„Wir tragen Kultur in unseren Körpern“
Saharnaz Omran ist eine in Teheran lebende Schriftstellerin, multidisziplinäre Künstlerin und Forscherin, die in den Bereichen Literatur, Performance, bildende Kunst, Film und Klang arbeitet. In ihrem Schaffen beschäftigt sie sich mit Erinnerung, Vertreibung, Sprache, politischer Gewalt und der Frage, wie sich Geschichte in Körper und Orte einschreibt. Ihr literarisches Werk umfasst erzählende Literatur, Essays, Theaterstücke und experimentelle Texte. Ihre künstlerische Arbeit reicht von Theater und Performance über Installationen und Bewegtbild bis hin zu Klangkunst.
Ihre Texte erschienen unter anderem in der Anthologie Writing Climate Resilience, im iExile Magazine sowie in unabhängigen persischsprachigen Publikationen. Darüber hinaus war Omran in der Produktionsgestaltung, im Szenenbild und im Kostümbild verschiedener Independent-Filme tätig, darunter Ramy, Between Us, Childless Land und Bye Bye Garbage. Für ihre Arbeit an Ramy erhielt sie 2026 beim FICIMAD den Preis für das beste Kostümdesign.
Mbizo Chirasha ist Gründer des Writing Ukraine Prize und als Künstler bei der UNESCO-RILA angegliedert. Er war Stipendiat und hatte Künstlerresidenzen in Deutschland, den USA, Sambia, Ghana, Tansania und Schweden inne. Er ist Herausgeber und Kurator mehrerer literarischer Plattformen, darunter Time of the Poet Republic und Brave Voices. Er ist Autor von A Letter to the President; seine Werke erscheinen in über 200 Zeitschriften weltweit, darunter The Evergreen Review, Poetry London und FemAsia Magazine.
Mbizo Chirasha: Wer ist Saharnaz Omran, und seit wann schreibst du?
Saharnaz Omran: Wer ist Saharnaz Omran eigentlich? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Diese Frage stelle ich mir immer wieder, während ich versuche, das ganz eigene Chaos aus Zeit, Ort und allem, was unterwegs sonst noch schiefgelaufen ist, zu überstehen. Manchmal trete ich sogar aus mir selbst heraus, betrachte mich eingehend und warte darauf, dass sich irgendeine Antwort einstellt. Nichts. Offenbar wird trotzdem von mir erwartet, dass ich eine gebe.
Saharnaz wurde in einer kleinen Stadt im Norden Irans geboren. Als sie zur Welt kam, befand sich ihr Vater, ein Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, der sich mit persischer Literatur beschäftigte, im Exil in einer weit entfernten Stadt. Erst zwei Wochen nach ihrer Geburt konnte er seine Tochter zum ersten Mal sehen.
Obwohl meine Eltern meinen Namen bereits vor meiner Geburt ausgesucht hatten, ließ mein Vater an dem Tag, als er sich um meine Geburtsurkunde kümmerte, den Namen Mina eintragen. Sechsundzwanzig Jahre später, als er im Krankenhaus lag, erzählte er mir endlich, warum: Er hatte den Namen aus Mina und der Leopard übernommen, einem Volksmärchen aus Mazandaran. Es ist eine Liebesgeschichte.
Mina hatte rote Haare, und die Dorfbewohner hielten sie für eine Hexe. Vielleicht war sie das sogar. Doch heimlich half sie den Menschen im Dorf. Sie war ein einsames Mädchen, von der Dorfgemeinschaft verstoßen, das in den Wald ging, um zu singen. Eines Tages verliebte sich ein Leopard in ihre Stimme, und so begann ihre Liebesgeschichte.
Als mein Vater sechsundzwanzig Jahre später endlich dieses Geheimnis lüftete – ein Geheimnis, das uns alle so lange beschäftigt hatte –, hatte er mich seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Ich hatte rote Haare.
Ich weiß nicht, was mich, Saharnaz Omran, zur Schriftstellerin gemacht hat. Ich habe einfach immer geschrieben. Seit ich denken kann, schreibe ich.
Als ich noch ein Kind war, unterrichtete mein Vater oft wochenlang an einer Universität ganz im Süden Irans, während ich im Norden aufwuchs. In dieser Zeit hielt ich mich in seinem kleinen Arbeitszimmer mit der hohen Decke auf, las, ahmte seine Körperhaltung nach und schrieb.
Meine Jugend war rebellischer, als es die Zeit erlaubte. Einen Teil davon verbrachte ich in meinem Zimmer, den anderen am Fluss in der Nähe unseres Hauses. Mein Vater kehrte nie zurück. Das war die erste tiefe Wunde meines Lebens – und sie brachte mich zum Schreiben.
Ich schrieb so viel, um die Verbindung zu meinem Vater nicht zu verlieren.
Das ist die Geschichte meines Schreibens. Bis heute weiß ich nicht, ob ich eine Schriftstellerin bin oder einfach nur eine Wanderin durch die Geografie der Worte, die sich irgendwo zwischen der Zeit und der Schwere der Sätze absichtlich verirrt hat – und offenbar vergessen hat, nach dem Weg zu fragen.
Erzähl uns mehr über dich, deine Fähigkeiten und deine Arbeit.
Ich war noch nie besonders gut darin, meine Arbeit auf eine einzige Disziplin zu beschränken. Meine Fragen machen sich offenbar immer wieder selbstständig, und irgendwann habe ich aufgehört, sie einfangen zu wollen.
Ich bin Schriftstellerin und multidisziplinäre Künstlerin. Ich arbeite mit Literatur, Theater, Performance, bildender Kunst, Film und Klang. Der größte Teil meiner Arbeit entspringt den Dingen, die für mich ungelöst bleiben – den Fragen, auf die ich keine Antwort finde, und den Antworten, die neue Fragen aufwerfen.
Da ist auch ein Schmerz, den ich in mir trage und der mich nie wirklich verlässt. Er kehrt immer wieder zurück, und jedes Mal wird er zum ersten Satz eines Essays, den ich schreiben muss. Ich kann die Straße entlanggehen und etwas hören, das mich nicht mehr loslässt. Es verändert den Rhythmus meiner Schritte und lässt die Gerüche der Straße übermächtig werden. Jemand sagt zu seiner Tochter: „Sei stark.“ Und genau da beginnt etwas, mein Gehirn bei lebendigem Leib aufzufressen. Ich kehre so schnell wie möglich an meinen Schreibtisch zurück und beginne zu schreiben. Meine Welt verändert sich ständig, und ich muss schreiben.
Meine Freunde landen im Gefängnis. Ein Junge, noch ein Teenager, wird hingerichtet. Und dann, vor etwa zwei Jahren, nahmen sich sechs meiner Freunde das Leben. In weniger als zwei Jahren. Sechs Menschen. In zwei Nächten sterben Tausende von Menschen. All das bleibt nicht außerhalb von mir. Es dringt in meine Arbeit ein. Manchmal wird daraus ein Essay. Manchmal eine Performance, ein Klangstück, ein Bild oder etwas, für das ich noch keinen Namen habe.
Ich betrachte mein künstlerisches Schaffen als ein lebenslanges Projekt, das aus all diesen Erfahrungen besteht. Normalerweise beginne ich nicht mit einem bestimmten Medium. Ich beginne mit einer Frage, einer Obsession, einer Erinnerung oder etwas, das ich noch nicht verstehe. Dann findet das Werk von selbst zu seinem Medium. Manchmal wird daraus ein Text, manchmal ein Bild, eine Performance, ein Film, ein Klang oder etwas, das irgendwo dazwischen liegt.
Ich arbeite also nicht deshalb mit verschiedenen Medien, weil ich sie alle in meinem Repertoire versammeln wollte, sondern weil manche Fragen sich einfach weigern, an einem einzigen Ort zu bleiben.
Mit welchen Themen beschäftigst du dich in deinen Texten?
Genre und thematisches Feld sind für mich wahrscheinlich am schwierigsten zu definieren.
Meistens verspüre ich den Wunsch, für eine Weile jemand anderes zu sein. Vielleicht möchte ich plötzlich eine Mathematikerin sein, die sich für Geologie interessiert. Also beginne ich, wissenschaftliche Aufsätze, Abschlussarbeiten und alles zu lesen, was ich darüber finden kann. Irgendwann im Laufe dieses Prozesses taucht eine Figur auf, und unweigerlich beginnt sich um sie herum ein Ort herauszubilden. Dann entsteht eine Geschichte, ein Essay oder etwas ganz anderes.
Meistens weiß ich nicht, welchem Genre ein Werk angehören soll. Das entscheidet es selbst.
Aber es gibt Dinge, um die ich immer wieder kreise: Abwesenheit, Entwurzelung, Zugehörigkeit, Folklore und die Art und Weise, wie sich Geschichte ungefragt in den Körper einschreibt. Manchmal schreibe ich über einen Berg, einen Fluss, einen verstorbenen Vater, eine Frau oder eine vergessene Sprache, und irgendwie beginnen sie alle, von ein und derselben Sache zu erzählen.
Es gibt auch bestimmte Räume in meinem Kopf, die offenbar dauerhaft vermietet sind. Ich muss immer wieder zu ihnen zurückkehren. Die Erinnerung ist einer davon. Mich interessiert, was geschieht, wenn sich Erinnerung nicht mehr wie Erinnerung verhält – wenn die Vergangenheit in die Gegenwart eindringt, wenn Identität ins Wanken gerät oder wenn ein Mensch nicht mehr unterscheiden kann, ob er sich an etwas erinnert oder es sich nur ausdenkt. Meine Figuren leben oft irgendwo zwischen dem, was geschehen ist, dem, was hätte geschehen können, und dem, was sie sich wünschen, wäre geschehen.
Und dann gibt es noch die Kognitionswissenschaft, die Linguistik, die Geschichte, die Mythologie, die Mathematik, die Geologie, die Philosophie und alles andere, was meine Gedanken für eine Weile in Beschlag nimmt. Ich weiß eigentlich nicht, wo ein Thema endet und das nächste beginnt.
Deshalb glaube ich nicht, dass ich ein einziges thematisches Feld habe. Ich habe diese Räume, und ich kehre immer wieder zu ihnen zurück. Manchmal werden sie zu einer Geschichte. Manchmal zu einem Essay. Und manchmal weiß ich noch nicht, was aus ihnen wird.
Schreibst du auch über Geschlechterfragen und Menschenrechte?
Wir Menschen kennen politische Scham. Historische Scham. Und weil es Grenzen gibt, kennen wir auch nationale Scham. Wie könnte ich über all das nicht schreiben?
Wie könnte ich Tod und Hinrichtungen mitansehen, Menschen, die versuchen, etwas zu ertragen, das kein Mensch eigentlich ertragen können sollte, und dann einfach weitermachen?
All das dringt in mich ein und setzt sich dort fest.
Das ist auch der Grund, warum ich über Geschlechterfragen schreibe. Ich habe erlebt, wie Gewalt gegen Frauen zur Normalität wird. Wie einer Frau gesagt wird, sie müsse stark sein, vorsichtig sein, schweigen – und wie nach einer Gewalttat plötzlich die Frage im Raum steht, was sie selbst falsch gemacht hat. Darüber habe ich in The Rules of Being a Girl geschrieben.
Ich schreibe über die Toten, die Verschwundenen, über Erinnerung und das Bezeugen, weil ich nicht weiß, was ich sonst mit all dem anfangen soll, was ich weiß. Schon in The Living Archive habe ich mich gefragt, was es bedeutet, Zeugin zu sein. Kann ich mich wirklich als Zeugin bezeichnen, wenn ich nicht einmal genau sagen kann, wie viele Menschen gestorben sind? Ändert es etwas an dem, was geschehen ist, wenn ich sie nicht zählen kann?
In Sovereignty Over the Dead habe ich über den Körper nach dem Tod nachgedacht und über eine Macht, die selbst dann noch darüber bestimmen will, was mit ihm geschieht. Wer darf den Leichnam an sich nehmen? Wer darf ihn bestatten? Wem ist es erlaubt zu trauern?
Ich weiß nicht, wie ich diese Fragen vom Schreiben trennen sollte. Sie sind längst da. Sie finden Eingang in meine Arbeit, ob ich sie dazu einlade oder nicht.
Wie könnte ich also nicht über Menschenrechte schreiben?
Wie behandelt dein Land Künstler, Schriftsteller, Dichter und Menschenrechtsaktivisten?
Die Regierung?
Auch wenn du mich vielleicht für dumm hältst oder meine Worte für übertrieben – oder was auch immer du von mir denken magst –, werde ich dir eine ehrliche Antwort geben.
Hier leben wir in einem Zwangslager.
Ja, ich habe das Wort „Lager“ verwendet. Dasselbe Wort, das andere im Zusammenhang mit dem Iran vermeiden und stattdessen nach Statistiken, Zahlen und Dokumenten suchen.
Statistiken, Zahlen und Dokumente sind in diesem Land eine Parodie auf jene Strukturen, mit denen Regierungen ihre Dokumentation betreiben.
Hier ist es weder uns noch jenen Intellektuellen außerhalb Irans gelungen, selbst nach all diesen Jahren zu einem zutreffenden Verständnis davon zu gelangen, was die Islamische Republik eigentlich ist.
Wie gehen wir damit um? Ich weiß es nicht.
Manche Menschen unterwerfen sich der Islamischen Republik und werden zu ihren mephistophelischen Soldaten. Manche veröffentlichen mit Genehmigung, treten mit Genehmigung auf, lassen ihre Filme in den Kinos zeigen und glauben, dies sei der einzige Weg, der Islamischen Republik die Stirn zu bieten. Manche sitzen im Gefängnis. Andere arbeiten unabhängig und im Untergrund.
Die Möglichkeit zu arbeiten? Ich zweifle noch immer daran, dass es sie überhaupt gibt.
Ist es wirklich möglich, innerhalb der spinnenartigen Strukturen der Islamischen Republik zu arbeiten, die noch immer nicht zu einem modernen Staat und einer modernen Nation geworden ist?
Und ich versichere dir: Das ist kein religiöser Despotismus.
Es ist eine Form des Despotismus, über die wir mit unseren herkömmlichen Deutungsmustern einfach hinweggehen. Wir leben in einem postmodernen Despotismus, in dem alle Fragen und Antworten ihre Identität verloren haben.
Wenn wir Glück haben, sitzen wir nicht im Gefängnis.
Alles ist möglich.
Vielleicht liegt die beste Antwort in einem Gespräch, das ich mit einer Freundin nach dem Besuch einer Aufführung im Untergrund führte:
„Mädchen, wenn sie morgen oder sogar noch heute Nacht das Haus stürmen und uns verhaften, wissen wir nicht einmal mehr, was wir eigentlich verbrochen haben. Ich kann meine Verbrechen schon gar nicht mehr zählen …“
An welchen Festivals hast du teilgenommen, und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?
Bisher war ich eigentlich noch auf keinem Literaturfestival. Meine Erfahrungen mit Festivals stammen vor allem aus dem Kurzfilmbereich, wo ich in der Produktionsgestaltung, im Szenenbild, im Kostümbild und im Art Department gearbeitet habe.
Ich habe an Filmen wie Ramy, Between Us, Childless Land und Bye Bye Garbage mitgewirkt, die in die Programme verschiedener internationaler Filmfestivals aufgenommen wurden. Ramy wurde zudem mehrfach ausgezeichnet. Für meine Arbeit an diesem Film erhielt ich beim FICIMAD 2026 den Preis für das beste Kostümdesign.
Bislang habe ich Festivals also hauptsächlich durch meine Arbeit beim Film kennengelernt. Was die Literatur betrifft, erschließe ich mir diese Welt erst allmählich – durch Veröffentlichungen, Anthologien und Literaturzeitschriften.
Wie hat sich der jüngste Krieg auf dein Schreiben und deine künstlerische Arbeit ausgewirkt?
Zunächst einmal komme ich nicht aus dem Persischen Golf. Ich lebe in Teheran.
Aber auch in Teheran haben wir den Krieg erlebt. Mein Zuhause liegt ganz in der Nähe des Gebäudekomplexes des Obersten Führers, und den Tag, an dem er bombardiert wurde, werde ich nie vergessen. Diese Luft, diesen Himmel.
Dieser Tag war der freieste und glücklichste Tag meines Lebens.
Aber weißt du, was danach geschieht? Der Tod unschuldiger Menschen holt einen ein. Und plötzlich bleibt man allein mit der Geschichte zurück.
Von hier aus darüber zu schreiben, fällt mir schwer. Wahrscheinlich könnte ich einen ganzen Essay schreiben, um diese Frage zu beantworten. Doch im Moment ist das, was dieser Krieg ausgelöst hat, zu befremdlich, zu gewaltig und zu schwerwiegend, als dass ich ohne Weiteres darüber schreiben könnte.
Alles ist kompliziert geworden. Selbst die Fähigkeit, etwas zu begehren, ist verschwunden. Und wie soll ein Mensch in einem solchen Moment mit seinem Beruf umgehen?
Diese Frage habe ich selbst formuliert, und ich bräuchte noch immer einen ganzen Essay, um sie zu beantworten.
Also lass mich diese Frage lieber nicht beantworten. Offenbar bin ich noch nicht in der Lage, mich selbst darüber zu interviewen.
Wo wurden deine Geschichten und andere Texte veröffentlicht?
Zu meinen veröffentlichten Werken gehören A Body That Became the Rain in der Anthologie Writing Climate Resilience und The Sound Money Makes im iExile Magazine. Außerdem habe ich Werke über IHRAM Publishes veröffentlicht.
Ich schreibe auch auf Persisch. Einige meiner Texte wurden in unabhängigen und Underground-Publikationen veröffentlicht, manchmal sogar unter einem anderen Namen. Außerdem veröffentliche ich meine persischen Texte in den sozialen Medien.
Einige meiner anderen Arbeiten wurden angenommen und warten noch auf ihre Veröffentlichung, darunter The Metamorphosis of a Miniature für das IHRAM Literary Magazine.
Hast du literarische oder künstlerische Preise erhalten oder auf andere Weise Anerkennung gefunden?
Anerkennung habe ich für meine künstlerische Arbeit bislang vor allem im Filmbereich erfahren. Für meine Arbeit an Ramy wurde ich beim FICIMAD 2026 mit dem Preis für das beste Kostümdesign ausgezeichnet. Der Film wurde zudem für mehrere internationale Filmfestivals ausgewählt und erhielt weitere Auszeichnungen.
Meine literarische Arbeit ist noch relativ jung, deshalb habe ich bislang keinen Literaturpreis erhalten. Anerkennung erfahre ich hier vor allem durch Veröffentlichungen, die Aufnahme meiner Texte in Anthologien und ihre Präsentation auf literarischen Plattformen.
Was isst und trinkst du am liebsten? Und welche Rolle spielt das Essen in deiner kulturellen Erinnerung?
Ich weiß nicht, ob ich ein Lieblingsessen habe. Ich erinnere mich an Essen über die Orte.
Ich erinnere mich daran, wie ich auf Baustellen saß, als ich als Handwerksmeisterin arbeitete, Omelett mit Brot aß und Tee trank. Manchmal schmeckte der Tee nach Zement. Das meine ich nicht metaphorisch. Ich hatte den ganzen Tag mit Zement gearbeitet, und offenbar hatte sogar mein Tee beschlossen, mitzumachen.
Vielleicht ist das für mich Essen. Kein Rezept, sondern ein Ort.
Ich bin mit persischem Essen aufgewachsen und esse es noch immer in Teheran. Aber Kultur ist für mich nicht nur das, was auf dem Tisch steht. Sie ist auch das, was sich darum herum abspielt: der Dialekt, den die Menschen sprechen, die Art, wie sie beisammensitzen, die Geschichten, die sie erzählen, und die Rituale, die sie immer wieder vollziehen, selbst wenn sie längst vergessen haben, warum.
Vor einigen Jahren unternahm ich mit meinem Bruder eine heimliche Reise in die schneebedeckten Berge Nordirans, um die Barf-Chal-Zeremonie mitzuerleben, ein altes lokales Ritual, bei dem Schnee für die wärmeren Monate eingelagert wird. Dutzende Menschen gruben sich durch die angesammelten Schneemassen, und für einen Moment wurde es vollkommen still. Ich erinnere mich, wie ich die Menschen beobachtete, die gegen diese gewaltige Last aus Schnee und Gebirge anarbeiteten, und plötzlich das Gefühl hatte, die Zeit sei stehen geblieben.
Ich glaube, das war einer jener Momente, in denen ich begriff, dass Kultur weniger etwas ist, das wir als Idee erben, sondern vielmehr etwas, das wir mit unserem Körper tun. Wir tragen sie in unseren Körpern, in unserem Essen, unseren Dialekten, unseren Ritualen und manchmal auch in den seltsamen Dingen, die wir weiterhin gemeinsam tun.
Wenn es etwas Beständiges in meinem Leben gibt, dann ist es wohl der Tee. Wir trinken ihn, während wir arbeiten, reden, warten, trauern, uns erinnern oder einfach nur dasitzen. Manchmal glaube ich, dass wir Tee nicht trinken, weil wir Lust auf Tee haben. Wir trinken ihn, weil wir einen Vorwand brauchen, um noch ein wenig länger an einem Ort zu verweilen.
Und ja, ich esse in Teheran noch immer persisches Essen, genau wie früher. Offenbar ist mein Appetit erstaunlich beständig geblieben, auch wenn alles andere in meinem Leben kompliziert geworden ist.
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