Die Grenzen des Körpers

Die Grenzen des Körpers

Zwischen Frühgeborenenstation, Dating-Apps und drohendem Krieg erzählt Leh-Wei Liaos „Glaszeit“ von Körpern und Biografien, die sich ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit entziehen
Liao
Glaszeit Cover

 Leh-Wei Liao | Glaszeit | Luchterhand | 288 Seiten | 24 EUR

Es gibt Romane über Taiwan, die sich dem Land über seine Geschichte nähern. Der selbst in Taiwan lebende Stephan Thome hat das aus der Perspektive eines Deutschen getan, zuletzt sehr souverän in Pflaumenregen. Yang Shuang-zis großartiger, preisgekrönter Taiwan Travelogue wiederum macht aus Essen, Sprache und Kolonialgeschichte ein dichtes historisches Geflecht. Leh-Wei Liaos Debüt Glaszeit, das auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 steht und für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist, interessiert sich für etwas anderes: für Taiwan als Gegenwart. Und für eine junge Frau, die dort weder Touristin noch wirklich heimisch ist.

Novana ist Ärztin, in Deutschland aufgewachsen und nach Taipeh gezogen. Auf einer Neugeborenen-Intensivstation kümmert sie sich um Körper, die eigentlich noch nicht bereit sind für die Welt. Dass die 1993 in Göttingen geborene Liao selbst Ärztin ist, merkt man diesen Passagen an, ohne dass der Roman sein medizinisches Wissen ausstellen müsste. Ein in der 23. Woche geborenes Kind besitzt Lungengewebe, das noch „für flüssigen Gasaustausch ausgelegt“ ist. Nun muss es Luft atmen. Es ist eine jener Metaphern, die Liao nicht eigens erklären muss, denn auch Novana lebt in einer Umgebung, für die sie zugleich gemacht und nicht gemacht scheint.

Ihr Mandarin ist gut, aber nicht selbstverständlich. „Are you self-taught?“, fragt sie Sihan, eine junge Taiwanerin, die sie kennenlernt. Sihan bemerkt Novanas umständliche Wortwahl und vermutet, dass niemand sie zu korrigieren wage. „Sprache ist nichts, das einfach passiert“, stellt Novana fest. In diesem beiläufigen Satz steckt viel von dem, was Glaszeit interessant macht. Migration erscheint hier nicht als Bewegung von einer Heimat in eine Fremde. Novana kehrt in das Land ihrer Mutter zurück und entdeckt dort gerade deshalb ihre Fremdheit.

Darin berührt sich Glaszeit mit einem weiteren faszinierenden Debür, Nyla Matuks Leila & Khaled, wo eine palästinensisch-kanadische Frau erstmals das Land ihrer Vorfahren bereist und feststellen muss, dass genealogische Herkunft noch keine kulturelle Zugehörigkeit erzeugt. Auch Leila betrachtet die vermeintliche Heimat mit einem westlich sozialisierten Blick; auch sie versucht, über die Liebe zu einem dort lebenden Menschen eine Nähe herzustellen, die sich nicht erzwingen lässt. Bei Matuk ist es der Palästinenser Khaled, bei Liao die Taiwanerin Sihan. In beiden Romanen wird Begehren damit zum vielleicht intimsten Prüfstein einer Migrationserfahrung: Selbst dort, wo die körperliche Distanz verschwindet, bleibt eine andere Form der Fremdheit bestehen. Herkunft erweist sich nicht als etwas, zu dem man einfach zurückkehren könnte.

Liao dreht damit eine vertraute deutschsprachige Taiwan-Perspektive um: Nicht ein Deutscher versucht, Taiwan zu lesen, sondern eine Deutsche mit taiwanischer Familiengeschichte versucht herauszufinden, ob dieses Land überhaupt ihres sein kann. Das geschieht erfreulich unspektakulär. MRT, U-Bahn, Karaoke, Nachtmärkte, Krankenhauskantine, Dating-Apps, Einkaufen: Aus solchen Partikeln setzt sich ein erstaunlich gegenwärtiges Taipeh zusammen.

Auch die Politik bleibt Teil dieses Alltags. Novanas Freundin und Geliebte Sihan arbeitet für eine Fact-Checking-NGO, weil Taiwan wie kaum eine andere Demokratie chinesischen Desinformationskampagnen ausgesetzt ist. Militärmanöver in der Taiwanstraße erscheinen zwischen Nachrichten aus Gaza, deutschen Grenzkontrollen, AfD-Umfragen und Trumps Handelskrieg. Später fragt Novana eine Kollegin, ob sie im Falle einer chinesischen Invasion bleiben würde. Die Antwort lautet: Sie weiß es nicht. „Wir mussten Normalität simulieren. Wir mussten sie uns gegenseitig glauben.“ Selten wird die gegenwärtige Lage Taiwans im Roman prägnanter beschrieben.

Über dieser Gegenwart liegt jedoch eine sehr private Vergangenheit. Novanas Mutter March, eine taiwanische Künstlerin, hat ihre Tochter vor achtzehn Jahren in Deutschland zurückgelassen. In Taipeh begegnet Novana ihr zunächst nicht als Mensch, sondern überlebensgroß auf einem Werbedisplay. Später wird sie mit Marchs Kunst konfrontiert – und damit mit einer Mutter, die ihre eigene Mutterschaft zum Gegenstand einer Performance gemacht hat. Auch hier berührt sich der Roman auffällig mit Liaos eigener Biografie: Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin studiert sie Bildende Kunst in Kassel. Seit 2022 schreibt sie, veröffentlichte Literaturmagazinen und war 2024 Stipendiatin der Jürgen Ponto-Stiftung und der Kölner Schmiede. Medizin, Kunst und Literatur stehen bei ihr also nicht nur im Roman nebeneinander.

Und genau an dieser ungewöhnlichen Schnittstelle liegt der verstörende Kern des Romans. March hat ihr Kind verlassen, die eigene Gebärmutter entfernen lassen und verarbeitet Mutterschaft, Nicht-Mutterschaft und den weiblichen Körper in ihrer Kunst. Sie erklärt sich nicht. Sie bittet nicht um Vergebung. Und Liao macht erfreulicherweise wenig Anstalten, sie nachträglich zur tragischen Rabenmutter mit nachvollziehbarer psychologischer Motivlage zu erklären. Das Recht einer Frau, keine Mutter sein zu wollen, kollidiert mit dem Recht eines Kindes, unter dieser Entscheidung zu leiden. Beides bleibt stehen.

Sein stärkstes Echo findet dieser Konflikt auf der Frühgeborenenstation. Eine Mutter entscheidet sich, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Novana reagiert professionell, bis sie es nicht mehr kann. „Kinder nahmen, was sie bekommen konnten“, denkt sie und flüchtet weinend auf die Personaltoilette. Für einen Moment bricht die sorgfältig kontrollierte Oberfläche des Romans auf.

Meist aber hält Liao ihre Protagonistin auf Distanz – auch zu sich selbst. Sex schafft keine Erlösung. Männer erscheinen auf Bumble und verschwinden wieder. Mit Sihan entsteht die Möglichkeit einer anderen Nähe, doch auch sie bleibt prekär. In der Erinnerung an Theo, eine frühere Liebe in Deutschland, heißt es einmal, beim Sex ließen sich die Grenzen des Körpers eben nicht auflösen: „Letzten Endes konnten wir uns keine Ekstase geben oder Erlösung, nur noch Wärme.“ Das könnte fast als emotionale Poetik dieses Romans gelten.

Diese Zurückhaltung ist Stärke und Problem zugleich. Denn Glaszeit ist sehr bewusst konponiert. Glas bezeichnet Zerbrechlichkeit und Transparenz, Krankenhaus und Hochhausstadt, Schutz und Trennung. Frühgeborene, Mutterschaft, Gebärmutter, Adoption, Migration, Sprachverlust, Dating, queeres Begehren und das politisch bedrohte Taiwan spiegeln sich unablässig ineinander. Manchmal wird daraus beinahe ein Metaphernwimmelbild. Wo alles auf etwas anderes verweist, droht die konkrete Welt, die der Roman so überzeugend herstellt, wieder hinter ihrer Bedeutung zu verschwinden.

Wieder ins Gleichgewicht tariert wird Glaszeit gerade durch jene Passagen, in denen Liao weniger Bedeutung akkumuliert und genauer beobachtet: durch medizinische Abläufe, Kollegengespräche, U-Bahn-Fahrten, Nachrichtenfeeds, Dating-Apps oder die winzige Hand eines Frühgeborenen, die Novanas Finger umschließt. Hier besitzt der Roman eine beiläufige Genauigkeit, die stärker ist als manche seiner kunstvoll arrangierten Spiegelungen.

Vielleicht muss man Glaszeit deshalb nicht als großen Taiwan-Roman lesen. Dafür ist sein historischer Zugriff zu schmal und sein Blick bewusst zu subjektiv. Interessanter ist er als Roman eines Dazwischen: zwischen zwei Sprachen, zwei Ländern, Nähe und Rückzug, Muttersein und Nicht-Muttersein, medizinischer Fürsorge und privater Bindungsunfähigkeit. Selbst Taiwan befindet sich darin in einem Zwischenzustand: demokratischer Alltag unter der permanenten Möglichkeit seiner gewaltsamen Zerstörung.

Glaszeit versucht nicht, diese Widersprüche aufzulösen. Das macht den Roman gelegentlich kühl, manchmal überkonstruiert, aber auch befreiend zeitgenössisch. Sein Coming-of-Age führt nicht zur Entdeckung einer stabilen Identität. Novana findet weder einfach zu Taiwan noch zu ihrer Mutter noch zu einer neuen Liebe. Sie lernt allenfalls, mit den Grenzen zu leben, die sich nicht auflösen lassen. Vielleicht ist das weniger tröstlich als die klassische Erzählung vom Ankommen. Aber für einen Roman über Migration, Mutterschaft und das Taiwan der Gegenwart ist es die richtige Entscheidung.


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