln: manchmal sind sie von Liebe geprägt, ein andermal gründen sie nicht auf Verständnis und Einfühlungsvermögen, oder im Gegenteil auf Ablehnung und Unverständnis. Sie werden von unseren Stimmungen, Erfahrungen, unserem Gedächtnis, unseren Ideologien und unserer Fähigkeit, Unterschiede zu akzeptieren, beeinflusst. Und da unsere Beziehung zu „dem Anderen“ ein Spiegel unserer Beziehung zu uns selbst ist, spiegelt jede singuläre Beziehung zu einem Ort einen anderen Teil unserer eigenen Identität wider.

(2) Auszug aus einem in Veröffentlichung befindlichen Werk von Nawal Al-Halh, Darstellungen von Revolution und Exil im arabischen Roman nach 2011, Gewinner des AFAC-Preises.

Die Forscherin und meine Freundin Nawal Al-Halh schreibt:
„Ein Ort ist ein besonderer Blickwinkel auf die Welt, der sich durch die Interaktion zwischen den Figuren und den Ereignissen herauskristallisiert. Es gibt keinen Ort, der anders als durch einen Blickwinkel beschrieben wird.“ (2)

Wenn dies der Fall ist, dann sind unsere Verbindungen zu einigen unserer früheren Orte dazu bestimmt, zu zerbrechen, insbesondere nach den Tragödien, die die Syrer seit 2011 erlebt haben. Genau so, wie einst feste Freundschaften und Beziehungen zerbrochen sind.
Aber bedeutet das, dass ein Ort im Laufe der Zeit seine eigene Sichtweise entwickeln kann? Dass diejenigen, die ihn beherrschen, seine Wahrnehmung und sein Wesen verändern können?

Es besteht eine dialektische, komplexe und wechselseitige Beziehung zwischen einem Ort und seinen Bewohnern. Diese Frage treibt mich immer wieder um.
In der zweiundzwanzigsten Regel der Vierzig Regeln von Shams al-Din al-Tabrizi heißt es: „Wenn ein wahrer Gottesanbeter eine Taverne betritt, wird diese zu seinem Gebetsort. Aber betritt sie ein Säufer, wird sie zu seiner Schenke.“ Bedeutet das, dass unsere Interaktion mit einem Ort ihn, sein Wesen und seine Energie, verändert, so wie er auch auf uns einwirkt?

Wenn wir einen Ort betreten, nehmen wir seine Schwingung wahr. Es gibt männliche und weibliche Räume. Ibn Arabi meinte nicht nur die sprachliche Feminisierung, als er sagte:
„Ein Ort, der nicht feminisiert ist, kann nicht vertrauenswürdig sein.“

Er sprach von einer spirituellen Feminisierung, aufgeladen mit der Energie des Lebens, der Gastfreundschaft, der Offenheit, der Vielfalt und der Intuition.
Eines Tages veränderten sich gewisse von uns geliebte Orte. Sie wurden feindselig, verschlossen, männlich und bedrückend – so wie wir unsere eigenen Energien verwandelt sahen.

Ein unveränderliches Wesen namens: Der Ort

Meine Projektleiterin im vierten Studienjahr Architektur sagte einmal zu mir:
„Ein Ort ist ein Geschöpf, das du erschaffst. Wie jedes andere Lebewesen wird er sich von dir lösen, um sein eigenes Dasein zu führen, mit eigenen Emotionen und Gedanken. So musst du ihn betrachten!“

Es dauerte eine Weile, bis ich den tieferen Sinn ihrer Worte begriff, denn das Verstehen ist nur Frucht unseres eigenen Bewusstseins.
Ein Ort, den wir erschaffen, trägt tiefe Emotionen in sich, die mit seinen Bewohnern interagieren. Seine Persönlichkeit wird von seiner Umgebung beeinflusst, so wie er seinerseits diese Umgebung beeinflusst. Er nimmt auf, was in ihm und um ihn herum geschieht, und andere hören seine Stimme, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind.

Sie hören ihn mit ihrer Seele, ihrem Unterbewusstsein, selbst wenn sie ihn nicht mit ihrem Gehör und ihrem Bewusstsein wahrnehmen.

Wir zeichnen nicht einfach Linien auf Papier und stapeln dann Steine aufeinander. Wir gebären eine Geschichte, die Geschichte eines Wesens, das stärker als jedes andere auf dieser Erde verwurzelt ist – vielleicht sogar empfindsamer.

So hätte mein Architekturstudium aussehen sollen. Aber so war es nicht.

Das Problem ist, dass ich einer Generation angehöre, deren Verbindung zu dem Ort weitgehend zerstört wurde – genau wie so viele andere Aspekte unserer Existenz in Assads Syrien.

So wie das Konzept der nationalen Identität seiner Bedeutung beraubt wurde, wurde auch das Konzept der Zugehörigkeit zu einem Ort ausgelöscht.
Wie könnte man also jemals in Betracht ziehen, diese Orte als vollwertige Wesen mit eigener Identität und eigenen Rechten zu behandeln?

Die Behandlung, die die Behörden den Orten zukommen lassen, ist ähnlich der, die sie den Menschen zukommen lassen. Orte sind genauso Sklaven wie Menschen: überwacht, vergewaltigt, verängstigt. Der Mangel an sozialer, politischer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit hat sich leider in schmerzhafter Deutlichkeit durch den Mangel an räumlicher Gerechtigkeit manifestiert. Die Zerstörung von Millionen von Häusern, Gebäuden und Plätzen nach 2011 war nie abgekoppelt von der Ermordung, dem Tod, der Verhaftung und der Vertreibung von Millionen von Menschen. Das Gedächtnis der Orte zu tilgen ist auch Teil der Auslöschung des Gedächtnisses des Volkes, wodurch ein neues Gedächtnis und eine neue Erzählung – die der Tyrannen – erschaffen werden, die das Land noch lange prägen werden.

Mit der Zeit, als die Kontrolle des Baath-Regimes über das Land zunahm, veränderten sich seine Eigenheiten und die althergebrachte Schönheit verblasste, denn Orte sind der Abdruck eines Landes. Die Elendsviertel, die sich in den Außenbezirken der Großstädte ausbreiteten, die hässlichen Gebäude, die wie verblichene Betonwürfel aussehen, die Wüste, die am Grün des Landes zehrt ... Wer das heutige Syrien mit dem früheren vergleicht, wird es kaum wiedererkennen. Städte sind wie Menschen: Sie werden geboren, durchlaufen Kindheit und Jugend, werden alt und sterben schließlich. In Syrien aber wurde der Tod der Orte erzwungen: durch vorsätzliche Tötung ihres Stolzes, Zerstörung des alten Charismas, eine implizite Form der Rache. Dieser Rache hat viele Ursachen, die durch eine soziale und kulturelle, aber auch politische und wirtschaftliche Brille analysiert werden können, indem man die Reaktionen, Gefühle, Gedanken und Überzeugungen der Einwohner untersucht. Am deutlichsten hat sie sich jedoch im öffentlichen Raum manifestiert. Ein einfacher Blick auf die Orte genügt, und man kann einordnen, in welche politische Epoche Damaskus gehört.

(3) Weitere Informationen in Edward W. Sojas Artikel: „The City and Spatial Justice“, übersetzt von Sophie Didier und Frédéric Dufaux, veröffentlicht im Jahr 2009. Siehe auch: https://www.jssj.org/article/la-ville-et-la-justice-spatiale/.

Das Fehlen des von dem Amerikaner Edward Soja entwickelten Konzepts der „räumlichen Gerechtigkeit“ war im ganzen Land nicht zu übersehen. Ebenso war es offensichtlich, dass die Syrer den Kampf um soziale Gerechtigkeit, der sich auch als Kampf um die Geografie erwies, jeden Tag ein Stückchen mehr verloren. Soja zufolge „beinhaltet soziale Gerechtigkeit eine faire und gerechte räumliche Verteilung von sozial wertigen Ressourcen sowie die Möglichkeit, diese zu nutzen“. Seine Analyse zeigt, wie politische und soziale Ungerechtigkeit im Raum Gestalt angenommen hat, und zwar durch die im Land vorherrschende Austeritätspolitik, aber auch durch „die Wiederaufbauprozesse, nach denen die Planung der Großstädte in den letzten vierzig Jahren erfolgt ist“. Er bezieht sich hier auf die jüngste Stadterweiterung, die „von wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit und zunehmender sozialer Polarisierung zeugt“. (3)

Meine alte, heruntergekommene Schule zum Beispiel sah nicht viel anders aus, nachdem sie weiß gestrichen und mit einem schwarzen Metallzaun umgeben worden war! Über ihre Fassade erhob sich immer noch die riesige Flagge der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei, daneben, ebenso groß wie die Flagge, ein Porträt des „berühmten Genossen Hafez al-Assad“. Die Schulen waren Militärkasernen, beladen mit dem gesamten Gedächtnis von Kasernen. Das galt auch für unsere Schule, obwohl sie weiß gestrichen war. Es dauerte nicht lange, bis an den Wänden der Toiletten und an den Türen der Waschräume wieder obszöne Beleidigungen und Graffiti auftauchten. Der erstickende Geruch von Ammoniak und Urin, der von Schmutz und Exkrementen bedeckte Boden – das war unsere Schule! Wenn wir morgens kaputte Bänke, schreckliche Zeichnungen und Schimpfwörter an den Wänden und der Tafel entdeckten, verkniffen wir uns das Lachen. Doch das erregte den Zorn der Lehrerin, die den Direktor einbestellte, um uns streng zu tadeln. Manchmal folgte auch eine kollektive Bestrafung der Klasse. Doch nichts, was wir mit den Einrichtungen oder dem Mobiliar der Schule anstellten, löste bei uns Schuldgefühle aus. Die Bänke gehörten uns nicht, die Schule gehörte uns nicht, ebenso wenig wie die Straßen, auf denen wir unseren Müll entsorgten, oder die öffentlichen Einrichtungen, Gehwege, Gärten oder sogar Bäume! Wir hatten ein diffuses, unbewusstes Gefühl: Unsere Stadt gehörte uns nicht, der Strand auch nicht. Alles um uns herum bestätigte dieses Gefühl: „Euch gehört nichts! Ihr seid nur Gäste in einem Land, das dem „väterlichen Führer“ gehört.“

Allmählich begannen die Behörden im Rahmen der sogenannten Privatisierungspolitik, öffentlichen Raum an bestimmte Personen abzutreten. Dies geschah durch Kaufverträge oder langfristige Pachtverträge, auch für historische Gebäude. Die zugrunde liegende Botschaft war klar: „Nichts gehört euch, nicht einmal ihr euch selbst!“ Ich kann die vielen Verbrechen, die im Zusammenhang mit dem Schmuggel von Antiquitäten begangen wurden, nur als Ausdruck einer völligen Loslösung von dem Ort und seiner Geschichte sehen, oder schlimmer noch, als ein Gefühl der Versklavung. Diejenigen, die Antiquitäten gestohlen haben und weiterhin schmuggeln, sind wahrhaftig bereit, die Erinnerung an die Orte für ihren eigenen Profit zu verkaufen.

Der einzige Ort, an dem man sich wirklich „zu Hause“ fühlen konnte, war: bei sich zu Hause. Deshalb war es den Syrern immer wichtig, ihre Häuser zu pflegen und zu „besitzen“, ein letztes Aufbäumen, sich in diesem Land zu verankern oder eine innige Verbindung zu einem Raum in einem Land zu knüpfen, das immer fremder wurde. Viele von uns erinnern sich an die Stimmen, die nach der großen Welle von Zwangsumsiedlungen, die die Syrer erlebten, laut wurden: „Wir lebten in Syrien im Exil, und wir gehen nur von einem Exil ins nächste.“ Das mag für manche übertrieben klingen, ist aber eine von vielen Syrern in ihrem "neuen" Exil zutiefst empfundene Realität.

Das Haus hat in meinem Land einen besonderen Wert. Es birgt eine Geschichte, eine Erzählung, eine eigene Realität in sich. Mein Freund Khaldoun – der später während der Revolution getötet wurde – erzählte mir einmal, wie sehr er das Knarren der Türen seines Elternhauses vermisste, nachdem er gewaltsam daraus entfernt worden war. Jede Tür hat ihren eigenen Klang, ein einzigartiges Quietschen, eine Stimme, die sich mit einer eigenen Intonation an die Bewohner wendet. Für ihn war das Geräusch des Hauses eine schmerzhafte Nostalgie. Wenn ich heute das Knarren der Türen in meinem Haus höre, muss ich unweigerlich an Khaldoun denken. Vielleicht weigere ich mich deshalb, die Türangeln zu ölen ...

Das Haus war in Syrien ein Mitglied der Familie. Es war sogar das wichtigste Mitglied, mit seinem Gesicht, seinen Händen, seinem Geruch, seinem Lächeln und seiner Stimmung.

Ort, Zeit und Bewegung:

Kürzlich habe ich begonnen, über meine Familie zu schreiben, und vielleicht stimmen Sie mir zu, dass wir desto mehr in unseren Erinnerungen schwelgen, je weiter wir im Leben kommen. Eine der prägendsten Figuren in meinem Leben ist meine Großmutter mütterlicherseits, die Frau eines angesehenen Scheichs. In meiner Gemeinde durfte ein angesehener Scheich wie mein Großvater nicht arbeiten, wodurch meine Großmutter eine Last zu tragen hatte, die fünf Frauen nur schwer hätten tragen können. Sie arbeitete in der Tabakmanufaktur „Al-Rijji“, bis kurz vor ihrem Tod. Nebenbei war sie Mutter von acht Kindern und trug die Verantwortung für alles allein. Meine Großmutter verkörperte Kampf, Stärke und bedingungslose Liebe.

Diese Frau hatte eine seltsame Macht über Pflanzen: Ihre Hände waren so grün, dass das Haus  im Stadtteil Sheikh Dahir im Herzen von Latakia wie ein kleines Paradies aussah.

Eines Tages, Anfang der 1980er Jahre, war sie gezwungen, ihr Haus zu verlassen. Die (sektiererischen) Ereignisse, die damals Latakia erschütterten, veranlassten viele alawitische Familien, in ihre Dörfer zurückzukehren, kurz nachdem sie diese verlassen und sich in der Stadt niedergelassen hatten. Meine Großmutter war gezwungen, ihr Haus, ihre Arbeit und ihre geliebte Stadt von einem Moment auf den anderen aufzugeben. Ein Augenblick, und sie hatte alles verloren. Weniger als zwei Monate später starb sie, von Trauer verzehrt, in ihrem weit entfernten Dorf. Mein Großvater überlebte sie nicht lange: Sechs Monate später ging auch er von uns.

Ich glaube, dass unser kollektives Gedächtnis als Volk der Levante mit ähnlichen Bildern und Geschichten gesättigt ist, sei es durch unsere Mythen und Religionen, unsere Märchen und Volkslieder oder auch durch unsere zeitgenössischen Erzählungen über Exil, Entwurzelung, Zerstreuung, Vertreibung ... Nennen Sie es, wie Sie wollen: Es sind nur Begriffe, die ein und dieselbe Realität verdichten – die Realität, Menschen aus ihren Orten zu reißen, das heißt, sie ihrer Angehörigen zu berauben. Eine Strategie, die tyrannische Regime, die Völker ins Exil zwingen, perfekt beherrschen.
Vertreibung und erzwungenes Verschwinden sind nicht nur ein physischer Abschied von einem Ort: Es sind auch die Orte selbst, die uns emotional verlassen.

So wie Erinnerungen, Erfahrungen und Beziehungen aufgebaut werden, so werden auch Orte sozial aufgebaut, durch die Individuen und Gruppen, die sie bewohnen. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Ort, die Verbundenheit, die wir für ihn empfinden, ist untrennbar mit der Verbundenheit verbunden, die der Ort selbst uns und unserer Anwesenheit gegenüber hegt. Orte haben eine Seele, Emotionen und Empfindungen – genau wie Menschen. Sie hängen an ihren Bewohnern und vergessen sie vielleicht nie.

Wie bei jedem Lebewesen fusionieren Raum und Zeit im Ort, so dass es unmöglich wird, sie voneinander zu trennen. Wie Gaston Bachelard schreibt: „Der Ort enthält in seinen zahllosen geschlossenen Abteilungen die verdichtete Zeit; das ist die Funktion des Ortes“ (4)

Siehe : Gaston Bachelard, La Poétique de l'espace, übersetzt von Ghaleb Halsa, Éditions de la Fondation Générale pour l'Étude, la Publication et la Diffusion, Beirut, 1984.

So ist die Relation, die wir zu einem Ort haben, eine tiefe spirituelle Beziehung, die weit über eine einfache physische Verbindung hinausgeht. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir in unseren Träumen so oft die Orte unserer Vergangenheit wiedersehen? Unsere ätherischen Körper durchqueren Raum und Zeit, um im Traum an diesen Orten, die wir so sehr geliebt haben, erneut zu leben – oder vielleicht sollte man sagen: in der Realität des Traums?

Manchmal frage ich mich, ob die Seelen meiner Angehörigen, wenn sie zurückkehren, auch an diese Orte zurückkehren werden, von denen wir vertrieben wurden ... zu den Gräbern, die wir nicht mehr mit Blumen schmücken können, die wir nicht mehr mit Myrtenzweigen, Kerzen und Räucherstäbchen bedecken können. Ist das der Grund, warum wir Syrer den Gräbern unserer Lieben so viel Bedeutung beimessen?
Zwangsumsiedlung ist nicht einfach eine Verlegung von einer Geografie in eine andere. Sie ist ein politisches, menschliches und emotionales Verbrechen, das nicht nur demografische Auswirkungen auf Einzelpersonen und Gemeinschaften hat, sondern auch ihr gesamtes kollektives Unbewusstes erschüttert.

An einem anderen Ort bei Null anzufangen ist, als würde man gezwungen, eine Liebesbeziehung zu verlassen, in die man alles investiert hat. Es ist, als würde man seine Wurzeln verlieren und erleben, wie das stärkste Fundament der eigenen Existenz nachgibt. Um sich plötzlich in einem Vakuum wiederzufinden, ohne Basis, ohne Bindungen.

Die Belagerung: das Gefängnis der Orte

Ich unterscheide zwei schmerzhafte und widersprüchliche Erfahrungen, die mit Orten verbunden sind: die Vertreibung und die Belagerung. Während die Vertreibung, wie ich bereits sagte, ein tragisches Herausreißen aus den Orten ist, ist die Belagerung als gegenteilige Erfahrung eine Form des erzwungenen Gefangenseins der Orte in uns, gleichsam wie sie uns in diesen Orten einsperrt. An einem bestimmten Punkt verwandeln sich die Orte, die wir lieben, in eine harte Prüfung, die unsere Gefühle ihnen gegenüber und unsere Erinnerung an sie verändert.

Die Erfahrung der Gefangenschaft ist vielleicht an sich auch eine Form der Belagerung.

(5) Weitere Informationen unter: Negative: from the memory of political prisoners in Assad's prisons, Rosa Yassin Hassan, Cairo Centre for Human Rights, Kairo, 2007.

In meiner dokumentarischen Erzählung „Negative“, die ich zwischen 2004 und 2007 geschrieben habe, führte ich Dutzende von Interviews mit einer Gruppe politischer Gefangener aus verschiedenen politischen und ideologischen Strömungen. Die Erfahrungen dieser Frauen mit dem Weltraum waren ein zentrales Thema, das den meisten Erzählungen gemeinsam war. Eine der Geschichten, die mich am meisten beeindruckte, war die über Schlafsaal Nr. 6, der sich in einer Zweigstelle des Sicherheitsdienstes in Damaskus befand. (5)

Schlafsaal Nr. 6 war eine dunkle, erstickende unterirdische Zelle, trotz eines Fensters mit Metallstäben, das ganz oben unter der niedrigen Decke war und auf den Innenhof des Gefängnisses ging. Eine wahre Hölle, in der fünfundvierzig kommunistische Gefangene zusammengepfercht waren.

Eines Tages erschien hinter diesem Fenster das Gesicht eines Kindes, das wie ein Engel vom Himmel fiel und kleine gelbe Wildblumen durch die Gitterstäbe warf! Da mehrere Insassinnen Mütter waren, die seit Jahren ihrer Kinder beraubt waren, reichte die Anwesenheit dieses kleinen Engels aus, um diese Hölle in ein Paradies zu verwandeln, wenn auch nur vorübergehend.

Innerhalb von Sekunden veränderte sich die Atmosphäre des Ortes: Der Geruch von Eiter und Schimmel, die ständigen Foltergeräusche, das Schlagen der Zelltüren – alles verschwand. Noch heute, nach langen Jahren in Freiheit, ist diese Erinnerung in Monas Gedächtnis eingebrannt: Wie konnte sich ein so schrecklicher Ort wegen des Gesichts eines Kindes und einiger Wildblumen völlig verändern?

Was Doha betrifft, die zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung schwanger war und im Gefängnis entband, so erzählte sie mir einmal, dass sie den Schrecken dieses Ortes erst realisiert habe, als man ihr ihre Tochter weggenommen hatte. Als ihr die kleine Diana nach einem Jahr und zwei Monaten weggenommen wurde, verwandelte sich die Zelle, die ihr bis dahin wie ein vertrauter Ort erschienen war, sofort in ein brutales Gefängnis.

„Ich will ein Meer in die Zelle legen,
Ich will die Zellen stehlen und sie ins Meer werfen,
Ich will eine Wolke einfangen und sie in meinem Bett verstecken,
Ich will, dass Diebe mein Bett wegnehmen und es in einer Wolke verstecken.“

Diese wenigen Verse aus der Sammlung „Comme un bouquetin dans la forêt“ (dt. etwa „Wie ein Steinbock im Wald“) von Riyad Al-Saleh Hussein reichten aus, um Granadas Seele zu entfliehen, wenn sie sie in der Dunkelheit der Zelle las. Plötzlich entfernten sich die Wände, die Dunkelheit teilte sich und das Gefängnis wurde zum Wald. Ein paar Worte der Poesie reichten aus, um einem Ort, der trocken wie eine Wüste und dunkel wie ein Grab war, Schönheit und Liebe einzuhauchen – wie eine tote Frau, die durch den Kuss eines Liebhabers erweckt wird! Orte sind wirklich menschliche Wesen.

Wenn die Belagerung Orte zur Hölle macht

Während die Zwangsumsiedlung jedoch viele unserer verlorenen Orte in eine Utopie verwandelte, in ein fernes, idealisiertes Paradies, von jeglicher Unvollkommenheit befreit, machte die Belagerung nicht wenige unserer Orte des Geschehens zur Hölle. Viele Syrer mussten erleben, wie die Beziehung zu ihren Räumen zerbrach, nachdem sie dort belagert wurden. Die Belagerung verwandelt unsere Orte in Gefängnisse, und die Aufmerksamkeit der Eingeschlossenen, ebenso wie die der Gefangenen, reduzierte sich auf den Überlebensinstinkt: am Leben bleiben, etwas zu essen finden, gegen den Hunger kämpfen.

Die physische, im Raum verankerte Belagerung und der Kampf ums Überleben verwandeln die Erinnerung ihrerseits in eine Belagerung, so wie die Hilflosigkeit zu einer Form des Eingeschlossenseins wird. So wie Inhaftierung und Folter darauf abzielen, den Menschen von innen heraus zu brechen, seine Selbstwahrnehmung zu dekonstruieren, seinen Glauben und seine Würde zu untergraben, so arbeitet die Belagerung zusammen mit den damit einhergehenden Entbehrungen und der Gewalt daran, die innere Verbindung des Menschen zu seinem Raum zu zerstören und unsere Sicht auf die Orte, die wir bewohnen, zu dekonstruieren.

Das ist eine ihrer verderblichsten Funktionen. Der Krieg in Syrien war in erster Linie ein Krieg um den Besitz eines Territoriums, um seine Besetzung, und die Zwangsumsiedlung sowie die Belagerung sind nur zwei gegensätzliche Gesichter derselben Strategie: die Bewohner ihrer geliebten Orte zu enteignen.

Eigentümlich, wie sich die Erinnerung an die mit einem Ort verbundenen Emotionen verwandeln kann! Vor der Belagerung ist sie mit Liebe gefüllt; nach der Belagerung saugt sie sich mit Bedrückung, Mangel und Schmerz voll.

Der Ort bleibt nicht der Ort, wir bleiben nicht wir, und unsere Beziehung zum Raum bleibt nie intakt. Eine Kristallkugel, die ein sorgloses Kind auf den Boden geworfen hat, zersplittert in tausend Stücke.

(6) Ein eigenes Zimmer, A Room of One's Own, Essay von Virginia Woolf, veröffentlicht am 24. Oktober 1929.

An einem anderen Ort der Welt und zu einem anderen Zeitpunkt des Erzählens, in einem Essay mit dem Titel Ein Zimmer für sich allein, drückt die englische Schriftstellerin Virginia Woolf das Paradoxon aus, das aus dem Kontrast zwischen dem Raum und unserer Erfahrung mit ihm entsteht, wenn sie schreibt:
„Es ist schrecklich, in einem Zimmer eingesperrt zu sein. Aber wie viel schlimmer ist es, wenn einem der Zugang zu einem geschlossenen Raum verwehrt wird.“ (6)

Die Belagerung hat jedoch nicht nur eine Form, sondern nimmt in diktatorisch geführten Ländern viele Formen an. Unsicherheit ist eine Belagerung. Angst ist eine Belagerung. Die Bedrohung des Lebensunterhalts ist eine Belagerung. Den Preis für seine menschlichen und moralischen Reaktionen zahlen zu müssen, ist eine Belagerung. In Syrien hat sich die Belagerung materialisiert und manifestiert sich weiterhin in allem, was die Syrer umgibt, einfach allem. Sie beginnt mit der Allgegenwart des Todes, dessen Geruch seit Jahren in der Luft hängt, und hört nicht beim ständigen Zweifel auf: der Angst, dass jede Person, uns bekannt oder nicht, Informant des Regimes sein könnte, selbst wenn es sich um unsere engsten Vertrauten handelt.
Das Zerbrechen von Träumen und der Verlust jeglicher Hoffnung auf die Zukunft gehören zu den grausamsten Formen der Belagerung.

(7) Weitere Informationen auf der UNICEF-Website: https://www.unicef.org/ar)

Diejenigen, deren Erinnerung an Orte am stärksten verzerrt werden kann, sind jedoch die Kinder. Wenn ein Ort mit Unterdrückung, Entbehrung, Hässlichkeit und Tod in Verbindung gebracht wird, verschlechtern sich seine Bedeutung und sein Wert, wie ein Wesen, das bereits entstellt auf die Welt gekommen ist. Dies drückte Anthony Lake, Exekutivdirektor von UNICEF, mit folgenden Worten aus:
„Das Leben von Millionen von Menschen in Syrien ist zu einem endlosen Albtraum geworden, insbesondere für die Hunderttausenden von Kindern, die unter Belagerung leben. Sie werden getötet, verletzt, sind zu verängstigt, um in die Schule zu gehen oder auch nur zu spielen, überleben mit kaum genug zu essen und ohne Zugang zu medizinischer Versorgung. Das ist kein Leben, und viele von ihnen sterben“. (7)

Ja, für die Syrer, die die Belagerung in vielen Teilen des Landes erlebt haben, war das kein Leben. Und es war nicht nur die Zerstörung ihrer Verbindung zu ihren Heimatorten, den Orten, an denen sie inhaftiert waren, an denen sie Zeugen und Opfer von Tragödien wurden. Es ging auch darum, dass sie jeglicher Verbindung zu anderen Orten beraubt wurden, die hinter den Mauern ihrer Gefangenschaft unerreichbar waren. Das gilt für Hunderttausende von Kindern in Flüchtlingslagern, wo das Haus zum Zelt wurde, die Schule zum Zelt, und für Millionen von Flüchtlingen, für die das Café, in dem sie sich täglich trafen, zum Zelt wurde. Es ist unnötig, von all den anderen Orten zu sprechen, die aus ihrer Existenz verschwunden sind: Theater, Kinos, öffentliche Plätze, Gärten ...

In den Flüchtlingslagern und über Jahre hinweg reduzierte sich alles auf Zelte. Zelte, die sich nach dem Regen mit Wasser füllen, die im Sturm wegfliegen, die in der Sommerhitze ersticken.
Flüchtige Orte, an denen allein Unsicherheit, Angst und Hoffnungslosigkeit herrschen.
Genau, das ist einfach kein Leben mehr!

Der Al-Farous-Platz zum Abschluss:

Ich möchte mit meiner eigenen Erinnerung an den Al-Farous-Platz in meiner Heimatstadt Latakia schließen.

Ich kann an diesen Platz nicht anders denken als elendiglich: von Schmutz überdeckt, gesättigt mit dem Geruch von Rauch, Hühnchen und Blut, wegen der Hähnchenstände und den Dutzenden von Kleinbussen, die ihn in eine offene Garage verwandelt haben.

Über diesen Platz zu gehen, kam für mich und viele andere einer Strafe gleich.

Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich kürzlich, dass dieser Platz einer der wichtigsten in Latakia, wenn nicht sogar einer der bedeutendsten in der gesamten Levante war.

Es war, als hätte ich herausgefunden, dass dieser arme, schmutzige, zerlumpte Bettler, der in den Mülltonnen wühlte und dabei wütend vor sich hin murmelte, einst ein genialer Künstler, ein brillanter Lehrer oder ein liebevoller, inspirierender Vater gewesen war, bevor das Schicksal ihn mit härtesten Schlägen belegt hatte. Dieser vernachlässigte, hässliche, vergessene Platz war einst der Platz des „Al-Farous-Klosters“, eines der ältesten und angesehensten christlichen Klöster in der Levante, wo eine handgeschriebene Kopie der Bibel gefunden worden war, die der römische Bischof Theodosius 181 n. Chr. geschrieben hatte.

Die Bibel wurde in einem der ältesten und angesehensten christlichen Klöster in der Levante gefunden. In diesem Kloster hatte der Dichter und Philosoph Abu Alaa Al-Maari 990 n. Chr. griechische Philosophie studiert!

Eine obsessive Qual verfolgt mich, hartnäckig, bedrückend, unmöglich zu vertreiben: Wie kann sich das Schicksal eines Landes so plötzlich und dramatisch wenden, so tragisch-chaotisch?


Erstmals veröffentlicht im Syrien-Special von Al-Modon am 15. März 2025.