Freudvolle Zeiten

Yuliana Ortiz Ruano ist eine ecuadorianische Dichterin und Schriftstellerin. Sie veröffentlichte Gedichte in Sovoz, Canciones desde el fin del mundo (Libero Editorial, Madrid) und Cuaderno del imposible retorno a Pangea (Cajón de Sastre, Bogotá). Im Rahmen des Festivals für lateinamerikanische Literatur LATINALE, das vom Instituto Cervantes in Berlin organisiert wird, kam sie in die Übersetzerauswahl II. Fiebre de carnaval (Himpar Editores, Kolumbien), ihr erster Roman, wurde in Italien mit dem Preis IESS Primo Romanzo Latinoamericano, in Ecuador mit dem nationalen Preis für den besten Roman Joaquín Gallegos Lara und mit dem PEN Presents und PEN Translates Award ausgezeichnet. Sie war Stadtschreiberin in Granada, der UNESCO City of Literature 2023. Ihre Gedichte wurden ins Portugiesische, Englische, Finnische und Deutsche übersetzt.
Um die Koordinaten zwischen der Geburt und der Entfesselung der Genüsse oder den Ereignissen, die mich ihnen näher brachten, nachzuzeichnen, gehe ich zunächst über die Grenzen meines Selbst hinaus. Die Überschreitung dieser Schwelle gleicht einer Entpuppung. Dem Abstreifen toter Haut, als wäre das Ich eine transparente, ja unzerstörbare Membran, die, wenn sie durchdrungen wird, einen kollektiven Körper bildet. Diese Vorstellung von mir als multiplem Körper, als kollektivem Leib, als einer Ansammlung mit Scharen von Wesen, die durch mein Blut strömen und nach meinen Zellen schnappen, kommt für mich der ersten Wahrnehmung von Lust, die ich in meinem kleinen Strandmädchenkörper spürte, am nächsten.
Als wären zwei Beine nicht genug, rannte ich, mit einer Verzweiflung, die nicht in meinen Körper passte, wie krank vom Auto meiner Mutter zum Strand. Mit so einer Wucht, dass ich mir beim Hinfallen die Beine brach. Einer unbändigen Kraft, der meine Anatomie nicht gewachsen war. So viel Aufgewühltsein passte nicht in einen kleinen Körper: Er stoppte diesen Lauf, um sich zu schützen. Sie verschwand.
Alles, was mir Freude bereitete, befand sich außerhalb meines Körpers und stand in Beziehung mit anderen Körpern. Das prickelnde Gefühl, wenn ich auf den glühend heißen Sand trete und dann mit meinen Füßen ein kleines Loch grabe, bis ich auf den wohltuend feuchten Grund des Strandes stoße. Ein Kern aus kühlem Sand, der meine Fußsohlen aufnahm. Das Brennen, wenn ich die Augen in dem salzigen Wasser öffnete, um dann am Ufer auf dem Rücken liegend ein mikroskopisch kleines Meer zu beweinen. Das Wunder, den Kadaver eines Wals, der am Strand von Las Palmas gestrandet war, zum ersten Mal aus nächster Nähe zu betrachten.
Auch wenn ich nicht weiß, wie ich das, was ich fühlte, die Berührung und die Begegnung des Körpers mit anderen Körpern, benennen soll, gab es doch die Gewissheit, dass diese Körper genauso zu mir gehörten wie ich zu ihnen. Eine wechselseitige Zugehörigkeit und die Möglichkeit, verschiedene Formen anzunehmen. Der Sand, der in meine Haut eindrang, war auch meine Haut, die den leblosen Sandpartikeln/Zellen am Strand Raum gab. Da meine Erinnerung an das erste Mal, als ich das Meer sah, nicht rational ist, habe ich es nie anders als mit staunender Bewunderung betrachtet. Meine Ergriffenheit, die ungeheuerliche Intensität, mit der man in den Fängen eines Riesentiers ganz klein wird, hat nicht nachgelassen.
Die Haut ist das größte Organ des Körpers, aber diese Haut, die mit unseren Knochen verbunden ist, ist nicht nur Haut. Allein war ich nie, da waren die Objekte, die mich in der Nacht aus den Augenwinkeln betrachteten. Die Bücher, die Staub und Flusen innig hassend nur darauf warteten, genommen zu werden. Auch die Porzellantassen, mit denen ich beim Essen spielte, drangen so tief in meine Augen, dass sie im Innersten schrien. Und die Koffer mit den Stoffen im Haus meiner Großmutter, die mir die Finger vom Leib rissen. Manchmal war es nicht ich, der sie suchte, sondern sie verlangten danach, berührt zu werden.
Die Frage nach den Rändern ist wiederum ein ernstzunehmendes Vergnügen, mein Kopf macht nichts anderes, als mich in die Kindheit zurückzuversetzen, die für mich bis heute die Zeit stillen Genusses ist. In dem Haus, in dem ich meine frühen Jahre verbrachte, gab es einen Guavenbaum, einen Cherimoya-Baum neben einer unüberschaubare Anzahl von Pflanzenwesen, die sich mir im Hof aufdrängten. Aber der Guavenbaum und der Cherimoya-Baum waren die Götter dieses grün-erdfarbenen Reiches. Mein Körper bewegte sich unwillkürlich mit solcher Kraft auf sie zu, dass ich manchmal nicht wusste, wer auf wen kletterte. Manchmal träumte ich, ich sei ein Baum und sah, wie von meinen Händen, von meinen Fingern, von meinen Haaren Guaven fielen wie lockende Monde voller kleiner weißer Würmer, die ich mitsamt verschlang.
Diese Bäume waren meine anderen, dachte ich. Sie waren braun und glänzend, ihre Stämme waren manchmal begrünt. Manchmal wimmelte es von Ameisen, manchmal fielen die Blätter zu Boden, wenn ich von der Hintertür aus, die zum Hof führte, einen hohen Schrei ausstieß. Dann dachte ich: Das Blatt fällt aus und herunter wie meine Haarsträhne, die ich mir beim Entwirren meiner Haare unter der Dusche herauszupfe. Also hob ich die Blätter auf und vergrub sie in demselben geheimen Loch, in dem ich meine Haarbüschel vergraben hatte. Zusammen bildeten die Strähnchen und Blättchen ein grüneres, gelösteres Ich.
Endlos verbrachte ich auch Stunden damit, auf ihre Äste zu klettern und Selbstgespräche zu führen. Die Bäume antworteten, indem sie ihre Rinde auf meinen Körper abwarfen oder auf den Boden. Es gab eine ganze Reihe von Begegnungen zwischen der Erde rund um die Baumscheibe, meinem dünnen, fast pflanzlichen Körper und den anderen Büschen. Manchmal wollte ich die Hände ausstrecken und beide Bäume an meine Brust drücken. Ich bemühte mich so sehr, dass ich meine Beine und Arme ausbreitete und versuchte, sie näher an mich heranzubringen. Der Schmerz nach dem Ritual, mit ihnen eins zu werden, war auch eine kostbare Begegnung mit der Lust. – Krabbenartiger Gang, bis die Beine wieder in ihren natürlichen Zustand zurückfanden.
Wenn ich von Freude spreche, denke ich an die Kindheit zurück und die keineswegs unschuldigen Begegnungen mit den ersten Möglichkeiten, meinen Körper in Bezug auf die mich umgebenden lebenden Körper zu erforschen, allerdings auch auf die nicht agierenden Körper, die für mich so präsent waren, dass Atmen und Schlagen ein unnötiger Skandal gewesen wären. Die Dinge wurden geboren und lebten von meinem Auge bis zu meiner Zunge. Meine Zunge lebte auch mit den Dingen, an denen sie haftete, um sie zu erkennen, um sich zu vergewissern, dass sie existierten. Kindheit bedeutet exzessive Berührung der Welt. Exzessive Berührung ist: das Auge, das das Wasser berührt, das Wasser, das die Iris genau betrachtet; die Iris, die vom eindringenden Salz gequält wird; die Erde, die zwischen meinen Nägeln und meiner Haut eindringt und meine Spalten und Höhlen für immer zu ihrem Zuhause macht; die wurmige Frucht, die sich an das Innere meiner Kehle heftet. Der wirbellose Körper einer Nacktschnecke, der mir nass durch die Finger gleitet; meine Finger, die sich durch die Feuchtigkeit verkrampfen; ein Wurm von der Farbe einer geöffneten Baumtomate, der ein Loch an der Blattspitze frisst; meine Nase, die das Geräusch des Insekts einatmet. Der Klang einer grünen Kokosnuss, die durch den dumpfen Schlag einer Machete aufgespalten wird und Flüssiges ergießt wie eine Frau, die Wasser bricht; die zarte, transparente, sich von der Schale lösende Haut, die nach und nach an meinem Gaumen klebt.
Der Geruch von Holz, das von erwachsenen Männern von Hand zerbrochen wurde, und die Erde, die den Splittern vom Baumstamm zum Zuhause wurde, verströmten einen neuen Duft aus Erde und frisch geschlagenem Holz. Das Meer, das durch meine Beine, meinen Mund eindringen wollte; der Sand, der sich an mein Haar heftete und nicht mehr rausgehen wollte; das Wasser, das grünlich in einem leeren Blumentopf stand, ein lebendiges und unsichtbares Ökosystem; ein grüner Fleck, der danach schrie, angeschaut und atmend aufgenommen zu werden. All das, in greifbarer Nähe in der Vergangenheit, ist immer noch latent in mir, ist immer noch das Vergnügen, das sich vor Körpern entfaltet.
Im Schreiben verorte ich den Körper in der Geografie, ich entfalte ihn in meinem Geist, wie ich eine Karte entfalte, also die Abstraktion der Geografie. Ich bin mir nicht sicher, ob ich durch das, was Karten mir zeigen, Zugang zur Wirklichkeit habe; als Kind dachte ich, in Karten sei Wahrheit greifbar. Ich erschloss mir die Welt durch Karten in Atlanten beziehungsweise füllte meinen Kopf mit akustischen Bildern von dem, was ich für die Welt hielt. Ich hatte Lehrerinnen und Lehrer, die auf Bücher als Möglichkeit, Wirklichkeit greifbar zu machen, vertrauten.
Im Alter von achtzehn Jahren – fast zu spät – erkannte ich, dass Limones, La Tolita de los Ruano und Canchimalero nicht auf den Karten verzeichnet waren, zu denen ich bis dahin Zugang hatte. Ich war mehr als einmal am Ufer der Insel Canchimalero entlanggelaufen. Ich war vom Ufer bis zur Anlegestelle von Limones gegangen, ich hatte auch auf dem Bauernhof meines Großvaters in La Tolita de los Ruano übernachtet. Wo waren diese Ufer, die auf den Karten nicht verzeichnet waren? Kartieren, dachte ich, bedeutet auch ausschließen, mal abgesehen von der Zeitnot derjenigen, die kartographieren, oder der territorialen Unkenntnis, der guten oder schlechten Absichten. Um zu schreiben, stelle ich meinen Körper an das Ufer, ein Ufer, das sich verändert, weil das, was dem Meer nahe ist, immer einer schnellen und radikalen Veränderung unterliegt, dieses sich ständig verändernde Ufer, das mein kindlicher Körper als unendlich empfand.
In meiner Kindheit war das Ufer das, was der Freiheit am nächsten kam. Am Meeresrand hatte man Narrenfreiheit: absurde Konstruktionen bauen, um sie dann ins Wasser fallen zu sehen; nackt schwimmen und dabei in der Ferne riesige Mantarochen springen sehen, vor denen man fliehen musste; plattgedrückte Seeigel finden, von denen ich später in einem Werk über Meeresbiologie erfahren sollte, dass diese Seeigelart Fünf-Loch-Seeigel heißt, Ellita quinquiesperforata, und dass es sie nur im Atlantik gibt. Aber ich war mir sicher, dass dies die Seeigel waren, mit denen ich als Kind mit den Füßen spielte.
Was sagten mir die Bücher noch einmal?
Das Ufer war ein Raum zum Feiern, des Grenzenlosen, von einem Ende zum anderen, und die Grenze des Meeres konnte überwunden werden, indem man mit dem Körper eintauchte und mit den Kreaturen, die das Wasser bewohnten, eins wurde. Aber an das Ufer zu denken, bedeutet auch, sich daran zu erinnern, dass sich in den Kolonialstädten die Mächtigen nicht in der Nähe des Meeres niedergelassen hatten, aus Angst, von Piraten überfallen zu werden. Wie kommt es, dass nun die Töchter der Schwarzen und der Piraten vom Ufer verdrängt wurden?
Um an den Meeresstrand zu gelangen, musste man viele Kilometer in der Sonne und im Schatten der Bäume laufen. Obwohl es in der Nähe war, war das Ufer für uns nicht ausnahmslos zugänglich. Vom Strand aus konnte man die Häuser der Besitzer des Ufers sehen, die davon träumten, es für immer abzuschotten, damit die Töchter des schwarzen Proletariats nicht missbräuchlich in ihre Sphäre eindrangen.
Aber mein kindliches Ich, unter Anleitung durch Scharen von Tanten, den ñañas, hatte wenig oder gar kein Interesse daran, darüber nachzudenken, was die, die da von ihren komfortablen Balkonen glotzten, über uns dachten. Wir schnappten uns unsere Bikinis, Sonnenbrillen, Stroh- und Palmblatttaschen und machten uns zu Fuß auf den Weg zum Strand.
Die ersten offiziellen Fotos, die es von mir als Baby gibt, wurden am Strand von Las Palmas aufgenommen. Mein nackter Körper, der gerade erst gelernt hatte zu sitzen, lag auf einem Fußballtrikot, daneben eine Flasche Pilsener, die das Trikot hielt, damit es vom Wind nicht weggeweht wurde, und im Hintergrund viele halbnackte, tanzende Körper, die sich souverän am Strand erfreuten.
Ich spreche von einem Selbst in Bezug auf andere nichtmenschliche Wesen, denn nicht nur, weil ich auf einer Insel geboren wurde und in der Nähe des Ufers lebe, gibt es eine inhärente kindliche Bindung an das Ufer. Einige der Menschen in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, hassten den Sand und hassten es, ins Meer zu gehen. Andere hatten sogar Angst davor. Es gab auch Leute, die das Feiern, den Lärm und das Getümmel an der Küste nicht ertragen konnten. Vielleicht ist das der Grund, warum es in den 2000er Jahren in der Provinz Esmeraldas Privatstrände gab, die Menschen, die dort ihr ganzes Leben verbracht hatten, weder betreten noch auch nur davon träumen durften, sich dort niederzulassen, um ihren Strand zu genießen.
Mein Kindheits-Ich hatte das Gefühl, dass ich zu diesem Raum am Rande des Wassers und der Mollusken gehörte. Dass es eine Möglichkeit geben musste, am Ufer zu bleiben, in einem Territorium, das sich wie ein Zuhause anfühlte, einem Ort der Zuflucht und des Vergnügens und all dem, was dort nun mal passiert: das, was mit Worten schwer zu fassen ist. Alles, was uns die Sprache entzieht.
Nach meiner persönlichen Auffassung, und vielleicht beeinflusst durch meine Grenzsituation, bedeutet eine Frau afrikanischer Abstammung, schwarz, Palenquero zu sein, kein Land zu haben, sondern zwischen den Ufern zu schwanken, nonverbale Begegnungen mit allem zu ermöglichen, was es ausmacht. Jenes Ufer, das mir oft die Füße verbrannt hat, jenes Meer, das mich mehr als einmal verschlucken wollte und meinen keuchenden Körper in den Sand voller Exoskelette zurückgeworfen hat.
In diesem Territorium, das uns vom Drogenhandel, von der Gewalt, aber auch vom Tourismus genommen wird, keimte Ainhoas Stimme. Mein Mädchen ist aus dem Schiffswrack im Meer, das in mir ist, aufgetaucht, um eine mögliche Existenzweise durch die Literatur wiederzubeleben.
Ein Mädchen, das wie das Meer ständig über die Ufer läuft und sich verändert, das weiß, dass es aus den Tiefen des Ozeans kommt, aus jenen Temperaturen und jenem atmosphärischen Druck, die ein menschlicher Körper nicht ertragen kann, und deshalb immer wieder zu ihm zurückkehrt. Am Ufer bin ich immer eine andere, ich fühle mich frei und gebe mich hin, verliere sogar meine Identität ... seit diesem Verlust, durch dieses Nichtwissen. Aus diesem Herumtapsen, wie bei einem Spaziergang auf heißem Sand am Mittag, heraus, aus diesem ständigen Zweifel an der Sprache als befreiendes Mittel, schreibe ich.
Ich schreibe voller Fragen und Andeutungen. Vielleicht träume ich davon, eine andere Sprache zu erfinden.