Wenn der Krieg vorbei ist, baue ich dir ein größeres Bett

Navigation

Wenn der Krieg vorbei ist, baue ich dir ein größeres Bett

Eine Kurzgeschichte aus dem Irak
Foto Duna Ghali
Bildunterschrift
Duna Ghali

Duna Ghali ist eine irakische Schriftstellerin, Übersetzerin und Dichterin, die 1963 in Basra geboren wurde. Nach ihrem Abschluss an der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität Basra verließ sie den Irak infolge des Golfkriegs und ließ sich 1992 in Kopenhagen nieder. Sie war im Bereich Literaturübersetzung tätig, unter anderem an der Königlichen Bibliothek von Dänemark.
Sie ist Autorin mehrerer Romane, darunter Al-Nuqta al-Ab‘ad (2000), Indama Tastayqiz al-Ra’iha, Manazil al-Wahsha, Batnuha al-Ma’wa und Janub, sowie vonGedichtbänden. Zudem hat sie auf Dänisch einen Roman, Gedichte und Prosatexte sowie literarische Übersetzungen veröffentlicht.
Sie ist Mitglied des Dänischen Schriftstellerverbandes, des Dänischen Übersetzerverbandes und von PEN und veröffentlicht sowohl auf Arabisch als auch auf Dänisch.

Professor Yassine empfing niemals einen Gast, ohne sich bis ins Letzte darauf vorzubereiten. Eleganz und makellose Erscheinung zählten zu seinen konstitutiven Eigenschaften; in diesem Punkt kannte er keine Nachsicht. Ganz im Einklang mit der Strenge, die er seiner Arbeit auferlegte, erschien er stets geschniegelt, sorgfältig rasiert. War er mit seinem Äußeren nicht zufrieden, so musste der Besucher warten, bis er sich die erforderliche Zeit genommen hatte, um sich ganz nach seinem Maßstab zu vollenden.

Doch der Professor besaß noch andere Facetten. Er liebte Vögel, die er sich von Natur aus melancholisch dachte. In seinem Käfig lebten gewöhnlich ein Männchen und ein Weibchen – niemals zwei Männchen, niemals zwei Weibchen, niemals drei Tiere gemischten Geschlechts. Es gab jedoch Ausnahmen: Einmal tötete das Weibchen das Männchen mit Schnabelhieben und Kratzern, bis es verendete, um sich fortan allein um ihr Junges zu kümmern, dem sie in tiefer Bindung zugetan war. Zwei Tage zuvor war der Käfig, den er eigenhändig gezimmert hatte, nicht sorgfältig genug verschlossen gewesen: Das Junge war entflogen. Das Weibchen war darüber zutiefst erschüttert, und angesichts der unaufhörlichen Bombardierungen blieb dem Professor keine Zeit, eine Ausreisegenehmigung zu erwirken, um ein neues Männchen zu beschaffen: Sie starb.

„Sind Weibchen von ihren Jungen denn so sehr in Ketten gelegt?“,
sagte er in scherzendem Ton zu seiner Geliebten, während er den Käfig säuberte.

Ihre Reaktion traf ihn. Sie schob den Käfig beiseite, als wolle sie ihn für immer aus ihrem Blick verbannen, und sagte mit unverhohlenem Ekel:
„Ich will ihn nicht mehr. Er ist nichts als eine Quelle des Misstrauens und des Schmutzes.“

Der Professor setzte das Gespräch fort, eine Säge in der Hand, auf dem Dachboden der Familie, der sich im Ausbau befand. Niemand wusste davon, außer seinen Zwillingssöhnen und seiner Geliebten.

– Übrigens war Jesus kein Zimmermann, wie man sagt, sondern ein Weber von Zeltplanen.
– Und du vereinst beides.
– Ein befestigtes, sorgfältig geplantes Versteck.
– Wäre es nicht besser gewesen, Vater, Särge zu bauen?

Ein Lachen hebt an, wächst – und bricht jäh ab. Er beobachtet sie, wie sie ihr Lächeln zurückhält. Wie kann diese Mutter so sehr vor Glück leuchten? Neben den Zwillingen funkelt sie wie ein Planet. Und der Liebhaber, in seinem Zustand, erkennt in ihr den größten aller Planeten auf Erden. Sein Glück ist vollkommen, geboren aus dem ihren.

Was für eine Quelle. Welche ungeheure Energie, welche Wonne es ist, die Wäsche aufzuhängen, die Laken mit Eifer auszuschütteln und sie anschließend mit zärtlicher Sorgfalt zu glätten.

Jeden Morgen betrachtet er seinen alternden Körper: wie er sich in beinahe federnder Bewegung aufrichtet, um sich seiner eigenen Gegenwart zu vergewissern. In den Winkeln des Hauses: ein tropfender Wasserhahn, ein Feuchtigkeitsfleck, der nach einem neuen Anstrich verlangt, ein Loch im Reifen seines Fahrrads. Am Ende des Tages ist alles instand gesetzt; für ein Lächeln, das in ihm Sträuße weißer Rosen aufgehäuft hat. Es kümmert ihn nicht, ein schwieriger Mann zu sein, den andere meiden; mit der Zeit weiß er nicht mehr, welchen Wert er den immergleichen Urteilen beimessen soll. Doch wenn sich die Züge ihres Gesichts entspannen, werden Staub und Angst, die sie umschließen, weichen – oder zumindest aufgeschoben.

Auch das Schild an der Tür.

– Was ist damit?
– Man muss es wieder aufrichten.

Er löst die vier Schrauben an den Ecken der Holztafel, auf der ein schmales Kupferblech befestigt ist, das er eigenhändig graviert hat:

„Haus des Lehrers Yassine, des Tischlers“

Es gibt nichts, wofür sich nicht eine Lösung finden ließe. Und doch hatte er sich am Abend zuvor am Rand eines Abgrunds wiedergefunden. Sein Körper altert; er musste sich zusammennehmen, um nicht dem Wahnsinn anheimzufallen. Seine Seele stand kurz vor dem Zerbrechen. Er begriff nicht, was in ihm vorging, als sie ihn bat, sich im Schlaf von ihr zu trennen, allein zu liegen, in einem Bett abseits. Nicht sein eigener Körper, sondern ihr Gesicht in seiner Befriedigung sendete ihm die Zeichen von Existenz. Trotz ihrer gewohnten Zurückhaltung erweckte sie ihn jedes Mal, wenn er innerlich starb, aufs Neue zum Leben.

Sie wären das glücklichste Liebespaar gewesen – wäre da nicht sie selbst gewesen. Noch einmal lässt er in Gedanken die überwältigende Weise Revue passieren, in der sie sich ihm hingab, um jedes Mal neu geboren zu werden:
„Ich gehöre ganz dir … oder nimm, was du willst … oder bist du nun etwa gesättigt?“

Er selbst wird zu jener Lust, die er in sie hineingibt. Erfüllung findet er nur in ihrer Nähe, in ihr. Doch selbst Engel stellen Bedingungen. Sie hat ihn für ein Vergehen bestraft, das er nicht begangen hat, ohne dass er sich hätte verteidigen können. Keiner seiner Kollegen, keiner seiner Schüler, niemand aus der Nachbarschaft oder aus der Welt kann sich das flüssige, blutende Herz unter diesem sorgfältig gebügelten Hemd vorstellen. Sie ist es, deren Sorge alle anderen übertrifft. Und nun ist das Versteck vollendet. Er sagt sich:

„Es fehlt nur noch das Schloss, das ich unten kaufen muss.“

Es spielt keine Rolle, wenn die Tür ein wenig quietscht – das liegt an den alten Scharnieren. Holz ist knapp, und das, was er gesammelt hat, ist uneinheitlich: ein Teil feucht und von Schimmel angegriffen, ein anderer hart und trocken. Vor jedem Aufbruch muss er tausend Dinge bedenken: Stromausfall, Gasmangel, ein Klopfen an der Tür. Er zeigt ihr, wie sich der Widerstand der verborgenen Tür überwinden lässt: Man muss sie leicht anheben. Doch fügt er hastig hinzu, er ziehe es vor, dass sie es nicht tue, solange sie allein sei. Äußerst schwierige Zeiten sind das. Und diesmal, gesteht er sich insgeheim mit Bedauern, hat er – bei einem Werk, das für sie doch vollendet sein sollte – ein Auge zugedrückt.

Er setzt sich auf das Bett, um seine Schuhe anzuziehen. Seine Wirbel sind steif geworden, sein Bauch schwer, er behindert ihn in seinen Bewegungen. Mit der Hand wischt er sich über die verschwitzte Glatze und schließt sorgfältig die Tür hinter sich. Auf die Straße zu treten ist zu einem Abenteuer geworden. Kaum überschreitet er die Schwelle, trifft ihn das Draußen wie eine Ohrfeige. Sie schien verärgert darüber, dass er ein Schloss besorgen wollte. Sie hat nicht einmal ihren Kragen gerichtet. Nun begnügt sie sich damit, seine Worte und Handlungen mit einem knappen Nicken zu quittieren. Er vermisst die Zeit, in der er noch ihre Hand küssen durfte.

Eine Demonstration zur Unterstützung des Präsidenten überrascht ihn unvermittelt. Er hätte nicht sagen können, woher sie kam. Mühsam versucht er, auf den Beinen zu bleiben, sich nicht von der Wucht der Menge fortreißen zu lassen. Im Tumult der Parolen gelingt es ihm nicht, die Identität dieser kompakten Masse zu erfassen. Als sich die Ströme kreuzen und in die Seitengassen ergießen, wird er angehalten, und Angst ergreift ihn. Er hat kein Geld für eine Spende und muss mitgehen. Er fügt sich in das Gedränge, streicht sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

In der drückenden Hitze hätte er sie gern an einen anderen Ort gebracht, an einen anonymen, abgeschiedenen Ort. Niemand versteht sein Brennen. Die Liebe ist ihm genommen worden, und so ist er dazu gekommen, auf dem Boden zu schlafen. Der erste Aufschwung seiner Leidenschaft hätte andauern können. Es ist schwer, sich diesem Sog der Masse zu entziehen, diesem seit Jahrzehnten aus den Fugen geratenen Apparat. Er vermeidet es, jemanden anzustoßen. Nichts zählt für ihn außer der Ruhe. Die anderen mögen glauben, dass hinter diesen Zügen nichts mehr ist, dass dieser Körper jede Kraft verloren hat. Er stolpert. Könnte die Erde sprechen, sie würde fluchen. Selbst die Löcher, denen er begegnet, bleiben gierig, wie offene Münder, bereit, Menschen und Abfall zu verschlingen, ohne je satt zu werden.

Mit staubbedecktem Gesicht lauscht er, am Boden liegend, ihrem Atem – ruhig, versunken in tiefen Schlaf. Ein Stöhnen steigt in ihm auf. Die Demonstration ist von anderen Gruppen unterwandert worden, es kommt zu Zusammenstößen. Hubschrauber kreisen über ihm; einige fliegen so tief, dass sie Staubwirbel aufreißen.

Wie konnte die Erde so verwüstet werden, ohne dass sich jemand dagegen aufgelehnt hat?
Warum wird am Ende doch alles hingenommen, einfach alles?

Hätten sie es gewollt, hätten sie den Stein zu Staub zermahlen. Und er hätte für sie dieses Stück fruchtbaren Bodens in einen Garten verwandelt, hätte gepflanzt, wovon sie träumte: Obstbäume, Blumen, dichtes Gras. Ein junger Mann zieht ihn unter den Füßen der Menge hervor, einige seiner Schüler erkennen ihn, sodass er die Absperrung passieren kann. Während sich ihr Kopf jede Nacht wieder auf seinen Arm legt, versucht er, die Parolen auf den hochgehaltenen Plakaten zu entziffern.

Die Passanten, die ihm begegnen, mustern ihn mit Misstrauen. Professor Yassine ist früh gealtert. Man hat seine Frau gesehen, ganz in Schwarz. Die trauernde Mutter hat ihre Arbeit aufgegeben; auch sie ist gealtert. Ihre wachsende Härte führen sie auf den Märtyrertod  ihrer beiden Söhne zurück.

Und wenn ihn die Wut überkommt, schleicht er hinaus, sammelt Schrott und Bretter aus Gassen und Trümmern. Sie sagt zu ihm:
„Das ist unüberlegt, unverantwortlich angesichts dessen, was geschieht.“

Er schreit sie an, um das Pfeifen der Schläge zu übertönen, damit sie es nicht hört. In sein Wollgewand gehüllt, das mit einer geflochtenen Seidenschnur um seinen hervortretenden Bauch gebunden ist, bleibt er lange neben ihr stehen, während sie mit gesenktem Kopf auf dem Bett sitzt. Ihre Hände stützen ihr zum Boden geneigtes Gesicht. Sie wendet sich nicht zu ihm um. Er wartet darauf, dass die Migräne sie übermannt, damit sie ihn um Hilfe bittet. Er überlegt, wie er sie zurückgewinnen, wie er die Dinge in der Schwebe halten kann. Denn seit seiner Kindheit hat sich fast alles erfüllt, was er sich mit ganzer Intensität gewünscht hat.

Nachts stellt er sich vor, wie er sanft über ihre Stirn streicht, über die beiden Punkte zwischen ihren schwarzen Augenbrauen, während sie sich ihm vollkommen hingibt. Seit bekannt wurde, dass die Zwillinge im Kampf gefallen sind, betet sie immer länger, fleht immer eindringlicher – nur, um ihn auf Abstand zu halten, davon ist er überzeugt. In ihren Augen ist er unsichtbar geworden. Sie hat keine Lust mehr auf die Gerichte, die er zubereitet. Ihr Blick folgt festen Bahnen: von der Tür zum Dachboden, jedes Mal, wenn ein Geräusch erklingt. Er hat Schlösser in verschiedenen Größen gekauft, ohne sie beruhigen zu können. Sie vertraut ihm nicht mehr wie früher. Sie zweifelt an seinen Lösungen. Tag für Tag hat er Holz zusammengetragen, aus Angst, Verdacht zu erregen. Er bringt es an sein Fahrrad gebunden mit und geht den Rest des Weges zu Fuß.

Die Zwillinge, die untergetaucht waren, fanden das für sie errichtete Versteck vollendet vor. Sie beruhigen sie. Der Vater sagte:
– Niemand kann dieses Geheimnis lüften.

Die Zwillinge stimmen ihm zu, während sie ihre Betten prüfen.

Das ist kaum verwunderlich: Die Tischlerei war in seiner Familie kein beiläufiges Handwerk, sondern ein wirklicher Beruf. Sie kennen die Holzarten, die Geheimnisse der Stämme, die Beizen und die Leime. Mit ihren eigenen Händen fertigen sie die wesentlichen Möbelstücke ihrer Häuser, die Generationen überdauern: Betten auf der Terrasse, Küchenschränke, Regale für Bücher und Gerätschaften. Er erinnert sich daran, wie er das erste Stück, das er für sie gefertigt hatte, mit einem Tuch bedeckte. Sie hatte ihn mit diesem Leuchten in den Augen belohnt, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben. Seit diesem Augenblick konnte nichts mehr einfach weggeworfen werden.

In seinen Händen werden Konservendosen zu eleganten Sparbüchsen, abgetragene Kleidungsstücke zu einem leuchtenden Teppich, den er genäht hat, damit sie sich in den heißen Stunden des Sommers darauf ausstrecken kann. Aus dem harten Holz eines gefällten Baumes, der einst den Zaun zwischen zwei Terrassen durchbrochen hatte, schnitzte er ihr einen glatten, polierten Messergriff.

All diese geliebten Erinnerungen! Wenn sie sich gemeinsam auf diesem Bett ausstrecken, verlieren sie jede Bedeutung angesichts der Wärme eines Winternachmittags, die ihr Begehren entfacht. Eine Krankheit hat ihn befallen, von der er genesen muss; doch, entflammt durch die Berührung ihres Oberschenkels, sagt er:

– Liebe ist gewiss keine Krankheit … doch sie selbst kann krank werden, wenn du sie in ihrer Glut und ihrem Hunger allein lässt.

Sie begann, sich Dinge einzubilden, die sie dazu trieben, ihn von sich zu stoßen: das graue Haar, das er inzwischen hatte, die geschwollenen, bläulichen Lider, und die Zwillinge noch nicht geboren,  in ihrem Bauch. Das alles während er den Duft der Bitterorange aus der Leere wahrnimmt, die sie im Bett hinterlassen hat.

In ihm trauert etwas Grünes um seine Niederlage, während er altert.

Als das verschlossene Lagerhaus gestürmt wurde, fanden sie gleich am Eingang eine verborgene Wand, an der Tischlerwerkzeuge hätten aufgehängt sein sollen. Darunter befanden sich sorgfältig geordnete Regale, gefüllt mit leeren Glas- und Metallbehältern, gewaschen, glänzend und nach Größe sortiert. Vielleicht war es ja der Verkäufer des Schlosses gewesen, gesetzlich verpflichtet, die Namen aller Käufer zu registrieren. Dieser Gedanke schoss ihm jedenfalls sofort durch den Kopf, als sie die Tür aufbrachen.

Das Geheimnis der Denunziation wird immer unergründlich bleiben. Er hätte in diesem Moment einfach schneller sein müssen – fähig, sie in die Arme zu schließen, bevor sie fiel.

Ein schrilles Pfeifen bohrt sich in sein Ohr. Hat er sich, tief in seinem Innersten, tatsächlich gewünscht, dass es so enden würde?

+++

Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen! 
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!


Deutsche Bearbeitung nach der französischen Übersetzung aus dem Arabischen von Rita Barotta.