Undercover unter deutschen Nazis
Hoffmann und CampeAngelique Geray | Undercover unter Nazis | Hoffmann und Campe | 256 Seiten | 18 EUR
Undercover unter Nazis – Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene erschien im Frühjahr dieses Jahres bei Hoffmann und Campe. Die zweite Seite des Buches, auf der Verlage alle üblichen Daten zum Buch angeben – eine Seite, die ein Leser gerne überblättert – findet sich ganz oben, etwas versteckt, weil unerwartet, eine Notiz der Autorin Angelique Geray. Sie spricht eine Warnung aus. Unter anderem heißt es dort: „In diesem Buch werden Inhalte wiedergegeben, die rassistisch, antisemitisch und zutiefst menschenfeindlich sind. Das zu lesen kann verstörend, verletzend oder belastend sein.“
Der Hinweis ist berechtigt. Dieses Buch geht unter die Haut. Als Leser fragt man sich immer wieder, ob das Risiko, das die Autorin eingeht (und das sicher immer noch besteht) nicht zu groß ist. Sie setzt ihr Leben aufs Spiel, auch wenn ihr das zu Beginn wahrscheinlich nicht voll bewusst ist. Aber sie will nicht die Dinge nur von außen betrachten und lediglich nüchtern und kalt analysieren. Wirklich verstehen, das ist ihre Auffassung, kann man Menschen nur, wenn man ihnen begegnet, wenn man ihnen zuhört, wenn man dabei ist. Und man kommt nicht darum herum, ihr Recht zu geben. Deshalb hier ein Hinweis, der mittlerweile bei vielen Filmen und Videos zu sehen ist. Zur Nachahmung würde ich die Aufklärungsarbeit von Angelique Geray nicht empfehlen. Ganz allein aber war sie nicht, denn die Fernsehsender RTL und Stern TV unterstützten sie bei ihrer Arbeit.
Durch ihre Grundeinstellung behält die Autorin immer ihre eigene Menschlichkeit. Diese durchzieht den ganzen Text und ist zutiefst sympathisch. Sie schildert aber nicht nur ihre Erlebnisse, sondern unterfüttert das ganze immer wieder mit den Ergebnissen soziologischer Untersuchungen. Als Leser lernt man deshalb doppelt. Wissenschaft und Realität geben sich auf eine sehr gelungene Art und Weise die Hand. Immer wieder betont sie, dass man Menschen, die nationalsozialistische Gruppen verlassen wollen, eine zweite Chance einräumen soll.
Das ist heute nicht mehr so selbstverständlich wie früher, als jemand, der bei einer Demonstration an einem lebensgefährlichen Brandanschlag auf einen Polizisten beteiligt gewesen sein soll, später noch einer der besten Außenminister der Bundesrepublik Deutschland werden konnte. Meine Generation hat noch davon profitiert, dass „Jugendsünden“ verziehen werden konnten. In Undercover unter Nazis erfährt man, wie jung oft diejenigen sind, die sich in rechtsextremen Kreisen bewegen. Und wer jung ist, ist leicht verführbar. Die Führungskräfte der rechtsextremen Gruppierungen wissen das. Und sie wissen auch, wie leicht man mit der Hilfe von Social Media Menschen erreichen kann.
Angelique Geray gibt ihr Versteckspiel 2025 auf, als es darum geht, einen Anschlag auf Leib und Leben anderer Menschen zu verhindern. Im ersten Kapitel beschreibt sie, wie sie ihre Tarnidentität aufbaut und spricht auch über den entscheidenden Moment, der alles verändert. Sie begleitet jemanden zum Waffenkauf nach Tschechien und erfährt dabei, dass ein Anschlag in der Stadt Senftenberg im Bundesland Brandenburg verübt werden soll. Die genauen Details berichtet sie erst im vierten Kapitel. Acht Monate spielte sie, Teil der Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ zu sein. Ihr erster Schritt in die Szene beginnt in Berlin als sie Mitglied der Organisation „Junge Nationalisten“ wird. Die stellvertretende Leiterin der Berliner Gruppe ist 15 oder 16 Jahre alt und die anderen, die dabei sind, sind meist auch nicht älter.
Im Laufe ihrer Recherche hat sie nicht nur Kontakt zu den beiden oben genannten Gruppen. Sie nimmt auch an Schulungstreffen, konspirativen Veranstaltungen, Rockkonzerten, Frauentreffen und Schulungswochenenden teil und trifft sogar rechtsradikale Männer zu Dating-Rendez-vous. Immer wieder kommt sie auf diesen Punkt zurück: Die Menschen, die sie trifft, sind einsam. Sie suchen Anschluss. Sie wollen Teil sein von etwas Großem. Sie suchen Halt und gleichzeitig Bedeutung. Die Welt ist ihnen zu kompliziert. Eine Welt, in der klar unterschieden wird, in der es keine Grautöne gibt, sondern nur schwarz und weiß (und das sogar wörtlich!), können sie aushalten. Dafür braucht es Schuldige – und diese finden sich immer, man muss es nur wollen. „Schuld sind immer die anderen“, schreibt Angelique Geray einmal. Die Mehrheit der Menschen, denen sie begegnet, hat in ihrem Leben Verletzungen erlebt, Demütigungen, Schicksalsschläge, mit denen sie nicht fertig geworden sind.
In dieser Rezension bin ich bewusst nicht im Detail auf das Erlebte eingegangen. So schlimm, wie in der oben zitierten Warnung, habe ich den Text nicht empfunden. Aber er hat mich sehr berührt. Ich verfolge das Thema schon seit Jahrzehnten und muss genauso lange immer wieder an einen Satz des deutschen Dichters und Theaterschriftstellers Bertold Brecht denken, der der letzte Satz eines Theaterstückes über den Aufstieg Adolf Hitlers ist und der mich nie losgelassen hat: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Das Fazit und der letzte Satz von Angelique Geray in Bezug auf die Begegnung mit Rechtsradikalismus, dem man mittlerweile jederzeit im Alltag begegnen kann, lautet: „Was es wirklich braucht, ist Mut.“
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